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Dienstag, 20. Mai 2025

Kommentar: Über die Moral von Außenwerbung


Europa
- Seitdem ich den Eurovision Song Contest nicht nur verfolge, sondern auch darüber schreibe, gab es im Nachgang immer wieder Diskussionen und Debatten über die politische Note im Wettbewerb. Bei einem Wettbewerb, bei dem verschiedene Rundfunkanstalten Europas mit ihren entsprechenden Flaggen antreten lässt sich Politik von vorn herein nicht gänzlich abschalten. Und das wäre in dieser Form vermutlich auch gar nicht so schlimm, wenn es nicht immer wieder besondere Ausreißer gäbe. 

Ob es nun die Anweisung Francos war, dass "La la la" 1969 auf Spanisch statt auf Katalanisch gesungen werden musste, ob Georgien ein Lied namens "We don't wanna put in" zum Song Contest schicken darf oder nicht oder auch die BILD-Schlagzeile "Warum hat uns Europa nicht mehr lieb?" vor einigen Jahren, so etwas gehört seit Anbeginn der Veranstaltung dazu. In den wenigsten Fällen gingen Debatten über Politik aber in die nächste Runde. Seit einigen Jahren kann man aber, selbst als Song Contest-Ultra, eine zunehmende Politisierung des Wettbewerbs wahrnehmen. Was schade ist, denn der Song Contest sollte mehr sein.

Zunächst bleibt der Wettbewerb eine Veranstaltung in der verschiedene Rundfunkanstalten antreten. Da tritt nicht das Vereinigte Königreich gegen Albanien an sondern tatsächlich die BBC gegen RTSH. Aus diesem Grund ist Liechtenstein eben bis heute nicht präsent gewesen, es gibt keine TV-Anstalt. Natürlich steht auf dem Deckel "Vereinigtes Königreich" oder "Albanien", die Verantwortlichkeit liegt aber dennoch bei den Anstalten. Das hat sich nie geändert und natürlich neigen wir dazu, davon zu sprechen, dass Künstler XY sein Land repräsentiert.

Das ist auch völlig legitim, die Grenzen sind fließend und der Wettbewerb war auch nie frei von äußeren Einflüssen. Nun hat dieses Konzept Eurovision Song Contest aber eine neue Dimension bei staatlicher Einflussnahme erreicht und dabei geht es vor allem um Außenwerbung. Wenn man in Sozialen Netzwerken darüber schreibt, dass man Klavdia gut findet und man sich über Unterstützung für den griechischen Beitrag freuen würde oder die Sängerin selbst auf Support hofft, ist das immer noch etwas anderes, als wenn gezielt Agenturen, die auch für den jeweiligen Staat agieren, Werbung schalten.

Mit diesem Fall hat sich nun mittlerweile auch Eurovision News Spotlight beschäftigt. In einem ellenlangen Beitrag wird darüber gesprochen und analysiert, dass die Israeli Government Advertising Agency, eine Werbeagentur, die im Auftrag der israelischen Regierung PR im Ausland betreibt und massiv für den diesjährigen Beitrag von Yuval Raphael geworben hat. In kleinen Clips, die zwischen dem 6. und 16. Mai auf verschiedenen Plattformen gezeigt wurden, wurde auch darauf hingewiesen, dass bis zu 20x für den Beitrag abgestimmt werden kann.

Selbst auf der entsprechenden Seite heißt es: "Obwohl Werbung für den Beitrag eines Landes erlaubt ist, haben Nutzer sozialer Medien Bedenken geäußert, dass diese Aktionen dem Geist des Wettbewerbs zuwiderlaufen könnten, da sie den Abstimmungsprozess potenziell politisieren oder instrumentalisieren." In eben diesen Clips wendet sich Yuval Raphael direkt in diversen Landessprachen den Zuschauern zu und bittet um Unterstützung. Die Künstlerin selbst ist somit in den Prozess eingebunden gewesen. Mit Open Source-Tools wurde festgestellt, dass keine KI in den Prozess involviert ist. Eine Verlinkung führte dann zu www.esc.vote.

Der entsprechende Kanal kann zwar nicht unmittelbar mit der israelischen Regierung in Verbindung gebracht werden, dass jedoch eine für eben jene tätige Werbeagentur entsprechende Clips in Heavy Rotation platziert wirft natürlich dennoch Fragen auf. Insofern stellt sich tatsächlich die berechtigte Frage, welche Maßnahmen zur Bewerbung eines Beitrags ergriffen werden dürfen, insbesondere da es den Anschein macht, dass der für Israel zuständige Rundfunk KAN von dieser Aktion keinerlei Kenntnis hatte und keine Aktien in deren Veröffentlichung hatte. 

