Sonntag, 23. Juli 2017

Lettland: Slowenien gewinnt ersten Choir Of The Year!



Lettland - In Riga ging vor einer guten Stunde die erste Ausgabe von Eurovision - Choir Of The Year zu Ende. In der Show, die von Grammy-Gewinner und Dirigent Eric Whitacre und LTV-Moderatorin Eva Johnasone moderiert wurde, traten neun Chöre mit einer jeweils sechsminütigen Gesangseinlage auf. Als Sieger ging Slowenien aus dem ersten Wettbewerb hervor.

Das Ergebnis der professionellen Jury:
01. -  Slowenien - Carmen Manet
02. -  Wales - Côr Merched Sir Gâr
03. -  Lettland - Spīgo
XX. -  Estland - Estonian TV Girls' Choir
XX. -  Dänemark - Academic Choir of Aarhus
XX. -  Belgien - Les Pastoureaux
XX. -  Deutschland - Jazzchor Freiburg
XX. -  Ungarn - Bela Bartok Male Choir
XX. -  Österreich - Hardchor Linz

Die übrigen Platzierungen wurden nicht im Einzelnen bekannt gegeben. Wie bereits im Vorfeld der Show bekannt gegeben wurde, findet der Wettbewerb im Zwei-Jahres-Rhythmus statt. Der Wettbewerb 2019 soll im schwedischen Göteborg stattfinden. Wer die Sendung auf arte verpasst hat, kann diese on demand bei der Eurovision sowie in der kommenden Woche im WDR noch einmal ansehen.

Samstag, 22. Juli 2017

Black Cocktail: Making a hit



Europa - Es ist wieder einmal Wochenende und während heute Abend in Riga neun Chöre zusammentreffen um untereinander auszumachen, welcher von ihnen der beste ist, widmen wir uns ebenfalls einem Thema rund um den Eurovision Song Contest, bei dem es um Erfolg geht. In "Making a hit" fragen wir uns, wie Lieder für den Eurovision Song Contest überhaupt entstehen, was es ausmacht, dass sie beim Wettbewerb einen Erfolg verbuchen können und wie groß die Chancen sind, im Nachhinein auch kommerziell erfolgreich zu werden.


Das Leitthema des Cocktails in dieser Woche leitet sich vom norwegischen Beitrag diesen Jahres ab. Jowst alias Joakim With Steen arbeitete als Tontechniker bis er später in ein Osloer Aufnahmestudio wechselte und ihm die Idee kam, via Facebook eine Gruppe zu gründen, in der er seine Familie und Freunde darum bat, Verbesserungsvorschläge für sein Projekt "Making a hit" zu hinterlassen. Gemeinsam wurde über Monate hinweg an einem Lied gefeilt, neu arrangiert, Passagen gestrichen, Beats verändert und am Ende gab es den fertigen Song "Grab the moment".

Jowst u. Aleksander Walmann
Im Nachhinein wurde mit Aleksander Walmann über eine Audition ein passender Sänger für den Song gesucht. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und sendeten ihren Beitrag beim Melodi Grand Prix, dem norwegischen Vorentscheid ein. Der Rest ist bekannt, in Kiew reichte es für einen Top Ten-Platz und das, obwohl der Song aus Norwegen, wenngleich er meine #1 in diesem Jahrgang ist, als Underdog mit relativ niedrigen Chancen gehandelt wurde. Anders als noch vor ein paar Jahren reicht es nicht aus, allein vom Publikum geliebt zu werden, auch die Jury, die laut EBU-Regeln gewissenhaft nach musikalischen Kritikpunkten werten soll, muss überzeugt werden.

Jowst und Aleksander Walmann erreichten 129 Punkte im Juryvoting, bei den Zuschauern nur 29. Das Gegenbeispiel lieferte Rumänien. Der Jodelbeitrag von Ilinca feat. Alex Florea holte nur 58 Punkte bei den Jurys, hingegen 224 Zähler beim Televoting. Allerdings konnte sich der farbenfrohe Comeback-Song Rumäniens sich im Anschluss kommerziell in Europa nicht lange behaupten. Wie man bereits während der Proben in Vorbereitungen auf Kiew feststellte, funktioniert der Song innerhalb der Eurovision-Bubble, nicht jedoch im Radio oder bei öffentlichen Präsentationen außerhalb dieses Rahmen. 

