Sonntag, 26. Mai 2019

Italien: Neuer Wertungsfehler im Halbfinale?


Italien - Fehlerhafte Jurywertungen und der Patzer der Europäischen Rundfunkunion bei der aggregierten weißrussischen Wertung haben die Eurovisionswelt in den letzten Tagen in Atem gehalten und offenbar gibt es ein weiteres offenes Kapitel in Bezug auf falsche Punktevergaben, nämlich in Italien. Wie ESCxtra.com meldet, gibt es Abweichungen zwischen dem Halbfinalergebnis der RAI und den Punkten, die die EBU veröffentlicht hat.

Die RAI hat auf ihrer Website die kompletten Anrufzahlen für das zweite Halbfinale vorgestellt, in dem Italien wertungsberechtigt war. Dabei gibt es Abweichungen ab der Acht-Punkte-Marke. Während Albanien mit 16,08% im Televoting vorne lag und Rumänien mit 10,39% die zweite Position im Televoting bekleidet, erhielt Sergey Lazarev aus Russland mit 9,92% die dritthöchste Marke. Die EBU nennt als drittplatzierte Nation allerdings Norwegen, die auch acht Punkte erhielten.

Abweichungen gibt es auch auf den folgenden Rängen. Mit 8,66% steht Moldawien an vierter Stelle bei der RAI, die EBU listet hier Russland. Bei der RAI kommen daraufhin Norwegen (8,58%), die Schweiz (5,93%), Nordmazedonien (5,47%), Aserbaidschan (5,4%), Malta (4,42%) und Litauen mit 4,13%. Die EBU listet die Nationen anders, sodass die Schweiz sechs Punkte erhält, dahinter Moldawien, Aserbaidschan, die Niederlande, Malta und Nordmazedonien, dass im RAI-Ergebnis eigentlich vier Punkte erhalten hätte, nur einen Zähler gutgeschrieben bekam.

Platz
Pkt.
EBU
RAI
Prozent
01
12
 Albanien
 Albanien
16,08%
02
10
 Rumänien
 Rumänien
10,39%
03
8
 Norwegen
 Russland
9,92%
04
7
 Russland
 Moldawien
8,66%
05
6
 Schweiz
 Norwegen
8,58%
06
5
 Moldawien
 Schweiz
5,93%
07
4
 Aserbaidschan
 Nordmazedonien
5,47%
08
3
 Niederlande
 Aserbaidschan
5,40%
09
2
 Malta
 Malta
4,42%
10
1
 Nordmazedonien
 Litauen
4,13%
11


 Niederlande
4,04%
12


 Dänemark
3,50%
13


 Schweden
3,27%
14


 Kroatien
2,99%
15


 Armenien
2,88%
16


 Lettland
1,66%
17


 Irland
1,54%
18


 Österreich
1,13%

Ein Sprecher der RAI bestätigte, dass die Ergebniszahlen auf der Seite des öffentlichen Fernsehens richtig seien und man von den widersprüchlichen Ergebnissen auf der Website der EBU nichts wusste. Verschiebungen hätte es lediglich in einem Fall gegeben, Litauen hätte laut RAI-Ergebnis einen Punkt erhalten und käme damit auf 94 Zähler, was einen Gleichstand mit Dänemark auf dem zehnten Platz im Halbfinale bedeutet hätte. Im Falle eines Gleichstandes auf einem Rang hätte die EBU-Regel gegriffen, dass die höhere Anzahl an Zwölf-Punkte-Wertungen angewendet wird.

Unter diesen Umständen hätte sich Litauen für das Finale qualifiziert, da es im Televoting drei Höchstwertungen, nämlich aus Irland, Norwegen und dem Vereinigten Königreich erhalten hat, Dänemark hingegen hat nur einmal zwölf Punkte von der italienischen Jury erhalten. ESCxtra.com hat die Europäische Rundfunkunion um eine Stellungnahme gebeten. 

