Sonntag, 10. Oktober 2021

Eurovision am Sonntag (65)


Europa
- Seit dieser Woche fühlen wir uns nun darin bestätigt, was eigentlich schon im Mai hätte klar sein können, Turin trägt den Eurovision Song Contest 2022 aus. Pläne des italienischen Fernsehens RAI, die Gastgeberstadt der Olympischen Winterspiele 2006 in Sachen Eurovision einzubinden existieren bereits seit 2017, als man der Ansicht war, Francesco Gabbani würde den Wettbewerb mit seinem "Occidentali's karma" nach Italien bringen. Der damalige Auftritt blieb jedoch hinter den Erwartungen, der große Favorit von Kiew wurde am Ende nur Sechster. Nun haben Måneskin den Sieg mit vierjähriger Verspätung nach Italien geholt.

Ihr Lied wurde zerstört,
Sophia Vossou (1991)
Und es ist nicht zu befürchten, dass die RAI die gleichen Fehler begeht wie einst 1991, als man eigentlich schon gar keine Lust mehr auf den Eurovision Song Contest und schon gar nicht auf dessen Ausrichtung hatte. Damals sollte der Wettbewerb nach San Remo gebracht werden, den Ort, an dem auch die Ursprünge der Eurovision liegen. Aufgrund von Sicherheitsbedenken verlegte man die Show kurzerhand nach Rom. Eine improvisierte Bühne mit allerhand übrig gebliebener Kulissen, ein teilweise weitab der Ideallinie liegendes Orchester, das u.a. Sophia Vossous Beitrag "I anixi" zerstörte und eine grauenhafte Moderation blieben im kollektiven Gedächtnis der Fans.

Glücklicherweise sind der 78jährige Toto Cutugno und die 73jährige Gigliola Cinquetti mittlerweile in Moderationsrente und dürften den Jahrgang 2022 nicht mit hilflosen "Mr. Naef"-Rufen ruinieren. Stattdessen kursieren Namen wie Alessandro Cattelan, Amadeus und der britisch-libanesische Sänger Mika in Fankreisen, wenn es darum geht, wer die magischen Worte "Good evening, Europe" am 14. Mai spricht. Wann die RAI bzw. die Europäische Rundfunkunion sich zu weiteren Informationen bequemen bleibt abzuwarten, schließlich hat man sich bei der Bekanntgabe der ausrichtenden Stadt schon monatelang Zeit gelassen. Dennoch werfen die drei Shows im Mai 2022 schon ihre Schatten voraus.

In der Ukraine sucht man
2022 einen ähnlich magischen
 Beitrag wie den von Go_A
Dabei fehlen noch allerhand Teilnahmebestätigungen, aus West- wie aus Osteuropa. Von vielen Nationen, etwa Serbien, Frankreich, Spanien oder den skandinavischen Ländern wissen wir bereits um die Pläne für die neue Saison, auch im Baltikum, der Ukraine und Slowenien ist man schon ein ganzes Stück vorangekommen. Und nach dem vorentscheidungsschwachen Jahrgang 2021, bei dem viele Künstler von 2020 einfach für den nächsten Wettbewerb gesetzt wurden, dürften wir mit vielen Vorrunden und großartigen Shows im Winter rechnen. Allein in Litauen wird es wieder etwaige Shows geben, ehe der Interpret für Turin feststeht. Auch das Melodifestivalen, der Melodi Grand Prix, Vidbir und die EMA kehren zurück.

Selbst in Irland wird es wieder einen Vorentscheid im Rahmen der Late Night-Show von Ryan Tubridy geben. Die Iren haben sich in den letzten Jahren auf interne Auswahlen verlassen und sind damit gnadenlos gescheitert. Nun soll alles anders werden, die Öffentlichkeit darf wieder mitentscheiden, selbst in San Marino wird man ein groß angelegtes Festival austragen. Wir können uns also auf viele Sendungen mit mehr oder minder großartigen Liedern freuen. Funkstille herrscht hingegen wieder im Sendergebiet des NDR. Außer der Aussage, alles werde auf den Prüfstand gestellt, gab es bisher wenig Verheißungsvolles aus Hamburg zu vermelden. Hoffen wir nur, dass die Antriebslosigkeit in Sachen Öffentlichkeitsarbeit nicht wieder zu einer verlorenen Saison führen wird...

Yerevan vor einem Jahr,
Fortgang ungewiss
Gespannt sein darf man hingegen auf die vorläufige Teilnehmerliste für 2022. Es stehen noch die Bestätigungen einiger Länder aus, deren Teilnahmechancen bei 50% liegen. So hat sich der armenische Sender bislang nicht dazu geäußert, ob man 2022 ein Comeback hinlegen wird. Um den Bergkarabach-Konflikt und die politische Krise im Land ist es medial ruhig geworden, Corona, die Bundestagswahl und das gestrige Abdanken von Österreichs Kanzler Kurz beherrschen die Nachrichten, Konflikte im Kaukasus rücken da in den Hintergrund. Allgemein wird angenommen, dass es im nächsten Jahr wieder einen Beitrag aus Yerevan geben wird, das armenische Fernsehen war bei seiner Bestätigung nie schnell, anders als die Nachbarn aus Aserbaidschan oder Georgien, die bereits gemeldet sind.