Bei Eurovision News Spotlight wird dennoch festgestellt: "Trotz der Spekulationen in den sozialen Medien über die öffentliche Abstimmung gibt es keine Hinweise auf Probleme oder Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Ergebnis.", Song Contest-Direktor Martin Green erklärte ebenfalls, dass der unabhängige Votingpartner Once die Wertungsergebnisse verifizieren kann. Er fügt hinzu: "Die Regeln des Eurovision Song Contests sollen einen fairen und neutralen Wettbewerb gewährleisten. Sie verbieten teilnehmenden Sendern oder Dritten wie Plattenfirmen nicht, ihre Beiträge online und anderswo zu bewerben, solange diese Werbung den Wettbewerb nicht instrumentalisiert oder gegen die redaktionellen Richtlinien verstößt."

Diverse Delegationen nutzen bezahlte Werbekampagnen für ihre Beiträge, nur eben nicht in dieser exzessiven Form. Und auch wenn man offenbar nicht gegen geltene Richtlinien verstoßen hat, so ist es dennoch mehr als fragwürdig, ob diese Form von Marketing moralisch vertretbar ist oder über das Ziel hinausschießt, insbesondere in Hinblick auf die sowieso schon aufgeheizte Situation rund um Israel und den Gazastreifen. Schon immer hat es Imagekampagnen gegeben, nicht zuletzt in Ländern wie Aserbaidschan, bei dem die vermeintliche Lupenreinheit im Land durch Hochglanzvideos und "Welcome to Azerbaijan"-Kampagnen beworben wurde.

Trotzdem stellen sich auch Fans mittlerweile die Frage, wo die Grenzen dessen liegen, um einen Beitrag bzw. ein Land beim Eurovision Song Contest attraktiv zu bewerben. Mit Aktionen wie diesen wird nicht nur der Eurovision Song Contest immer wieder zur Zielscheibe für politische Diskussionen von Sofaexperten, die nur am Tag vor und nach dem Song Contest aktiv darüber herziehen, dass es nicht mehr der klassische Grand Prix war. Den "früher war alles besser ESC" hat es ohnehin nie gegeben, man tut dem Wettbewerb mit Aktionen wie diesen jedoch trotzdem keinen Gefallen und zerstört die grundlegenden Werte für die der Wettbewerb steht.

Mehrere TV-Anstalten, darunter in Spanien, Belgien oder auch in Nordeuropa fordern daher absolute Transparenz und die Offenlegung der Wertungszahlen. So ehrenhaft dieses Ansinnen auch sein mag, einen konkreten Nutzen können sie daraus nicht ziehen, oberflächlich bleiben die Wertungszahlen legitim. Fakt ist aber auch, dass sich Israel in Zeiten, in denen es sowieso stark polarisiert, mit solchen exzessiven Maßnahmen keinen Gefallen tut und der Eurovision Song Contest damit in ein schlechtes Licht gerückt wird, weshalb ich den Unmut vieler nachvollziehen kann, die einfach nur auf den einenden Charakter verweisen und eben auch nur diesen erleben möchten.

Ich möchte keine Partei für A, B oder C ergreifen, dafür ist diese gesamte Problematik viel zu komplex, aber auch die Europäische Rundfunkunion muss sich die Frage stellen, wie sie ihren Wettbewerb, der trotz allem Jahr für Jahr für kulturellen Austausch, Spannung und Unterhaltung steht und Millionen interessierter Zuschauer verbindet, aus hochpolitischen Debatten herausziehen kann. Das war noch nie einfach und wird auch nicht von jetzt auf gleich funktionieren, aber man sollte zumindest die Signale hören und auf den konstruktiven Austausch mit seinen Mitgliedern reagieren...

Mittwoch, 14. Mai 2025

Kommentar: Meine Prognose für Halbfinale zwei


Europa
- Der Eurovision Song Contest ist und bleibt unberechenbar, das hat das gestrige Halbfinale wieder einmal bewiesen. Sicher geglaubte Finalanwärter sind auf der Strecke geblieben, dafür haben sich die zurückgenommenen Portugiesen qualifiziert. Ob ihr Vorteil war, dass sie einen ruhigen fast schon empirischen Beitrag ohne große Inszenierungen hatten, der nicht wie aus einem Musikvideo stammend, aussieht bleibt offen. Fakt ist, dass Portugal schon so manches Mal beim Song Contest überrascht hat.

