Samstag, 13. Oktober 2018

Memories: Eurovision Song Contest 1973


Luxemburg - Das Großherzogtum Luxemburg hatte im Vorjahr mit Vicky Leandros den Eurovision Song Contest gewonnen und erhielt damit das Recht, den Wettbewerb 1973 auszurichten. Dafür wählte man das Nouveau Théâtre de Luxembourg in der Landeshauptstadt, in das der Wettbewerb auch 1984 noch einmal zurückkehren sollte. Und die Gastgeber kauften sich für die Show wieder eifrig im Ausland die notwendigen Darsteller ein.

So wurde der Wettbewerb von der deutschen Hörfunk- und Fernsehmoderatorin Helga Guitton moderiert. Diese zählte gemeinsam mit Frank Elstner und Jochen Pützenbacher zu den bekanntesten Stimmen bei Radio Luxemburg und moderierte im UKW-Programm die Abendunterhaltung "Nachteulchen". Als Pausenfüller engagierte RTL den spanischen Clown Charlie Rivel, dessen Markenzeichen die vierkantige rote Nase war und der während die Juroren ihre Entscheidung trafen, im Auditorium von Luxemburg für Kurzweil sorgte.

Nach zwei Pleiten zog sich das maltesische Fernsehen vom Wettbewerb zurück, auch Österreich blieb der Eurovision in diesem Jahr fern. Griechenland und Zypern hatten angeblich Interesse an der Eurovision bekundet, ihre Anmeldungen erfolgten aber zu spät. Dennoch konnte ein neues Land hinzugewonnen werden, Israel. Unumstritten war das Debüt der jungen Sängerin Ilanit keineswegs. Israel war zu jener Zeit ein Pulverfass, wenige Monate nach dem Song Contest in Luxemburg fand der Yom-Kippur-Krieg statt und auch das Attentat auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München steckte den Leuten noch in den Knochen.

Umso höher waren die Sicherheitsvorkehrungen beim ersten Auftritt der Israelis bei der Eurovision. "Wir wollen kein zweites München.", hieß es vom Luxemburger Polizeipräsidenten. Ilanit alias Channa Dresner sang ihr Lied "Ey sham" ("Irgendwo") in einer kugelsicheren Weste. Zudem wurden Scharfschützen im Raum verteilt, der Produzent der Sendung hielt das Publikum an, während des Applaudierens sitzenzubleiben um die Gefahr erschossen zu werden, gering zu halten. Glücklicherweise kam es zu keinen Zwischenfällen, Ilanit, die vier Jahre später noch einmal zur Eurovision zurückkehren sollte, belegte am 7. April den vierten Platz. Dirigiert wurde ihr Lied von Komponistin Nurit Hirsch, die zugleich die erste Frau am Dirigentenpult war.

Eröffnet wurde der Abend allerdings von der finnischen Sängerin Marion Rung, die den frischen Gassenhauer "Tom Tom Tom" vorstellte. Sie war schon 1962 dabei und ließ auf den siebten Platz nun den sechsten Platz folgen. Ihr Beitrag war neben den Liedern von Nova & The Dolls aus Schweden und den Bendik Singers aus Norwegen eines von drei Liedern, das auf Englisch vorgetragen wurde. 

Die Europäische Rundfunkunion hatte verfügt, dass der Titel nicht mehr zwingend auf der Landessprache gesungen werden musste und aufgrund der teils hinderlichen Sprachbarrieren entschieden sich die Skandinavier allesamt, sich auf Englisch bemerkbar zu machen. Die Rechnung ging auch auf, da die Länder die Plätze fünf, sechs und sieben für sich beanspruchen konnten. Bemerkenswert war der schwedische Beitrag in zweierlei Hinsicht. Zum einen ließ das männliche Duo den Titel "Ring Ring" von ABBA hinter sich, zum anderen beinhaltete das Lied die zweifelhafte Schmeichelei: "Deine Brüste sind wie Schwalbennester."

Nicht ganz so erfolgreich lief es für den irischen Beitrag von Irene McCoubrey alias Maxi, die in den 60ern mit dem Trio Maxi, Dick and Twink in Irland auftraten, später jedoch Solokarrieren verfolgten. Ihr fröhliches "Do I dream" erreichte in der Gunst der Juroren den zehnten Platz. Es sollte aber auch nicht ihr letzter Eurovisionsbeitrag bleiben. 1981 war sie als Teil der Gruppe Sheeba noch einmal dabei. Vor der Irin trat der Niederländer Ben Cramer mit "De oude muzikant" auf, dem ersten Eurovisionsausflug von Pierre Kartner, der hierzulande als Vader Abraham bekannt ist. Das Lied, in dem es um einen Pariser Straßenmusiker ging, zündete jedoch nicht und landete schließlich nur auf dem 14. Platz.

