Donnerstag, 23. Mai 2019

Kommentar: Das Politische am ESC ist, dass es ihn gibt



Deutschland - In Berlin fand am Tag des ESC-Finales eine Tagung zur Wirkung des Wettbewerbs auf europäische Identität statt – mit Ruslana als Ehrengast. Matthias war für uns dabei. 

Der Eurovision Song Contest soll dem Wunsch der EBU gemäß unpolitisch sein. Das juckte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) aber wenig – sie richtete am Samstag, dem Tag des Grand Final, in Berlin eine Art Konferenz zum ESC aus: „Dare to dream of Europe“ mit der Unterzeile „Eurovision Song Contest als kulturpolitischer Laufsteg Europas“.

Dass Politik bei dem Wettbewerb durchaus eine Rolle spielt, wissen wir Fans natürlich – man muss nur mal an die Berichterstattung rund um den ESC 2012 in Aserbaidschan denken oder an die Debatte um einen ESC-Boykott in diesem Jahr. 

Die Veranstaltung hätte zwar besser besucht sein können (es blieben, vielleicht auch wegen des sonnigen Wetters, viele Stühle leer), dabei war sie gut besetzt. „Dr. Eurovision“ Irving Wolter war extra schon am Samstagmorgen vorab aus Tel Aviv abgereist, um dabei zu sein; Jan Feddersen wurde aus Tel Aviv zugeschaltet. Dazu kamen u.a. Dean Vuletic, der sich auch schon lange wissenschaftlich mit dem ESC (und vor allem dem Verhältnis Ost-West) beschäftigt, Musikwissenschaftler und last but not least: Ruslana herself, die Siegerin des ESC 2004.

Den ESC fürs „nation branding“ nutzen
Irving Wolter zeigte in seinem Auftaktvortrag auf, wie die EBU den Wettbewerb erst seit etwa zehn Jahren mit dem Narrativ auflädt, es gehe beim ESC um Identität und Zugehörigkeit zu Europa – etwa mit Mottos wie „We are one“ und „Come together“. Das sei aber nur vordergründig das Ziel, so Wolther. Die „nationale Identitätsförderung“ ist heute ein Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten, den diese auch als Argument für die Gebührenfinanzierung gegenüber der EU nutzen (sonst könnte die EU in den Gebühren womöglich eine unerlaubte Beihilfe sehen). Die Folge dieses Arguments: Man befrachte den ESC mit Identitätssymbolik. 

Faktisch sei der ESC der Rechtfertigungsgrund der EBU gegenüber der Zuschauerschaft: Der ESC sei im Grunde das einzige Event, dass der Zuschauer zeige, warum es die EBU als öffentlich-rechtlichen Senderverbund gebe. Zugleich nutze die EBU den ESC, um „die private Konkurrenz in die Schranken zu weisen“: Mit einem immer bombastischeren ESC wolle man zeigen, was man technisch alles kann.

Irving Wolther zeigte als Beispiel, wie auch Länder den ESC zur Identitätsbildung („nation branding“) nutzen, den ESC 2005 in Kiew. Der damalige Staatspräsident Juschtschenko überreichte der Siegerin Helena Paparizou einen goldenen Preis, der angelehnt war ein Halsschmuckstück der Skythen, eines Reiternomadenvolks, das mehrere Jahrhunderte vor Christi auf dem Gebiet der Krim lebte. „Die Skythen haben mit den heutigen Ukrainern nichts zu tun“, so Wolther, aber so habe man mit dem Preis nach innen wie nach außen sich eine vorchristliche Geschichte geschaffen (wie Griechen oder Römer), um sich von Russland abzugrenzen, das eine solche Geschichte nicht habe.

Ein Preis also, der die Ukraine in eine westeuropäische Geschichtsschreibung einzubetten und somit an (West-)Europa anzunähern versuchte. Ähnlich habe sich Estland beim ESC 2002 als Teil Skandinaviens dargestellt und jeglichen Bezug zu Osteuropa bzw. zu seiner Geschichte als Teil der Sowjetunion vermieden.

„Die Menschen wollen weinen“
Nach diesem interessanten Vortrag diskutierten auch die Musikwissenschaftlerin Prof. Susanne Binas-Preisendörfer, die Musikbeauftragte Berlins Katja Lucker und Jan Feddersen über die Frage, was eine Unterhaltungsshow mit Identität zu tun hat. Feddersen betonte, dass es gerade Gastgeber Israel immer ein Anliegen war, sich als Teil Europas zu zeigen. Im Hinblick auf die Queer-Repräsentation (etwa Dana International, jüngst Netta) sagte Jan: „Die Diversität ergibt sich bloß – der ESC wurde nicht dazu geschaffen, Diversität zu feiern.“ Und: „Das Politische am ESC ist, dass es ihn gibt.“

Anhand von ZENAs Semifinalauftritt zeigte Binas-Preisendörfer, wie Belarus seine gewählte Identität nach außen zeigen will. In Belarus werde derzeit die Frage diskutiert, ob man sich eher in Richtung Russland oder Richtung Westen orientieren will. ZENA gebe mit „Like It“ die Antwort: Der global erfolgreiche Reggaeton-Beat und eine Britney-Spears-Optik präsentiere Belarus als Teil des Westens. Lucker ergänzte, sie halte „Like It“ für einen flotten Popsong – und es sei doch schlimm, wenn man hören wollen würde, dass eine Weißrussin auch nach Weißrussland klingt. 

