Mittwoch, 19. Mai 2021

Eurovision 2021: Zusammenfassung des 1. Halbfinals


Niederlande
- Der Eurovision Song Contest 2021 hat begonnen und er hat seine ersten Etappensieger und seine ersten Verlierer gefunden. Im gestrigen Halbfinale von Rotterdam fiel zunächst das ungewohnte Bild auf, dass tatsächlich 3.500 Zuschauer im Rahmen einer wissenschaftlich und medizinisch begleiteten Studie im Ahoy Platz auf den Rängen fanden, die ohne Abstand, ohne Maske und ohne Probleme ein Gefühl von Normalität versprühten. Ihr Applaus wurde zwar per App in der Lautstärke nach oben reguliert, aber immerhin gab es einen Hauch der Crowd, die man in anderen Jahrgängen erlebt hat.

Und es lief doch auch hervorragend, gleich zum Auftakt der Show setzte die litauische Gruppe The Roop eine Marke. In quietschgelber Montur performten sie ihre "Discoteque", mit bester Choreographie und einfach fröhlicher Grundstimmung. Völlig zurecht ist Litauen am Samstag mit dabei, wenngleich ich befürchte, dass es doch nicht unbedingt für die Plätze ganz vorne reichen wird. Mit dem Pech der Startnummer zwei blieb hingegen Ana Soklič auf der Strecke. Der Auftritt lebte nur von ihr, sie hat unglaublich toll gesungen, aber sie hat eben auch ein langsames, fast unscheinbares Lied gesungen, dass den Finaleinzug unmöglich machte. Trotzdem hat sie gut abgeliefert, im Rahmen dessen was der Song hergibt.

Manizha aus Russland ist dafür in die Endrunde eingezogen, alles andere hätte mich auch gewundert. Sie hat Spaß auf der Bühne, vermittelt auch Nicht-Russischsprechenden den Eindruck, dass sie irgendetwas anprangert und eine Botschaft in ihrem schrägen Song steckt. Das fahrbare Trachtenkleid ist ein genialer Einfall der russischen Choreographen, der Rest der Nummer auf den Punkt gegart und spätestens als der Chor russischer Frauen auf dem Backdrop auftauchte und Manizha sich ihnen gegenüber demütig verbeugte, war klar, dass die Russen hier einen Maßstab in ihrer eigenen Produktklasse gesetzt haben. Auch bei der PK im Anschluss war Manizha fröhlich und aufgeweckt, eine tolle Persönlichkeit.

Vor dem Halbfinale wurden erste Stimmen laut, es könnte bei all den pompösen Darbietungen in diesem Halbfinale eng für Schwedens Sänger Tusse werden. Diese Stimmen hat er Lügen gestraft und sich recht souverän durch seinen Titel "Voices" manöviert. Wie schon beim Melodifestivalen war da gesanglich nicht alles perfekt, aber manchmal lebt eine Darbietung eben auch davon, dass nicht alles abgerundet ist. Tusse hat auf jeden Fall die schwedische Bilanz aufrecht gehalten und somit bleibt Anna Bergendahl zumindest bis ins nächste Jahr die einzige Schwedin, der das Finale verwehrt blieb. Danach gab es dann gleich drei Opfer in Folge zu beklagen.

Zunächst war Australien mit Montaigne an der Reihe. Sie war als einzige Kandidatin nicht in der Lage selbst in Rotterdam dabei zu sein, sodass man auf die Backup-Performance aus einem australischen Studio zurückgreifen musste. Durch die sehr dunklen Visuals und das blaue Licht zum Anfang bekam man eher das Gefühl, man wäre in einem Musikvideo gelandet, später kamen dann noch die Technicolor-Animationen dazu, die aussahen wie Musikvideos der 80er Jahre. Insgesamt muss man sagen, dass SBS im Rahmen seiner Möglichkeiten eine gute Produktion auf die Beine gestellt hat und man kann Montaigne keinen Strick daraus drehen, an ihr lag es schließlich nicht, dass sie nicht in Rotterdam dabei war. Ich denke auf der Bühne hätte sie mehr Stimmung verbreitet als in diesem Video.