Und eben solche Ereignisse machen es für das zweite Halbfinale nicht unbedingt leichter, sich auf zehn Beiträge festzulegen, die sich die verbliebenen zehn Startplätze unter den Nagel reißen. Man könnte jetzt wieder mit den Wettquoten anfangen, aber das hat schon im ersten Halbfinale nur bedingt funktioniert. Insofern lege ich mich jetzt mal auf Basis meines Bauchgefühls fest, welche zehn den Sprung in die Endrunde schaffen werden. Dabei ist natürlich auch wieder mindestens ein Beitrag, dem ich aus persönlichen Gründen die Daumen halte.

Meine Prognose für das morgige Halbfinale (alphabetisch sortiert):
-Australien - Go-Jo - Milkshake man
-Finnland - Erika Vikman - Ich komme
-Griechenland - Klavdia - Asteromáta
-Irland - Emmy - Laika party
-Israel - Yuval Raphael - New day will rise
-Lettland - Tautumeitas - Bur man laimi
-Malta - Miriana Conte - Serving
-Österreich -  JJ - Wasted love
-Serbien - Princ - Mila
-Tschechien - Adonxs - Kiss Kiss Goodbye

Würde es nach eben angesprochenen Buchmachern gehen, dann würden Finnland, Israel und Österreich mit einer Wahrscheinlichkeit von 94% ins Finale einziehen, dahinter Malta, Australien und Tschechien. Die erste Abweichung ergibt sich bei Litauen, ich kann mir irgendwie nicht so recht vorstellen, dass diese Art von Musik das breite Spektrum der Zuschauer zum Anrufen motiviert, dann schon eher den Ethnobeitrag aus Lettland, der momentan auf Platz zwölf rangiert. Auch Luxemburg, so niedlich ich es finde, dürfte es meiner Meinung nach schwer haben.

Auf dem zehnten Platz der Quoten liegt aktuell Serbien mit 50%, ähnlich wie Emmy aus Irland mit ebenfalls 50%. Weiterhin hinten dümpeln auf den Nicht-Qualifikationsplätzen Armenien bei 42%, Dänemark bei 39% und weit abgeschlagen Georgien mit 12% und Montenegro mit 11%. Insbesondere bei "Freedom" habe ich keine Zweifel, dass es im Halbfinale kleben bleibt, genauso wenig wie bei der generischen Popnummer von Sissal aus Dänemark. Zudem erklärte die Sängerin heute auch noch, dass sie sich in den letzten Wochen eine schwere Erkältung eingefangen hat, die sich auf ihre Stimmbänder ausgewirkt hat.

Aber zurück zum Halbfinale morgen Abend... ich denke, dass diese Show dennoch noch weniger kalkulierbar sein wird als die erste Show, faktisch könnten die meisten Beiträge, je nach Tagesform und wie der Wind steht, den Sprung in die Endrunde schaffen. Besonders halte ich Australien und Irland die Daumen, auch Malta hat sich in den letzten Tagen und Wochen recht gut platziert, Serbien rechte ich ob des Genres Außenseiterchancen ein. Wie auch immer, wir können erneut gespannt sein, was uns Europa da morgen Abend auftischt.

Montag, 12. Mai 2025

Kommentar: Meine Prognose für Halbfinale eins


Europa
- In knapp 24 Stunden findet in der St. Jakobhalle das erste Halbfinale statt, heute Abend wird das Juryfinale ausgerichtet, bei dem die Backup-Juroren ihre Wertungen treffen. Falls morgen Abend in einem Land das Zuschauervoting ausfällt oder für ungültig erklärt wird, kommt jene Wertung zum Tragen. Zehn Acts qualifizieren sich für das Finale am Samstag. Wenn man nach den aktuellen Wettquoten geht, sollte es zumindest für Schweden, Estland, die Ukraine, die Niederlande, Albanien und Zypern keine allzu große Hürde sein, sich zu qualifizieren.

Die aktuellen Top Ten komplettierten nach derzeitigem Stand Norwegen, Polen, Belgien und San Marino, wenngleich zwischen Red Sebastian und Gabry Ponte bereits ein enormer Unterschied liegt (77% Chance für Belgien, 49% für San Marino). Dahinter befindet sich aktuell Slowenien mit 48% in Lauerstellung. Abgeschlagen mit jeweils 16% liegen Portugal und Kroatien ganz hinten. Das führt uns zu meiner persönlichen Einschätzung anhand der veröffentlichten Bilder und Probenclips, eine Prognose für den morgigen Abend anzustellen.