Da mussten die Bühnenhelfer
viel schleppen: Luminita
Viele Nationen entscheiden, häufig intuitiv im nationalen Vorentscheid nicht für ihren eigenen Favoriten, sondern orientieren sich an den Erfolgsrezepten der Vorjahre. In einem Jahr waren Trommeln und Folklore angesagt, etwa 2005 als Helena Paparizou mit Sirtaki und Hosenträger-Geigen den ersten Sieg für Griechenland klar machte oder die Percussion-Band Sistem gemeinsam mit Luminița Anghel Ölfässer und eine Flex als Utensilien verwendete um ihren Song "Let me try" visuell epischer zu machen. Auch Moldawien setzte in diesem Jahr mit einer trommelnden Großmutter auf diese Karte. 

Zur damaligen Zeit gab es jedoch keine Jury, in der Periode zwischen 1998 und 2009 entschieden ausschließlich die Zuschauer über das Wohl der Interpreten. Rechnet man den Nachbarschaftsbonus heraus (2004 waren z.B. alle Balkannationen von Ivan Mikulić für Kroatien bis Anjeza Shahini für Albanien qualifiziert), entstand so ein Stimmungsbild, was in Europa erfolgreich sein könnte. 2006 schafften es Lordi als Eyecatcher, die Dauerpleiten Finnlands zu kompensieren. 2007 wurde die ukrainische Discokugel Verka Serduchka Zweite hinter der eindrucksvollen und landessprachlichen Ballade von Maria Šerifović.

Wäre in der Probe fast am
Kunstschnee erstickt: Loreen
Natürlich versuchen sich Komponisten, die einmal Song Contest-Luft geschnuppert haben, ihrem Stil treu zu bleiben und an alte Erfolge anzuknüpfen. Besonders schwedische Komponisten wie z.B. Thomas G:son sind besessen vom Song Contest-Erfolg, was 2001 mit "Listen to your heartbeat" für die Formation Friends erfolgreich begann und sich mit Carolas "Invincible" in Athen fortführte, wurde 2012 mit dem Sieg von Loreen belohnt. "Euphoria" entwickelte sich als einer der wenigen Songs in den letzten Jahren auch zu einem kommerziellen Erfolg, der sogar heute, fünf Jahre später noch hin und wieder im Radio zu hören ist. Gleiches gilt für Frans und "If I were sorry", das auch heute noch im Radio auftaucht.

Gänsehaut pur: Pastora Soler
singt "Quédate conmigo"
Schwedische Komponisten gelten als Hitproduzenten, sind weltweit gefragt, internationale Künstler holen sich Hilfe aus Skandinavien und fahren damit sehr gut. So kaufen sich auch andere Nationen im skandinavischen Ausland ein. Thomas G:son drückte 2012 nicht nur für Schweden sondern auch für Spanien die Daumen. Er stand gemeinsam mit Tony Sánchez-Ohlsson und Erik Bernholm hinter dem Titel "Quédate conmigo" von Pastora Soler, bis heute meinem absoluten Favoriten beim Eurovision Song Contest. Bereits einige Jahre zuvor fuhr er mit "I love you mi vida" zum Song Contest. Damals wählte das spanische Fernsehen TVE in einem sehr komplizierten Verfahren Song und die Interpreten D'Nash getrennt voneinander.

Dieter Bohlen und die beiden
Mäuschen von Indiggo
Heute arbeitet G:son vorzugsweise für Zypern und Georgien und verbirgt sich hinter den Beiträgen von Nina Sublatti, Nika Kocharov, Minus One oder zuletzt Hovig. Namen großer Komponisten müssen aber nicht zwangsläufig zum Erfolg führen. 2007 komponierte G:son so u.a. den Titel "Lovestruck" für das rumänische Girlie-Duo Indiggo. Der Beitrag wurde jedoch später vom rumänischen Vorentscheid ausgeschlossen, da die beiden Damen es versäumten zur Probe zu erscheinen. Beide waren schon im Vorjahr an der Selectia Nationala beteiligt, damals komponierte Dieter Bohlen den Song "Be my girlfriend", ein Lied im Stil der 90er Jahre, das einem polyphonen Klingelton für das Nokia 3310 ähnelte. 

