Donnerstag, 23. Mai 2019

Andorra: Keine Bestrebungen für ein Comeback 2020


Andorra - Die neue Eurovisionssaison beginnt üblicherweise mit der Absage von Andorra. So ist es auch in diesem Jahr, gegenüber des lokalen Fanclubs OGAE Andorra hat der Sender RTVA die Teilnahme für den Eurovision Song Contest 2020 in den Niederlanden abgesagt. Obwohl die Bewerbung des katalanischen Fernsehens TV3 zwischenzeitlich Hoffnungen machten, dementierte RTVA Rückkehrpläne.

Demnach sei mittelfristig kein Comeback beim Eurovision Song Contest geplant. Ende März wurde bekannt, dass das andorranische Fernsehen von der Europäischen Rundfunkunion geworben wurde, um am Jubiläumswettbewerb 2015 in Wien teilzunehmen, ebenfalls mit negativem Ausgang. Seit 2009 fehlt der Kleinstaat in den Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien aus finanziellen Gründen in der Song Contest-Line Up.

Gegenüber einem kürzlich veröffentlichten Interview mit Eurovision Spain erklärte der Generaldirektor von RTVA, das man grundsätzlich für den Wettbewerb offen ist: "Die Eurovision ist eine Frage, die mein Land betrifft und obwohl die Teilnahme Andorras letztendlich meine Entscheidung ist, muss die Entscheidung aus dem politischen Willen und dem Interesse der Bürger erfolgen."

Kommentar: Das Politische am ESC ist, dass es ihn gibt



Deutschland - In Berlin fand am Tag des ESC-Finales eine Tagung zur Wirkung des Wettbewerbs auf europäische Identität statt – mit Ruslana als Ehrengast. Matthias war für uns dabei. 

Der Eurovision Song Contest soll dem Wunsch der EBU gemäß unpolitisch sein. Das juckte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) aber wenig – sie richtete am Samstag, dem Tag des Grand Final, in Berlin eine Art Konferenz zum ESC aus: „Dare to dream of Europe“ mit der Unterzeile „Eurovision Song Contest als kulturpolitischer Laufsteg Europas“.

Dass Politik bei dem Wettbewerb durchaus eine Rolle spielt, wissen wir Fans natürlich – man muss nur mal an die Berichterstattung rund um den ESC 2012 in Aserbaidschan denken oder an die Debatte um einen ESC-Boykott in diesem Jahr. 

Die Veranstaltung hätte zwar besser besucht sein können (es blieben, vielleicht auch wegen des sonnigen Wetters, viele Stühle leer), dabei war sie gut besetzt. „Dr. Eurovision“ Irving Wolter war extra schon am Samstagmorgen vorab aus Tel Aviv abgereist, um dabei zu sein; Jan Feddersen wurde aus Tel Aviv zugeschaltet. Dazu kamen u.a. Dean Vuletic, der sich auch schon lange wissenschaftlich mit dem ESC (und vor allem dem Verhältnis Ost-West) beschäftigt, Musikwissenschaftler und last but not least: Ruslana herself, die Siegerin des ESC 2004.

Den ESC fürs „nation branding“ nutzen
Irving Wolter zeigte in seinem Auftaktvortrag auf, wie die EBU den Wettbewerb erst seit etwa zehn Jahren mit dem Narrativ auflädt, es gehe beim ESC um Identität und Zugehörigkeit zu Europa – etwa mit Mottos wie „We are one“ und „Come together“. Das sei aber nur vordergründig das Ziel, so Wolther. Die „nationale Identitätsförderung“ ist heute ein Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten, den diese auch als Argument für die Gebührenfinanzierung gegenüber der EU nutzen (sonst könnte die EU in den Gebühren womöglich eine unerlaubte Beihilfe sehen). Die Folge dieses Arguments: Man befrachte den ESC mit Identitätssymbolik. 

Faktisch sei der ESC der Rechtfertigungsgrund der EBU gegenüber der Zuschauerschaft: Der ESC sei im Grunde das einzige Event, dass der Zuschauer zeige, warum es die EBU als öffentlich-rechtlichen Senderverbund gebe. Zugleich nutze die EBU den ESC, um „die private Konkurrenz in die Schranken zu weisen“: Mit einem immer bombastischeren ESC wolle man zeigen, was man technisch alles kann.