Meine Prognose für das morgige Halbfinale (alphabetisch sortiert):
-Albanien - Shkodra Elektronike - Zjerm
-Aserbaidschan - Mamagama - Run with u
-Belgien - Red Sebastian - Strobe lights
-Estland - Tommy Cash - Espresso Macchiato
-Niederlande - Claude Kiambo - C'est la vie
-Polen - Justyna Steczkowska - Gaja
-San Marino - Gabry Ponte - Tutta l'Italia
-Schweden - KAJ - Bara bada bastu
-Ukraine - Ziferblat - Bird of pray
-Zypern - Theo Evan - Shh

Größtenteils deckt sich die Meinung der Buchmacher mit meiner subjektiven Einschätzung, lediglich bei Norwegen und Zypern bin ich mir nach wie vor unschlüssig. Ein wenig habe ich die Befürchtung, dass sich beide Beiträge ein wenig kannibalisieren und einer davon auf der Strecke bleibt, während ich die doch recht ansehnliche Darbietung aus Aserbaidschan gern im Finale am Samstag wiedersehen möchte. Vor den Proben hatte ich auch Island noch auf dem Zettel, nachdem ich jedoch den Clip der Probe gehört habe, bin ich davon überzeugt, dass die beiden Jungs aus Island mangels getroffener Töne nicht erneut auftreten werden.

Definitiv im Aus sehe ich ebenfalls Portugal und Kroatien. Im Fall von Portugal ist es einfach eine unauffällige Darbietung, die man auch in einem Fahrstuhl laufen lassen könnte, wenngleich ich diesem Beitrag keineswegs die Qualität absprechen möchte. Bei Kroatien vermute ich, dass hier zu viel gewollt wurde und die Zuschauer einfach Besseres finden werden, zumal es aus dem ehemaligen Jugoslawien nur aus Slowenien Schützenhilfe geben würde. Bei Slowenien hängt es von der Performance und der Stimmung in europäischen Wohnzimmern ab, ob es ein Wiedersehen am Samstag gibt.

So oder so, wir können gespannt auf den morgigen Abend sein. Alle notwendigen Informationen rund um das erste Halbfinale geht wie üblich in einem separaten Posting um Mitternacht online. Die Ergebnisse und eine erste Blitzanalyse folgen unmittelbar nach dem Ende der Liveshow. Schon jetzt wünsche ich eine fröhliche Eurovisionswoche, die mit Sicherheit wieder für Überraschungen und Kurzweil sorgen wird und hoffentlich weniger von Politik und Stimmungsmache geprägt sein wird, als dies 2024 in Malmö der Fall war.

Montag, 7. April 2025

Kommentar: Ein Fürstentum ohne Sprachrohr


Liechtenstein
- Am Donnerstagabend ging ein Stückchen Mediengeschichte zu Ende. Im kleinen Fürstentum Liechtenstein wurde der Sendebetrieb von Radio Liechtenstein, dem einzigen öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogramm im Land eingestellt. Vorangegangen war eine Volksabstimmung, die von der Kleinpartei Demokraten pro Liechtenstein initiiert wurde, die sich daran störte, dass der Sender einen Großteil der öffentlichen Medienförderungsgelder erhielt. Mit 55,4% wurde dieser Entscheid angenommen. Eine Privatisierung wurde angekündigt.

Das letzte Logo von
Radio Liechtenstein
Letztlich hat sich jedoch kein Investor gefunden, der den Sender übernehmen wollte, am 3. April um 18 Uhr verabschiedeten sich die Moderatoren mit hörbarer Wehmut und Tränen in den Augen von ihrer treuen Zuhörerschaft nach 30 Jahren. Nach dem Titel "The show must go on" von Queen verstummte auf der Frequenz das einzige Medium, das Kulturschaffenden im Land eine akustische Präsentationsfläche bot. Fortan müssen Verkehrsfunk, Ansprachen des Fürsten, lokale Diskussionen und ein Programm an Reportagen, Gesprächen und Musik des Landes aus anderen Quellen bezogen werden.

Am selben Tag noch versuchte die DpL mit einem Nachtragskredit einen temporären Sendebetrieb aufrecht zu erhalten, doch dies kam zu spät und hätte laut der Regierungsparteien Vaterländische Union und Fortschrittliche Bürgerpartei für Verunsicherung gesorgt. Somit endete der seit 1995 betriebene Rundfunkbetrieb im Fürstentum abrupt und unehrenhaft. Auf der Website des Senders laufen seither in Endlosschleife vereinzelte Songs mit Abschiedsworten der Moderatoren und Journalisten, die für Radio Liechtenstein tätig waren.

Hans-Adam II. muss seine
Reden nun über andere
Kanäle verbreiten
Gerade dieser Sender hatte sich zuletzt darum bemüht, über die Landesgrenzen hinaus aktiv zu sein und lotete eine mögliche Mitgliedschaft in der Europäischen Rundfunkunion aus, nicht nur um auch die Chance zu haben am Eurovision Song Contest teilzunehmen, wäre eine Kooperation mit dem TV-Sender 1FLTV zustande gekommen. Als öffentlich-rechtliche Anstalt hätte Radio Liechtenstein zumindest die Mitgliedskriterien erfüllt. Nunmehr existiert kein ÖR im Land, was zugleich internationale Beachtung fand. "Mit der Abschaltung endet ein bedeutendes Kapitel der Medienlandschaft Liechtensteins", heißt es auf der Website des Radiosenders.