"We have a dream" - Die Erste
Tony Wegas 1992 für Österreich
Apropos Dieter Bohlen, der Meister des Musik-Recyclings erhielt 1992 vom österreichischen Fernsehen den Auftrag ein Lied für Tony Wegas zu schreiben. So entstand auf Befehl des ORF der Titel "Zusammen geh'n", beim Eurovision Song Contest wurde er Zehnter. Tony Wegas alias Anton Hans Sarközi geriet nach seinem zweiten Engagement des ORF 1993 langsam in Vergessenheit. Später handelte er sich durch Alkohol und Handtaschendiebstahl größere Probleme ein. Diese Karriere war beendet, Bohlen nutzte das Playback von "Zusammen geh'n" allerdings Jahre später als Grundlage für den Nummer Eins-Hit "We have a dream" für die erste Staffel von "Deutschland sucht den Superstar", in der u.a. Alexander Klaws, Juliette Schoppmann, Gracia Baur und Daniel Küblböck für Rekordquoten sorgten.

"Just get out of my life" klang
sehr verdächtig nach Siegel
Heute gibt es dafür den vielbeschworenen Begriff "Plagiat", der mindestens einmal pro laufender Eurovisionssaison irgendwo in Europa auftaucht und am Ende doch wieder relativiert wird. Selbst Levinas "Perfect life" soll zumindest im Intro stark an Sias "Titanium" erinnern. Da Bohlen sich jedoch lediglich selbst kopierte und auf alte Muster aus Modern Talking-Zeiten zurückgreift, kann man in diesem Fall schlecht von einem Plagiat sprechen. Ein Ausschnitt einer früheren Ausgabe von TV total mit Stefan Raab zeigt jedoch beeindruckend, dass sich Komponisten über die Jahre hinweg auf ihrer musikalischen Linie halten. Ralph Siegel ist ein ähnliches Phänomen. Als 2009 der Titel "Just get out of my life" von Andrea Demirović veröffentlicht wurde, war nach den ersten fünf Tönen klar, dass hinter dem Alias Peter Match die graue Eminenz aus München steckt.

Today, tonight, tomorrow - Keine Neuerfindung

Die Muse von Thomas G:son
Lisa del Bo 1996 in Oslo
Die Handschrift von Ralph Siegel ist immer wieder deutlich aus seinen Beiträgen herauszuhören, ob nun in den Songs für Valentina Monetta, der Formation six4one für die Schweiz oder den vielen Vorentscheidungsliedern, etwa "Innocent heart" von Ruth Portelli auf Malta. Das es sich aber nicht lohnt, alte Erfolgsrezepte aufzugreifen, zeigen andere Lieder in der Eurovisionsgeschichte, die stark an bereits dagewesene Performances erinnern. Der fünfte Platz der Friends in Stockholm mit "Listen to your heartbeat" ist dabei eine Ausnahme, erinnerte der Refrain doch stark an den belgischen Song "Liefde is een kaartspel" von Lisa del Bo, die damit 1996 in Oslo baden ging.

"You're a star"-Sieger 2003:
Mickey Harte für Irland
Selbst das (noch) erfolgreichste Song Contest-Land aller Zeiten, Irland, kann sich nicht davon freisprechen. 2003 initiierte der irische Sender RTÉ als Reaktion auf die schlechten Ergebnisse der Vorjahre eine neue Talentshow mit dem Titel "You're a star". In einem offenen Casting wurden neue Talente gescoutet, am Ende standen sich Mickey Harte und Simon Casey im Finale gegenüber. Es gewann der Song "We've got the world" von Mickey Harte, der mit seiner grünen Glitzergitarre nach Riga fahren durfte. Die Komponisten Martin Brannigan und Keith Malloy orientierten sich aber hörbar an "Fly on the wings of love" der Olsen Brothers, die drei Jahre zuvor überraschend für Dänemark siegten. Während diese damals noch einen kommerziellen Erfolg erzielten und u.a. auf Best Of-CDs des Jahres 2000 auftauchten, geriet Mickey Harte schnell in Vergessenheit.