Irving Wolther zeigte als Beispiel, wie auch Länder den ESC zur Identitätsbildung („nation branding“) nutzen, den ESC 2005 in Kiew. Der damalige Staatspräsident Juschtschenko überreichte der Siegerin Helena Paparizou einen goldenen Preis, der angelehnt war ein Halsschmuckstück der Skythen, eines Reiternomadenvolks, das mehrere Jahrhunderte vor Christi auf dem Gebiet der Krim lebte. „Die Skythen haben mit den heutigen Ukrainern nichts zu tun“, so Wolther, aber so habe man mit dem Preis nach innen wie nach außen sich eine vorchristliche Geschichte geschaffen (wie Griechen oder Römer), um sich von Russland abzugrenzen, das eine solche Geschichte nicht habe.

Ein Preis also, der die Ukraine in eine westeuropäische Geschichtsschreibung einzubetten und somit an (West-)Europa anzunähern versuchte. Ähnlich habe sich Estland beim ESC 2002 als Teil Skandinaviens dargestellt und jeglichen Bezug zu Osteuropa bzw. zu seiner Geschichte als Teil der Sowjetunion vermieden.

„Die Menschen wollen weinen“
Nach diesem interessanten Vortrag diskutierten auch die Musikwissenschaftlerin Prof. Susanne Binas-Preisendörfer, die Musikbeauftragte Berlins Katja Lucker und Jan Feddersen über die Frage, was eine Unterhaltungsshow mit Identität zu tun hat. Feddersen betonte, dass es gerade Gastgeber Israel immer ein Anliegen war, sich als Teil Europas zu zeigen. Im Hinblick auf die Queer-Repräsentation (etwa Dana International, jüngst Netta) sagte Jan: „Die Diversität ergibt sich bloß – der ESC wurde nicht dazu geschaffen, Diversität zu feiern.“ Und: „Das Politische am ESC ist, dass es ihn gibt.“

Anhand von ZENAs Semifinalauftritt zeigte Binas-Preisendörfer, wie Belarus seine gewählte Identität nach außen zeigen will. In Belarus werde derzeit die Frage diskutiert, ob man sich eher in Richtung Russland oder Richtung Westen orientieren will. ZENA gebe mit „Like It“ die Antwort: Der global erfolgreiche Reggaeton-Beat und eine Britney-Spears-Optik präsentiere Belarus als Teil des Westens. Lucker ergänzte, sie halte „Like It“ für einen flotten Popsong – und es sei doch schlimm, wenn man hören wollen würde, dass eine Weißrussin auch nach Weißrussland klingt. 

Binas-Preisendörfer erklärte den anhaltenden Erfolg des ESC damit, dass die Menschen nach außeralltäglichen Ereignissen suchten, die aber mit ihren Leben irgendetwas zu tun hätten – und Dinge wie Wettkampf, Sieg/Niederlage wären dafür ein guter Ankerpunkt. Lucker meinte, es liege vor allem an den Emotionen, die die Show auslöse: „Die Menschen wollen weinen.“ Feddersen betonte das demokratische Format. Und es sei eben ein Abend, an dem man sich mal mit den anderen Ländern beschäftigen müsse.

Ruslana wirbt für grüne Energie
Das zweite Podium über den ESC und Kulturpolitik war vor allem von Ruslana geprägt, die in den meisten Fällen zwar die Frage des Moderators Tobi Müller nicht beantwortete, aber dafür auch unterhaltsam war. Ihr Lieblingsthema war „green renewable energy“ – gegen Ende der Diskussion kam sie gar auf Greta Thunberg zu sprechen.