Liechtenstein ist dabei ein aktuelles Beispiel von verunglücktem Aktionismus, zu Lasten eines unabhängigen und öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der mittlerweile viele europäische Länder betrifft. Seit Jahren berichten wir über den Zwiespalt in dem sich der bosnische Rundfunk BHRT befindet, wo sich die Föderation Bosnien und Herzegowina und die Republika Srpska nicht auf eine Grundlage zum Gebühreneinzug verständigen können oder auch die Kürzung von Geldern in diversen anderen Ländern. Während es in Bosnien-Herzegowina zumindest regional noch einen ÖR gibt, ist die Geschichte in Liechtenstein mittelfristig beendet.

Glücklicherweise zählt der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland zu den weltweit größten nicht-kommerziellen Rundfunkprogrammen, wenngleich auch hier immer wieder der Rotstift angesetzt wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik nach dem Vorbild der britischen BBC mit dem Aufbau des Nordwestdeutschen Rundfunks begonnen. Am 9. Juni 1950 wurde die ARD aus dem NWDR sowie den anderen Landesrundfunkanstalten des BR, HR, SDR, SWF und Radio Bremen gegründet, assoziiertes Mitglied war RIAS Berlin, der Hörfunk im Amerikanischen Sektor der Stadt Berlin. Letzterer spielte in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle, richtete sich sein Programm nicht zuletzt auch an die Bevölkerung in der DDR, die dereinst in Formaten wie dem Hans Rosenthal-Quiz "Allein gegen alle" immer wieder als Mitteldeutschland betitelt wurde. 

Ein Berliner Original mit
enormen Verdiensten im
Rundfunk: Hans Rosenthal
Jenes Hörspielquiz, in dem ein Kandidat mit verzwickten Fragen Bürgermeister zur Verzweiflung brachte und Außenreporter wie Felix Knemöller Pionierarbeit für die spätere "Wetten dass..?"-Stadtwette leisteten. Eben jener Hans Rosenthal avancierte später zu einem der bekanntesten Moderatoren und machte sich mit Shows wie "Dalli Dalli" oder eben jenen Hörfunksendungen einen Namen. Am vergangenen Mittwoch wäre er 100 Jahre alt geworden. Im Zuge der Wiedervereinigung wurde RIAS Berlin in seiner ursprünglichen Bestimmung obsolet und ging später im Deutschlandradio auf. 
RIAS hat zu Zeiten des Kalten Krieges eine wichtige Rolle erfüllt, analog zu den Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland. 

Eigenmotto: "Eine freie
Stimme der freien Welt
"
RIAS Berlin
So hatten die Bewohner der ehemaligen DDR, wenngleich von der sozialistischen SED-Diktatur nicht toleriert, die Möglichkeit ein freies Medium zu hören. Das Hören und Sehen von westlichen Medien konnte zu ernsthaften Konsequenzen führen, etwa dem Verlust des Arbeitsplatzes oder weiteren staatlichen Schikanen. Dennoch ließen sich viele DDR-Bürger nicht davon abhalten, sich über RIAS zu informieren und sich über die staatliche Propaganda ihres Landes hinaus eine Meinung zu bilden. Das Fehlen solcher "freien Medien" und deren Ergebnis erleben wir heute wieder in Russland oder Belarus.

Die ARD gliedert sich heute in neun Landesrundfunkanstalten, nach der Wiedervereinigung kamen u.a. der MDR und der ORB, der in Fusion mit dem Sender Freies Berlin zum RBB wurde, hinzu. Die ARD und das 1963 gegründete ZDF, das zunächst von einem Bauernhofsgelände bei Eschborn sendete, ehe es zum Mainzer Lerchenberg umsiedelte, sind heute Vollmitglieder der Europäischen Rundfunkunion. Ihnen obliegt der Grundversorgungsauftrag, seit jeher gibt es Kritik und Diskussionen über eine ebensolche Notwendigkeit. Es wurde viel geklagt, geurteilt und philosophiert, am Ende gab es Reformpläne, die jedoch nicht in dem Maße zur Debatte stehen wie in Liechtenstein.