Mickey spielte nach dem Song Contest in der RTÉ Reality-Show "Celebrities go wild" mit und arbeitet weiterhin im Musikgeschäft, vergangenes Jahr eröffnete er die 12. Musikmeile in Bedburg, einer Kleinstadt im Rhein-Erft-Kreis als Support-Act von Milow. Der nationale Vorentscheid, durch den er ausgewählt wurde, sollte auch in den Folgejahren dazu dienen, die irischen Interpreten auszuwählen, Chris Doran wurde in Istanbul allerdings nur 22. von 24 Finalisten, Donna & Joe McCaul schafften es gar nicht erst ins Finale. Danach wurde "You're a star" wieder eingestellt. Auf der Suche nach erfolgreichen Song Contest-Startern initiierten einige Rundfunkanstalten eigene Castingformate.

OT-Finalisten: David Bisbal,
Rosa u. David Bustamante
Mutter aller Castingvorrunden für den Eurovision Song Contest ist das spanische Fernsehen TVE. 2002 schickte Spanien mit Rosa eine Interpretin, die wochenlang durch die Höhen und Tiefen der "Operacíon Triunfo" ging, einer Sendung bei der ganz Spanien am Fernseher klebte, ähnlich wie es zur gleichen Zeit hierzulande bei DSDS der Fall war. Das israelische Fernsehen verzichtet seit einigen Jahren auf seinen traditionellen Kdam um mit Hilfe der Castingshow "Hakochav haba" nach Eurovisionsteilnehmern zu fahnden und dies mit Erfolg. Der "Golden boy" von Nadav Guedj, als auch Hovi Star und Imri Ziv schafften es ins Eurovisionsfinale.

Durfte ihre eigenen Lieder
singen: Sharyhan Osman
Man kann einen Erfolg beim Eurovision Song Contest trotzdem nie gezielt planen. Auch Deutschland hatte 2010 Glück in der Auswahl. Stefan Raab schuf mit "Unser Star für Oslo" einen Vorentscheid, der sich nicht an prominenten Namen in der Line Up orientierte, sondern legte den Fokus auf einen unverbrauchten Charakter, der das Publikum fesselte. Und so schieden nach und nach Nachwuchstalente aus, angefangen von Meri Voskanian, die zuvor bereits bei DSDS und beim armenischen Vorentscheid dabei war und auch Sharyhan Osman, ebenfalls ein DSDS-Gesicht, das jedoch kein Best Of der ausgeleierten RTL-Songs darbieten musste, sondern frei entscheiden durfte, was sie singt. Dabei präsentierte sie u.a. eine eigene Komposition namens "Feel the Nile", in der sie ihre ägyptische Herkunft erörterte.

Sharyhan wurde damals Fünfte und ist heute noch musikalisch aktiv, wenn auch nicht auf der ganz großen Bühne. Auch der Siebte von USFO, Cyril Krueger, der damals mit "Hotel California" überzeugte oder der Drittplatzierte Christian Durstewitz sind heute noch mit ihrer Musik in Deutschland unterwegs. Lena Meyer-Landrut schaffte es, mit ihrer eigenen Art Europa in ihren Bann zu ziehen, "Satellite" war da fast nur noch das Mittel zum Zweck. Lena ist bis heute im Geschäft, in den Anfangsjahren nutzte man für ihre Karriere das Potenzial, das die raab'schen Events, etwa "Schlag den Raab" oder "TV total" mit sich brachten, heute steht sie auf einen Beinen, ist Jurorin bei "The Voice Kids" und tritt regelmäßig im Fernsehen auf, als Werbegesicht oder in Musikshows.