Freitag, 24. Mai 2019

Palästina: Hatari veröffentlichen neuen Song


Palästina/Island - Die isländische Band Hatari hat sich bei der israelischen Fluggesellschaft El Al für ihr "special treatment" bedankt und ein Reklamationsformular ausgefüllt. Die Gruppe beklagt sich, dass die Mitglieder auf dem Rückflug von Tel Aviv nach London jeweils einen Mittelplatz in den hintersten drei Reihen erhalten haben. Hatari nannten Israel mehrfach einen Apartheids-Staat.

Vorangegangen war das Zeigen der palästinensischen Flagge während der Verkündung der Televotingpunkte im Finale des Eurovision Song Contests sowie lange Zeit vor dem eigentlichen Wettbewerb die Kritik am israelischen Staat und der Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung. Die Europäische Rundfunkunion sprach zuvor mehrere Ermahnungen an die Band sowie die isländische Delegation aus.

Während der probenfreien Zeit haben die Mitglieder von Hatari aus die West Bank besucht und dabei offenbar die Zeit gefunden, ein Musikvideo mit dem palästinensischen Musiker Bashar Murad zu drehen. "Klefi/Samed" behandelt den Wunsch nach Freiheit und eigener Entscheidungsgewalt, den Song performten Hatari und Murad gestern Abend live in Reykjavik und erhielten dafür, wie üblich, sowohl Zuspruch als auch harsche Kritik. Ob die isländische Delegation für das Flagge zeigen sanktioniert wird, obliegt dem Executive Board der Eurovision, das sich im Juni trifft.

Hatari feat. Bashar Murad - Klefi/Samed

Eurovision 2020: Die ersten Städte zeigen Interesse



Niederlande - Im Juni können sich interessierte Städte offiziell mit ihren Bewerbungsunterlagen für die Ausrichtung des Eurovision Song Contests beim niederländischen Fersehen bewerben. Schon jetzt haben diverse Nationen ihr Interesse bekundet und schon potentielle Hallen in den Ring geworfen. Wir dürfen gespannt sein, wie viele der jetzt tönenden Städte sich tatsächlich bewerben bleibt abzuwarten, die Hauptstadt Amsterdam hat aber tatsächlich noch lange keinen Freifahrtschein für die Ausrichtung in der Tasche.

Amsterdam: Natürlich hat die Stadt die beste Ausgangslage, verfügt mit dem Schiphol Airport über eines der größten Luftfahrtdrehkreuze der Welt, über einen funktionierenden Nahverkehr, hat eine Vielzahl an Hotels und Unterhaltungsmöglichkeiten und nicht zuletzt drei passende Lokalitäten, in denen der Song Contest stattfinden könnte. Allerdings müssen sich Fans wie schon in Tel Aviv mit hohen Nebenkosten herumschlagen. Neben einer siebenprozentigen Steuer auf den Hotelpreis fällt seit dem 15. Mai auch eine Bettensteuer in Höhe von drei Euro pro Nacht an.

Arnhem: Nicht nur Außenseiterchancen dürfte die Stadt Arnheim (im Deutschen Arnheim) haben. Mit 159.000 Einwohnern ist sie die Hauptstadt der Provinz Gelderland und liegt an einem strategisch wichtigen Autobahnknoten. Laut Online-Auftritt bietet sie ein reichhaltiges Kulturangebot, nicht zuletzt stammt Linda Wagenmakers, die niederländische Contest-Vertreterin von 2000 aus Arnhem. Als möglicher Veranstaltungsort gilt der GelreDome, ein 1998 eröffnetes Stadion, das zu den modernsten in den Niederlanden gehört, bis zu 41.000 Personen fassen kann und schon von Rihanna, AC/DC, Justin Timberlake und Shakira gebucht wurde.