Gleiches gilt für Moldawien und Russland. Mit größter Gewissheit können wir deren Teilnahme als gesichert feststellen, in einem der beiden Länder dürfte auch ein gewisser Phillip Kirkorow wieder mitmischen. Zypern, das bereits seine Pläne für 2023 annonciert hat, dürfte ebenfalls in wenigen Tagen in den grünen Bereich bestätigter Nationen rücken, die Tschechen ebenfalls, schließlich wurde hier von Seiten des Senders ČT bereits ein Bewerbungsaufruf gestartet. Und dann sind da noch die Nationen, die in den vergangenen Jahren ebenfalls recht mundtot waren, namentlich Montenegro, Nordmazedonien, die Türkei und Ungarn. Nordmazedonien hat vor drei Jahren mit Tamara Todevska einen wuchtigen Erfolg gefeiert, zwei Jahre später mit Vasil und seinem One-Man-Pathos das exakte Gegenteil erreicht.

Hoffentlich heißt es 2022
"A Dal" für Europa
Wenngleich die Teilnahme noch nicht fix ist, dürfte man eher davon ausgehen, dass man in Skopje Gelder für einen Beitrag bereitstellt als in Montenegro. RTCG fehlte in Rotterdam, aus finanziellen Gründen wie es heißt. Ob man 2022 wieder liquide ist, bleibt abzuwarten. Maximal erlaubt das Reglement des Eurovision Song Contests in Turin 45 Ländern die Teilnahme, so viele dürften es kaum werden, etwa 40 dürften hingegen realistisch sein. Die große Frage ist, ob sich das ungarische Fernsehen wieder zu einer Teilnahme durchringen kann. Anfang des Monats gab es einen Bericht bei ESC United über ein schnell wieder gelöschtes Reddit-Posting, in dem es heißt, "A Dal" werde 2022 wieder zur ungarischen Kandidatensuche für die Eurovision eingesetzt.

Allerdings heißt es in der Meldung auch, dass der Song Contest in Turin am 17., 19. und 21. Mai stattfinden wird, was ja nun offenkundig nicht der Fall sein wird. Dennoch hoffe ich natürlich, dass sich Budapest dazu entscheidet, wieder mitzumachen, schließlich fehlt mit Ungarn, um eine Stimme beim NDR zu zitieren: "Ein Land mit Relevanz". Der Vorentscheid war über die letzten Jahre gespickt mit tollen Beiträgen und immer wieder haben es gehaltvolle Beiträge zum Song Contest geschafft, nicht zuletzt Joci Pápai, der gleich zweimal fahren durfte, 2019 in Tel Aviv allerdings das Nachsehen hatte und im Halbfinale ausschied. Die nächsten Wochen bleiben also spannend, ehe es mit der Präsentation von Kandidatenlisten in Europa losgeht.

Mag in anderen Belangen
stimmen, aber nicht beim ESC
Und wie in jedem Jahr bleibt mein Wunsch, dass wir 2022 ebenfalls wieder mit "Relevanz" dabei sein werden. Ein geschicktes Format mit einer Handvoll es ernst meinender Künstler wäre toll, doch die Erfahrung der letzten Jahre lässt mich in dem Glauben, dass der NDR sich nicht von der Idee des Konzeptsongs abbringen lässt. Es wurde schon viel über das Modell der deutschen Auswahl gesprochen, dabei möchte ich es eigentlich belassen. Es wäre trotzdem nett, wenn Deutschland 2022 im Positiven überrascht und es wieder Spaß macht, über den Beitrag und seine Entwicklung bis zum Song Contest-Finale zu berichten, damit der Sender seinem Ruf wieder gerecht wird, der damit wirbt, das Beste am Norden zu sein und nicht nur mit einem Lied aufzuschlagen, dass es grade so durch die Zertifizierung vom TÜV Rheinland geschafft hat.

Ein Beispiel könnte man sich am spanischen Fernsehen nehmen, dass die Sache nach einer personellen Umbesetzung mit neuem Elan angeht und heute sogar bestätigte, dass man die Halbfinals aus dem zweiten Programm ins Hauptprogramm La 1 verfrachtet. Zudem setzt man auf das Festival von Benidorm, einen Wettbewerb mit Galacharakter. Zwar war dieses Festival in den letzten Jahren seiner Durchführung auch ein antiquiertes Event, aber manchmal reichen schon einige frische Ideen, um einem totgesagten Format wieder neue Energie einzuhauchen und ich kann mir gut vorstellen, dass es in Spanien gut funktionieren wird.

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