Dort hatte man das Schicksal des Liechtensteiner Rundfunks, zu dem auch Radio Liechtenstein zählt, per Volksentscheid zum Schafott geführt, ohne die Folgen für die lokale Bevölkerung abzuschätzen. Man könnte nun natürlich sagen, dass bedingt durch die Größe des Landes der Wegfall einer kleinen Radiostation keinen sonderlich großen Stellenwert einnimmt, für die Kultur eines Landes, egal wie klein es ist, hat eine solche Rundfunkanstalt jedoch eine enorme Relevanz. Gerade dort, wo auch private Unternehmen nicht in diese Nische einfallen und über Sport, Veranstaltungen und Kultur berichten, fehlt ein solches Medium umso mehr.

Dieser Traum ist erst
einmal ausgeträumt:
Liechtenstein beim ESC
Da spielt es auch keine große Rolle, ob Radio Liechtenstein es tatsächlich irgendwann geschafft hätte, der Europäischen Rundfunkunion beizutreten und die hoch angesetzten Ziele einer Teilnahme am Eurovision Song Contest zu verwirklichen. Vielmehr ist es das düstere Ergebnis von plakativen Maßnahmen, vermeintliche Verschwendung von Staatsgeldern einzudämmen. Für die Medienlandschaft in Liechtenstein ist der Wegfall des Radiosenders jedenfalls ein trauriger Tag. Nunmehr existieren mit dem "Vaterland" noch eine Tageszeitung und mit 1FLTV ein privat geführter TV-Sender mit Sitz in Schaan, der seit 2008 in Betrieb ist, der allerdings den Nachteil hat, gewinnorientiert arbeiten zu müssen.

Seitdem ich Eurofire betreibe und vor 17 Jahren die Meldung bei ESCtoday.com gelesen habe, dass 1FLTV auf Sendung geht, habe ich die Entwicklung des Rundfunks in dem kleinen Fürstentum verfolgt und hatte stets die Hoffnung, dass es eines schönen Tages möglich wäre, das verpatzte Debüt von 1976 in eine tatsächliche Teilnahme am Eurovision Song Contest umzuwandeln. Seit letzter Woche ist nun aber mehr als offensichtlich, dass es nicht nur einen neuen Rundfunk sondern nunmehr auch noch Gesetzesänderungen und weitreichende Reformen in der Medienpolitik des Landes braucht, ehe es irgendwann einmal "Vaduz calling" heißt. Diese Chance wurde am 3. April um 18 Uhr vorerst beerdigt.

Mittwoch, 8. Mai 2024

Kommentar: Eine gewagte Prognose für's zweite Semi


Europa 
- Neun von zehn Nationen habe ich gestern Abend richtig getippt, an Slowenien ist meine Hochrechnung dann am Ende allerdings gescheitert, dafür ist Polen raus. In beiden Fällen verdient wie ich im Nachgang zugeben muss, aber die Eurovision hält ja grundsätzlich immer noch irgendwo eine Überraschung versteckt. Und so finde ich es tatsächlich schwieriger das zweite Halbfinale vorherzusehen, da hier die Schere zwischen Gut und Schlecht meiner Meinung nach doch nicht so offenliegt, wie beim ersten Semifinale. Trotzdem versuchen wir's mal...

Es gibt einige Beiträge im Teilnehmerfeld, die wollen mir partout nicht gefallen. Kurioserweise gelten diese Beiträge aber als deutlichste Finalanwärter im zweiten Halbfinale. Namentlich sind dies Joost Klein aus den Niederlanden, der zwar eine sehr persönliche Geschichte in dem Lied verarbeitet, die aber trotzdem den Beigeschmack der Lachnummer mit sich trägt. Dennoch gehe ich fest davon aus, dass "Europapa" natürlich am Samstagabend mit dabei sein wird. Allein schon als Ausleitung aus dem Halbfinale an letzter Stelle, bekommt Joost seinen Moment.

Der zweite Finalist, bei dem man sich keinerlei Sorgen machen muss, dürfte Nemo aus der Schweiz sein. Zwar hat Bambie Thug den Titel des "First Non-Binary Act" erhalten, mit Nemo ist aber ein weiterer Beitrag im Rennen, der auch laut Wettquoten mit 93%iger Wahrscheinlichkeit ins Finale rückt. Ich habe daran auch keinerlei Zweifel, wenngleich mir die ganze Performance viel zu durcheinander ist. Am Outfit hat man nun scheinbar doch noch etwas gefeilt, fast schon, als wolle die Schweiz sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen in puncto "Schrill sein". 

Anhand meiner persönlichen Vorliebe für einige Beiträge und auch aufgrund des von der EBU gelieferten Bild- und Tonmaterials habe ich Israel trotz aller politischen Ränkespiele, Demonstrationen, bösen Worte und Diskussionen weit oben auf der Liste. Eden Golan hat vielleicht eine gewöhnliche Ballade, die aber vom Moment lebt und nicht zuletzt hat die junge Sängerin eine bombastische Stimme, vor allem im letzten Drittel, wenn sie die hohen Noten auspackt, wird sie bei einigen vor dem TV-Bildschirm für Gänsehaut sorgen. Insofern muss man Israel auch auf dem Zettel haben.

