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Donnerstag, 9. Juni 2022

Memories: Eurovision Song Contest 1989


Schweiz
- Céline Dion war es zu verdanken, dass der Eurovision Song Contest 1989 nach 33 Jahren wieder dorthin zurückkehrte, wo er seinen Ursprung hatte, nämlich in der Schweiz. Und schon im Eröffnungsclip ließ das Schweizer Fernsehen mit einem klischeebehafteten Video deutlich werden, wo man sich befindet, nämlich im Land von Bergen, Kühen und Käse. Ein kleines Mädchen präsentierte als Heidi die Schönheiten der Schweiz und mit sieben Minuten auch das längste Intro-Video der Song Contest-Geschichte. Auch das Logo des Wettbewerbs war an eine der bekanntesten Schweizer Kulissen angelehnt, nämlich das Matterhorn, bekannt u.a. aus Touristenwerbungen und von Toblerone-Verpackungen. 

Austragungsort war das Palais de Beaulieu in Lausanne am Genfer See im Kanton Waadt. Mit der Rückkehr von Zypern waren wieder 22 Nationen gemeldet, Rückzüge gab es in diesem Jahr keine. Moderiert wurde die Show von Jacques Deschenaux und Lolita Moreno. Letztere wurde 1982 zur Miss Switzerland gekürt und arbeitete später als TV-Moderatorin. Hierzulande wurde sie 1992 durch eine Beziehung mit Fußball-Profi Lothar Matthäus bekannt, die Ehe wurde jedoch 1999 wieder geschieden. Lolita präsentierte sich in einem äußerst kleidsamen wie beeindruckenden Stehkragen-Kostüm an der Seite eines ergrauten Sportkommentators und bezauberte durch ausgeprägte Fremdsprachenkenntnisse. 

So konnte sie u.a. Italien als ersten Act des Abends ankündigen, vertreten durch die San Remo-Gewinner Anna Oxa und Fausto Leali mit "Avrei voluto". Das Lied erwies sich bei den Jurys als Spätzünder, erst im letzten Drittel trudelten die Punkte ein und hievten den rauchigen Italo-Gesang auf den neuten Platz. Zuvor durfte Vorjahressiegerin Céline Dion noch eine Playback-Version ihres Siegertitels "Ne partez pas sans moi" und ihr erstes englischsprachiges Lied "Where does my heart beat now" performen. Zudem wurde von Seiten der EBU eine Neuerung in Bezug auf Punktegleichheit im Voting eingeführt. Fortan sollte das Land mit der höhen Anzahl an zwölf Punkte-Wertungen vorne landen. Diese Regelung musste schon zwei Jahre später bei der Ermittlung des Siegers angewendet werden.

Im Falle des neunten Platzes fand diese Regel jedoch noch keine Berücksichtigung, Italien musste sich die Platzierung mit der griechischen Sängerin Marianna Efstratiou teilen, die bereits zwei Jahre zuvor als Teil der Gruppe Bang dabei war und nun mit "To diko sou asteri" ("Dein eigener Stern") ein tolles Empfehlungslied für eine griechische Seifenoper lieferte. Noch biederer boten Fanny Polymeri & Yannis Savidakis aus Zypern ihren Beitrag dar, sie im weißen Kleidchen, er im schwarzen Smoking. Leidenschaft für den jeweils anderen konnte man den Duettpartnern nicht ansehen, auch nicht, als sie sich an den Händen hielten. Die Juroren vermochten den Song aber immerhin noch auf dem elften Rang einzusortieren.

Das Jahr 1989 blieb vor allem durch Kinder-Beiträge in Erinnerung. Israel an zweiter Startposition schickte den zwölfjährigen Gili Netanel nach Lausanne, der zwar in Anwesenheit der volljährigen Galit Burg "Darekh hamelekh" sang, jedoch durch infantiles Grinsen nur schwerlich sein tatsächliches Alter verbergen konnte. Den klebrig-süßen Titel votierten die Juroren auf den zwölften Rang. Auch die deutsche Jury hatte drei Punkte übrig, anders als jedoch die französische Jury, die den israelischen Titel offenbar als direkte Konkurrenz sah, war die eigene Interpretin doch noch jünger. Nathalie Pâque war zum Zeitpunkt des Eurovision Song Contests 1989 gerade einmal zwölf Jahre, jedoch von der Maskenbildnerin derart entstellt, wie dereinst Zonen-Gaby auf dem Titelbild der Satirezeitung Titanic.