Enschede: Nahe der deutschen Grenze in der Provinz Overijssel liegt Enschede, die ähnlich viele Einwohner hat wie Arnhem und vor allem durch den Brand in einer Feuerwerksfabrik am Abend des Song Contest-Finales 2000 in den Schlagzeilen war. Als mögliche Location wird der Twente Airport (ENS) gehandelt, der nur noch gelegentlich der Abfertigung von Charterflügen dient. Per Eisenbahn ist sie gut an das deutsche Schienennetz angebunden, zwischen Gronau und Enschede gelten der NRW- und der Westfalentarif, sodass man problemlos mit einem deutschen Nahverkehrsticket anreisen könnte.

's-Hertogenbosch: Im Deutschen auch Herzogenbusch, ist die Hauptstadt von Nordbrabant und verfügt mit dem Oeteldonksgemintemuzejum über das einzige Karnevalsmuseum des Landes. Ins Rennen möchte die Stadt mit den Brabanthallen gehen. Dabei handelt es sich um einen Komplex verschieden großer Messehallen, die früher vom wöchentlichen Vieh- und Pferdemarkt in Beschlag genommen wurden. 2004 wurde das gesamte Areal renoviert und 2017 noch einmal erweitert. Schwierig könnte es mit der Mindestvorgabe durch die EBU werden, die Kapazität von 10.000 Zuschauern dürfte kaum zu bewältigen sein.

Leeuwarden: 2018 war Leeuwarden gemeinsam mit der maltesischen Hauptstadt Valletta europäische Kulturhauptstadt. Sie ist die Hauptstadt der Provinz Friesland und besticht durch ihre Bürgerhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Leeuwarden war zwischen 2002 und 2009 Austragungsort des Domino Day von RTL, bei dem Robin Weijers bunte Steinchen abendfüllend umstoßen ließ. Das Event fand damals im FEC Leeuwarden statt, das heute als WTC Expo bekannt ist. Mit dieser Halle geht die Stadt auch ins Rennen um den Eurovision Song Contest. Mit maximal 6.000 Plätzen ist die Halle allerdings auch die kleinste der bisherigen Teilnehmerfeld.

Maastricht: Mit dem 20.000 Zuschauer fassenden Maastrichts Expositie en Congres Centrum bewirbt sich die Hauptstadt der Provinz Limburg um den Song Contest. Auch im MECC fand bereits ein Domino Day statt, kulturell gibt es hier ebenfalls den lokalen Karneval, ein autonomes Szeneviertel und das Bonnefantenmuseum für zeitgenössische Kunst zu entdecken. Maastricht ist eine der ältesten Städte des Landes und erhielt seinen Namen von den Römern, die hier eine Brücke über die Maas errichteten. Bekanntester Sohn der Stadt ist der Geiger André Rieu, dessen Konzerte insbesondere zu Silvester im ZDF laufen.

Rotterdam: Rotterdam ist mit rund 645.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Niederlande und verfügt gemessen an der Tonnage über den größten Hafen Europas. Die Stadt zeichnet sich durch ihre Skyline-Silhouette, ihre zahlreichen Brücken und den Prins Alexander Polder, den tiefsten bewohnten Punkt der Niederlande aus. Im Ahoy, der größten Veranstaltungshalle Europas finden bis zu 16.000 Zuschauer Platz. Dort fand auch der Junior Eurovision Song Contest 2007 statt, die Stadt hat also bereits Erfahrungen mit Großevents der Eurovision, wenngleich damals nur 17 und nicht über 40 Nationen teilnahmen.

Den Haag: Die Hauptstadt der Provinz Südholland ist insbesondere als Regierungssitz der Niederlande und für den Internationalen Gerichtshof bekannt. Trotz ihrer Größe und Bedeutung innerhalb der Niederlande dürfte Den Haag, wo immerhin schon 1976 und 1980 der Eurovision Song Contest stattfand, kaum Chancen haben. Die beiden vorgeschlagenen Locations könnten entweder die Zeit oder die Tatsache, das es sich um ein Provisorium handelt, das Genick brechen. Dem Cars Jeans Stadion fehlt bislang eine Dachkonstruktion und beim Malieveld handelt es sich um ein geplantes Zelt auf dem Gelände des World Forums.