Räumte beim ESC ab:
Selma (Island 1999)
Andere Interpreten, die im Vorfeld als Favoriten galten, schmierten jedoch ab, obwohl ihre Songs dem Zeitgeist entsprachen. "Thane erotas" von Marlain 1999, "1 Life" von Xandee 2004 für Belgien oder auch "Glorious" von Cascada waren modern, catchy und konnten sich trotzdem in der internationalen Konkurrenz nicht behaupten. Stattdessen standen in den jeweiligen Jahrgängen andere moderne Sounds wie "All out of luck" von Selma, "For real" von Athena oder "Kedvesem" von ByeAlex vor ihnen. Wer beim Eurovision Song Contest Erfolg haben möchte, muss sich inzwischen neu erfinden. Bulgarien hat dies in den letzten Jahren geschafft, der portugiesische Sänger Salvador Sobral hob sich ebenfalls von der Masse ab und berührte Jurys wie Zuschauer gleichermaßen.

Unerfolgreiche Retorten-
Band: six4one
Es bringt nicht mehr viel, möglichst viele Nationen in drei Minuten unter einen Hut zu bringen, wie es Ralph Siegel 2006 versuchte, als er für die Schweiz neben der Sängerin Claudia d'Addio auch noch Andreas Lundstedt von Alcazar, Tinka Milinović aus Bosnien, Keith Camilleri aus Malta, Marco Matias aus Deutschland und Liel aus Israel einkaufte, Trickkleider und Pyroeffekte über eine Performance hinwegtrösten zu lassen, auch der Charakter und die Persönlichkeit des Interpreten stehen inzwischen im Fokus. Die Juroren mögen einen kleinen Teil dazu beitragen, dass nicht immer nur Mainstream vorne liegt, inzwischen haben aber auch die Zuschauer genug von Stangenware und wählen Qualität, unabhängig von der Herkunft.

So sind auch die alten Bande im ehemaligen Jugoslawien gefallen, Kaliopi konnte sich vergangenes Jahr mit ihrem "Dona" nicht für das Finale qualifizieren, Kroatien setzte aufgrund der Misserfolge sogar zwei Jahre lang aus und auch Serbien landet mit seinen starken Ladies nicht mehr ganz vorne. Der Eurovision Song Contest ist auf einem guten Weg und man kann davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren noch viele Ohrwürmer für den Wettbewerb produziert werden, ob sie nun im Nachhinein kommerziell erfolgreich sind oder nicht, primär geht es um die drei Minuten auf der Song Contest-Bühne, alles was danach für oder mit dem Interpreten passiert ist Bonus.



Poll: Die Abstimmung geht von vorne los, für den Cocktail in der kommenden Woche stehen heute die Themen "Mi corazon", "Fiddler on the roof", "Mosaik", "Blizzard & Inferno" und "Shakespeare" zur Auswahl. Zur Abstimmung geht es hier.

Freitag, 21. Juli 2017

TV-Tipp: Eurovision - Choir Of The Year



Lettland - Frisch erholt aus dem Urlaub - und mit besserem Wetter als gedacht - geht es weiter mit der Eurovision. Ich habe mir glücklicherweise eine Woche ausgesucht, in der rein gar nichts Interessantes passiert ist. Und so widme ich mich nur kurz einem Posting zum Eurovision Choir Of The Year, der morgen Abend in der lettischen Hauptstadt Riga stattfindet. 

Während sich der WDR nur zeitverzögert zu einer Ausstrahlung bewegen lässt und auch der österreichische ORF den Wettbewerb nachträglich ausstrahlt, haben interessierte Zuseher die Möglichkeit, den Wettbewerb, der mehr einem kulturellen Auftrag nachkommt als der Eurovision Song Contest, live auf arte zu verfolgen. Die "Wiederholungen" kann man eine Woche später im WDR, SWR und SR verfolgen.

Der Wettbewerb, an dem neun Chöre aus Europa teilnehmen, wird morgen ab 20 Uhr (MESZ) live ausgestrahlt. Neben den Teilnehmernationen wird der Wettbewerb live in Frankreich, Serbien und Slowenien ausgestrahlt, sowie nachträglich in Albanien und der Ukraine. Neben den Song Contest-Nationen wird auch Wales, vertreten durch den Sender S4C am Choir Of The Year teilnehmen. Jeder Chor hat eine Auftrittsspanne von bis zu sechs Minuten.