Frankreich erzielte mit der jüngsten Teilnehmerin in der Song Contest-Historie den achten Platz für "J'ai volé la vie", in dem es trotz ihres geringen Alters schon um ein gestohlenes Leben ging. Der Europäischen Rundfunkunion war das vermehrte Auftreten von Kindern jedoch ein Dorn im Auge, sodass im Nachgang die bis heute gültige Regel verabschiedet wurde, dass jegliche Akteure auf der Bühne zumindest das 16. Lebensjahr vollendet haben müssen. Sandra Kim-Momente sollte es fortan nicht mehr geben, 2003 wurde der Junior Eurovision Song Contest für die entsprechende Zielgruppe eingeführt, jedoch mit regelmäßig geänderten Altersgrenzen. Diese neue Regel führte etwa 2006 dazu, dass Daz Sampson auf den Schülerbänken im Background bereits mündige Erwachsene einsetzen musste, was dem Beitrag einen befremdlichen Touch gab.

Einen Rang höher landete die gestandene, bereits 40jährige Sängerin, Anneli Saaristo aus Finnland. Wenngleich auf Finnisch gesungen vereinte Anneli in Lausanne spanische Flamenco- und Gitarrenklänge mit einer italienischen Titelzeile. Ihr Lied war bis zum Sieg von Lordi 2006 das zweitbeste Ergebnis des Landes, in Sachen Kultstatus liegt "La dolce vita" noch deutlich davor. Weniger Erfolg hatte die norwegische Sängerin Britt Synnøve Johansen, die nach ihrem Sieg beim Melodi Grand Prix "Venners nærhet" in die Schweiz reisen durfte, mit ihrer Ballade allerdings weder dem Zeitgeist, noch dem Gusto der Juroren entsprach und folglich nur den 17. Platz belegte. Einen Verehrer hatte sie dennoch, ihr Backgroundsänger überreichte ihr während der Darbietung eine rote Rose.

Ein ähnliches Ergebnis erzielte Portugal mit der Gruppe Da Vinci, die textlich in eine neue Welt aufbrach. Sängerin Iei Or, bürgerlich Manuela Alves, die in einem adretten Outfit á la Carmen Sandiego inklusive Hut auftrat und ihr Komponistenfreund Pedro Luís Neves reihten sämtliche Gebiete im Refrain auf, die einst von den portugiesischen Seefahrern entdeckt und als Kolonien ins Kaiserreich integriert wurden, von Brazil über Angola bis nach Timor wurde dem "Conquistador" gehuldigt. Was ich für den besten portugiesischen Beitrag aller Zeiten halte, endete in Lausanne nur auf dem 16. Rang, insbesondere unterstützt durch die ebenso als Seefahrernation bekannten Spanier.

Spanien selbst schickte nach interner Auswahl die Sängerin Nina zur Eurovision. Als Teil der Band des katalanischen Musikers Xavier Cugat legte sie den Grundstein für ihre musikalische Karriere, später moderierte sie u.a. im spanischen Privatfernsehen und wurde Vocal Coach in den ersten drei Staffeln der "Operación Triunfo", einer Castingshow, die Anfang der 2000er drei Eurovisionsvertreter hervorbrachte. In Lausanne sang sie die dramatische Ballade "Nacida para amar", insbesondere in der Schlussphase holte Nina stimmlich alles aus dem lieblich orchestrierten Titel heraus, sodass der sechste Platz fast schon ein skandalös schlechtes Ergebnis für diese starke Perle darstellt. Ob ihr die eine ins Gesicht gefallene Locke zum Verhängnis wurde, kann heute nicht mehr geklärt werden.

Ein Duell der besonderen Art lieferten sich 1989 Deutschland und Österreich. Denn beide Titel wurden vom gleichen Komponisten geschrieben, Modern Talking-Sänger Dieter Bohlen, der es, wie er damals in den Medien angab, nicht des Geldes wegen machte. Es sei ihm egal, ob er 52 oder 54 Millionen DM umsetze, es zähle allerdings nur der Sieg, der nach drei Monaten Knochenarbeit für ihn angemessen schien. Keiner der beiden Interpreten konnten dieses hehre Ziel erreichen, dafür hatten die deutschen Medien allerdings eine ordentliche Presseschlacht angefeuert. Wie üblich gab es von der österreichischen Jury keine Punkte für Deutschland, andersherum wurden immerhin fünf Punkte vergeben.

Den deutschen Vorentscheid in München, der äußerst schwach besetzt war, u.a. etwa durch die spätere MeKaDo-Sängerin Dorkas Kiefer ("Ich hab' Angst") oder den italienischen Barden Francesco Napoli ("Viva l'amore"), gewann Nino de Angelo mit "Flieger". Auf dem zweiten Rang landeten Xanadu, ein Duo dessen Interpreten später Geschichte schreiben sollte, Lyane Leigh als Frontsängerin von E-Rotic und David Brandes, der 2005 mit Gracia Baur einen Plattenskandal nie dagewesenen Ausmaßes initiierte. Nach der Bruchlandung von Lausanne fiel Nino de Angelo, Interpret von "Jenseits von Eden" in ein tiefes Loch und packte später in seiner Autobiographie aus. Demnach sei es schon vor der Eurovision zum Bruch zwischen ihm und Bohlen gekommen, man habe sich gemieden, Bohlen habe sich vornehmlich auf den österreichischen Interpreten Thomas Forstner fixiert. 