Utrecht: Utrecht ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und wurde 2012 vom Reiseführer Lonely Planet zu den zehn unentdeckten Perlen für Städtreisen erkoren. Die Stadt ist Standort der größten Universität des Landes und demnach eine demographisch recht junge Metropole. Direkt neben dem Hauptbahnhof der Stadt befindet sich das Jaarbeurs, ein Messezentrum mit einer Kapazität von bis zu 11.000 Plätzen, in dem regelmäßig das Musikfestival Thunderdome für Hardcore-Techno und Gabber veranstaltet wird, das nächste Mal im Oktober diesen Jahres.

Die Entscheidung, wo der Eurovision Song Contest 2020 stattfinden wird, fällt der niederländische Rundfunk in Kooperation mit der Europäischen Rundfunkunion. Einzelheiten zum Bewerbungsverfahren sind derzeit noch nicht bekannt, NPO hofft schon im Juni mit dem Auswahlverfahren beginnen zu können. Die Niederlande haben am letzten Samstag erstmals seit 44 Jahren wieder den Eurovision Song Contest gewonnen. Duncan Laurence erreichte mit seinem "Arcade" 498 Punkte. Dem Lied wurden nachträglich sechs Punkte gutgeschrieben, nachdem das aggregierte Voting der weißrussischen Jury nach einem Fehler durch die EBU korrigiert werden musste.

News-Splitter (758)



Litauen - Nach Estland hat auch Litauen als zweites baltisches Land seine Teilnahme am Eurovision Song Contest in den Niederlanden bestätigt. Delegationsleiter Audrius Giržadas kündigte an, den nationalen Vorentscheid "Eurovizijos" möglicherweise zu überarbeiten. Im Interview mit der Website 15min.lt erklärte er, dass die Änderungen u.a. eine Reduzierung der Shows, eine transparentere Jury und die Öffnung des Vorentscheids für ausländische Interpreten vorsehen. Man wolle aber weiterhin die litauische Musikindustrie fördern und diese in Zukunft mehr involvieren, ähnlich wie dies z.B. in Estland geschieht.

Schweden - Der Schwede Ola Melzig wird im nächsten Jahr nicht in seiner Rolle als Head of Production zum Eurovision Song Contest zurückkehren. Der Inhaber von M&M Productions hat seit 2000 insgesamt dreizehn Song Contests produziert, möchte sich nun aber zunächst auf den amerikanischen Markt konzentrieren. Er hoffe jedoch in Zukunft wieder in die Produktion des Wettbewerbs eingebunden zu werden. Für 2020 wird sich M&M Productions jedoch nicht mit einer Ausschreibung bei der EBU bewerben. Ob Melzig in Zukunft beim geplanten American Song Contest einsteigen wird, ist nicht bekannt.

Russland - Ein Jahr nach dem Ausscheiden von Julia Samoylova in Lissabon ist der Eurovision Song Contest wieder mit Topraten bei den Einschaltquoten in Russland dabei. Das Finale erzielte in Städten mit über 100.000 Einwohnern im Schnitt 28,2% Marktanteil, in Moskau sogar 36,8%. Auch die beiden Halbfinals erreichten im Schnitt 11,8% und 17,2% Marktanteil. Im Vergleich zum Vorjahr hat der Wettbewerb in Tel Aviv einen Zuwachs von 55% verbuchen können. Sergey Lazarev belegte im Finale am letzten Samstag den dritten Platz mit "Scream", ähnlich wie bei seiner ersten Teilnahme 2016 mit "You're the only one".