Die Startreihenfolge sowie die verantwortlichen Rundfunkanstalten:
01. -  Estland (ETV 2) - Estonian TV Girls' Choir
Beitrag: "Absolute Tormis"
Dirigent: Aarne Saluveer

02.  Dänemark (DR K) - Academic Choir of Aarhus
Beitrag: "I Seraillets Have", "Wiigen-Lied"
Dirigent: Ole Faurschou

03. -  Belgien (La Trois) - Les Pastoureaux
Beitrag: "Dans la troupe", "Ensemble"
Dirigent: Philippe Favette

04.  Deutschland (WDR) - Jazzchor Freiburg
Beitrag: "African Call", "Palettes"
Dirigent: Bertrand Gröger

05. -  Slowenien (RTV 1) - Carmen Manet
Beitrag: "Ta na Solbici", "Adrca", "Aj, zelena je vsa gora"
Dirigent: Primož Kerštanj

06.  Ungarn (M5) - Bela Bartok Male Choir
Beitrag: "Karádi nóták"
Dirigent: Tamás Lakner

07.  Wales (S4C) - Côr Merched Sir Gâr
Beitrag: "O, Mountain, O", "Tradition Welsh Lullaby", "Wade in the water"
Dirigent: Islwyn Evans

08.  Österreich (ORF 2) - Hardchor Linz
Beitrag: "Ave Maria", "I tua wos i wü", "Rah"
Dirigent: Alexander Koller

09.  Lettland (LTV 1) - Spīgo
Beitrag: "Grezna saule debesīs", "Es čigāna meita biju"
Dirigent: Līga Celma-Kursiete

Ieva Rozentāle, die Senderchefin des lettischen Senders LTV Kulturas erklärte, der Wettbewerb sei als Veranstaltung geplant, die alle zwei Jahre stattfinden soll, wie etwa Eurovision Young Dancers oder Eurovision Young Musicians. Als nächster Gastgeber wurde bereits das schwedische Göteborg für 2019 festgelegt. Der Siegerchor wird durch eine prominente Jury ausgewählt und soll gemäß dem Grundgedanken der Show nationalen und regionalen Charakter in der Darbietung verkörpern.

Programmtipp:
Sa., 22. Juli 2017 - 20:00 Uhr
Eurovision - Choir Of The Year
live aus Riga, Lettland
Moderation: Eva Johansone, Eric Whitacre

Montag, 17. Juli 2017

Eurofire: Wir machen kurz mal Urlaub...



Deutschland - Ab morgen entfliehe ich der alljährlichen Eurovisionsdepression in den lang ersehnten Jahresurlaub. In den nächsten Tagen wird es demnach auf dieser Seite keinerlei Updates geben, selbst wenn Andorra sein plötzliches Comeback zum Song Contest bekanntgeben würde. Gut 4,5 Stunden Autobahnfahrt liegen morgen vor mir, es geht natürlich wieder einmal nach Usedom und bis auf Donnerstag scheint es Petrus auch gut mit mir zu meinen.

Meine Intention mindestens einmal ins Wasser gehen zu können, dürfte am Mittwoch erfüllt werden, den gewittrigen Donnerstag werde ich mit einem Besuch auf dem Polenmarkt in Świnoujście füllen, am Freitag geht es wieder in Richtung Hamburg zurück. Am allermeisten freue ich mich aber auf das Erdbeer-Apfel-Softeis, das inzwischen seit 2013 zu den Höhepunkten des Jahres gehört, die nicht mit dem Eurovision Song Contest zu tun haben.

In diesem Sinne verabschiede ich mich bis Freitagabend, alle Neuigkeiten, sofern es überhaupt welche gibt, werden in einem News-Splitter zusammengefasst und spätestens Samstag gibt es den nächsten Cocktail, für den man nach wie vor hier abstimmen kann. Wer es bis dahin partout nicht ohne Song Contest aushält, kann sich u.a. bei Eurovoix.com und Wiwibloggs auf dem laufenden halten.