Nino de Angelo, damals 26 Jahre alt, wirkte bei seiner Darbietung verkrampft, anders als der 19jährige Österreicher Thomas Forstner. Der aus Niederösterreich stammende Forstner landete mit "Nur ein Lied" auf der #1 der österreichischen Charts, am Text beteiligt war u.a. Joachim Horn-Bernges, der auch an Howard Carpendales "Hello again" und eben auch am deutschen Beitrag beteiligt war. Gewiss hat auch die Startreihenfolge einen Faktor gespielt, dass Österreich mit einem Bohlen-Lied den fünften Platz belegen konnte und das als vorletztes startende Deutschland nur 14. wurde. Musikalisch unterschieden sich die Titel nur oberflächlich, die Handschrift des Komponisten war in beiden Fällen deutlich erkennbar. Leider führte dieser Konkurrenzkampf auch dazu, dass der Song Contest in Deutschland in den 90ern in eine Art Lethargie verfallen sollte...

Gänzlich baden gingen in diesem Jahr die Isländer. Nachdem man dreimal in Folge den 16. Platz belegte, schickte die Vulkaninsel nun den 20jährigen Jungmusiker Daníel Ágúst Haraldsson zum Song Contest. "Það sem enginn sér" ("Was niemand sieht") wurde zum Programm, denn der Titel kassierte nicht einen einzigen Punkt von den Juroren. Nun hatte Daníel auch noch das Pech, dass der Song Contest 1989 von Thomas Gottschalk in der ARD kommentiert wurde, der mit zynischer Bestimmtheit die Darbietungen verschiedener Länder abwertete und im Falle Islands diagnostizierte, dass der Interpret wie ein Fischstäbchen daherkommt. Seiner Karriere hat der letzte Platz allerdings nicht geschadet, Daníel erhielt einen Plattenvertrag und macht bis heute Musik.

Kaum erfolgreicher, aber wesentlich dramatischer war der türkische Beitrag "Bana bana" der Gruppe Pan, deren weiblicher Part von Arzu Ece besetzt wurde, die 1995 noch einmal als Solistin Revanche einfordern sollte. Der Komponist des etwas wirren anatolischen Liedes war Timur Selçuk, der gleichzeitig als Dirigent auftrat und während der gesamten Darbietung so tat, als ginge es um sein Leben. Hoch dramatisch aufgeführt, leitete er den Orchestergraben durch das unbezwingbare Lied, das seine Punkte, fünf an der Zahl, lediglich aus Spanien und Jugoslawien bezog. Drei Punkte mehr erreichte Luxemburg an diesem Abend. Die Gruppe Park Café widmete dem "Monsieur" ein zweifelhaftes Lied im 80er Jahre-Beat, in Erinnerung blieb aber vielmehr die grauenhaft angeklatschte Frisur der Sängerin Maggie Parke.

Das bis dahin schlechteste Ergebnis des Landes, nämlich Platz 18, stellten Kiev Connolly & The Missing Passengers für Irland auf. Schlechter erging es u.a. der belgischen Sängerin Ingeborg Sergeant, die den belgischen Vorentscheid deutlich vor der eigentlich favorisierten und zur damaligen Zeit sehr erfolgreichen Band Clouseau gewann. Ihr süßes "Door de wind" zeigte sich offenbar zu unauffällig und fällt in die gleiche Kategorie wie "Venners nærhet" aus Norwegen. Die Nachbarn aus den Niederlanden erreichten mit Justine Pelmelay und "Blijf zoals je bent" den 15. Platz. Justine, Tochter indonesischer Eltern, nahm später diverse Disco-Klassiker auf und wurde Teil der Dutch Divas, zu denen auch Maggie MacNeal und Marga Bult zählen. 2012 zählte sie zu den geretteten Passagieren der vor Giglio im Mittelmeer gekenterten Costa Concordia.

Die Gastgeber aus der Schweiz präsentierten nicht nur eine Show auf internationalem Niveau sondern zeigten auch die sprachliche Vielfalt ihres kleinen Landes. Die Gruppe Furbaz, was in etwa so viel wie "Bengel" oder "Lausbuben" bedeutet, stellte mit "Viver senza tei" den bis heute einzigen Titel in rätoromanischer Sprache beim Song Contest vor. Gegründet in einem Kloster im Kanton Graubünden, boten sie nunmehr bei der Eurovision eine Mundart an, die laut Volkszählung nur von rund 60.000 Schweizern gesprochen wird und eine der vier Amtssprachen des Landes darstellt. Der 13. Platz war ein solides Ergebnis, dass die Schweiz jedoch nicht in die Bredouille brachte, den Wettbewerb erneut auszurichten.

