Mittwoch, 17. Oktober 2018

Memories: Eurovision Song Contest 1977


Großbritannien - Wieder einmal zog die Eurovision mit Sack und Pack ins Vereinigte Königreich. Dort erkor die BBC das Konferenzzentrum im Londoner Stadtteil Wembley aus, um den 22. Song Contest unter der Leitung von Clifford Brown, auszurichten. Allerdings wurde dieser Wettbewerb gleich von mehreren Pleiten und Problemen heimgesucht, angefangen bei einem Streik der Kameraleute der BBC.

Diese traten einen Tag vor dem britischen Vorentscheid in einen unbefristeten Streik, sodass der ganze Zirkus um fünf Wochen nach hinten verschoben werden musste und schließlich am 7. Mai 1977 stattfinden konnte. Obwohl sie bereits mit angereisten Teams gedreht hatten, wurde auf die Postkarten-Einspieler mit den Delegationen verzichtet und stattdessen auf Schwenks ins Publikum zurückgegriffen. Die Kameraführung machte auch der Moderatorin Angela Rippon zu schaffen, die anfangs vergeblich die richtige Kamera suchte.

Rippon durfte 18 Länder ankündigen, darunter Schweden, das nach einjähriger Pause wieder in den Kreis der Teilnehmer zurückkehrte. Die angetretene Gruppe Forbes wurde mit dem Titel "Beatles" aber abgestraft und konnte nur zwei Punkte und damit den letzten Platz holen. Absagen kamen vom jugoslawischen Fernsehen, das dem Eurovision Song Contest gleich vier Ausgaben fern blieb. Der Wettbewerb aus Wembley wurde aber von JRT ausgestrahlt. Außerdem wurde die Show von der Türkei, welche ebenfalls weiter aussetzte, Island, Dänemark und erstmals auch in Grönland übertragen. 

Fast hätte es 19 Teilnehmer gegeben, denn erstmals bewarb sich das tunesische Fernsehen für die Eurovision und wurde sogar schon auf den vierten Startplatz zugelost. Allerdings missfiel den arabischen Bruderländern das geplante Debüt, sodass Tunesien sich gezwungen sah, dem Wettbewerb eine Absage zu erteilen. Erst drei Jahre später sollte mit Marokko ein arabisches Land gastieren. Tunesien bekundete seitdem nie wieder Interesse an der Eurovision, zuletzt sagte das Land 2008 verbindlich ab, seither herrscht Stille in Tunis. Wie die EBU einst erklärte, teilte der Sender ERTT der Europäischen Rundfunkunion nie mit, wer das Land hätte vertreten sollen.

Auslöser für den Druck der arabischen Länder auf Tunesien war die Teilnahme Israels. Für das Land im Nahen Osten kehrte mit Ilanit eine alte Bekannte zurück. Ihr Lied "Ahava hi shir lishnayim" ("Die Liebe ist ein Lied für zwei") ging in der Menge allerdings unter und musste sich mit dem elften Platz begnügen. Ilanit sang auf Hebräisch, so wie eigentlich alle Nationen wieder in ihrer Landessprache hätten singen sollen. Die 1971 eingeführte Aufweichung der Landessprachenregelung wurde kurz vor dem Finale von Wembley wieder zurückgekommen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Beiträge der Bundesrepublik Deutschland und Belgiens aber schon gewählt, sodass für beide eine Ausnahmeregelung in Kraft trat.

Beide Nationen hatten sich mit ihren Beiträgen jeweils wesentlich mehr erhofft. Deutschland verzichtete 1977 gar auf einen nationalen Vorentscheid, aufgrund der schlechten Resultate in den Vorjahren griff der Hessische Rundfunk auf Koryphäen der Discobewegung zurück und nominierte die Gruppe Silver Convention, die zu diesem Zeitpunkt mit Liedern wie "Fly Robin fly" und "Get up and Boogie" Hits gelandet hatten, wurden von Hans-Otto Grünefeldt intern ausgesucht. Im Rahmen der Show "Wie hätten Sie's denn gern?" mit Hans-Joachim Kulenkampff präsentierten die drei Mädels Rhonda Heath, Penny McLean und Ramona Wulf ihren Titel "Telegram" aus der Feder von Sylvester Levai und Michael Kunze.

