Sonntag, 5. August 2018

Eurovision am Sonntag (57)



Europa - Auch nach der abgeschlossenen Fußball-Weltmeisterschaft, die für Deutschland ohnehin nur bis zur Niederlage gegen Südkorea von Interesse war, befindet sich die Eurovisionsgemeinschaft im Dämmerzustand. Angesichts der maßlos übertriebenen Temperaturen im Land ist das aber auch nicht weiter schlimm. Für umfassende Ausformulierungen der Song Contest-Geschichte oder etwaige Verschwörungstheorien fehlt momentan auch der Elan. Und so zögere ich es weiter und weiter raus, das "Memories"-Archiv auszubauen, was seit Jahren unvollständig auf dieser Seite vor sich hin vegetiert.

Immerhin habe ich es geschafft, das Submenü (roter Tab) umzugestalten, sodass man jeden fertigen Jahrgang gleich abrufen kann. Sollte jemand beim Stöbern durch die alten Jahrgänge Anmerkungen oder Ergänzungen haben, so sind diese natürlich jederzeit per Kommentar oder E-Mail willkommen. Nachdem unser 90er Jahre-Ranking abgeschlossen ist, werde ich aber wohl nicht daran vorbeikommen, mich um den Song Contest 1973 zu kümmern. Bis dahin kauen wir lieber noch einige Themen durch, die in der Zwischenzeit aufgelaufen sind.

Polarisiert auch im Jahr 2018
noch, zumindest in der Türkei:
Conchita Wurst
Etwa den jüngsten Erklärungsversuch des türkischen Generaldirektors İbrahim Eren, warum sein Sender seit Jahren beim Eurovision Song Contest fehlt. Als vermeintlichen Hauptauslöser nannte Eren die Teilnahme und den Sieg von Österreichs Eurovisionskönigin Conchita Wurst. Ein Mann, der sich in seiner Rolle als Mann unwohl fühlt und sich stattdessen im Kleid und mit angeheftetem Bart auf die große Bühne stellt, sei für türkische Zuschauer, insbesondere Kinder unzumutbar. Während der Primetime könne es sich TRT nicht leisten, als öffentlich-rechtlicher Sender eine dermaßene Entgleisung von Werten zu zeigen.

Versucht man die Ansichten des Generaldirektoren objektiv zu bewerten, so kommt man nach einiger Überlegung zu dem Eindruck, dass Conchita nur ein Vorwand ist, dem Wettbewerb den Rücken zu kehren. Schließlich hat die Türkei dereinst aus völlig anderen Gründen seine Teilnahme niedergelegt. 2011 schied die Gruppe Yüksek Sadakat im Halbfinale von Düsseldorf aus, eine Schmach, von der sich die damaligen Senderverantwortlichen wohl bis heute nicht erholt haben. Wäre der Song Contest 2012 nicht in Baku, der Hauptstadt der befreundeten Nation Aserbaidschan, ausgetragen worden, wäre die Türkei wohl schon 2012 nicht mehr dabei gewesen.

Mit Can Bonomo endet vorerst
die türkische Eurovisionsreise 
So fuhr Can Bonomo noch einmal zur Eurovision und wurde Siebter. Darin liegt auch der Grund, der zur Absage für Malmö 2013 führte: die Ungerechtigkeit im Wertungsprozedere. Dass die Türkei im reinen Televoting besser dagestanden hätte, nagte am Ego des Senders TRT, der Europäischen Rundfunkunion wurde später vorgeworfen, die Wiedereinführung der Juroren dient als Kampagne, bestimmte Nationen gezielt herabzuwerten. Dabei kann man TRT in diesem Fall nicht einmal widersprechen, diente die Jury doch ursprünglich wirklich dazu, Nachbarschaftsvotings oder Diasporastimmen auszubremsen, was in meinen Augen bis heute mehr oder weniger effektiv auch funktioniert.

Ein problematischer Faktor, der in den späteren Jahren für die Türkei hinzukam ist der Fakt, dass mit Conchita Wurst eine Person des öffentlichen Lebens gewonnen hat, die dem Idealbild von Mann oder Frau nicht entspricht, jedenfalls nicht den Ansichten der konservativen Spitze der türkischen Politik. TRT wirft der Europäischen Rundfunkunion die Abkehr ihrer Werte vor, indem sie Beiträge wie eben "Rise like a phoenix" zulässt. Wobei man sich aber fragen muss, wo denn hier ein Werteverfall vorliegt, schließlich gab es in den letzten Jahren immer wieder polarisierende Beiträge, etwa Dana International 1998. Ein Blick auf die damalige Wertung der Türkei (es stimmte eine Jury und nicht das Publikum ab) zeigt, dass die Juroren fünf Punkte an "Diva" vergaben.

Auch Travestiekünstler waren in früheren Jahrgängen nie ein Problem, sonst hätte bereits 1986 eine Protestwelle geben müssen, nachdem Ketil Stokkan aus Norwegen einen Travestiekünstler anschleppte oder 2002, als Slowenien das Trio Sestre nach Riga schickte. In beiden Jahrgängen war die Türkei mit einem Beitrag vertreten. Der Eurovision Song Contest hat sich nicht von seinen Werten wie Toleranz und Offenheit entfernt, steht allerdings zunehmend im Kontrast zum restriktiven Standpunkt türkischer Politiker, die spätestens seit dem Putschversuch 2016 ihre Programmpunkte mit harter Hand durchsetzen und sich damit von eigenen Zielen wie einem EU-Beitritt entfernen.

