Donnerstag, 17. Januar 2019

Kommentar: Ein Marathon durch's musikalische Baltikum



Litauen - Es gibt im Kosmos des Eurovision Song Contests sicherlich wesentlich interessantere Themen als den litauischen Vorentscheid "Eurovizijos", der sich Jahr für Jahr aufgrund seiner zähen Auswahlshows und der Vielzahl an Ausgaben meine bösen Kommentare anhören muss. Dennoch bietet der Vorentscheid Diskussionspotenzial und damit greife ich einen Kommentar von Jannis auf, der sich fragt, worin der Sinn einer Show liegt, deren Ergebnisse schon im Vorfeld sichtbar sind.

Zumindest die Jurywertungen der einzelnen Shows sind bereits vor der Ausstrahlung bekannt. Der Grund hierfür liegt im Konzept des Senders LRT, der die Sendungen nicht live ausstrahlt, wie dies bei den meisten europäischen Rundfunkanstalten der Fall ist, sondern schon im Vorfeld produziert. Dennoch kann man hier nicht unbedingt von "spoilern" sprechen, da die Punkte der Juroren immerhin von offizieller Seite publik gemacht werden und nicht, wie so manch ein intern gewählter Eurovisionsbeitrag, von Facebook-Usern oder anderen Fans geleaked werden.

LRT fährt seit Jahren sehr erfolgreich mit diesem Prozedere, erreicht stattliche Quoten und hat in der Vergangenheit sogar zusätzliche Runden eingeführt, um lange vom Erfolg der Show zu zehren. Am Samstag wird nun die zweite Vorrunde gezeigt, in der eine gewisse Justina Budaitė-Juna die Juroren am meisten überzeugen konnte. Die Zuschauer können dieses Ergebnis somit indirekt kippen, indem sie ihren eigenen Favoriten pushen. Somit stellen die Zuschauer ein Korrektiv zu den Juroren dar, sofern sie mit deren Entscheidung nicht einverstanden sind.

Vom Publikum ausgebremst:
Gebrasy wurde Siebter
Zwar sind sowohl die Juroren als auch die Zuschauer gleichberechtigt und machen jeweils 50% der Stimmen aus, es ist allerdings möglich, dass sie von den Juroren bevorzugte Kandidaten mit wenigen Anrufen bzw. Stimmen abwerten und sie möglicherweise sogar aus dem Wettbewerb kegeln. So geschehen z.B. in der ersten Vorrunde, als Gebrasy acht Punkte von den Juroren erhielt, "Acceptance" bei den Zuschauern allerdings nur einen Punkt bekam und somit auf Platz sieben landete und ausschied. Ob dieses Konzept nun eine ultimative Lösung ist, sei dahingestellt, auf jeden Fall ist sie transparenter als manch andere Liveshow in Europa.

Wie oft haben wir in den letzten Jahren über die Juroren geschimpft, die manch einen Kandidaten nach dem abgeschlossenen Televoting abgewertet haben und er somit nicht weiterkam bzw. nicht zur Eurovision fahren durfte. Vielleicht ist "Eurovizijos" zu langatmig, als das man dafür Enthusiasmus entwickeln kann, dafür nimmt die Show aber eine Vorreiterrolle aufgrund dieses Modus ein. Was dabei fehlt ist Spontanität, schließlich kommt die Ausstrahlung verzögert aus der Konserve. Und obwohl die zweite Show noch nicht einmal von LRT gezeigt wurde, liegen schon die Juryergebnisse aus der dritten Vorrunde vor.

Das Juryvoting der dritten Show von "Eurovizijos":
01. - 012 - Jurijus - Run with the lions
02. - 010 - Monika Marija - Criminal
03. - 008 - Cheri - Again
03. - 008 - Jurgis Did & Erica Jennings - Sing
05. - 006 - Antikvariniai Kašpirovskio Dantys - Mažulė
06. - 005 - Jurgis Brūzga - Ctrl + Alt + Delete
07. - 004 - Dagna - The rush
08. - 003 - Sofija Eitutytė - My 7th life
09. - 002 - Voldemars Petersons - Dancing with the stars
10. - 002 - Kali - Don't Bзlong
11. - 000 - Laimingu Būti Lengva - Pasaulio vidury
11. - 000 - La Forza - Leisk tave paguosti
11. - 000 - Grupa 120 - No doubt