Die drei deutschen Diskoköniginnen belegten bei der Eurovision trotz orgiastisch ausgefeilter Telegramm-Übertragungs-Choreographie nur den achten Platz, in dessen Folge Hans-Otto Grünefeldt die Verantwortung für zukünftige Eurovisionsbeiträge abgab. Rhonda Heath trat 1994 als Backing der Gruppe MeKaDo noch einmal für Deutschland auf. Einen Rang darüber platzierte sich die belgische Formation Dream Express, zu denen sich Patricia, Bianca und Stella Maessen zählten, die 1970 als Teil von Hearts Of Soul bereits für die Niederlande an den Start gingen. "A million in 1, 2, 3" wurde vor dem Wettbewerb als Mitfavorit gehandelt, die Juroren ließen aber auch dieses Glanzstück der belgischen Eurovisionsgeschichte ungekrönt auf dem siebten Platz verhungern.

Gerade noch rechtzeitig schafften es die Schweizer ihren Beitrag "Swiss Lady" mit einem deutschen Text zu versehen. Die Pepe Lienhard Band, die mit dem Lied ganze acht Wochen an der Spitze der Schweizer Hitparade stand, setzte ganz auf heimisches Alpenglühen und ließ seinen Titel von Alphorn-Virtuosen Mostafa Kafa'i Azimi einläuten, von Pepe Lienhard auf der Piccolo-Flöte begleiten und mit Jodlern spicken. Die, in weiß gekleidete, Herrenband überholte Deutschland und Belgien und endete auf dem sechsten Platz. Pepe Lienhard gründete 1980 eine Big Band, mit dem er bei Galas und Bällen spielt, bis heute. 2006 sah man das Orchester u.a. als Begleitband von "Let's Dance".

In die Ungnade der Juroren fielen die österreichischen Vertreter, die 1969 in Wien gegründete Gruppe, Schmetterlinge. Zwei der Mitglieder, Sängerin Beatrix Neundlinger und Günter Grosslercher waren 1972 bereits als Teil der Milestones für das Alpenland dabei. Ihr gesellschaftskritisches Lied über die Profitgier der großen Plattenkonzerne begannen sie mit dem Rücken zum Publikum, mit Masken wie sie latente Erinnerungen an die Guy Fawkes-Bewegung weckten. Die Choreographie, die an Brotherhood on Man aus dem Vorjahr erinnerte und den sinnfreien Refrain, in dem über Känguruh, Boogaloo, Didgeridoo gesungen wurde, wurde von den Juroren mit dem vorletzten Platz bestraft.

Weitere Wiederholer in diesem Jahrgang waren zudem die Iren. Die Geschwister Swarbrigg, 1975 in Stockholm dabei, holten sich gesangliche Unterstützung und nannten sich nunmehr The Swarbriggs Plus Two. Nicola Kerr und Alma Carroll begleiteten in Strickkleidern die Brüder Tommy und Jimmy und pflichteten ihnen bei, als sie "It's nice to be in love again" sangen, Kerr war bereits im Jahr zuvor als Backgroundsängerin dabei. Irland schoss damit auf den dritten Platz vor, die beste Platzierung des Landes seit ihrem Sieg mit Dana im Jahr 1970.

Einen Rang dahinter landete Michèle Torr für das Fürstentum Monaco und dem Lied "Une petite française" über eine kleine Französin. Ihr erstes eurovisionäres Gastspiel für Luxemburg 1966, bei dem sie Platz zehn belegte, verbesserte sie um sechs Ränge und kehrte mit dem vierten Platz aus Wembley zurück. Die Sängerin mit dem rollenden R veröffentlichte im gleichen Jahr ein Cover des ABBA-Instrumentalliedes "Arrival" sowie mehrere Hits ins französischer Sprache, arbeitete u.a. mit Charles Aznavour zusammen und gibt heute noch erlesene Auftritte im Pariser Olympia, einem Etablissement für manierliche Chansons. 

Die griechischen Teilnehmer, die sich umständlicherweise keinen Bandnamen zugelegt hatten und als Pascalis, Marianna, Robert und Bessy antraten, wählten einen schwierigen Titel namens "Mathema Solfege", den man als ersten praktischen Musikunterricht der Gruppe verstehen kann und erklärt, warum man die Tonleiter rauf- und runtersang. Tatsächlich schafften es die Griechen damit bis auf den fünften Platz vorzustoßen und das ganz ohne zypriotische Hilfe, die sollten nämlich erst 1981 dabei sein. Pascalis Arvanitidis, Teil des Quartetts, hatte zwei Jahre zuvor mit "Weine nicht, Mama", einen Auftritt in der ZDF-Hitparade. Auch als Solisten waren die Erfolge der Interpreten im Nachgang eher bescheiden.