Wäre bei TRT auf dem Index
gelandet: HP-Fan Art
Man kann nun auch die Frage aufwerfen, was denn beim Eurovision Song Contest überhaupt Kanon ist und was nicht. Wofür steht der Wettbewerb, zu dem alljährlich Nationen aus allen Ecken Europas zusammenkommen und was ist ungeschriebenes Gesetz und was nicht? Ein themenfremdes Beispiel: In den Harry Potter-Büchern zeichnete Joanne K. Rowling vor, dass Harry am Ende Ginny heiratet und sein Freund Ron Hermine. Davon abweichend gibt es reichlich Online-Content, der diese Ereignisse außer Acht lässt und Harry stattdessen mit seinem langjährigen Rivalen Draco Malfoy verkuppelt. Man möge in diesem Zusammenhang Begriffe wie "Drarry" googeln. Das ist nicht Kanon, wird aber in der Fantasie vieler Potter-Fans akzeptiert und ausgelebt.

Beim Eurovision Song Contest ist es nun einmal Kanon, dass der Wettbewerb unpolitisch ist und nicht nur Sprungbrett für europäische Interpreten sein möchte, sondern auch ein Ort, an dem ein ganzer Kontinent gemeinsam in Musik aufgeht und zusammen feiert, gleichwohl ein Künstler nun heterosexuell ist, im Rollstuhl sitzt, jüdischen Glaubens ist, eine dunkle Hautfarbe hat, eine Rolle spielt wie z.B. Silvia Night, einen Bart und ein Kleid trägt oder sich in einen Käfig einsperren lässt, wie es selbst schon bei einem türkischen Beitrag vorkam. Die Europäische Rundfunkunion hat darüber hinaus ausformulierte Regeln, die zwar häufiger geändert werden als die Landkreisgrenzen in Mecklenburg-Vorpommern, trotzdem sind diese verbindlich und für alle Teilnehmer gültig.

Der Sargnagel für die chine-
sischen Übertragungsrechte:
das Herrenpärchen aus Irland
Radikale Änderungen gab es seit der Einführung der 12-Punkte-Regelung im Jahr 1975 nicht. Zwar wurde ein flächendeckendes Televoting eingeführt, später wieder durch eine Jury reduziert und das Voting schließlich komplett gesplittet, an der Empfehlung Menschen jeglicher Herkunft für drei Minuten eine Plattform zu bieten, wurde jedoch nie gerüttelt. Und dass die Europäische Rundfunkunion in dieser Sache Haltung bekennt, hat man in diesem Jahr gesehen, nachdem das chinesische Fernsehen den irischen Beitrag aufgrund eines tanzenden Männerpärchens aus dem Programm gestrichen hat. Hunan TV wurde mit sofortiger Wirkung von der Ausstrahlung ausgeschlossen und wird aller Voraussicht nach 2019 keine Übertragungsrechte erhalten.

Wer nicht möchte, der muss auch nicht teilnehmen. Keine Rundfunkanstalt wird gezwungen am Song Contest teilzunehmen. Das russische Fernsehen hat trotz entsprechender Gesetze gegen homosexuelle Propaganda den irischen Beitrag in voller Länge ausgestrahlt, weil es die Repräsentation am Song Contest für wichtiger empfand. Armenien und Aserbaidschan nutzen die Eurovision ebenfalls, um sich nach außen hin zu präsentieren und nehmen dafür in Kauf, den jeweils anderen Beitrag des verhassten Nachbarn zu zeigen und ihn sogar zur Wahl zu stellen. Insofern wird die Europäische Rundfunkunion hoffentlich keinesfalls nachgeben und der Türkei eine Sonderstellung geben und für sie die Kanon-Regelungen aufweichen. Falls doch wäre dies schwach nach über 60 Jahren Vorreiterrolle in Sachen Toleranz und Offenheit.

Glücklicherweise leben wir in einem freien Europa, das trotz zunehmender Differenzen in Sachen Flüchtlingskrise, Terror, Meinungsfreiheit und so weiter immer noch einen Kompromiss zu suchen pflegt. Wenn einzelne Teilnehmer diesen Kurs nicht weiter verfolgen möchten, dann steht es ihnen natürlich frei, Mauern hochzuziehen und sich dahinter zurückzuziehen. Der Eurovision Song Contest jedoch stand immer wieder über diesen errichteten Mauern. 1990 haben viele Nationen über eingerissene Mauern gesungen, 1993 hat die bosnische Delegation Stacheldraht und Minenfelder überwunden, um Teil der europäischen Familie zu sein. Warum sollte die Europäische Rundfunkunion dies einfach wegwerfen? TRT ist bei der Eurovision herzlich willkommen, sollte dann aber die gleichen Werte vertreten, für die auch der Song Contest einsteht, die sich nie geändert haben.

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