Australien gibt damit seinen bisherigen Rekord ab und macht die Ukraine zur einzigen Nation, die es seit Einführung der Halbfinals bei jeder Teilnahme geschafft hat, sich zu qualifizieren. Ebenfalls nicht am Samstag dabei ist erwartungsgemäß Nordmazedonien mit Sänger Vasil Garvanliev. Man muss schon sehr auf selbstbeweihräuchernden Operngesang stehen, um das toll zu finden. Die dottereske Lasershow, die aus seiner Brust hervorbrach, die Stimmakrobatik und das doch sehr seichte Lied waren zu viel für Europa, Nordmazedonien ist, wie auch die übrigen Nationen des ehemaligen Jugoslawien in diesem Halbfinale ausgeschieden. Das schließt auch Albina mit ein, über deren Ausscheiden sich im Anschluss viele empört bei Facebook und Co. äußerten.

Es war aber vermutlich dieser eine Beitrag, der zu viel war. Wir haben einige Performances mit schöner Frau und vier Tänzern erlebt, die alle weiter kamen. Sei es Elena Tsagkrinou, die für meinen Geschmack ein bisschen out of tune gesungen hat und bei der nicht alles ganz so perfekt aussah, wie es der Diablo hätte sein sollen oder auch Eden Alene aus Israel, die tatsächlich kräftig Stimmung verbreitet hat. Zudem hat sie ihr Versprechen eingelöst und die hohe Note (man munkelt es sei die höchste Note aller Zeiten bei der Eurovision) gekonnt intoniert. Dafür gab es den Finaleinzug, genauso wie für die leicht hölzerne "Mata Hari"-Performance von Aserbaidschan. Wie Alina Stiegler aber schon richtig anmerkte, Aserbaidschan ist wie ein Bausparvertrag, meist eine sichere Nummer.

Norwegen hat es ebenfalls ins Finale geschafft. War ich doch etwas skeptisch, ob Tix mit seiner doch eher flachen Melodie etwas reißen kann, der Dämonenflug und die Background-Geschichte müssen Europa aber wohl doch abgeholt haben. Einen sensiblen Moment gab es, als Tix kurz zu Andreas Haukeland wurde und einen kurzen Einblick hinter die Sonnenbrille und damit seine schützende Kunstfigur bot. Ich weiß nicht, ob ich da zu viel Kunstanalyse betreibe, aber wenn man die gesamte Geschichte hinter Tix in die Performance interpretiert, kann man schon Gänsehaut bekommen. Oder man findet es weiterhin grotesk, auf jeden Fall ist Norwegen im Finale dabei und das meines Erachtens nicht ganz zu unrecht, da muss ich meine Meinung revidieren.

Noch mehr Ausdruck und bedeutungsschwangere Choreographie lieferte die rumänische Sängerin Roxen, die aber schon so viel Bedeutung in ihrer Tanzeinlage hatte, dass man überfordert war, dem zu folgen. Ihre Dämonen, die wie sie zu Anfang im Bodennebel versanken und der besungene Mangel an Selbstliebe waren zu sperrig für das Halbfinale. Zudem hatte sie gesanglich nicht ihren besten Tag erwischt, sodass einer der im Vorfeld sehr gehypten Beiträge nunmehr im Halbfinale verbleibt. Rumänien hat es somit zum dritten Mal in Folge nicht ins Finale geschafft, dabei war das Land bis 2017 durchaus ein Powerhorse. 

Für mich mindestens genauso überraschend war das Weiterkommen von Hooverphonic aus Belgien. Seit Jahren schickt Belgien leicht düstere Musik zum Song Contest, nun hat es mal wieder funktioniert. Ich gehe davon aus, dass die Band in einigen Ländern durchaus Jünger hat, die seit Jahren ihre Musik verfolgen und auch der Gesang von Geike erzeugte die nötige Stimmung, die das Lied braucht, aber trotz allem bin ich überrascht, dass man damit vor Kroatien oder Rumänien landete. Für Belgien als Nation freut es mich natürlich, dass sie mal wieder im Finale mitspielen, dass sie dort aber nochmals überraschen wage ich zu bezweifeln.

Wie ich gestern Abend schon schrieb, spielte Destiny aus Malta gesanglich in einer eigenen Liga. Ich bin immer noch beeindruckt von ihrer Stimme und der Kraft, die sie in "Je me casse" gesteckt hat. Gott sei Dank hat sie sich nun auch noch für silberne Stiefel entschieden, aber im Ernst, wer hat bei dieser Show auf die Schuhe geachtet... Malta könnte die momentanen Sieganwärter aus Frankreich und Italien am Samstagabend ärgern und gefährlich werden. Destiny bringt alles mit, was eine Eurovisionsgewinnerin braucht, sie hat diesen einen "epic moment", den Sieger benötigen und ich denke, dass Malta sich berechtigte Hoffnungen auf einen Sieg machen kann, dass das Team dazu in der Lage ist, hat man meiner Meinung nach gestern gezeigt.