Die Zukunft Europas, gerade auch ökologisch, war Ruslana offenkundig das wichtigste Anliegen. „Ich könnte jetzt auch in Tel Aviv sein und dort singen und auftreten“, aber dort sei ja nur Party – daher sei sie heute nach Berlin gekommen, weil sie dort ihre Botschaft besser verbreiten könne. Daher auch ihre Botschaft an den Gewinner 2019, der zu dem Zeitpunkt noch nicht feststand: „Wenn du heute Abend gewinnst, dann nutze deine Stimme für eine gute Sache.“ 

Ruslana sprach sich hinsichtlich des Wettbewerbs gegen Vereinheitlichung aus: Die Künstler sollten nicht vergessen, dass sie ihr Land promoten, und dieses sei nun mal einzigartig. Natürlich wurde Ruslana zum Fall Maruv gefragt. Sie wich da aber eher aus. Sie bedauerte, dass die Ukraine in Tel Aviv nicht dabei ist. „Entertainment ist Entertainment“, aber das gelte aktuell nicht in der Ukraine, zumal wenn es wie beim Song Contest darum gehe, das eigene Land zu vertreten. 

Geht’s vor allem ums Geld?
ESC-Forscher Dean Vuletic betonte, dass unter autoritären Regimen der ESC eine größere Rolle spiele – entweder, indem man die bekannteren Stars schicke, oder hinsichtlich der Ausrichtung. Das habe man 2012 in Aserbaidschan gesehen: Dem Regime war der Wettbewerb aus Imagegründen besonders viel Geld wert. Der ESC sei ohnehin nicht unpolitisch, meinte Irving Wolther: Ein Juror in Aserbaidschan könne natürlich niemals für Armenien einen Punkt vergeben, denn er wisse, was ihm und seiner Familie dann drohen könnte. 

Daraufhin fragte Moderator Tobi Müller, ob die EBU dann sich nicht von ihrer Anti-Politik-Klausel verabschieden sollte. Das verneinte Dean Vuletic: Politik vertreibe mögliche Werbepartner. Ohnehin sah Vuletic den ESC eher kritisch-nüchtern. Es sei bemerkenswert, dass ausgerechnet öffentlich-rechtliche Sender (in denen teils bis heute keine Werbung läuft) eine Veranstaltung durchführten, die derart kommerziell/kommerzialisiert aussehe. Letztlich gehe es halt doch ums Geld. Auch die Darstellung, Australien sei wegen der Historie (europäische Auswanderer) und dem mit Europa geteilten Demokratieverständnis dabei, sei Unsinn. Die EBU wolle ihr Konzept nach Asien verkaufen und setze auf den australischen Sender SBS als Impulsgeber für „Eurovision Asia“, kurzum, es gehe da allein um Profit.

Vuletic kritisierte allerdings die Auftritte von Madonna oder Justin Timberlake beim ESC: Das zerstöre den Charakter des ESC („Madonna hat mit europäischer Identität nichts zu tun“). Damit widersprach er Ruslana, die meinte, die „Teilnahme“ Madonnas lenke den Blick der ganzen Welt auf den ESC und damit auf die Werte Europas.

Zum Schluss fragte Tobi Müller natürlich die drei auf dem Podium nach ihren Favoriten für den Abend. Irving Wolther hoffte auf einen Sieg Italiens. Dean Vuletic sprach sich für Island aus – wegen der provokanten Botschaft, die die Zuschauer über die Zukunft Europas nachdenken lasse. Und Ruslana kam zurück auf ihre Kritik der Vereinheitlichung und ihrer Botschaft der Einzigartigkeit: Als Sängerin achte sie darauf, wer „unique“ sei. Und das sei heute Abend eben Kate Miller-Heidke. Zugleich glaube sie aber, dass wohl Schweden gewinnen werde.

Inzwischen sind wir schlauer. Nicht nur im Hinblick auf Siegertipps und Sieger. Auch die Veranstaltung selbst bot ein paar spannende und neue Einblicke und Ansichten. 


Mittwoch, 22. Mai 2019

Breaking News: EBU räumt Wertungsfehler ein!



Europa - Da hat die Europäische Rundfunkunion selbst einmal Mist gebaut. Wie die Schirmherren des Eurovision Song Contests auf Eurovision.tv selbst zu Protokoll geben, gab es einen Fehler bei der Konstruktion der weißrussischen Jurywertung im Finale am Samstag. Um es sich noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen: Die eigentliche Jury wurde für das Finale vom Voting ausgeschlossen, da sie nach dem Halbfinale in einem Interview über ihre Abstimmung plauderte.