Donnerstag, 23. Mai 2019

Andorra: Keine Bestrebungen für ein Comeback 2020


Andorra - Die neue Eurovisionssaison beginnt üblicherweise mit der Absage von Andorra. So ist es auch in diesem Jahr, gegenüber des lokalen Fanclubs OGAE Andorra hat der Sender RTVA die Teilnahme für den Eurovision Song Contest 2020 in den Niederlanden abgesagt. Obwohl die Bewerbung des katalanischen Fernsehens TV3 zwischenzeitlich Hoffnungen machten, dementierte RTVA Rückkehrpläne.

Demnach sei mittelfristig kein Comeback beim Eurovision Song Contest geplant. Ende März wurde bekannt, dass das andorranische Fernsehen von der Europäischen Rundfunkunion geworben wurde, um am Jubiläumswettbewerb 2015 in Wien teilzunehmen, ebenfalls mit negativem Ausgang. Seit 2009 fehlt der Kleinstaat in den Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien aus finanziellen Gründen in der Song Contest-Line Up.

Gegenüber einem kürzlich veröffentlichten Interview mit Eurovision Spain erklärte der Generaldirektor von RTVA, das man grundsätzlich für den Wettbewerb offen ist: "Die Eurovision ist eine Frage, die mein Land betrifft und obwohl die Teilnahme Andorras letztendlich meine Entscheidung ist, muss die Entscheidung aus dem politischen Willen und dem Interesse der Bürger erfolgen."

Kommentar: Das Politische am ESC ist, dass es ihn gibt



Deutschland - In Berlin fand am Tag des ESC-Finales eine Tagung zur Wirkung des Wettbewerbs auf europäische Identität statt – mit Ruslana als Ehrengast. Matthias war für uns dabei. 

Der Eurovision Song Contest soll dem Wunsch der EBU gemäß unpolitisch sein. Das juckte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) aber wenig – sie richtete am Samstag, dem Tag des Grand Final, in Berlin eine Art Konferenz zum ESC aus: „Dare to dream of Europe“ mit der Unterzeile „Eurovision Song Contest als kulturpolitischer Laufsteg Europas“.

Dass Politik bei dem Wettbewerb durchaus eine Rolle spielt, wissen wir Fans natürlich – man muss nur mal an die Berichterstattung rund um den ESC 2012 in Aserbaidschan denken oder an die Debatte um einen ESC-Boykott in diesem Jahr. 

Die Veranstaltung hätte zwar besser besucht sein können (es blieben, vielleicht auch wegen des sonnigen Wetters, viele Stühle leer), dabei war sie gut besetzt. „Dr. Eurovision“ Irving Wolter war extra schon am Samstagmorgen vorab aus Tel Aviv abgereist, um dabei zu sein; Jan Feddersen wurde aus Tel Aviv zugeschaltet. Dazu kamen u.a. Dean Vuletic, der sich auch schon lange wissenschaftlich mit dem ESC (und vor allem dem Verhältnis Ost-West) beschäftigt, Musikwissenschaftler und last but not least: Ruslana herself, die Siegerin des ESC 2004.

Den ESC fürs „nation branding“ nutzen
Irving Wolter zeigte in seinem Auftaktvortrag auf, wie die EBU den Wettbewerb erst seit etwa zehn Jahren mit dem Narrativ auflädt, es gehe beim ESC um Identität und Zugehörigkeit zu Europa – etwa mit Mottos wie „We are one“ und „Come together“. Das sei aber nur vordergründig das Ziel, so Wolther. Die „nationale Identitätsförderung“ ist heute ein Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten, den diese auch als Argument für die Gebührenfinanzierung gegenüber der EU nutzen (sonst könnte die EU in den Gebühren womöglich eine unerlaubte Beihilfe sehen). Die Folge dieses Arguments: Man befrachte den ESC mit Identitätssymbolik. 

Faktisch sei der ESC der Rechtfertigungsgrund der EBU gegenüber der Zuschauerschaft: Der ESC sei im Grunde das einzige Event, dass der Zuschauer zeige, warum es die EBU als öffentlich-rechtlichen Senderverbund gebe. Zugleich nutze die EBU den ESC, um „die private Konkurrenz in die Schranken zu weisen“: Mit einem immer bombastischeren ESC wolle man zeigen, was man technisch alles kann.

