Montag, 9. August 2021

Kommentar: Jede Veranstaltung ist ein Stück Politik


Europa
- Nun hat mich die Tristesse des Sommers doch noch eingeholt. Nachdem sowohl der Eurovision Song Contest als auch die Olympischen Spiele in Tokio vorbei sind, fehlt mir ein mediales Großereignis mit "Competing"-Modus, auf das man sich freuen kann. Ein schwacher Trost ist dabei vielleicht, dass die Rundfunkanstalten Europas nach der Schlusszeremonie in Tokio vielleicht wieder auf das Programm für 2022 schauen und ihnen bewusst wird, dass die EBU schon mit ihren Anmeldeformularen für Italien an der Tür kratzt. Die letzte Bestätigung eines Landes ist schließlich schon eine ganze Weile her und auch auf den anderen Websites rund um die Eurovision findet man kaum Neuigkeiten.

Der erste Release des
Jahres: Hooverphonic
In 3,5 Wochen ist der 1. September, der Tag ab dem Songs, die im nächsten Jahr beim Song Contest dabei sein dürfen, auch offiziell und kommerziell veröffentlicht werden dürfen. Bis wir die ersten Titel der neuen Saison zu hören bekommen, dürfte es allerdings Spätherbst sein. Die ersten Informationen dürften vermutlich entweder aus Belgien oder Zypern kommen. Sowohl das flämische als auch das wallonische Fernsehen sind stets sehr fix bei der Benennung ihrer Kandidaten. Hooverphonic waren vor zwei Jahren die ersten Interpreten, die für Rotterdam gesetzt wurden, sowohl "Release me" als auch "The wrong place" gehörten bei ihren Präsentationsterminen aber schon zum zweiten Drittel aller Beiträge.

Und auch im deutschsprachigen Raum verbleiben ARD, ORF und SRF bisher mit freundlichen Grüßen und haben in Hinblick auf die Eurovision nichts Neues zu verkünden. Beim ORF geht es zunächst aber auch darum, einen neuen Generaldirektor zu finden. Dort findet morgen unter größter medialer Berichterstattung die Wahl statt. Ob sich der von der SPÖ favorisierte Alexander Wrabetz im Amt halten kann oder ein neues Gesicht das Rennen machen wird, findet in Österreich große Beachtung. Wie sehr sich das ganze politisch gestaltet, ist einem DWDL-Artikel zu entnehmen. Inwiefern die mögliche Umbesetzung der ORF-Führung Einfluss auf den Song Contest hat, werden wir in Kürze erfahren.

Steht wieder zur Wahl:
 Alexander Wrabetz
Dass die Politik Einfluss auf Medien hat, erleben wir vielerorts, beim türkischen Fernsehen TRT hat man ebenfalls einen bekennenden Anhänger Erdoğans installiert, beim weißrussischen Fernsehen war es schon immer hoch politisch. Der Ausschluss von BTRC bei Eurovisionsveranstaltungen dürfte in Anbetracht der Entwicklung im Land noch das geringste Problem sein. Wer sich ein bisschen mit den Olympischen Spielen in Tokio beschäftigt hat, hat sehr wahrscheinlich auch den Namen Kristina Timanovskaya aufgeschnappt, die nach Kritik an ihren Trainern Zuflucht bei der japanischen Polizei suchen musste und nun humanitäres Asyl in Polen erhalten hat.

So gern ich einige weißrussische Beiträge beim Song Contest auch mochte und so gern ich mich über den skurrilen Wertungsmechanismus beim weißrussischen Vorentscheid amüsiert habe, so rechtmäßig ist der Staatsfunk bei der EBU auch in Ungnade gefallen. Selbst vor der umstrittenen Wahl von Lukaschenko im letzten Jahr sahen viele die Vergabe des Junior Eurovision Song Contests nach Minsk skeptisch und kritisierten die EBU dafür, wie andere große Organisationen derartigen Regimes eine PR-Bühne zu bieten. Zumindest die Europäische Rundfunkunion hat, wenn auch ziemlich spät, Farbe bekannt und bei Weißrussland ein Exempel statuiert, außer Gelächter in Minsk wird der Ausschluss jedoch keinerlei Erfolge erzielen.

Sollte Belarus zurück-
kehren, dann wohl nur
unter dieser Flagge
Man kann versuchen ein Regime auszutrocknen, indem man ihm Gelder und Prestige verwehrt, gerade in Weißrussland hält sich der Kader um Lukaschenko aber schon seit fast 30 Jahren. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin hat Weißrussland als eines der letzten Länder sein Debüt beim Song Contest gewagt, 2004 traten Aleksandra & Konstantin mit "My Galileo" erstmals in Erscheinung. Nur ein Jahr später wurde es politisch beim Vorentscheid, denn obwohl die Sängerin Polina Smolova mit "Smile" vorn lag, setzte sich Angelica Agurbash, Oligarchen-Frau, mit "Boys and girls" durch. Gemäß dem Motto "Jeder Moralist ist käuflich", schaffte sie es wohl mit einer großzügigen Spende, den Vorentscheid zu ihren Gunsten ausfallen zu lassen. In den Folgejahren ereigneten sich noch weitaus skurrilere Entscheidungen.