Die Regeln des Wettbewerbs sehen damit einen Plan B vor. Die EBU hat in Zusammenarbeit mit Digame, dem Telekommunikationsunternehmen, welches die Abstimmung der Zuschauer kontrolliert und zusammenfasst, entschieden für die Wertung einen Mittelwert aus Nationen mit ähnlichen Votingpräferenzen zu Rate zu ziehen. Bedient hat man sich somit dem Lostopf, in dem neben Weißrussland auch die übrigen GUS-Staaten Russland, Armenien, Aserbaidschan und Georgien waren.

In einem offiziellen Statement heißt es nun: "Die EBU bestätigt, dass bei den regulären Überprüfungspraktiken festgestellt wurde, dass durch menschliches Versagen ein falsches Ergebnis angezeigt wurde. Dies hatte keinen Einfluss auf die Berechnung von Punkten, die sich aus dem Televoting der 41 teilnehmenden Nationen ergeben. Der Gesamtsieger und die Top Vier des Wettbewerbs bleiben unverändert." Das vollständige Statement der EBU kann man sich hier anschauen.

Weiter: "Um sowohl die Künstler als auch die teilnehmenden EBU-Mitglieder zu respektieren, korrigieren wir das Finalergebnis in Übereinstimmung mit den Regeln. Die korrekten Jurypunkte wurden nun zum Scoreboard hinzugefügt und die überarbeiteten Summen jeden Landes wurden auf Eurovision.tv veröffentlicht." Die EBU bedauert diesen Vorfall zutiefst und wird durch energischere Kontrollen versuchen, einen solchen Fehler in Zukunft zu unterbinden. Dadurch gibt es auf dem Punktetableu aber tatsächlich einige Änderungen.

Zunächst einmal steht dadurch nun fest, dass Nordmazedonien statt Schweden das Juryvoting gewonnen hat. Norwegen als Sieger des Televotings werden sieben Punkte abgezogen, wodurch das Land aus den Top Five kullert. Auch im Mittelfeld und auf den letzten Tabellenplätzen verschiebt sich einiges, San Marino verbessert sich um einen Platz, Malta und Zypern gar um zwei Plätze. Auch Deutschland ist betroffen und findet sich nach den acht aberkannten Punkten nicht mehr an dritt- sondern nur noch an vorletzter Stelle. Schlusslicht Großbritannien bleibt unverändert an letzter Stelle. 

Das korrigierte Ergebnis des Eurovision Song Contests 2019:
01. 
±0
498
(+06)
 Niederlande - Duncan Laurence - Arcade
02.
±0
472
(+07)
 Italien - Mahmood - Soldi
03.
±0
370
(+01)
 Russland - Sergey Lazarev - Scream
04.
±0
364
(+04)
 Schweiz - Luca Hänni - She got me
05.
+1
334
(+02)
 Schweden - John Lundvik - Too late for love
06.
-1
331
(-07)
 Norwegen - Keiino - Spirit in the sky
07.
+1
305
(+10)
 Nordmazedonien - Tamara Todevska - Proud 
08.
-1
302
(+05)
 Aserbaidschan - Chingiz Mustafayev - Truth
09.
±0
284
(-01)
 Australien - Kate Miller-Heidke - Zero gravity
10.
±0
232
(-02)
 Island - Hatari - Hatrið mun sigra
11.
±0
157
(±00)
 Tschechien - Lake MalawiFriend of a friend
12.
±0
120
(±00)
 Dänemark - Leonora - Love is forever
13.
+2
109
(+08)
 Zypern - Tamta - Replay
14.
+2
107
(+12)
 Malta - Michela Pace - Chameleon
15.
-2
105
(±00)
 Slowenien - Zala Kralj & Gašper Šantl - Sebi
16.
-2
105
(±00)
 Frankreich - Bilal Hassani - Roi
17.
+1
090
(±00)
 Albanien - Jonida Maliqi - Ktheju tokës
18.
-1
089
(-03)
 Serbien - Nevena Božović - Kruna
19.
+1
077
(-04)
 San Marino - Serhat - Say na na na
20.
-1
076
(-10)
 Estland - Victor Crone - Storm
21.
±0
074
(+03)
 Griechenland - Katerine Duska - Better love
22.
±0
054
(-06)
 Spanien - Miki - La venda
23.
±0
035
(-12)
 Israel - Kobi Merimi - Home
24.
+1
031
(±00)
 Weißrussland - Zena - Like it
25.
-1
024
(-08)
 Deutschland - S!sters - Sister
26.
±0
011
(-05)
 Großbritannien - Michael Rice - Bigger than us

