Sonntag, 29. August 2021

Memories: Eurovision Song Contest 1984


Luxemburg - Ein letztes Mal kehrte der Eurovision Song Contest ins Großherzogtum Luxemburg zurück. Nur zehn Jahre später kehrte der Sender RTL dem Wettbewerb endgültig den Rücken. Bei seiner Suche nach einer adäquaten Halle wurden die Organisatoren aber offenbar nicht fündig und besannen sich darauf, den 29. Wettbewerb der Eurovision am 5. Mai 1984 im beschaulichen Théâtre Municipal auszutragen. Durch das begrenzte Auditorium war es nur geladenen VIP-Gästen, den Delegationen und der Presse möglich, die Ränge zu besetzen, die gewöhnlichen Zuschauer wurden ausgesperrt. Der Terminvergabe geschuldet musste Israel aufgrund eines Gedenktages wieder einmal auf die Teilnahme verzichten.

Ebenso blieben die Griechen der Veranstaltung fern, dafür kehrte Irland in den Kreis der Teilnehmer zurück. 19 Nationen traten an diesem Abend auf, der von der 19jährigen Désirée Nosbusch in fünf Sprachen geleitet wurde. Schon im Alter von zwölf Jahren arbeitete sie bei RTL und wertete nach Ansicht vieler Zuschauer den gesamten Abend auf, der Zeugnis mittelmäßiger Musik ablegte. Den folgenden Pressemeldungen zufolge war der Abend in Luxemburg aus deutscher Sicht ein absolutes Desaster, nach den Erfolgen der letzten Jahre wurde es nur ein geteilter 13. Platz. Die Interpretin Mary Roos sah sich nicht nur der Kritik der Journalisten ausgesetzt, sondern steckte zu dieser Zeit auch persönlich in einer schweren Krise.

Mary Roos' zweite Teilnahme, nachdem sie den deutschen Vorentscheid mit "Aufrecht geh'n" knapp vor Bernhard Brink und dem "Tingel Tangel Mann" der Formation Harmony Four gewinnen konnte, stand unter keinem guten Stern, kurz vor ihrem Auftritt erhielt sie den Anruf einer Frau, die ihr mitteilte, von ihrem damaligen Mann Werner Böhm ein Kind zu bekommen. Zudem verpatzte das Orchester die Instrumentalisierung. Am Ende des Abends stand die Bundesrepublik mit 34 Zählern (davon sieben aus Norwegen) gemeinsam mit der niederländischen Sängerin Maribelle auf dem 13. Platz. Mary Roos, die noch bis 1989 mit Böhm verheiratet war, startete später mit neuer Kraft wieder durch, inzwischen hat sie sich aber selbst in den musikalischen Ruhestand verabschiedet.

Besagte Niederländerin Maribelle, eigentlich Marie Kwakman, wollte schon 1981 zur Eurovision fahren. Drei Jahre später präsentierte sie mit zuckersüßer Melancholie in den Augen ihre Ballade "Ik hou van jou", die eigentlich das Zeug gehabt hätte, ganz weit vorn zu landen. Die Juroren favorisierten jedoch eher Plastikschlager anderer Nationen, wodurch die Liebesmelodie aus den Niederlanden ebenso grotesk abschmierte, wie der deutsche Beitrag. Ein µ besser schnitten die Gastgeber ab, der zehnte Platz für das seichte aber in der Tonlage absolut versemmelte "100% d'amour" von Sophie Carle war der Anfang vom Ende der luxemburgischen Song Contest-Historie. Was die jugoslawische Jury dazu bewegt hat, acht Punkte zu vergeben, bleibt ein Geheimnis.

Sektenhaft wirkte der Beitrag der Belgier. Der Sänger Jacques Zegers war umringt von vier Damen in roten und weißen Kleidern, die im Verlauf der Darbietung nach und nach aus dem Dunkel geholt wurden. Das Lied "Avanti la vie" ("Komm im Leben voran") waberte ohne Höhepunkte vor sich hin, schaffte es Dank der Schützenhilfe der luxemburgischen und französischen Juroren trotzdem auf den fünften Rang. Auch Belgien musste sich den Platz teilen, nämlich mit den beiden Italienern Alice & Franco Battiato. Ihr Lied "I treni di Tozeur" handelte von den Zügen auf dem Weg in die tunesische Oasenstadt Tozeur, deren triste Umgebung einige Jahre zuvor Kulisse für mehrere Szenen von George Lucas "Krieg der Sterne" darstellte. 