Nun bin ich kein Prophet und auch beim Eurovision Song Contest können sich Änderungen schneller ergeben, als Medaillenträume in Tokio zerplatzen können, der Kurs der EBU lässt jedoch erahnen, dass ein Weißrussland unter Lukaschenko mittelfristig nicht mehr in die Eurovisionsfamilie zurückkehren wird. Ich finde diese Entscheidung völlig richtig, ein Staatssender, der sich nicht im Geringsten darum bemüht, die Grundwerte des Song Contests zu akzeptieren und darüber als reines Propaganda-Sprachrohr agiert, hat in Italien 2022 nichts verloren. Jetzt werden natürlich auch Stimmen laut, die "Aserbaidschan" oder "Russland" rufen, beide Länder fielen in den vergangenen Jahren ebenfalls durch politische Reibereien auf, allerdings obliegt es nicht mir, Länder beim Eurovision Song Contest in Gut und Böse zu sortieren.

Aserbaidschan stand 2012
schon unter Beobachtung
Mit Sicherheit ist kein Land, das am Eurovision Song Contest teilnimmt, eine lupenreine Demokratie, jeder hat Leichen im Keller und kein Sender wird völlig unpolitisch geführt. Wenn es danach geht, müssten alle Nationen unter neutraler Flagge antreten, um wieder einen Bezug zu Olympia zu schaffen. Die verbliebenen Nationen beim Song Contest, Russland und Aserbaidschan eingeschlossen, vermögen es aber immerhin, subtil genug zu arbeiten, ohne jene zu verspotten, die sich für einen gemeinschaftlichen Spirit einer Großveranstaltung einsetzen. Dass Veranstaltungen dieser Größenklasse immer politisch gefärbt sind, lässt sich nicht vermeiden. Ob nun FIFA, IOC oder EBU, wer Geld zahlt darf mitmachen und so unpolitisch die Statuten auch sein mögen, jeder Wettkampf in dem Länderflaggen zu sehen sind, bleibt politisch bis ins Mark.

Corona hat uns gelehrt, dass sogar Veranstaltungen in kleinen Clubs politisch werden können. Je nach Inzidenz und Landkreisverordnung sind Festivitäten erlaubt oder eben nicht. Ein Virus ist zwar nicht vergleichbar mit finsteren Diktatoren und Geldmacherei bei Großveranstaltungen, zeigt aber, dass die Politik im Kleinen wie im Großen Einfluss ausüben kann. Wenn dies schon bei der Dorfdisco in Erkelenz der Fall ist, dann kann es doch erst recht nicht erstaunen, wenn sich der Song Contest mit der Politik überkreuzt. Und so wird es bleiben, wie schon erklärt, solange bunte Fahnen über den Fernsehbildschirm wehen, solange bleibt eine Veranstaltung eben auch im Fokus von etwaigen Staatsdienern. Seit 1956 schwebt die Politik über dem Song Contest, wer die Entstehungsgeschichte kennt, der weiß, dass allein schon die Planung damals politische Motive hatte.

Und wie morgen beim ORF in Wien eine politisch-gefärbte Entscheidung getroffen wird, so entscheiden Politiker und der staatliche Rundfunk Italiens auch, welche Stadt die beste Option für die Eurovision 2022 ist. Die Stadtväter von Turin betreiben in eigener Sache viel Werbung für ihre eigene Stadt, jenen Ort, an dem 2006 die Olympischen Winterspiele stattfanden. Und damit schließt sich der Kreis und lässt mich wieder zurück in einer gähnenden Sommerleere, ohne Eurovision, ohne Olympia. Immerhin gibt es alles On Demand, es gibt DVDs und es gibt Youtube, um sich im vierzehntägigen Urlaub ein wenig die Zeit zu vertreiben und so entdeckt man hin und wieder wundervolle Perlen. 

Bieten ein sensationelles
Œuvre: Just Duet 
Etwa das unten gelistete Video von Sergiusz Krzadowski und Pavel Masyuk aka Just Duet, zwei talentierten Akkordeonspielern aus Frankfurt am Main, die uns in einer knappen Viertelstunde auf eine musikalische Weltreise mitnehmen. Tatsächlich wecken die dargebotenen Volksweisen wie die "Tarantella Neapoletana" die georgische Lezginka oder das russischen "Korobeinik", mir bekannt als Gameboy-Gedudel bei Tetris, Ambitionen, selbst nochmal mit einem Musikinstrument durchzustarten. Wenn ich mir die Preise für ein einigermaßen ordentliches Akkordeon allerdings anschaue, lasse ich das doch lieber die beiden Jungs machen... In diesem Sinne wünsche ich einen fröhlichen Wochenstart.

2 Accordions - 24 Countries | Einen zweiten Teil mit 25 Ländern gibt es hier

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