Ähnlich stampfend trat die couragierte Finnin Monica Aspelund vor das Publikum. Ihr Lied "Lapponia" gilt inzwischen als inoffizielle Hymne der von ihr besungenen samischen Bewohner Skandinaviens. Energisch klatschend und während der Bridge lasziv fauchend, setzte sie zu einem schrillen Endspurt an. Jenen Schrei hätte auch oben genannte Penny McLean in "Lady Bump" nicht besser hinbekommen können. Unter Eurovisionsfans gilt das Lied als einer der besten finnischen Beiträge aller Zeiten, in Wembley gab es hingegen nur Platz zehn. 1983 versuchte es Ami Aspelund, die Schwester der heute im sonnigen Florida lebenden Monica, ihrer Schwester Genugtuung zu verschaffen.

Weniger erfolgreich war die norwegische Sängerin Anita Skorgan, die wir in den nächsten Jahren noch öfters beim Eurovision Song Contest erleben sollten. Was mit einem simplen Schlager namens "Casanova" in Wembley begann, sollte zu fünf weiteren Beiträgen führen, bei denen sie zum Teil mit auf der Bühne stand, teilweise aber auch nur als Autorin tätig war. Anita, die später noch mit ihrem Gesangspartner und zeitweiligen Ehemann Jahn Teigen zurückkehrte, wurde von norwegischen Boulevardblättern als erstes Promi-Pärchen des Landes tituliert. Bei der Eurovision 1977 reichte es gerade einmal für den geteilten 14. Platz.

Teilen musste sie sich den Platz mit den Portugiesen. Nachdem sie bereits auf Solopfaden beim Eurovision Song Contest dabei waren, schlossen sich Fernando Tordo und Paulo de Carvalho zur Gruppe Os Amigos zusammen. Begleitet wurden sie von drei Damen und einem weiteren Herren, die, wie könnte es anders sein, mit "Portugal no coração" ("Portugal im Herzen") einen weiteren Titel aus der Kategorie liebestrunkene Heimatlieder beisteuerten. Etwas erfolgreicher, nämlich bis auf Platz neun brachte es das Nachbarland Spanien. Der Interpret Micky kam mit seiner Bitte "Enseñame a cantar" ("Bring mir das Singen bei") mittelmäßig an, hatte in den 70er Jahren aber schon einen Sensationshit, der in Deutschland als Bernd Clüver-Cover "Der Junge mit der Mundharmonika" bekannt wurde.

Ebenfalls im Mittelfeld landeten die Niederlande mit der Sängerin Heddy Lester, deren Titel "De mallemolen" ("Das Karussell") über das Auf und Ab im Leben von ihrem jüngeren Bruder Frank geschrieben wurde. 1971 hatte sie mit dem "Railroad Song" ihren ersten Erfolg in den Niederlanden und bestand im niederländischen Vorentscheid gegen neun andere Interpreten, darunter Maggie McNeal. Später widmete sich Heddy dem Theater, spielte in den Niederlanden bedeutende Rollen, etwa in "Die Troerinnen" von Euripides und in der "Bluthochzeit" von Federico Lorca und erhielt 1980 den Pall Mall Exportprijs für ihr erstes Soloprogramm. 

An die Kindermelodie des Bruder Jakob ("Frère Jacques, dormez-vous, sonnez les matines, ding dang dong") lehnte sich der luxemburgische Beitrag von Anne-Marie Besse an, die zu Promotionzwecken ihren Künstlernamen auf Anne-Marie B verknappte. Von der ursprünglichen Kinderlied-Melodie blieb allerdings wenig übrig, wurde es doch zu einem discoesken Stampfer mit dominantem Frauenbegleitchor umgeformt. Auch wenn dies den Zeitgeist der 70er treffen mochte, den Juroren war die Nummer nicht mehr als 17 Punkte und den 16. Platz wert.