Irving Wolther zeigte als Beispiel, wie auch Länder den ESC zur Identitätsbildung („nation branding“) nutzen, den ESC 2005 in Kiew. Der damalige Staatspräsident Juschtschenko überreichte der Siegerin Helena Paparizou einen goldenen Preis, der angelehnt war ein Halsschmuckstück der Skythen, eines Reiternomadenvolks, das mehrere Jahrhunderte vor Christi auf dem Gebiet der Krim lebte. „Die Skythen haben mit den heutigen Ukrainern nichts zu tun“, so Wolther, aber so habe man mit dem Preis nach innen wie nach außen sich eine vorchristliche Geschichte geschaffen (wie Griechen oder Römer), um sich von Russland abzugrenzen, das eine solche Geschichte nicht habe.

Ein Preis also, der die Ukraine in eine westeuropäische Geschichtsschreibung einzubetten und somit an (West-)Europa anzunähern versuchte. Ähnlich habe sich Estland beim ESC 2002 als Teil Skandinaviens dargestellt und jeglichen Bezug zu Osteuropa bzw. zu seiner Geschichte als Teil der Sowjetunion vermieden.

„Die Menschen wollen weinen“
Nach diesem interessanten Vortrag diskutierten auch die Musikwissenschaftlerin Prof. Susanne Binas-Preisendörfer, die Musikbeauftragte Berlins Katja Lucker und Jan Feddersen über die Frage, was eine Unterhaltungsshow mit Identität zu tun hat. Feddersen betonte, dass es gerade Gastgeber Israel immer ein Anliegen war, sich als Teil Europas zu zeigen. Im Hinblick auf die Queer-Repräsentation (etwa Dana International, jüngst Netta) sagte Jan: „Die Diversität ergibt sich bloß – der ESC wurde nicht dazu geschaffen, Diversität zu feiern.“ Und: „Das Politische am ESC ist, dass es ihn gibt.“

Anhand von ZENAs Semifinalauftritt zeigte Binas-Preisendörfer, wie Belarus seine gewählte Identität nach außen zeigen will. In Belarus werde derzeit die Frage diskutiert, ob man sich eher in Richtung Russland oder Richtung Westen orientieren will. ZENA gebe mit „Like It“ die Antwort: Der global erfolgreiche Reggaeton-Beat und eine Britney-Spears-Optik präsentiere Belarus als Teil des Westens. Lucker ergänzte, sie halte „Like It“ für einen flotten Popsong – und es sei doch schlimm, wenn man hören wollen würde, dass eine Weißrussin auch nach Weißrussland klingt. 

Binas-Preisendörfer erklärte den anhaltenden Erfolg des ESC damit, dass die Menschen nach außeralltäglichen Ereignissen suchten, die aber mit ihren Leben irgendetwas zu tun hätten – und Dinge wie Wettkampf, Sieg/Niederlage wären dafür ein guter Ankerpunkt. Lucker meinte, es liege vor allem an den Emotionen, die die Show auslöse: „Die Menschen wollen weinen.“ Feddersen betonte das demokratische Format. Und es sei eben ein Abend, an dem man sich mal mit den anderen Ländern beschäftigen müsse.

Ruslana wirbt für grüne Energie
Das zweite Podium über den ESC und Kulturpolitik war vor allem von Ruslana geprägt, die in den meisten Fällen zwar die Frage des Moderators Tobi Müller nicht beantwortete, aber dafür auch unterhaltsam war. Ihr Lieblingsthema war „green renewable energy“ – gegen Ende der Diskussion kam sie gar auf Greta Thunberg zu sprechen.