Aus der Zeit gefallen wirkte der dänische Beitrag "Vi maler byen rød" von Birthe Kjær, die schon in den 60ern musikalisch aktiv war und nun mit einem Gute-Laune-Stück im klassischen dänischen Stil bis auf den dritten Platz vorstieß. Zum Dank durfte sie im Folgejahr den dänischen Melodi Grand Prix moderieren, ebenso 30 Jahre nach ihrem Erfolg von Lausanne. 2004 landete sie mit der EM-Hymne "Hvor vi fra?" und dem Safri Duo noch einen Achtungserfolg. Und auch Schweden schnitt gut ab, nach zwei Nummer Eins-Hits, durfte Tommy Nilsson mit "En dag" zur Eurovision fahren, mit dem er um einen Zähler an den Top Drei vorbeischrammte. Spätere Anläufe beim Melodifestivalen verliefen weniger erfolgreich.

Fast schon bezeichnend lautete der Titel des britischen Beitrags "Why do I always get it wrong?". Die Gruppe Live Report fragte sich, warum woher Erschöpfung und Kopfschmerzen stammen, hätten aber auch die Frage stellen können, warum das Vereinigte Königreich immer und immer wieder nur den zweiten Platz belegte. Denn genau dort landeten Leadsänger Ray Caruana mit seiner spannenden Glatze-trifft-Pferdeschwanz-Frisur und seine Mannschaft. Denn zur Verwunderung aller sammelte ausgerechnet das Land die meisten Punkte auf sich, das bereits im Jahr 1989 die Vorboten seines späteren Auseinanderbrechend zu spüren bekam und dessen Sieg niemand ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, nämlich Jugoslawien.

Mit der letzten Startnummer ging die Gruppe Riva mit der Sängerin Emilija Kokić ins Rennen. "Rock me" war ein ganz flotter Schlager, was heute das Todesurteil für jeden ernstgemeinten Song ist, war damals offenbar das Non Plus Ultra für die Juroren von Lausanne, das bis zum heutigen Tage bei vielen für Kopfschütteln sorgte und gemeinhin als einer der unverdientesten Sieger des Wettbewerbs gilt. Die kroatische Gruppe lieferte zwar einen netten Auftritt ab, "Rock me" konnte aber nirgends kommerzielle Erfolge verbuchen. 1992 löste sich die Gruppe schließlich auf, während Emilija Kokić eine erfolgreiche Solokarriere in Kroatien und den übrigen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens startete.

Einen besseren Zeitpunkt hätte das jugoslawische Fernsehen für seinen Sieg allerdings nicht treffen können, denn das Land stand kurz vor dem politischen Zerfall, der 1992 das Ende der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien zur Folge haben sollte. JRT, Jugoslavenska Radiotelevizija, das sich aus insgesamt acht regionalen Sendeanstalten von Ljubljana bis Skopje zusammensetzte, erhielt für 1990, ein weiteres Jahr im Umbruch den Zuschlag für den Eurovision Song Contest. Die Reise sollte erstmals in ein sozialistisch geführtes Land gehen, genauer gesagt nach Zagreb. Die Gruppe Riva hingegen, sollte schon alsbald in Vergessenheit geraten, nur für kleinere Reunions fanden sich die Bandmitglieder noch einmal zusammen.

Die Teilnehmer:
01. - 137 -Riva - Rock me
02. - 130 -Live Report - Why do I always get it wrong?
03. - 111 -Birthe Kjær - Vi maler byen rød
04. - 110 -Tommy Nilsson - En dag
05. - 097 -Thomas Forstner - Nur ein Lied
06. - 088 -Nina - Nacida para amar
07. - 076 -Anneli Saaristo - La dolce vita
08. - 060 -Nathalie Pâque - J'ai volé la vie
09. - 056 -Anna Oxa & Fausto Leali - Avrei voluto
09. - 056 -Marianna Efstratiou - To diko sou asteri
11. - 051 -Fanny Polymeri & Yannis Savidakis - Apopse as vrethoume
12. - 050 -Gili & Galit - Darekh hamelekh
13. - 047 -Furbaz - Viver senza tei
14. - 046 -Nino de Angelo - Flieger
15. - 045 -Justine Pelmelay - Blijf zoals je bent
16. - 039 -Da Vinci - Conquistador
17. - 030 -Britt Synnøve Johansen - Venners nærhet
18. - 021 -Kiev Connolly & The Missing Passengers - The real me
19. - 013 -Ingeborg - Door de wind
20. - 008 -Park Café - Monsieur
21. - 005 -Pan - Bana bana
22. - 000 -Daníel Ágúst Haraldsson - Það sem enginn sér