Alice, die 1981 mit "Per Elisa" das San Remo-Festival gewinnen konnte und ihr Duettpartner, der im Mai diesen Jahres verstorbene, Franco Battiato garnierten ihren sperrigen Titel mit der deutschsprachigen Zeile "Doch wir wollen ihn Dir zeigen", was allerdings kaum zu verstehen, der deutschen Jury aber immerhin sechs Punkte wert war. Das Lied platzierte sich später in den Schweizer Charts, beide Interpreten führten später noch erfolgreiche Solokarrieren fort, Alice sang im gleichen Jahr noch mit Stefan Waggershausen "Zu nah am Feuer" und landete auf der #13 in der deutschen Hitparade. Einen zweiten "italienischen" Beitrag präsentierte das sozialistische Jugoslawien mit "Ciao Amore".

TV Titograd, der lokale Rundfunk der Teilrepublik Montenegro, schickte Izolda Barudžija & Vlado Kalember zur Jugovizija und setzte sich dort u.a. gegen die mazedonische Sängerin Maja Odžaklievska durch. Der Song griff in "Felicita"-Manier das Sehnsuchtsgefühl zahlreicher Adria-Urlauber jener Dekade auf, wenngleich die serbokroatische Reibeisenstimme des Interpreten wie Schmirgelpapier auf den Gehörgang drückte. Das Lied konnte nur wenige Juroren begeistern, sodass am Ende der vorletzte Platz übrig blieb. Vlado war bis 1986 Sänger bei der Gruppe Srebrna Krila, die 1988 zum Eurovision Song Contest fuhr, Izolda heiratete, zog nach Deutschland und arbeitet heute in Mannheim als Gesangslehrerin. 

Unterboten wurde das jugoslawische Ergebnis nur von Österreich. Gerade einmal fünf Punkte gab es für Anita, die 1960 in der Steiermark geboren wurde und debütierte als noch unbekannte Sängerin beim österreichischen Vorentscheid. Mit ihrem Konkurrenten Gary Lux als Backing im Gepäck sang sie in Luxemburg "Einfach weg", der Song erreichte die #1 der Charts, beim Song Contest aber eine völlige Schlappe, nicht zuletzt durch die quietschpinke Dederon-Kittelschürze. Trotz allem legte sie mit diesem Auftritt den Grundstein für eine recht solide Karriere. In den 90ern nahm sie sich eine musikalische Auszeit um als Anwaltsgehilfin zu arbeiten, seit 2008 ist sie hin und wieder auf der Bühne zu sehen. 

Etwas besser lief es da für Portugal. Maria Guinot begleitete sich bei der Darbietung von "Silêncio e tanta gente" selbst am Klavier und präsentierte sich stimmgewaltig, weshalb sie noch heute bei vielen Song Contest-Fans auf großen Zuspruch stößt. Mit Platz elf erreichte sie für portugiesische Verhältnisse sehr achtbaren Platz. Viel besser lief es für die spanische Gruppe Bravo, angeführt von Leadsängerin Amaya Saizar. "Lady, lady" relativierte den letzten Platz der Spanier im Vorjahr und bescherte der Gruppe eine erfolgreiche Karriere, insbesondere in Südamerika. Dort traten sie u.a. beim Festival von Viña del Mar in Chile auf. 1986 trennte sich die Gruppe, in Luxemburg reichte es zur Bronzemdaille.

Gleich mehrere Nationen präsentierten sich schrill. Die Norweger schickten mit Dollie De Luxe zwei gekreppte Blondinen, deren Lied im Zuge der exaltierten Choreographie völlig in den Hintergrund rückte. Das merkten auch die Juroren, Norwegen erreichte nur Platz 17. Die Möglichkeiten des Farbfernsehens reizten die Briten aus. Belle & The Devotions traten in kreischenden Grüntönen im Supremes-Sound auf und erhielten für ihre "Love games" neben dem siebten Platz auch den Zorn des Theaterpublikums. Die deutlich zu hörenden Buh-Rufe galten jedoch englischen Hooligans, die im November 1983 während eines EM-Qualifikationsspiels eine Spur der Verwüstung in Luxemburg hinterließen, sodass das 4:0 für England den Meldungen über Gewalt wich. Belle & The Devotions blieb noch eine zweite Single im Anschluss, ehe sich die Gruppe auflöste.

In den Top Ten fand man noch das dänische Duo Kirsten & Søren, das als Hot Eyes auftrat und mit "Det' lige det" nicht mehr als schmückendes Beiwerk waren. Beide sollten ein Jahr später beim Melodi Grand Prix einen neuen Anlauf wagen und sich erneut für den Eurovision Song Contest qualifizieren. In Luxemburg legten sie mit dem vierten Platz vor. Auf den achten Rang kam die in Fréjus geborene Annick Thoumazeau mit ihrer Ballade "Autant d'amoureux que d'étoiles" ("So viele Verliebte wie Sterne") im roten Paillettenkleid, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Auch sie arbeitete im Nachgang als Gesangslehrerin und komponierte für ein Musical, welches später im Disneyland Paris aufgeführt wurde.