Binas-Preisendörfer erklärte den anhaltenden Erfolg des ESC damit, dass die Menschen nach außeralltäglichen Ereignissen suchten, die aber mit ihren Leben irgendetwas zu tun hätten – und Dinge wie Wettkampf, Sieg/Niederlage wären dafür ein guter Ankerpunkt. Lucker meinte, es liege vor allem an den Emotionen, die die Show auslöse: „Die Menschen wollen weinen.“ Feddersen betonte das demokratische Format. Und es sei eben ein Abend, an dem man sich mal mit den anderen Ländern beschäftigen müsse.

Ruslana wirbt für grüne Energie
Das zweite Podium über den ESC und Kulturpolitik war vor allem von Ruslana geprägt, die in den meisten Fällen zwar die Frage des Moderators Tobi Müller nicht beantwortete, aber dafür auch unterhaltsam war. Ihr Lieblingsthema war „green renewable energy“ – gegen Ende der Diskussion kam sie gar auf Greta Thunberg zu sprechen.

Die Zukunft Europas, gerade auch ökologisch, war Ruslana offenkundig das wichtigste Anliegen. „Ich könnte jetzt auch in Tel Aviv sein und dort singen und auftreten“, aber dort sei ja nur Party – daher sei sie heute nach Berlin gekommen, weil sie dort ihre Botschaft besser verbreiten könne. Daher auch ihre Botschaft an den Gewinner 2019, der zu dem Zeitpunkt noch nicht feststand: „Wenn du heute Abend gewinnst, dann nutze deine Stimme für eine gute Sache.“ 

Ruslana sprach sich hinsichtlich des Wettbewerbs gegen Vereinheitlichung aus: Die Künstler sollten nicht vergessen, dass sie ihr Land promoten, und dieses sei nun mal einzigartig. Natürlich wurde Ruslana zum Fall Maruv gefragt. Sie wich da aber eher aus. Sie bedauerte, dass die Ukraine in Tel Aviv nicht dabei ist. „Entertainment ist Entertainment“, aber das gelte aktuell nicht in der Ukraine, zumal wenn es wie beim Song Contest darum gehe, das eigene Land zu vertreten. 

Geht’s vor allem ums Geld?
ESC-Forscher Dean Vuletic betonte, dass unter autoritären Regimen der ESC eine größere Rolle spiele – entweder, indem man die bekannteren Stars schicke, oder hinsichtlich der Ausrichtung. Das habe man 2012 in Aserbaidschan gesehen: Dem Regime war der Wettbewerb aus Imagegründen besonders viel Geld wert. Der ESC sei ohnehin nicht unpolitisch, meinte Irving Wolther: Ein Juror in Aserbaidschan könne natürlich niemals für Armenien einen Punkt vergeben, denn er wisse, was ihm und seiner Familie dann drohen könnte. 

Daraufhin fragte Moderator Tobi Müller, ob die EBU dann sich nicht von ihrer Anti-Politik-Klausel verabschieden sollte. Das verneinte Dean Vuletic: Politik vertreibe mögliche Werbepartner. Ohnehin sah Vuletic den ESC eher kritisch-nüchtern. Es sei bemerkenswert, dass ausgerechnet öffentlich-rechtliche Sender (in denen teils bis heute keine Werbung läuft) eine Veranstaltung durchführten, die derart kommerziell/kommerzialisiert aussehe. Letztlich gehe es halt doch ums Geld. Auch die Darstellung, Australien sei wegen der Historie (europäische Auswanderer) und dem mit Europa geteilten Demokratieverständnis dabei, sei Unsinn. Die EBU wolle ihr Konzept nach Asien verkaufen und setze auf den australischen Sender SBS als Impulsgeber für „Eurovision Asia“, kurzum, es gehe da allein um Profit.

Vuletic kritisierte allerdings die Auftritte von Madonna oder Justin Timberlake beim ESC: Das zerstöre den Charakter des ESC („Madonna hat mit europäischer Identität nichts zu tun“). Damit widersprach er Ruslana, die meinte, die „Teilnahme“ Madonnas lenke den Blick der ganzen Welt auf den ESC und damit auf die Werte Europas.

Zum Schluss fragte Tobi Müller natürlich die drei auf dem Podium nach ihren Favoriten für den Abend. Irving Wolther hoffte auf einen Sieg Italiens. Dean Vuletic sprach sich für Island aus – wegen der provokanten Botschaft, die die Zuschauer über die Zukunft Europas nachdenken lasse. Und Ruslana kam zurück auf ihre Kritik der Vereinheitlichung und ihrer Botschaft der Einzigartigkeit: Als Sängerin achte sie darauf, wer „unique“ sei. Und das sei heute Abend eben Kate Miller-Heidke. Zugleich glaube sie aber, dass wohl Schweden gewinnen werde.

Inzwischen sind wir schlauer. Nicht nur im Hinblick auf Siegertipps und Sieger. Auch die Veranstaltung selbst bot ein paar spannende und neue Einblicke und Ansichten. 


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