Donnerstag, 2. Juni 2022

Memories: Eurovision Song Contest 1988


Irland
- Eröffnet durch Johnny Logan, der im Vorjahr mit "Hold me now" Geschichte schrieb und als erster Interpret zweimal den Eurovision Song Contest gewinnen konnte, ein Rekord, der bis heute erhalten blieb, zog der Musikzirkus wieder auf die grüne Insel. Raidió Teilifís Éireann versuchte den Wettbewerb zu modernisieren. Dies gelang zum einen dadurch, dass man das mechanisch betriebene Scoreboard durch eine moderne Videowand austauschte, die fortan zum Standard bei den Punktevergaben zählte, so konnten u.a. erstmals nur die Top Five eingeblendet werden. Zum anderen durch interessante Kamera- und Lichtkonzepte, die den Austragungsort weitaus größer wirken ließen, als er tatsächlich war.

Eben jener Austragungsort war die Reithalle der Royal Dublin Society, in der eine enorm große Bühne installiert wurde, während man den Publikumsaal abdunkelte und weitestgehend auf Großeinstellungen verzichtete, um der Halle die nötige Tiefe zu verleihen. Auch produzierte RTÉ gemeinsam mit Declan Lowney einen interessanten Pausenfüller, nämlich die Hothouse Flowers, die im Musikvideo zu "Don't go" elf Länder besuchten und damit die teuerste irische Videoproduktion bis zum damaligen Tag schufen. Die gesamte Produktion soll das irische Fernsehen damals rund vier Millionen DM gekostet haben, dass die Iren in den 90ern noch wesentlich häufiger in die Verzückung kommen sollten, den Wettbewerb zu veranstalten, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Als Moderatoren engagierte RTÉ den Radiosprecher Pat Kenny, der ab den 80er Jahren auch in verschiedenen TV-Programmen zu sehen war. Zwischen 1988 und 2009 moderierte er die allseits beliebte "Late Late Show", die in den Folgejahren immer wieder als nationaler Vorentscheid genutzt wurde. Als weiblichen Gegenpart stellte man Michelle Rocca auf die Bühne, die 1980 zur Miss Ireland gewählt wurde und später Engagements in Funk und Fernsehen annahm. Damals war sie mit dem Fußballnationalspieler John Devine verheiratet, von 1992 bis 2018 war sie mit dem Musiker Van Morrison verheiratet. Neben dem Organisatorischen des Wettbewerbs, der auch wieder in Australien gezeigt wurde, waren ursprünglich die gleichen 22 Nationen wie im Vorjahr gemeldet.

Allerdings zog sich das zypriotische Fernsehen, obwohl ihm bereits die Startnummer zwei zugelost wurde, kurz vor der Eurovision zurück. Grund hierfür ist, dass der ausgewählte Titel "Thimame" von Giannis Dimitriou bereits 1984 im zypriotischen Vorentscheid aufgeführt wurde und damals den dritten Platz belegte. Um einer Disqualifikation durch die EBU zuvor zu kommen, zog sich Zypern zurück, strahlte die Show aber trotzdem aus. Die Nachnominierung eines Künstlers war aufgrund der verstrichenen Anmeldefrist nicht mehr möglich und somit fand der Eurovision Song Contest 1988 mit 21 Nationen statt. Eröffnet durch die isländische Gruppe Beathoven und "Þú og þeir (Sókrates)", die ihrerseits auch ein Unikum erreichten, wurden sie doch wie schon die beiden vorherigen isländischen Acts 16. im Ranking. 

Der isländische Beitrag war jedoch nicht mehr als die Aufzählung vieler Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte. Neben dem namensgebenden griechischen Philosophen Sokrates fanden u.a. auch der russische Komponist Tschaikowsky (Isländisch: Tjækovský), Ludwig van Beethoven, der österreichische Arzt und Psychologe Sigmund Freud, die amerikanischen Schauspieler Harold Lloyd und John Wayne, Christoph Kolumbus, die Beatles-Mitglieder Paul McCartney und John Lennon sowie Islands Strongman Jón Páll Sigmarsson Eingang in die Lyrics. Verbessert hat dies die isländische Bilanz bis dahin jedoch nicht.