Das Voting beim diesjährigen Wettbewerb sorgte bereits im Halbfinale für Probleme. Sowohl die schwedische Jurorin Lina Hedlund als auch die tschechische Jurorin Jitka Zelenková haben in ihren jeweiligen Halbfinals ihr Ranking falsch herum abgegeben. Statt ihrer Favoriten setzten sie ihren letzten Platz an die Spitzenposition. Statistiker unter den Eurovisionsfans haben unter Berücksichtigung der Umstände herausgefunden, dass sich bei einer korrekt abgegebenen tschechischen Wertung Polen statt Weißrussland für das Finale qualifiziert hätte. Dieser, durch die EBU ausgelöste, Fauxpas dürfte die Votingdiskussion nochmals anheizen.

Montag, 20. Mai 2019

News-Splitter (757)


Belgien - Das Voting zum Barbara Dex-Award 2019 ist eröffnet. Gesucht wird der Nachfolge von Eye Cue, die im letzten Jahr den Preis für das scheußlichste Kostüm beim Eurovision Song Contest erhalten haben. Abgestimmt werden kann wie üblich auf songfestival.be, einige Anwärter auf die Trophäe, etwa den engelsgleichen Roko aus Kroatien oder das grüne Gerät aus Portugal, gibt es durchaus. Das Voting endet am Sonntag, den 26. Mai um Mitternacht. Zu den bisherigen "Würdenträgern" zählen u.a. Verka Serduchka, Trijntje Oosterhuis und Guildo Horn.

Niederlande - In den Niederlanden wird die Liste der interessierten Städte um die Ausrichtung des Eurovision Song Contests länger. Inzwischen haben auch Utrecht, Leeuwarden und 's-Hertogenbosch ihr Interesse bekundet, den Wettbewerb im kommenden Jahr auszurichten. 's-Hertogenbosch, die Hauptstadt der niederländischen Provinz Nordbrabant, bietet mit der Brabanthallen eine Location, die knapp über der geforderten Mindestbesetzung von 10.000 Zuschauern liegt. Wann und wo der Eurovision Song Contest 2020 stattfindet, wird vom niederländischen Fernsehen in Kooperation mit der EBU festgelegt.

Schweiz - Nach und nach trudeln auch diverse Einschaltquoten des Eurovision Song Contests ein. Insbesondere für das Schweizer Fernsehen SRF war das Finale ein voller Erfolg. Neben dem vierten Platz für Luca Hänni gab es auch noch die höchste Einschaltquote seit zehn Jahren. 660.000 Zuschauer sahen im Schnitt die Show, in der Spitze sogar 912.000 Schweizer, was einem Marktanteil von 49,4% entspricht. Delegationsleiter Reto Peritz erklärte: "Das zeigt uns, wie wichtig der größte Musikwettbewerb der welt für Schweizer Künstler ist und bestätigt, die nicht minder großartige Performance von Luca Hänni und dem gesamten Team."

Europa - Zu den weiteren Ländern, in denen Einschaltquoten publik gemacht wurden, zählt u.a. das Vereinigte Königreich. Trotz der letzten Platzes von Michael Rice, reichte es für die BBC für 6,7 Millionen Zuschauer im Durchschnitt und sogar 7,7 Millionen in der Spitze. Damit erreicht der Eurovision Song Contest 2019 einen Marktanteil von 41,7%. Auch in Italien erreichte die Show mit 3,54 Millionen Zuschauern die höchste Reichweite seit der Rückkehr im Jahr 2011, wenngleich der Marktanteil hier nur bei 19,7% lag, für italienische Verhältnisse ist das allerdings ein großer Erfolg. In Spanien schalteten 5,45 Millionen Zuschauer ein, was einem Einbruch um 1,75 Millionen Zuschauern im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

300.000 Zuschauer verlor das französische Fernsehen im Vergleich zu 2018. Dennoch schalteten immerhin 4,78 Millionen Franzosen die Eurovision ein. In Schweden waren rund 2,56 Millionen Zuschauer dabei und sahen, wie John Lundvik den sechsten Platz belegte. Im Gastgeberland Israel verfolgten 1,3 Millionen Zuschauer die Show auf KAN, ein Marktanteil von 37,8% und erreichte rund 300.000 Zuschauer mehr als im Vorjahr, als Netta den Song Contest in Lissabon gewann. In Australien sahen 412.000 Zuschauer den Wettbewerb, hier wurde jedoch die Liveübertragung und die späteren Wiederholung zusammengerechnet.