Besser lief es für den Beitrag der Bundesrepublik Deutschland, die mit Gitte stellvertretend das abwesende Dänemark repräsentierte. Gitte Hænning, die mit Liedern wie "Ich will 'nen Cowboy als Mann" oder "Vom Stadtpark die Laternen" im Duett mit Rex Guildo schon beträchtliche Hitparadenerfolge in Deutschland erzielte, setzte sich beim deutschen Vorentscheid "Ein Lied für Luxemburg" gegen Michael Holm, Tonia (Belgien 1966), Roberto Blanco und Inga & Wolf durch. Während sie beim Vorentscheid noch quietschgelbe Gummistiefel trug, steckte sie der zuständige Unterhaltungschef Hans-Otto Grünefeldt beim Eurovision Song Contest in Luxemburg in ein Folkloregewand.

Der achte Platz für "Junger Tag" dämpfte jedoch die Höhenflüge der deutschen Delegation aus den letzten Jahren. Musikalisch blieb Gitte jedoch weiter erfolgreich, sowohl in Skandinavien als auch in der BRD. "So schön kann doch kein Mann sein" schaffte es 1975 in der Hitparade aber auch nur noch auf die #14. Gitte tourte bis in die Neuzeit mit ihren skandinavischen Schwestern im Geiste, Wencke Myhre und Siw Malmkvist durch die Lande, u.a. auch als Reprise beim deutschen Vorentscheid. Teilen musste sich Gitte ihre Platzierung mit der Sängerin Marie für Monaco, deren subtiler Titel "Un train qui part" ("Ein Zug, der abfährt") allmählich das Ende der monegassischen Song Contest-Teilnahme einleitete. 

Unter den weiteren Teilnehmern fand sich noch der Bosnier Zdravko Čolić in jugoslawischen Diensten, dessen Lied "Gori vatra" ("Das Feuer brennt") von Kemal Monteno komponiert wurde und die Französin Martine Clémenceau, deren größter Erfolg, die Single "Solitaire" erst 1981, gesungen von Laura Branigan auf Englisch, ein weltweiter Hit werden sollte. Im Mittelfeld von Luxemburg platzierte sich zudem noch Fernando Tordo, er bereits seit 1969 vergeblich versuchte das portugiesische Festival da Canção zu gewinnen. Sein politischer Protestsong "Tourada" belegte Rang zehn, marginal besser als Massimo Ranieri, der zwei Jahre nach seinem ersten Eurovisionsausflug von Platz fünf auf die 13 abrutschte.

Zwei Jahre nachdem sie aufgrund von Gelbsucht noch absagen mussten, traten für das flämische Fernsehen nun Nicole Josy & Hugo Sigal auf. Trotz ultra-zeitgemäßen violetten Schlaghosen und einem Synchrontanz, der sich gewaschen hatte, mussten sich die beiden mit "Baby baby" mit dem letzten Platz arrangieren. Als Running Gag wurde eben jene Performance 2005 anlässlich der Jubiläumsshow des Wettbewerbs immer wieder eingespielt. Nicole & Hugo machten auch nach Luxemburg weiter Musik, bestritten ihren Lebensunterhalt vorzugsweise als Musiker auf Kreuzfahrtschiffen und versuchten es 2004 noch einmal beim belgischen Eurosong, wo "Love is all around" aber schon in den Vorrunden rausflog. 

Um Gerechtigkeit für seinen knapp verpassten Eurovisionssieg einzufordern, bestritt Cliff Richard für das United Kingdom 1973 ganz allein den britischen Vorentscheid. Aus sechs Beiträgen wählten die Zuschauer per Postkarte das Lied "Power to all our friends" zum eindeutigen Favoriten. Auf der Eurovisionsbühne überzeugte er abermals mit einer modernen Performance, zu allem Überfluss musste er sich aber wieder den Spaniern geschlagen geben. Ganz erholt hat sich Cliff Richard von seinen Eurovisionsteilnahmen nie und sieht sich noch heute als Gewinner von 1968. 