Noch weniger Punkte erzielten die Finnen, mit der Gruppe Boulevard, die im Vorjahr bereits als Begleitchor von Vicky Rosti in Brüssel dabei waren und sich nun solo mit dem ungelenken Titel "Nauravat silmät muistetaan" ("Lachende Augen bleiben in Erinnerung") versuchten und lediglich drei Punkte, die allesamt aus Israel kamen, abgreifen konnten. Und auch besagtes Israel schickte bekannte Interpreten. Zum einen Yehuda Tamir und Reuven Gvirtz, die bereits als Teil von Milk & Honey auftraten und zum anderen Leadsängerin Yardena Arazi, die 1976 als Teil von Chocolate Menta Mastik auftrat und den Wettbewerb 1979 selbst moderierte. Im zigan anmutenden Kleidchen intonierte sie "Ben Adam", einen Schunkelschlager, der im Verlauf seiner drei Minuten immer mehr an Fahrt gewann und mit 85 Punkten einen guten siebten Platz abräumte. Nur einen Platz dahinter landeten die Gastgeber aus Irland. 

Die Gruppe Jump The Gun hatten in den 80er Jahren einige kleinere Single-Erfolge in Irland, nach dem Wettbewerb verlief sich die Bandgeschichte, wenig später erfolgte die Auflösung. Der neunte Platz ging an den Niederländer Gerard Joling mit "Shangri-La", einem Lied über einen paradiesischen wie auch fiktiven Ort in Tibet. Joling, der seine Musikkarriere in der "Soundmixshow" ins Rollen brachte, landete nach der Eurovision in mehreren Ländern, darunter auch in Südamerika Hits. In den 90ern flachte der Erfolg wieder ab, ein Cameo-Auftritt im Film "Flodder - Eine Familie zum Knutschen" und mehrere Theater-Engagements waren die größten Erfolge jener Zeit. Seit 2004 war er gemeinsam mit René Froger und Gordon Heuckeroth als De Toppers unterwegs, die, allerdings ohne ihn 2009 zum Song Contest nach Moskau reisten, nachdem es bandinterne Streitereien gab, die in der niederländischen Boulevard-Presse breitgetreten wurden.

Wenig erfolgreich lief der Wettbewerb in diesem Jahr für die Bundesrepublik ab. Beim in Nürnberg veranstalteten Vorentscheid wählten 600 Menschen in einem demoskopischen Voting mit 4.475 Punkten das Duo Maxi & Chris Garden nach Dublin. Die beiden, Mutter und Tochter aus einer gut bürgerlichen Familie aus Hanau, probierten es bereits im Vorjahr mit "Frieden für die Teddybären" und landeten 1987 auf dem zweiten Platz. Nun verwiesen sie u.a. Cindy Berger mit "Und leben will ich auch", Bernhard Brink & Gilda sowie G.G. Anderson auf die Plätze. Am langweiligen "Lied für einen Freund", das mit dem klassischen Staging, nämlich zwei weißen Flügeln umgesetzt wurde, waren wieder einmal Ralph Siegel und Bernd Meinunger beteiligt. Das Ende vom Lied war Platz 14, mit obligatorischen null Punkten aus Österreich.

Doch tatsächlich war es der österreichische Beitrag selbst, der keinen einzigen Punkt von den Juroren zu erwarten hatte. Der Sänger Wilfried, der 2017 einem Krebsleiden erlag, war Ende der 70er Jahre zunächst Teil der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV) ehe er als Solist in Österreich einige Erfolge hatte. Seinen letzten Platz rechtfertigte er später damit, dass sein Lied "Lisa Mona Lisa" nicht musikalisch sondern, insbesondere geprägt durch die Waldheimaffäre, politisch bewertet wurde. So berichtet er davon, dass er hinter der Bühne angespuckt wurde und die anderen Delegationen seinem Team ausgewichen seien. Belegbar ist dies nicht, die Schieflage in den Tönen hingegen schon, sodass Österreich an jenem Abend wohl zu Recht ganz unten auf dem Tableau landete.

Den 18. Platz teilen mussten sich 1988 Portugal und Belgien. Die portugiesische Sängerin Dora behielt mit ihrem Songtitel "Voltarei" ("Ich komme zurück") Recht, nahm sie doch schon zwei Jahre zuvor am Song Contest teil. Trotz voller Inbrunst, reichte es für Dora nur für fünf Punkte, vier davon von Spanien sowie einem weiteren Punkt aus Griechenland. Für mich ist und bleibt "Voltarei" allerdings einer der besten portugiesischen Beiträge aller Zeiten. Der belgische Sänger Joseph Reynaerts kurz Reynaert konnte mit seinem "Laissez briller le soleil" nur die französische Jury beeindrucken. Es blieb seine letzte bekannte Singleveröffentlichung. Später arbeitete er als Direktor einer Kultureinrichtung in der Provinz Lüttich, 2020 starb er an den Folgen einer Corona-Infektion.