Danach wird es schon ein bisschen schwieriger. Ich denke, dass Ethno in diesem Halbfinale gut ziehen wird und sich auf diese Weise Griechenland und Armenien durchsetzen werden, während der nachträglich in ein belangloses Englisch versetzte Titel aus Albanien das Nachsehen haben wird. Schöne Stimmen reichen bei der Eurovision nicht aus, weshalb ich auch Dons, einer der populärsten Interpreten in Lettland, für zu unauffällig halte. Der Sixpack-Blaumann wird es äußerst schwer haben, was ich für Lettland allerdings schade finde, denn es ist Qualität, die musikalisch aber nichts vorantreibt.

Ein wenig Sorge habe ich noch bei Österreich. Ich hoffe inständig, dass Kaleen eine gewisse Atmosphäre erzeugen kann und sich mit "We will rave" doch souverän durchsetzen wird. Nichts ist schlimmer, als das die Bühne nicht ausgefüllt werden kann und da sehe ich bei Österreich die größten Schwierigkeiten, wenn die Show als Ganzes nicht wirkt, kann es noch so gut gesungen oder getanzt sein. Gleiches gilt tatsächlich auch für Mustii aus Belgien, ich hoffe einfach, dass meine Zweifel in beiden Fällen unberechtigt sind. So komme ich zu folgenden zehn Qualifikanten, die ich in der Endrunde am Samstag wiedersehe.

Meine Prognose wer es ins Finale schafft (in alphabetischer Reihenfolge):
Armenien
Belgien
Estland
Georgien
Griechenland
Israel
Niederlande
Norwegen
Österreich
Schweiz

Zur Ehrenrettung für Malta, das nun nicht in meiner Prognose auftaucht, muss ich hinzufügen, dass ich den Titel persönlich inzwischen recht gerne höre. Allerdings ist die Chanel-Kopie meines Erachtens zu plump gemacht und offensichtlich, als das sie funktioniert. Ebenso wenig sehe ich das lyrische extrem belanglose "Sand" aus Dänemark nicht im Finale, da keinen Wiedererkennungswert hat. Da hat sich das Land mit seinen Retro-Beiträgen in den letzten Jahren irgendwie mehr getraut. San Marino, ist halt San Marino... der Umstand, dass "11:11" (sprich "once y once") eine Uhrzeit darstellt, die in der Esoterik von Bedeutung ist und zu jener Zeit die Bande zwischen einem Selbst und dem Universum besonders eng sind (Danke Eurovision.de) macht es irgendwie nicht besser.

Und auf der Strecke bleibt für mich auch Tschechien. Das Lied vermag das modernste überhaupt sein und ich finde es richtig klasse, wie Tschechien mit dem musikalischen Zeitgeschehen geht, allerdings hat man das auch schon bei Benny Cristo und We Are Domi probiert und beides ging in der großen Masse an visuellen wie akustischen Reizen einfach unter. Ich bin gespannt auf das zweite Halbfinale, für das heute Abend unter echten Bedingungen geprobt wurde und durch das uns Thorsten Schorn wieder führen wird, ob der oben stehende Tipp aber im Laufe des Tages nicht noch von mir selbst wieder verworfen wird, kann ich nicht garantieren.

Montag, 6. Mai 2024

Kommentar: Die Last Minute-Aufholjagd von Irland


Europa 
- In wenigen Stunden ertönt es wieder, das "Te Deum", die Melodie auf die ich mich meist ein ganzes Jahr freue. So auch in diesem Jahr, wenngleich die zunehmende Politisierung nicht unbedingt dazu beigetragen hat, dass man sich in diesem Jahrgang wohlfühlt. Man kann auch darüber streiten, ob es klug von der EBU war, die Proben und die generelle Berichterstattung aus Malmö derart klein zu halten. Es gab Jahre, da habe ich Stunde und Stunde jedem einzelnen Bericht hinterhergefiebert, der aus Belgrad, Baku oder sonstwo herkam.

Das war in diesem Jahr nun doch etwas anders, kleine TikTok-Schnipselchen und eine zehn Bilder umfassende Galerie an Fotos ermöglichen keine seriöse Berichterstattung, weder hier noch andernorts, Pressekonferenzen oder andere Side-Events wurden ebenso stiefmütterlich abgehandelt wie der gestrige Tiefpunkt, der Willkommensempfang. Den zweistündigen Youtube-Stream hätte man sich klemmen können, es hätte Kosten gespart. Sei's drum, nun geht es an den wichtigsten Part der Eurovision, nämlich die Liveshows und da wird uns ab morgen viel geboten.