Die Zukunft Europas, gerade auch ökologisch, war Ruslana offenkundig das wichtigste Anliegen. „Ich könnte jetzt auch in Tel Aviv sein und dort singen und auftreten“, aber dort sei ja nur Party – daher sei sie heute nach Berlin gekommen, weil sie dort ihre Botschaft besser verbreiten könne. Daher auch ihre Botschaft an den Gewinner 2019, der zu dem Zeitpunkt noch nicht feststand: „Wenn du heute Abend gewinnst, dann nutze deine Stimme für eine gute Sache.“ 

Ruslana sprach sich hinsichtlich des Wettbewerbs gegen Vereinheitlichung aus: Die Künstler sollten nicht vergessen, dass sie ihr Land promoten, und dieses sei nun mal einzigartig. Natürlich wurde Ruslana zum Fall Maruv gefragt. Sie wich da aber eher aus. Sie bedauerte, dass die Ukraine in Tel Aviv nicht dabei ist. „Entertainment ist Entertainment“, aber das gelte aktuell nicht in der Ukraine, zumal wenn es wie beim Song Contest darum gehe, das eigene Land zu vertreten. 

Geht’s vor allem ums Geld?
ESC-Forscher Dean Vuletic betonte, dass unter autoritären Regimen der ESC eine größere Rolle spiele – entweder, indem man die bekannteren Stars schicke, oder hinsichtlich der Ausrichtung. Das habe man 2012 in Aserbaidschan gesehen: Dem Regime war der Wettbewerb aus Imagegründen besonders viel Geld wert. Der ESC sei ohnehin nicht unpolitisch, meinte Irving Wolther: Ein Juror in Aserbaidschan könne natürlich niemals für Armenien einen Punkt vergeben, denn er wisse, was ihm und seiner Familie dann drohen könnte. 

Daraufhin fragte Moderator Tobi Müller, ob die EBU dann sich nicht von ihrer Anti-Politik-Klausel verabschieden sollte. Das verneinte Dean Vuletic: Politik vertreibe mögliche Werbepartner. Ohnehin sah Vuletic den ESC eher kritisch-nüchtern. Es sei bemerkenswert, dass ausgerechnet öffentlich-rechtliche Sender (in denen teils bis heute keine Werbung läuft) eine Veranstaltung durchführten, die derart kommerziell/kommerzialisiert aussehe. Letztlich gehe es halt doch ums Geld. Auch die Darstellung, Australien sei wegen der Historie (europäische Auswanderer) und dem mit Europa geteilten Demokratieverständnis dabei, sei Unsinn. Die EBU wolle ihr Konzept nach Asien verkaufen und setze auf den australischen Sender SBS als Impulsgeber für „Eurovision Asia“, kurzum, es gehe da allein um Profit.

Vuletic kritisierte allerdings die Auftritte von Madonna oder Justin Timberlake beim ESC: Das zerstöre den Charakter des ESC („Madonna hat mit europäischer Identität nichts zu tun“). Damit widersprach er Ruslana, die meinte, die „Teilnahme“ Madonnas lenke den Blick der ganzen Welt auf den ESC und damit auf die Werte Europas.

Zum Schluss fragte Tobi Müller natürlich die drei auf dem Podium nach ihren Favoriten für den Abend. Irving Wolther hoffte auf einen Sieg Italiens. Dean Vuletic sprach sich für Island aus – wegen der provokanten Botschaft, die die Zuschauer über die Zukunft Europas nachdenken lasse. Und Ruslana kam zurück auf ihre Kritik der Vereinheitlichung und ihrer Botschaft der Einzigartigkeit: Als Sängerin achte sie darauf, wer „unique“ sei. Und das sei heute Abend eben Kate Miller-Heidke. Zugleich glaube sie aber, dass wohl Schweden gewinnen werde.

Inzwischen sind wir schlauer. Nicht nur im Hinblick auf Siegertipps und Sieger. Auch die Veranstaltung selbst bot ein paar spannende und neue Einblicke und Ansichten.