Dienstag, 18. August 2020

Eurovision: Die gelebte Entwicklung von Fernsehtechnik



Europa - Die corona- und sommerlochbedingte Nachrichtenarmut möchte ich an dieser Stelle einmal nutzen, um der Europäischen Rundfunkunion für 65 Jahre bester Unterhaltung zu Danken. Insbesondere dem 1981 verstorbenen Schweizer Marcel Bezençon ist es zu verdanken, dass wir noch heute Lieder über "Cheesecake", "Cleopatra" und "Black smoke" sehen und hören können. Der langjährige Generaldirektor des Schweizer Fernsehens gilt gemeinhin als Erfinder des Eurovision Song Contests.

Das Gesicht des ESC der
frühesten Stunde:
Marcel Bezençon 
1954 wurde er zum Vorsitzenden der Europäischen Rundfunkunion und war damit auch für die internationale Verbreitung des Mediums Fernsehen verantwortlich, das nach und nach größeren Zuspruch erlangte. Der Eurovision Song Contest, eine europäische Version des San Remo-Festivals, sollte dafür sorgen, vom Krieg gebeutelte Nationen zusammen zu bringen und gleichzeitig die neuesten Errungenschaften aus Funk und Fernsehen an den Mann zu bringen. In den Anfängen war dies logischerweise nur schwer möglich.

Kaum jemand besaß zu dieser Zeit ein Fernsehgerät, die für den Normalverdiener unerschwinglich waren. So liegt die Zahl der TV-Geräte in der BRD im Jahr 1955 bei gerade einmal 100.000 Stück. Wichtigstes Massenmedium war zu jener Zeit das Radio. Die Zahl stieg sprunghaft an, 1961 gab es weltweit bereits über 100 Millionen Fernsehteilnehmer. Der Eurovision Song Contest passte sich immer wieder den technischen Neuerungen an, so fand der erste Wettbewerb in Farbe 1968 statt, in Farbe sehen konnten ihn allerdings die wenigsten, da hierfür die Aufrüstung bzw. der Neukauf eines TV-Gerätes notwendig war. Das Farbfernsehen hat überlebt, anfänglich große Gerätehersteller wie Nordmende oder Telefunken nicht.

Passend zu den schrillen 70er-
Klamotten wurde der ESC ab
1968 in Farbe übertragen
In der BRD wurde der Startschuss für das Farbfernsehen im sogenannten PAL-System (Phase Alternating Line) 1967 während der 25. Deutschen Funk-Ausstellung in Berlin durch Kanzler Willy Brandt gegeben, der allerdings von einem übereifrigen Techniker ausgebremst wurde, der bereits vor dem Knopfdruck auf Farbe umschaltete. Neben PAL setzte sich vor allem in Osteuropa und in Frankreich das SECAM-Verfahren zur farbigen Übertragung im analogen Fernsehen durch, ergänzend gibt es in Nord- und Mittelamerika, Japan und den Philippinen noch das NTSC-System. Wie auch immer, den Song Contest gab es fortan in Farbe.

Das Aufkommen von Satellitenfernsehen machte es im Laufe des Jahre auch möglich, den Song Contest in die entlegensten Gebiete zu übertragen. So waren in den 70er Jahren neben den westeuropäischen Teilnehmerstaaten auch viele Nationen im Nahen Osten, im ehemaligen Ostblock und gar in Amerika und Australien in der Lage, Cliff Richard, Olivia Newton-John und Cindy & Bert zu sehen. Das es allerdings auch hier zu technischen Problemen führte zeigt das Beispiel Island, das aufgrund einer fehlenden soliden Verbindung erst in den 80er Jahren am Eurovision Song Contest teilnehmen konnte, nachdem mehrere Seekabel verlegt wurden.

Relikte meiner Kindheit:
VHS-Kassetten, seit 2016
werden keine Recorder mehr
produziert
Der Eurovision Song Contest spiegelt nicht nur die politische Geschichte Europas der letzten 65 Jahre wieder, etwa den Disput um die Insel Zypern, die Jugoslawien-Kriege oder die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine, sondern auch den technischen Fortschritt. Vielen Zuschauern wurde mit Einführung von VHS-Systemen auch die Aufnahme der Show ermöglicht, nachdem man in Genf erkannt hat, dass man mit Merchandising ebenfalls Geld machen kann, gab es den Song Contest auch auf MC-Kassette, später auf CD und DVD. Ebenfalls erkennt man die Zukunftsgewandheit der Show an den Kamerasystemen.