Die wesentlich erfolgreichere belgische Interpretin, nämlich Lara Fabian, ging an jenem Abend für Luxemburg ins Rennen. Sie wurde intern für Dublin ausgewählt und legte als damals 18jährige mit der dramatischen Ballade "Croire" den Grundstein für ihre spätere Karriere. Jedoch stellte sich der Weltruhm erst ab 2000 ein, als sie mit "I will love again" begann auf Englisch zu singen. In der frankophonen Welt genießt sie noch heute hohes Ansehen, 2007 trat sie gemeinsam mit Gigi d'Alessio u.a. auch beim San Remo-Festival in Italien auf. 2015 nahm sie dort als Solistin mit "Voce" teil und wurde 20. und damit Letzte. Inzwischen besitzt Fabian auch die kanadische Staatsbürgerschaft und lebt abwechselnd in Belgien und Montréal. Für Luxemburg sollte es die letzte Top Ten-Platzierung beim Eurovision Song Contest sein.

Eingekreist wurde Lara Fabian von zwei skandinavischen Beiträgen. Platz drei ging an die Hot Eyes, namentlich die hochschwangere Kirsten Siggaard und Søren Bundgaard. Beide nahmen schon 1984 und 1985 am Song Contest teil. "Ka’ du se hva’ jeg sa’?" ("Habe ich dir nicht gesagt?") wurde zu ihrem erfolgreichsten der drei Beiträge, drei Wochen nach dem Song Contest von Dublin kam Kirstens Tochter zur Welt. Platz fünf ging an die norwegische Sängerin Karoline Krüger und "For vår jord", die sich selbst am Klavier begleitete und neben dem UK und Deutschland bei den Buchmachern zu den größten Favoriten zählte. Nach dem Song Contest nahm sie noch mehrere Alben, u.a. mit ihrem Ehemann Sigvart Dagsland auf und wurde für mehrere Musicals engagiert.

Zu den minder erfolgreichen Rückkehrern zählten an diesem Abend Tommy Körberg aus Schweden, der 19 Jahre nach seinem Song Contest-Einstand mit "Stad i ljus" den zwölften Platz belegte und ihn sich auch noch mit dem italienischen Barden Luca Barbarossa teilen musste und die türkische Gruppe MFÖ mit "Sufi", die den 15. Rang belegten. Vielleicht klang den Juroren das Lied über einen tanzwütigen Seemann zu orientalisch, Mazhar, Fuat und Özkan konnten sich in der Konkurrenz nicht behaupten. Dafür kam es zu einem besonderen Moment als die türkische Jury nach Jahren der Feindschaft erstmals Punkte an Griechenland vergab. Drei Zähler war den Türken die tänzerisch hübsch untermale "Clown"-Nummer von Afroditi Frida wert. Abgesehen von der isländischen und französischen Jury konnte aber auch Griechenland niemanden überzeugen, am Ende gab es Platz 17 für die Hellenen.

Knapp an den Top Ten vorbei schrammte Spanien mit der Gruppe La Década Prodigiosa, die zwischen 1985 und dem heutigen Tage in stets wechselnder Besetzung unterwegs ist. Zeitweise sang auch Mikel Herzog, Spaniens Vertreter von 1998 in der Gruppe. Nach mehreren Umbesetzungen stellte man sich mehreren Gesangswettbewerben, 1996 nahm man am Festival von Benidorm teil und belegte den dritten Platz, 2005 und 2007 versuchte sich die Gruppe beim spanischen Song Contest-Vorentscheid. Einen Platz über Spanien landeten die Franzosen mit Gérard Lenorman, der in den 60er und 70er Jahren einige Alben veröffentlichte, mit seinem halbherzigen Chanson aber auch keine Massen begeistern konnte. Erst sein Comeback-Album 2011, an dem auch andere Stars wie Anggun und Patrick Fiori mitwirkten, brachten seine Karriere wieder ins Rollen.

Der sechste Platz ging an den jugoslawischen Beitrag "Mangup" ("Schelm") der kroatischen Gruppe Srebrna Krila, die in den 70er Jahren von Đorđe Novković und Vlado Kalember gegründet wurde. Kalember selbst war 1984 gemeinsam mit Izolda Barudžija schon beim Song Contest dabei.  Bemerkenswert an jenem Abend war aber weniger der jugoslawische Beitrag sondern die jugoslawische Jurywertung und der größte "Suspense"-Moment in der Song Contest-Geschichte, den Moderator Pat Kenny mit den Worten "We employed Agatha Christie to write the script for tonight" verbildlichte. Denn während der gesamten Punktevergabe gab es einen ständigen Wechsel der Führenden, darunter u.a. Lara Fabian aus Luxemburg und auch dem französischen Beitrag.