San Marino: Finalteilnahme führt zur Bestätigung für 2020


San Marino - Eine Tagestour nach Köln und zurück hat mich in meiner Eigenschaft als "Rasender Reporter" für den Eurovision Song Contest ein wenig ausgebremst, aber es hat sich gelohnt. Denn so früh wie noch nie zuvor, hat sich das sanmarinesische Fernsehen SMRTV für die Teilnahme im kommenden Jahr entschieden, nachdem Serhat die Bestmarke für San Marino ein Stückchen höher gesetzt hat.

Mit "Say na na na" hat Serhat zwar nur Platz 20 erreicht, im Televoting wurde sein Lied aber tatsächlich zehn Plätze höher einsortiert. Dies nahm Carlo Romeo, Direktor des sanmarinesischen Fernsehens zum Anlass, um die Teilnahme in den Niederlanden 2020 ad hoc zu bestätigen. Das kleine Land im Hinterland von Rimini scheint nun vom Ehrgeiz gepackt und hat die Zeichen richtig gedeutet, dass auch eine kleine Nation beim Song Contest Großes erreichen kann.

Wie genau das Auswahlverfahren aussehen wird, ist nicht bekannt, die These, dass Valentina Monetta und Serhat nun ein Duett singen könnten, würde ich allerdings nicht unbedingt begrüßen. Wir dürfen gespannt sein, womit uns der kleinste Teilnehmerstaat im nächsten Jahr beglücken wird, für eine Überraschung sind sie ja immer gut. San Marino nimmt seit 2008 am Eurovision Song Contest teil und verzeichnet zum heutigen Zeitpunkt zwei Finalteilnahmen.

Weißrussland: Nachgerechnete Jurypunkte aus Minsk



Weißrussland - Einigen Eurovisionsfans hat die ominöse weißrussische Juryvergabe offenbar keine Ruhe gelassen, sodass sie hinter die Zusammensetzung der schrägen Punktevergabe gekommen sind, bei der nahezu alle Nationen berücksichtigt wurden, die zu jenem Zeitpunkt, als Minsk aufgerufen wurde, unten im Punktekeller standen. Demnach kamen die Lostöpfe zum Einsatz, mit deren Hilfe die EBU zuvor die Einteilung in die Semifinals vorgenommen hat.

In weißrussischen Diensten
unterwegs: Zena in Tel Aviv
Auf ESCxtra.com wird relativ logisch erklärt, wie sich das weißrussische Back Up-System zusammensetzt, das zur Anwendung kam, da die Jury in einem Interview vor der Sperrfrist erklärte, wer ihre jeweiligen Favoriten im ersten Halbfinale waren. So wurde auf den Lostopf zurückgegriffen, in dem sich Weißrussland befand, gemeinsam mit Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Russland. Auch die Ukraine befand sich in diesem Topf, sie zog sich ja aber bekanntlich vor dem Song Contest zurück.

Nimmt man nun den Durchschnitt aller vier anderen Nationen bei der Punktevergabe und rechnet diesen für alle im Finale startenden Länder hoch, so kommt man zu dem Ergebnis, dass Malta im Mittel von allen vier Ländern mit einer Durchschnittplatzierung von 6,50 den besten Wert und somit zwölf Punkte erhält. Dahinter dann Nordmazedonien, Zypern, Italien und so weiter. Am Ende der Punktetafel und somit die schlechtesten Werte erzielen Deutschland (19,75), Estland (20,25) und Israel (21,25). 

