Dienstag, 19. Februar 2019

Kommentar: Der ESC - bald nur noch für Gutbetuchte?



Ein Kommentar von Matthias Breitinger

Da werden die Fans heute Mittag ziemlich geschluckt haben, als der israelische Sender KAN die Ticketpreise für den Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv veröffentlicht hat. Wer das Finale am Samstagabend live in der Halle verfolgen möchte, muss mindestens 280 Euro berappen. Für diese Summe bekam man voriges Jahr fast schon das teuerste Ticket.

Den Stehplatz vor der Bühne in Tel Aviv (Golden Ring) gibt’s für 366 Euro. Auch die Halbfinaltickets beginnen mit 183 Euro nicht gerade günstig. Fans, die im Golden Ring alle drei Liveshows verfolgen wollen, sind mal eben 926 Euro los. In den Paketen war früher auch jeweils das Juryfinale am Vorabend dabei. Das macht dann für den Golden-Ring-Platz die Gesamtsumme von 1.644 Euro.

So teuer war bisher kein ESC vor Ort. Der Song Contest wird ein Event für gutbetuchte Fans.

Nicht umsonst sehen Ökonomen Monopole kritisch. Wenn jemand eine Sache als einziger anbietet, besteht das Risiko, dass die anderen übertrieben viel dafür bezahlen. Sofern der fragliche Gegenstand nicht lebensnotwendig ist, lässt sich der Preis natürlich nicht bis ins Astronomische anheben – dann springen irgendwann die Kunden ab: „So unbedingt brauche ich das nun auch nicht.

Diese Wahl haben auch ESC-Fans grundsätzlich, und darum sollten die Veranstalter – also in erster Linie die EBU mit dem jeweiligen nationalen Broadcaster – den Bogen auch tunlichst nicht überspannen. Der eine oder andere wird sich die Reise nach Israel nun vielleicht doch noch mal überlegen. Aber die Preise kamen relativ spät in die Öffentlichkeit, so dass die Organisatoren berechtigte Hoffnungen haben können, dass jetzt nicht eine gewaltige Cancel-Flut auf Unterkünfte und Flüge zukommt.

Eine eigentlich unverschämte Taktik, darauf zu vertrauen, dass Fans sagen: „Jetzt hab ich eh schon gebucht, dann will ich das Ding auch in der Halle sehen.“ Man will wohl austesten, wo für die ESC-Fans die Schmerzgrenze liegt. Bei so manchem wird die Begeisterung über das Event und die Stimmung vor Ort so riesig sein, dass er auch einen Tausender zu geben bereit ist. Doch schon die Tickets für Lissabon waren nicht wirklich günstig. Nun ist wirklich das Ende der Fahnenstange erreicht. Die EBU sollte nicht vergessen, dass sie auch von den Fans abhängt: Die schönen Bilder feiernder ESC-Anhänger mit wehenden Flaggen gibt’s eben nur, wenn die Halle voll ist. Also genügend Leute bereit sind, die hohen Ticketpreise zu zahlen.

Für Tel Aviv dürfte das angesichts der vergleichsweise geringen Kapazitäten kein Problem sein. Aber in den nächsten Jahren könnte das schon wieder anders aussehen. Events wie der ESC sollten also für Fans mit normal dickem Geldbeutel bezahlbar bleiben. Es wäre schade, wenn sich künftig nur noch Zahlungskräftige den Besuch vor Ort leisten könnten. Denn das liefe auch dem völkerverbindenden Gedanken des Events entgegen. Schon in früheren Jahren entdeckte man vor Ort kaum Fans aus Moldawien, Bulgarien oder der Ukraine. Es wäre schade, wenn das Liveerlebnis künftig nur noch was für die reicheren Nord- und Mitteleuropäer wäre.

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