Am Ende wurde es ein Zweikampf, an dem das Vereinigte Königreich beteiligt war. Der in Glasgow geborene Sänger Scott Fitzgerald, bürgerlich William McPhail, hatte 1978 mit "If I had words" im Duett mit Yvonne Keeley einen großen Erfolg und gewann das Finale im UK mit deutlichem Vorsprung. Scott raspelte sich durch den Text von "Go" und überzeugte zahlreiche Juroren, sodass er vor der letzten Wertung mit 136 Zählern auf dem ersten Platz lag und ein Sieg des Vereinigten Königreichs scheinbar nicht mehr abzuwenden war, die Schweiz lag fünf Punkte dahinter. Dann jedoch hieß es "Ljubljana calling" und die später für zahlreiche Fehlentscheidungen beim slowenischen Vorentscheid verantwortliche Miša Molk wurde aufgerufen. Es wurden zunächst die niedrigen Platzierungen verteilt, ehe die fünf Zähler an die Schweiz gingen.

Gespannt warteten alle auf die Punkte an das UK, ein BBC-Mitschnitt, in dem man Terry Wogan vor der Zwölf-Punkte-Vergabe "What a cliffhanger" sagen hört, kann man noch heute online finden. Doch es kamen keine zwölf Punkte, diese vergab die jugoslawische Jury an Frankreich. Und somit siegte die Schweiz mit gerade einmal einem Punkt Unterschied vor dem UK und ließ Scott Fitzgerald als gebrochenen Mann zurück, der an seine Erfolge nicht mehr anknüpfen konnte und sich später als Sänger auf Kreuzfahrtschiffen verdingte. Sein Sohn schlug ebenfalls eine musikalische Laufbahn ein, Kiley McPhail war und ist seit 2015 Teil der britischen Boyband Busted. Überboten wurde Scott Fitzgerald an diesem Abend Ende April 1988 von einer unbekannten Kanadierin namens Céline Dion.

Mit der unvorteilhaftesten Frisur und einem schrecklichen Tutu sang die damals 20jährige den Titel "Ne partez pas sans moi" ("Geh' nicht ohne mich") aus der Feder von Atilla Şereftuğ und Nella Martinetti. Zwar war Céline Dion, entdeckt durch ihren Mentor und späteren Ehemann René Angélil, der 2016 verstarb und ein Vierteljahrhundert älter war, als die Sängerin, schon zuvor in Frankreich und Kanada bekannt, erhielt durch den Eurovision Song Contest aber zusätzlichen Aufwind und legte eine beispiellose Weltkarriere hin, wie ihn unter allen Teilnehmern nur noch ABBA erreichten. Mit über 330 Millionen verkauften Tonträgern, dem Titanic-Megaerfolg "My heart will go on", einer eigenen Show in Las Vegas und Verkaufserlösen von rund 750 Millionen US-Dollar allein in der Dekade 2000 bis 2010 zählt sie zu den erfolgreichsten Sängerinnen der Musikgeschichte.

Allerdings hüllte Céline Dion Jahre später auch den Schleier des Schweigens über ihre Erfahrung beim Eurovision Song Contest. Bei ihrem Sieg in Dublin 1988 sah die Welt noch anders aus, während der Punktevergabe saß sie schon geknickt im Greenroom, während Scott Fitzgerald sich siegessicher gab. Nach ihrem Sieg liefen ihr bis zu ihrer Reprise Freudentränen über das Gesicht. Céline Dion schenkte der Schweiz den zweiten Sieg ihrer Geschichte, nachdem Lys Assia 1956 den allerersten Wettbewerb gewann. Zudem war es der bis heute letzte Sieg eines französischsprachigen Titels beim Eurovision Song Contest, der 1989 am Ufer des Genfer Sees, nämlich in Lausanne, ausgetragen werden sollte.

Die Teilnehmer:
01. - 137 -Céline Dion - Ne partez pas sans moi
02. - 136 -Scott Fitzgerald - Go
03. - 092 -Kirsten & Søren - Ka' du se hva' jeg sa'?
04. - 090 -Lara Fabian - Croire
05. - 088 -Karoline Krüger - For vår jord
06. - 087 -Srebrna Krila - Mangup
07. - 085 -Yardena Arazi - Ben Adam
08. - 079 -Jump The Gun - Take him home
09. - 070 -Gerard Joling - Shangri-La
10. - 064 -Gérard Lenorman - Chanteur de charme
11. - 058 -La Década Prodigiosa - La chica que yo quiero (Made in Spain)
12. - 052 -Tommy Körberg - Stad i ljus
12. - 052 -Luca Barbarossa - Vivo (Ti scrivo)
14. - 048 -Maxi & Chris Garden - Lied für einen Freund
15. - 037 -MFÖ - Sufi
16. - 020 -Beathoven - Þú og þeir (Sókrates)
17. - 010 -Afroditi Frida - Clown
18. - 005 -Reynaert - Laissez briller le soleil
18. - 005 -Dora - Voltarei
20. - 003 -Boulevard - Nauravat silmät muistetaan
21. - 000 -Wilfried - Lisa Mona Lisa