Die weißrussischen Punkte setzen sich somit aus den zehn am schlechtesten bewerteten Nationen zusammen. Israel, das von keinem anderen Land Jurypunkte erhielt und mit einem Wert von 21,25 ganz unten in der Bewertung steht, erhielt den Zwölfer der weißrussischen Wertung. Ob das tatsächlich so gewollt ist oder, wie ESCxtra.com meldet ein "major error" ist, wurde bereits bei der Europäischen Rundfunkunion angefragt. Es bleibt also spannend. Das ganze Prozedere der weißrussischen Punktevergabe gibt es hier noch einmal graphisch erklärt.

Sonntag, 19. Mai 2019

Eurovision 2019: Politisches und Verschobenes



Israel - Lasst uns noch etwas über Politik sprechen, wo der Eurovision Song Contest doch generell als politikfreie Zone deklariert wird. Es geht hier nicht um den Zwölf-Punkte-Austausch zwischen Zypern und Griechenland oder das Ignorieren von Armenien und Aserbaidschan, sondern um ein kleines Detail, was dem nachsichtigen Zuschauer kaum aufgefallen wäre, hätte das aserbaidschanische Fernsehen keine Beschwerde bei der EBU eingelegt.

Diese Grafik entzürnt die
Aseris: ein Landesteil fehlt
Der Sender ictimaiTV beklagt die Europakarte, die während des Aufrufs der einzelnen Nationen im Song Contest-Finale gezeigt wurde. In einem Statement des Senders an die EBU heißt es, die gezeigte Grafik würde nicht Aserbaidschan in seinen Landesgrenzen zeigen. Gemeint ist das Fehlen der Exklave Nachitschewan, die nicht gesondert hervorgehoben wurde. Nachitschewan ist ein rund 5.500km² großes Gebiet, das vom aserbaidschanischen Kernland abgetrennt ist.

In Baku wartet man nunmehr auf eine offizielle Stellungnahme durch die Europäische Rundfunkunion. Diese war aber vielmehr damit beschäftigt, Madonnas Tänzer für das Zeigen einer israelischen und palästinensischen Flagge zu interviewen. In einer Erklärung der EBU heißt es: "Der Eurovision Song Contest ist ein unpolitisches Ereignis und darauf wurde Madonna auch aufmerksam gemacht." Ein Sprecher der Queen of Pop, die im Interval auftrat sagte: "Eine Botschaft des Friedens ist nicht politisch."

"Victorious" geht anders, Lina
verwechselt oben und unten
Nicht politisch aber zumindest unterhaltsam ist zudem noch das schwedische Juryvoting im Halbfinale. Alcazar-Sängerin Lina Hedlund, die auch am Melodifestivalen teilnahm, hat dort offenbar das Wertungsprozedere nicht erfassen können und statt ihr Ranking auf den Kopf gestellt. Während die anderen Juroren Duncan Laurence auf die Positionen 5-1-2-2 setzten, bewertete Lina ihn (wahrscheinlich versehentlich) am schlechtesten und Luca Hänni am zweitschlechtesten. 

Auszug der schwedischen Jurywertung im Halbfinale (Lina Hedlund = C)
01. - 012 (01-10-16-01-01) -  Schweiz - Luca Hänni - She got me
02. - 010 (05-01-17-02-02) -  Niederlande - Duncan Laurence - Arcade
03. - 008 (04-07-01-14-08) -  Österreich - Pænda - Limits
04. - 007 (02-06-15-12-03) -  Russland - Sergey Lazarev - Scream
11. - 000 (15-09-02-17-13) -  Albanien - Jonida Maliqi - Ktheju tokës
13. - 000 (08-14-03-16-17) -  Irland - Sarah McTernan - 22
15. - 000 (13-13-04-09-15) -  Rumänien - Ester Peony - On a Sunday

Ob Lina Hedlund nun unwissentlich dafür verantwortlich ist, dass Österreich acht Punkte erhalten hat, ist unbekannt, im Finale jedenfalls stimmte auch Lina für Duncan Laurence und setzte ihn an die Spitze ihres Rankings, Luca Hänni auf die Zwei und Sergey Lazarev auf die Acht. Nennenswerten Einfluss hatte ihre Wertung letzten Endes aber ohnehin nicht, ihre Favoriten qualifizierten sich dennoch. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Juroren im Vorfeld ihrer Stimmabgabe nicht gebrieft werden.