Mehr Punkte erzielte die italienische Reibeisenstimme von Mia Martini bei ihrem ersten Engagement für Italien. Domenica Bertè, die als Yéyé-Sängerin als Mimì Bertè ihr Debüt in Italien feierte, wurde zunächst beim San Remo-Festival abgelehnt und im französischen Exil von Charles Aznavour entdeckt. Dadurch aufgeschreckt, schickte die RAI sie mit "Liberà" ("Frei") nach London. Dort lieferte sie eine makellose Vorstellung ab, wenn man über das blumige Oberteil hinwegsieht, doch auch hier war es den Juroren nicht mehr als ein 13. Platz wert. Mia Martini sollte später in Italien Höhen und Tiefen erleben und 1992 noch einmal zur Eurovision zurückkehren.

Das Voting dominierten über weite Teile des Abends die Briten. Wieder einmal schickte das UK namhafte Künstler ins Rennen, heuer Lynsey de Paul & Mike Moran, die zuvor mit "Sugar me" einen großen Hit hatten. Ihren Eurovisionstitel "Rock Bottom" begleiteten selbst am Klavier, dem gegenüber abgewandt. Wie dies aber schon Tradition hatte, konnten auch diese Sternchen der britischen Musikszene wieder nur den zweiten Platz belegen. "Rock Bottom" wurde zwar europaweit ein Erfolg, zeitgleich aber auch ihr letzter. Lynsey de Paul komponierte weiter, wechselte in den 80ern aber zu klassischer Musik, bis sie 2014 im Alter von 66 Jahren verstarb. Mike Moran komponierte mehrere Kinofilm-Themes und arbeitete mit Musikgrößen wie Ozzy Osbourne, George Harrison oder Kate Bush zusammen.

Am Ende wurden die Briten aber von einer jungen Französin geschlagen, die mit ihrer einfachen Ballade über einen Vogel und ein Kind, "L'oiseau et l'enfant" an den Start ging und ihr Glück gar nicht fassen konnte. Bei Schaltungen in den Greenroom konnte man sehen, wie sich das Make Up der 19jährigen Marie Myriam in Wohlgefallen auflöste und sie in Tränen zur Bühne schritt um dort noch einmal zu singen. Marie Myriam, als Myriam Lopes in Kananga, das zu diesem Zeitpunkt in Zaïre lag, geboren hatte sich zuvor gegen fünf Interpreten im französischen Vorentscheid behauptet und kam als Newcomerin zur Eurovision. Der Sieg ihres klassischen Chansons gegenüber allen "Saturday Night"-Liedern des Abends sollte bis zum heutigen Tage den letzten französischen Sieg beim Grand Prix bedeuten.

Bei der Punktevergabe von Wembley gab es im Nachhinein noch einiges zu korrigieren. So hatten die griechische als auch die französische Jury versehentlich jeweils vier Punkte zu viel vergeben. Die Korrektur hatte allerdings keinen Einfluss auf die Platzierungen der Nationen, sodass die beleidigte Zweitplatzierte Lynsey de Paul nach der Eurovision erbittert die Frage aufkommen ließ: "Warum hat die denn gewonnen?" Mit dem Eurovision Song Contest 1977 endete auch die Amtszeit von Oberschiedsrichter Clifford Brown bei der Europäischen Rundfunkunion, an seiner Stelle sollte dann ab 1978 Frank Naeff sitzen, genauer gesagt am 22. April 1978 in Paris. Erstmals sollte der Eurovision Song Contest unter dem Eiffelturm stattfinden.

Die Teilnehmer:
01. - 136  Marie Myriam - L'oiseau et l'enfant
02. - 121  Lynsey de Paul & Mike Moran - Rock Bottom
03. - 119 -  The Swarbriggs Plus Two - It's nice to be in love again
04. - 096 -  Michèle Torr - Une petite française
05. - 092 -  Pascalis, Marianna, Robert & Bessy - Mathema Solfege
06. - 071  Pepe Lienhard Band - Swiss Lady
07. - 069  Dream Express - A million in 1, 2, 3
08. - 055  Silver Convention - Telegram
09. - 052  Micky - Enséñame a cantar
10. - 050  Monica Aspelund - Lapponia
11. - 049  Ilanit - Ahava hi shir lishnayim
12. - 035  Heddy Lester - De mallemonen
13. - 033  Mia Martini - Liberà
14. - 018 -  Anita Skorgan - Casanova
14. - 018  Os Amigos - Portugal no coração
16. - 017  Anne-Marie B - Frère Jacques
17. - 011   Schmetterlinge - Boom Boom Boomerang
18. - 002  Forbes - Beatles

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