15 Nationen kämpfen am Abend um zehn freie Finalplätze, zudem dürfen Olly Alexander, Isaak und Marcus & Martinus ihre Beiträge schon im Halbfinale in voller Länge singen um Chancengleichheit im Finale zu schaffen. Ob dies wirklich einen Ausschlag gibt, wird sich erst im Nachgang zeigen. Spannend ist da vielmehr, wie sich die Wettquoten nach der Probenwoche verändert haben. Lag Nemo aus der Schweiz letzte Woche noch mit solidem Vorsprung vor Kroatien, so kommt "The code" mit einer Siegwahrscheinlichkeit von 16% nur auf den zweiten Platz.

Baby Lasagna, wohlgemerkt auch mein Favorit, hat seinen Vorsprung auf 28% ausgebaut. Bei einigen Wettanbietern gibt es für einen gesetzten Euro gerade einmal 2,50 Euro zurück, sollte man auf Hrvatska gesetzt haben. Eine bemerkenswerte Aufholjagd in den Quoten hat allerdings Irland hingelegt. Zwar lag Bambie auch schon vor den Proben in den Top Ten, nicht zuletzt dadurch bedingt, dass Wetten in Irland wie auch im UK Volkssport ist, nun liegt Bambie allerdings auf dem fünften Platz, hinter der Ukraine und vor den Niederlanden mit 6% Siegwahrscheinlichkeit.

Man muss auch sagen, dass sich Irland in diesem Jahr entwickelt hat wie Polen im vergangen Jahr. Bambies Auftritt beim Vorentscheid war, nicht zuletzt der RTÉ-Produktion geschuldet, grenzwertig und deutlich ausbaufähig. Aber das Team hat sich an das Feintuning gemacht und dem Beitrag eine ganz besondere Show verpasst, quasi einen Markenstempel aufgedrückt. So wie es auch Blanka im Vorjahr mit "Solo" geschafft hat. Hinzu kommt, dass die Bühnenshow fulminant ist, düster, unheimlich aber dennoch spannend bis zuletzt. Von daher drücke ich Irland beide Daumen, dass es nach Ryan O'Shaughnessy im fernen Jahr 2018 endlich wieder mit dem Finale klappt.

Deutschland liegt mit Isaak auf dem 26. Rang eingekeilt zwischen Electric Fields aus Australien und Tali aus Luxemburg. Doch geht es zunächst einmal nicht um die reine Frage, wer das ganze Event als Sieger verlässt, sondern auch, wer sich morgen und Donnerstag für das Finale qualifiziert. Da gehen die Meinungen zum Teil weit auseinander, Musik und Show wird an subjektiven Kritikpunkten gemessen, das ist völlig legitim. Und so möchte auch ich einen Tipp abgeben, wer es meiner Meinung nach ins Finale schaffen wird bzw. wem ich es persönlich wünschen würde.

Meine Prognose wer es ins Finale schafft (in alphabetischer Reihenfolge):
Finnland
Irland
Kroatien
Litauen
Luxemburg
Polen
Portugal
Serbien
Ukraine
Zypern

Wenn es nach meinem Gusto gehen würde, dann würde ich Portugal mit Slowenien tauschen, ich habe allerdings Bedenken, dass "Veronika" mit eben jener Choreographie tatsächlich Anklang findet. Nicht nur, weil im Halbfinale ein reines Televoting gilt, was u.a. Finnland definitiv gelegen kommen wird, sondern auch, weil der Inhalt des Songs ob der slowenischen Sprache nur durch Ausdruck und die Anmoderation der Kommentatoren rübergebracht werden kann. Ich weiß nicht, ob die Geschichte von Veronika Deseniška, die 1425 erst von der Hexerei freigesprochen später jedoch ritterlich ersäuft wurde, verstanden wird.

Für klare Nicht-Qualifikanten halte ich Moldawien, das bei seinem Staging doch lieber die Klone aus dem Vorentscheid hätte behalten sollen und den mauen Beitrag aus Island. Hera Björk ist eine Ikone was die Eurovision betrifft, aber das Lied ist eine einfallslose Nummer ohne wirkliche Seele. Auf wackeligen Beinen sehe ich auch Aserbaidschan und Australien, beides mit einer traditionellen Note, der absolute Krachereffekt wird aber voraussichtlich nicht eintreten. Vielleicht täusche ich mich auch und morgen Abend sitzen wir alle mit einem offenen Mund vor dem Fernseher, aber ich schätze das sämtliche Rankings eine recht eindeutige Sprache sprechen.