Addiert und in Punkte umgewandelt werden die Zuschauerstimmen am 26. Januar, wenn LRT die Show ausstrahlt. Bevor dies soweit ist, wird die vierte Show bereits aufgenommen worden sein. Gemessen an der Zahl der vorgetragenen Beiträge darf sich der litauische Eurovisionsfan nicht über mangelnde Auswahl beschweren, da nahezu jeder Bewerber auch antreten darf. Aus über 50 Einsendungen, Monika Marija sogar mir zwei Songs, dürfte etwas Gescheites für Tel Aviv dabei sein. Bis zum Finale am 23. Februar ist es aber noch ein weiter Weg.

Ovidijus Vyšniauskas wurde
Osteuropas erster Nil Pointer
Seine Komplexität nahm der litauische Vorentscheid übrigens über die Jahre hinweg an. Während es 1994, beim Debüt des Landes in Dublin, noch keinen Vorentscheid gab, standen vier Jahre später bereits zwölf Interpreten zur Auswahl. Bereits damals bewarben sich Dauerkandidaten wie Aistė Pilvelytė oder Rūta Ščiogolevaitė um das Ticket für Jerusalem. 2004 fanden erstmals Semifinals statt, sechs an der Zahl, ein Jahr später waren es gar sieben Sendungen. 2006, im Jahr als LT United das bisher beste Ergebnis des baltischen Landes einfuhren, gab es erstmals drei Vorrunden, ein Viertelfinale, drei Semifinals und am Ende eine Finalshow mit 16 Interpreten.

2007 folgte das bis dahin komplexeste Konzept. Nach Ampelfarben benannt wurden drei Vorrunden nach dem Bekanntheitsgrad der Interpreten veranstaltet. In der ersten Vorrunde traten zwölf Newcomer auf, von denen vier ein Semifinalticket lösen konnten. In der Kategorie "Gelb" traten halbprominente Interpreten an, von denen sieben das Semifinale erreichten und in der "Established"-Kategorie flogen von zehn Kandidaten nur zwei raus. Auch hier folgten zwei Semifinals und am Ende die Wahl aus elf Finalisten, bei denen sich die Gruppe 4Fun u.a. wieder gegen Aistė Pilvelytė oder Rūta Ščiogolevaitė behaupten konnte.

Aus Konkurrenten wurden
"Liebende": Monika und Vaidas
Seit 2014 hört der Vorentscheid mit seinen diversen Vorrunden und Semifinals nun auf den Namen "Eurovizijos dainų konkurso nacionalinė atranka" und inkludierte verschiedene Modi, in den Anfängen sangen die Interpreten wöchentlich wechselnd verschiedene Beiträge, am Ende dieses ungelenken Mechanismus stand Vilija Matačiūnaitė mit "Attention" als Siegerin fest. 2015 verbündeten sich Monika Linkytė und Vaidas Baumila, die bis dahin Konkurrenten waren, im Finale gegen die Sängerin Mia, das Lied wurde unabhängig von den Interpreten eine Woche zuvor ermittelt. Seit 2016 gilt das heutige Prinzip, bei dem jeder Interpret sein eigenes Lied singen darf und auch behält.

Auch wenn die Platzierungen beim Eurovision Song Contest für Litauen bisher keine nennenswerten Erfolge brachten, abgesehen vielleicht vom Überraschungserfolg der skurrilen Formation LT United, die sich in Athen selbst als Gewinner der Eurovision feierten, so kann man LRT nicht vorwerfen, dass man nicht regelmäßig versucht neue Wege zu gehen. Die Fülle der Shows könnte man sicherlich etwas straffen, um sie für Eurovisionsfans attraktiver zu gestalten, am Ende zählt aber immerhin das Interesse der Litauer selbst und solange diese das Format abnehmen, braucht es auch keinerlei Veränderungen. Wer weiß, was die litauischen Song Contest-Fans über unseren jährlich wechselnden Modus für die Eurovision denken.

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