Montag, 22. Februar 2021

Kommentar: Der erste Krach der Saison


Norwegen
- Eines ist nach dem letzten Samstag klar, die Eurovisionsgemeinde hat den ersten Schock der Saison zu verkraften, wenngleich die Vorzeichen wie bei einem Vulkanausbruch eigentlich erkennbar waren. Es geht um das Goldduell beim Melodi Grand Prix in Norwegen. Dort standen sich am Ende der Veranstaltung die bunt gemischte Formation Keiino und der spätere Sieger Tix gegenüber, der mit einer überraschend hohen Anzahl von Stimmen das Ticket nach Rotterdam löste.

Wenn Freshtorge sich
als Roko verkleidet: Tix
Wenn man die Teilnahme von Keiino zunächst einmal ausblendet, muss man aber auch neidlos anerkennen, dass es Tix alias Andreas Haukeland schon im Vorfeld geschafft hat, über einen recht überschaubaren Zeitraum einen großen Popularitätsschub in Norwegen zu bekommen. Seine bisherigen Veröffentlichungen stießen im Land auf Gehör, platzierten sich recht hoch in den Charts, der sogenannten VG-Lista. Und wie man vielerorts hört, scheint Tix insbesondere bei der klickwütigen Jugend- und Instagramfraktion viele Anhänger zu haben, die nicht müde sind, mehrfach auf den gleichen Button zu drücken.

Solche Phänomene kann man überall beobachten, wer eine große Anhängerschaft besitzt, erhält auch viele Punkte in einer Abstimmung, so war das schon immer und hat auch in Deutschland schon manch einem guten Beitrag für den Eurovision Song Contest am Ende den Sieg vermasselt. Ich erinnere mit Wehmut an das Jahr 2008, als Carolin Fortenbacher mit ihrer krachenden Ballade "Hinterm Ozean" mit hauchdünnem Rückstand gegen die No Angels verlor, der Rest ist Geschichte. Und dort war das Lied musikalisch noch dünner als es heute bei "Fallen angel" der Fall ist.

Schneefall im Oktober:
Keiino
Nun hat sich Norwegen in den letzten Jahren jedoch eine recht hohe Messlatte auferlegt, der Melodi Grand Prix steht, oft sogar zu Unrecht, zwar im Schatten der schwedischen Nachbarn, hat allerdings viele gute Beiträge vorzuweisen und das Jahr für Jahr. Das dabei nicht immer der Fanfavorit die Nase vorn hat, ist nun mal leider so, dafür haben es Keiino immerhin schon vor zwei Jahren mit "Spirit in the sky" geschafft und die Euphorie war umso größer. Man könnte auch einfach sagen, das Trio ist im falschen Jahr wieder angetreten, vielleicht hätten sie 2020 oder 2022 bessere Karten gehabt.

Mit der Zeit, je länger man den Eurovision Song Contest und die einzelnen Vorentscheide verfolgt, wird man entspannter. Heute ärgere ich mich nicht mehr schwarz, weil es mein Favorit nicht zum Song Contest schafft. Das muss auch so sein, sonst würde ich mit 35 Jahren wegen Herzproblemen auf der Intensivstation landen. Ja, ich gräme mich auch heute noch, dass es Saša Lendero, Erika Vikman, Julie & Nina oder Markus Riva nicht zur Eurovision geschafft haben, aber "so what", das Leben geht weiter. Apropos Markus Riva...

Erinnert sich jemand dran?
Da war ich noch empört...
Der lettische Sunnyboy mit dem übertrieben platinblonden Haar, hat 2016 mit "I can" an der lettischen Supernova für Stockholm teilgenommen und irgendwie erinnert mich das Lied von Tix sehr an den damaligen Beitrag von Markus Riva. Parallelen in der Beschaffenheit beider Lieder sind nicht von der Hand zu weisen. Die Zeit des Markus Riva in Lettland ist aber inzwischen auch gezählt, das einst empathische Œuvre hat sich in den letzten Jahren stark verändert und könnte heute mehr als Russendisko betitelt werden. Aber zurück nach Norwegen...

Es wundert mich, dass es noch keine Petition gibt, die eine Neuauszählung der Stimmen beim Melodi Grand Prix fordert, analog zu gewissen US-Wahlergebnissen. Zwar gab es Reaktionen von Usern die berichten, sie hätten nicht abstimmen können, NRK stellt allerdings klar: "Der Umfang (dieser Fälle) war im Vergleich zur Gesamtzahl der User, die gestern abgestimmt haben, sehr gering und hat keines der Ergebnisse in den drei Abstimmungsrunden beeinflusst." Es wäre sehr verwunderlich, wenn durch Wertungsprobleme nahezu 100.000 Stimmen unter den Tisch fallen würden.

Nun haben die Norweger eine Entscheidung getroffen und Tix nach Rotterdam votiert. Ja, es ist schade um "Monument", aber wie Keiino im Anschluss an den Melodi Grand Prix über verschiedene Kanäle mitteilten, sei die Reise der Band noch nicht an ihrem Zielort angekommen und man werde weiter musizieren, was eine erneute Bewerbung am Melodi Grand Prix nicht ausschließt. Ob Norwegen ins Finale einziehen wird oder aus Gründen auf der Strecke bleibt, wage ich nicht zu prognostizieren, wir kennen schließlich erst fünf Lieder in jenem Semifinale. Auch hier bin ich inzwischen entspannter geworden und habe es aufgegeben, voreilig Länder in meinem Ranking auf den letzten Platz zu setzen, nur weil mir der Ausgang des Vorentscheids nicht 100%ig gefällt.

Nachtrag: Inzwischen wurde auch die Einschaltquote für das Finale des Melodi Grand Prix ausgezählt. Fast 1,1 Millionen Norweger verfolgten die Show, so viele wie seit 2017 nicht mehr. Mit weiteren 28.000 Online-Zuschauern erreicht die Show einen Marktanteil von 67,1%. Delegationsleiter Stig Karlsen freut sich sehr und mutmaßt, dass der Vorentscheid die Menschen in diesen schweren Zeiten offenbar abgeholt und mitgenommen hat.

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