Auf dem neunten Platz landete Finnland. Der Sänger Kirill Babitzin kurz Kirka, probierte sich ab 1972 immer wieder beim finnischen Vorentscheid, im achten Anlauf schaffte er es mit "Hengaillaan" endlich zur Eurovision. Und auch er thematisierte den Schienenverkehr, indem er davon sang, dass er gerne auf Züge wartet. Zudem präsentierte er sein ungewöhnliches Sujet mit einem optischen Novum, verwendete er doch augenscheinlich einen Kajalstift. Kirka musste ein Jahr später 1,5 Millionen Finnmark Steuerschulden tilgen, was ihn finanziell trotz diverser Single- und Albumveröffentlichung an den Rand der Armut brachte. Er starb 2007 in Helsinki, seine geplante Teilnahme an der Tanzshow "Tanssii tähtien kanssa" kam nicht mehr zustande.

Den zweiten Platz in Luxemburg sammelte Linda Martin mit dem von Johnny Logan komponierten "Terminal 3" ein. Linda, die sich mit ihrer Band Chips als auch mit Linda Martin & Friends mehrfach vergeblich beim Vorentscheid probierte, gewann den irischen Vorentscheid gegen sieben Konkurrenten und stellte an jenem Mai-Abend in Luxemburg die Weichen für ihren späteren Erfolg. Es sollte jedoch bis 1992 dauern, ehe sie noch einmal die Chance erhielt zum Song Contest zu fahren und dort dann auch zu gewinnen. Bis dahin landete sie mit mehreren Singles in den irischen Charts, ihr Eurovisionsbeitrag über eine Fernbeziehung und ihren Liebhaber, den sie am Flughafen Dublin wieder trifft, erreichte den siebten Platz der irischen Hitliste. 

Den Eurovision Song Contest 1984 gewann jedoch Schweden. Die drei in den USA lebenden Brüder Per, Richard und Louis Herrey firmierten als The Herreys und gewannen den schwedischen Vorentscheid mit einem Lied, dessen Titel "Diggi-loo Diggy-ley" eigentlich nur als Arbeitstitel gedacht war. Laut der Texterin Britt Lindeborg handelte es sich hierbei nur um ein Versehen, dass plumpe Lautmalerei jedoch Namensgeber für einen Eurovisionssiegertitel wurde, sorgte für heftige Kritik in Schweden. Die drei Herreys jedoch überzeugten mit goldenen Schuhen und flotten Handgesten, sodass am Ende 145 Punkte, darunter fünf Höchstwertungen, zu Buche standen.

Die Herreys gingen im Anschluss auf europaweite Tournee, landeten mit "Diggi-loo Diggi-ley" u.a. auf der #18 der deutschen Charts und durften sogar in der ehemaligen Sowjetunion mit Nationalstar Alla Pugachova auftreten. Noch heute werden die drei Brüder regelmäßig zu Eurovisionsveranstaltungen eingeladen, darüber hinaus hält sich ihr Erfolg inzwischen aber sehr in Grenzen. Unvergessen bleiben jedoch die Gold angesprühten Schuhe, die laut Text über jedes Hindernis hinweggehen können. Die Herreys bescherten dem schwedischen Fernsehen nach ABBA den zweiten Sieg beim Eurovision Song Contest, der im Jahr 1985 nach Göteborg reisen sollte.

Die Teilnehmer:
01. - 145 -The Herreys - Diggi-loo Diggi-ley
02. - 137 -Linda Martin - Terminal 3
03. - 106 -Bravo - Lady, lady
04. - 101 -Hot Eyes - Det' lige det
05. - 070 -Jacques Zegers - Avanti la vie
05. - 070 -Alice & Franco Battiato - I treni di Tozeur
07. - 063 -Belle & The Devotions - Love games
08. - 061 -Annick Thoumazeau - Autant d'amoureux que d'étoiles
09. - 046 -Kirka - Hengaillaan
10. - 039 -Sophie Carle - 100% d'amour
11. - 038 -Maria Guinot - Silêncio e tanta gente
12. - 037 -Beş Yıl Önce, On Yıl Sonra - Halay
13. - 034 -Maribelle - Ik hou van jou
13. - 034 -Mary Roos - Aufrecht geh'n
15. - 031 -Andy Paul - Anna Maria Lena
16. - 030 -Rainy Day - Welche Farbe hat der Sonnenschein?
17. - 029 -Dollie de Luxe - Lenge leve livet
18. - 026 -Vlado & Izolda - Ciao amore
19. - 005 -Anita - Einfach weg

3 Kommentare:

  1. Linda Martin wurde doch nicht intern gewählt, sie gewann einen Vorentscheid!

    AntwortenLöschen
  2. Im Artikelbanner steht "Eurovision Song Contest 1985", das passt denke ich nicht.

    AntwortenLöschen