Später gab Cliff Richard an, bei seinem Auftritt zur Beruhigung unter Valium gestanden zu haben und sich während der Punktevergabe auf der Toilette eingeschlossen zu haben, wohl wissend, dass es für ihn erneut nicht zum Sieg reichen könnte. Dennoch gehörte er in den folgenden Dekaden zu den britischen Exportschlagern, 1998 ließ er mit "Mistletoe and wine" die Weihnachtsglocken läuten. Mittlerweile verbringt er die kalte Jahreszeit bevorzugt in seiner Villa auf Barbados.

Wie schon erwähnt wurde Cliff von Spanien um zwei Punkte geschlagen. Die Gruppe Mocedades um Hauptsängerin Amaya Uranga belegte mit "Eres tú" ("Du bist") den zweiten Platz. Begleitet wurde Amaya von ihren Familienmitgliedern und Freunden. Dabei wurde dem Lied zunächst vorgeworfen ein Plagiat des jugoslawischen Beitrags "Brez besed" von 1966 zu sein. Die Europäische Rundfunkunion sah allerdings keine Parallelen zum Lied von Berta Ambrož und ließ die Spanier gewähren. Die Band unterzog sich diversen Personalwechseln und macht bis heute Musik, "Eres tú" blieb jedoch ihr einziger kommerziell erfolgreicher Hit.

Der Sieg blieb aber im Großherzogtum Luxemburg. Die, im französischen Arles geborene, Sängerin Anne-Marie David wurde von RTL eingeladen, Luxemburg zu vertreten und tat dies mit einem strahlenden Lächeln und einem überzeugenden Auftritt zu "Tu te reconnaîtras" ("Du wirst dich wiedererkennen"). Mit 80,6% aller möglichen Punkte, hält sie bis heute den Rekord für den höchsten Prozentwert an Punkten beim Eurovision Song Contest. Sechs Jahre später sollte sie ein weiteres Mal am Eurovision Song Contest teilnehmen, dann jedoch für ihre Heimat Frankreich. Luxemburg fuhr 1973 aber zunächst den vierten Sieg ein und setzte sich an die Spitze der Ewigen Tabelle.

Das Abstimmungskonzept aus dem Vorjahr bleib auch 1973 erhalten. So schickte ein jedes Land zwei Juroren zum Wettbewerb, der eine Juror war unter, der andere über 25 Jahre alt. Sie verfolgten den Eurovision Song Contest allerdings nicht live aus dem Theater sondern aus den nahe gelegenen CLT-Studios beobachteten und am Ende mit ihren Klapptäfelchen Anne-Marie David mit drei Höchstwertungen aus der Schweiz, Großbritannien und Frankreich zur Siegerin machten.

Gebeutelt durch die Triumphe beim Eurovision Song Contest musste der Sender in Luxemburg allerdings nun die Reißleine ziehen. Schon 1973 hatte man sich technisches Equipment vom Hessischen Rundfunk borgen müssen. Da man mit der Logistik und der Bewältigung des Wettbewerbs nicht zwei Jahre in Folge hantieren wollte, gab Luxemburg das Austragungsrecht an die britische BBC ab, die den Wettbewerb 1974 dankend annahmen, wohl auch um Cliff Richard einen Dienst zu erweisen. So kam es im Folgejahr im Seebad Brighton zu einem denkwürdigen Eurovision Song Contest.

Die Teilnehmer:
01. - 129 -  Anne-Marie David - Tu te reconnaîtras
02. - 125 -  Mocedades - Eres tú
03. - 123 -  Cliff Richard - Power to all our friends
04. - 097 -  Ilanit - Ey sham
05. - 094 -  Nova & The Dolls - You're summer
06. - 093 -  Marion Rung - Tom Tom Tom
07. - 089 -  Bendik Singers - It's just a game
08. - 085 -  Gitte - Junger Tag
09. - 085 -  Marie - Un train qui part
10. - 080 -  Fernando Tordo - Tourada
11. - 080 -  Maxi - Do I dream
12. - 079 -  Patrick Juvet - Je vais me marier, Marie
13. - 074 -  Massimo Ranieri - Chi sarà con te
14. - 069 -  Ben Cramer - De oude muzikant
15. - 065 -  Zdravko Čolić - Gori vatra
16. - 065 -  Martine Clémenceau - Sans toi
17. - 058 -  Nicole & Hugo - Baby baby

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