Nachdem Belgien als Neuntes für das Finale aufgerufen wurde, hatte ich meine Hoffnungen auf einen irischen Finaleinzug schon begraben. Ja, ich gebe zu, Lesley Roy ist nicht die beste Sängerin auf Erden, aber sie hatte die originellste Bühnenshow, das muss man den Iren lassen. Die Liebe zum Detail, die in jedem Papierschnipsel steckte und die manuell ohne computergenerierte Technik auskam, muss man neidlos anerkennen. Besonders charmant war auch, dass man ehe Lesley auf die B-Stage ging, die Auflösung sah, wie dieser Lauf durch die Kulissen funktionierte. Die Iren haben sich Mühe gegeben und haben auch meine Sympathiestimmen erhalten. Leider hat es nicht gereicht, ich denke aber, Lesley als eingefleischter Eurovisionsfan wird die Zeit und die Performance trotz allem genossen haben.

Der letzte Finalplatz ging, wenig erstaunlich, an die Ukraine. Go_A-Sängerin Kateryna und ihre Waldgeister lösten diverse Impulse in meinem Gehirn aus, die weiße Stimme passt zu diesem Genre, die Kulisse war zauberhaft, aber auch ein bisschen beklemmend. Der einzige Weird-Moment war, als die Tänzer in ihren Strahlenschutzanzügen in zwei Säcken mit Erbsen(?) herumwühlten. Bis zum Finale finde ich auch noch heraus, was das sein sollte. Ansonsten hat die Ukraine zu Recht ihren Finalplatz erhalten, wären sie nicht zum Schluss benannt worden, hätte ich mich aber auch stark gewundert. So hat Rotterdam seine ersten zehn Finalisten ermittelt.

Während der Stimmauszählung wurden die drei Finalisten Måneskin, Jendrik und Jeangu Macrooy vorgestellt mit dem Verweis, dass man die "Full performance" auf Eurovision.tv bzw. Youtube sehen kann. Auch Supervisor Martin Österdahl hatte seinen ersten Auftritt im TV-Bild, als er ein gültiges Ergebnis verkündete. Das Quartett an Moderatoren hat einen guten Eindruck hinterlassen, nicht zu überdreht aber auch nicht einschläfernd. Insbesondere die kleine Edsilia neben der 1,5 Köpfe größeren Nikki war ein Bild für die Götter... und so freuen wir uns auf das zweite Halbfinale am Donnerstag, in dem wir sicher auch wieder Überraschungen erleben werden.

Die Moderatoren des Abends | Sang zum Auftakt: Duncan Laurence

Ins Finale getanzt: Litauen | Große Stimme, aber kein Weiterkommen für Slowenien

Die zweite Seiten von Manizha aus Russland

Kann sich auf die Schulter klopfen: Tusse | Für einige überraschend: Albina ist raus

Aus Australien zugeschaltet: Montaigne mit "Technicolour"

Für beide hat's nicht gereicht: Vasil aus Nordmazedonien und Lesley aus Irland

Es brennt auch im Finale: Elena Tsagkrinou | Ebenfalls qualifiziert: Hooverphonic

Die Nägel, die Stimme - toll: Eden Alene | Etwas untergegangen aber weiter: Efendi

Vor Symbolik triefende Performance von Roxen, im Halbfinale steckengeblieben

Sie wollen es und sie haben es geschafft: Go_A und Destiny Chukunyere

Auch Jendrik durfte sich kurz zeigen | Jubel bei der russischen Delegation

Aserbaidschan ist weiterhin dabei | Auch Israel jubelt über's Weiterkommen

Souverän im Finale: Malta | Als letzte bekannt gegeben: die Ukraine

Geike aus Belgien bei der Pressekonferenz | Eröffnete die PK der Sieger: Tix

Die beiden Moderatoren der Pressekonferenzen

1 Kommentar:

  1. um erlich zu sein teile ich die meinung das schweden mit dieser darbitung nichts im finale zu suchen gehabt hätte. Ich glaube hier wurde schweden wider mal von der jury künztlich und völlig zu unrecht in den himmel gelobt. Ich gehe sogar soweit und behaupte das die vileicht sogar als 10 knapp vor kroatien das finale erreicht haben

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