Gab es in den frühen Jahren der Show eine Standbildkamera, die fest montiert im Saal stand und Interpreten jegliche Choreographie untersagte, weil sie andernfalls aus dem Bild fallen würden, ging der Trend in Zukunft zu mehreren Kameras bis hin zu den heutigen Spidercams, die an Drähten in der Halle quasi jeden beliebigen Punkt der Lokalität erreichen. Von den Mikrofonen gar nicht erst zu reden, musste eine Milly Scott 1966 noch aufpassen, bei ihrem Tänzchen zu "Fernando en Filippo" nicht über die Kabelage zu stolpern, kam zunächst das kabellose und später das Headset-Mikrofon, das Künstlern erlaubt wild mit den Armen zu gestikulieren und dennoch singen zu können.

ESC 1993: Eines der ersten
digitalen Scoreboards. Man
achte auf das Wählscheiben-
telefon oben links
Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten und wird immer Teil des Eurovision Song Contests bleiben, auch auf verschiedenen Ebenen. Nicht nur das Voting wird geändert, auch die Präsentation. Gab es früher noch Bühnentechniker, die die Punkte manuell schieben mussten, kam in den 90er Jahren das digitale Scoreboard, seit 2003 sortieren sich die Länder automatisch nach ihrem Punktestand. Und die Wertungsabfolge selbst wurde im Laufe der Jahre auch zunehmend vereinfacht. Gab es bis in die 90er allein Juroren, die über Wohl und Weh der Kandidaten entschieden, führte die EBU ab 1997 das TED-System, später Televoting (über die bekannten 0137-Nummern) ein.

Der Dino unter den Abstim-
mungsmechanismen: die
Medienpostkarte. Die Rück-
seite ähnelte einem Lottoschein
Als Rückfallebene behielt man sich professionelle Jurys, die beim technischen Versagen der Leitungen die Länderpunkte ausmachten. Inzwischen greift, primär um geopolitischer Wettbewerbsverzerrung vorzubeugen, eine 50/50-Regelung aus Jury- und Televoting. Die Abstimmung per SMS und Eurovision App kamen als weitere technische Fortschritte hinzu. In die Zeiten, in denen wie bei einigen Vorentscheiden per Medien-Postkarte abgestimmt werden konnte, kann man sich heute kaum noch hineinversetzen. Da sich die Technik immer schneller weiterentwickelt, dürfen wir gespannt sein, welche Neuerungen der Eurovision Song Contest uns noch beschert.

Wunder der LED-Technik:
Lisa Angell nimmt uns mit
durch das zerstörte Europa
Der Song Contest ist somit nicht nur eine fröhliche oder politische Abendveranstung sondern seit jeher auch ein Spiegel des technischen Fortschritts in der Medienlandschaft. Vom fast ausschließlichen Radio-Event im kleinen Kreise in Nachkriegs-Europa zu einem millionenfach geschauten Wettbewerb, der online bis nach Rarotonga gestreamt werden kann. Natürlich hat dies in den letzten Jahren auch enorme Kostensteigerungen für die betroffenen Rundfunkanstalten bedeutet, jeder Spezialeffekt vor und hinter der Kamera kostet die Delegation Geld. LED-Wände verschlucken mehr Geld als ein einziger Hauptscheinwerfer (ABBA-Sprech: "Super Trouper"), der Ästhetik der Show hat es aber nicht geschadet.

Sang man früher vor einer Pappwand mit Motiven aus den Niederlanden, kann man heute die gesamte Bühne nutzen um Geschichten zu visualisieren, etwa Lisa Angell, die bei "N'oubliez pas" eine Armee Soldaten durch eine zerstörte Kleinstadt marschieren ließ oder Elina Netšajeva, die das gesamte Farbspektrum der HD-Technik auf ihrem Zeltkleid projezieren ließ. Dies alles haben wir auf die ein oder andere Weise den Geistern der 50er Jahre zu verdanken, die sich der Idee der Eurovision annahmen und über Generationen hinweg Menschen aus ganz Europa an einem lauen Mai-Abend zusammenbringen. Und 2021 soll diese Reise nach erstmaligem krankheitsbedingten Ausfall weitergehen, ich freue mich!

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