Österreich: Wilfried ist tot



Österreich - Die "rockende Rampensau", der 1950 in Bad Goisern geborene Wilfried Scheutz ist tot. Im Alter von 67 Jahren erlag er gestern Abend im Kreise seiner Familie einem Krebsleiden, wie mehrere österreichische Medien heute berichten. Wilfried nahm 1988 am Eurovision Song Contest in Dublin teil und kassierte mit "Lisa Mona Lisa" null Punkte und folgerichtig den letzten Platz.

1973 startete Wilfried mit "Mary, Oh Mary" und "Ziwui Ziwui", der Neuauflage eines Innsbrucker Traditionsliedes seine Karriere. Später folgte u.a. das Kufsteinlied oder eigenwillige Songs wie "Highdelbeeren". Er galt als einer der Wegbereiter des Austropops und war zwischen 1978 und Mitte 1979 Teil der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. 1988 wurde er intern vom ORF für den Song Contest in Dublin ausgewählt.

Über sein Abschneiden sagte er später: "Nach dem Song Contest hab ich Theater gespielt, weil ganz Österreich gewusst hat: "Der größte Trottel ist der Wilfried". Vorher wurde geschrieben "Das ist ein Genie". Die öffentliche Meinung ändert sich so schnell, wie eine Tür zufällt." Später ging er verschiedene Wege, gründete die A cappella-Band 4Xang, eröffnete mit seiner Frau eine Gaststätte. Erst vor wenigen Wochen erschien sein letztes Album "Gutlack", das sich in den Charts platzieren konnte.

Wilfried - Lisa Mona Lisa

Samstag, 15. Juli 2017

Silver Cocktail: Grundschulzeit



Europa - In Hamburg toben an diesem Woche keine vagabundierenden Vermummenten, sondern prilblumenbehangene Schlagerfreunde. Vom Heiligengeistfeld aus startend ziehen bunte Trucks mit fröhlichen Menschen durch die Stadt, die zu "Hey Amigo Charlie", "Fiesta Mexicana" und "Er gehört zu mir" tanzen und singen und in Schlaghosen und bunten Perücken St. Pauli unsicher machen. Währenddessen melde ich mich mit einem neuen Cocktail vom heimischen Sofa und in dieser Woche geht es um mein persönliches Lieblingsthema der diesjährigen Auswahl.



Grundausstattung in den
90ern: der Scout-Ranzen
Es geht um meine eigene Grundschulzeit. Im August 1995 wurde ich eingeschult, bis 1999 war ich an der Grundschule an der Este, die an dieser Stelle einmal erwähnt sein. Zu jener Zeit hatte ich auch meine ersten Berührungspunkte mit dem Eurovision Song Contest, wir blicken also speziell auf die Jahrgänge 1996 bis 1999 zurück und schauen uns auch die Single Charts der jeweiligen Jahrgänge an um das Ende der 90er Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen und einzutauchen in eine Welt, in der Scout-Ranzen, Emil-Trinkflaschen und Regenbogen-Spiralen noch zum Equipment gehörten und es noch Fanta Pink Grapefruit zu kaufen gab...

Als ich in der ersten Klasse mit Fu und Fara lesen und schreiben lernte, hatte ich noch keine Ahnung was der Eurovision Song Contest ist. Er befand sich damals ohnehin in einer schwierigen Phase aus deutscher Sicht. 1995 wurde das unbekannte Duo Stone & Stone in Dublin Letzte, 1996 fand der Song Contest nach dem wortkargen Sieg von Secret Garden in Norwegen statt. Es sollte der einzige Jahrgang in der Geschichte werden, in denen Deutschland nicht mit einem Interpreten vertreten sein sollte. Der Grund hierfür lag im damaligen Regelwerk und drohte den Wettbewerb zu ruinieren.

Leider zweimal nicht dabei:
Leon (1996)
Da es insgesamt 30 Anmeldungen für den Song Contest gab musste die Europäische Rundfunkunion sich einen anderen Auswahlmodus einfallen lassen. Mit Ausnahme von Gastgeber Norwegen, das mit Elisabeth Andreassen automatisch im Finale gesetzt war mussten sich alle anderen Nationen einer internen Qualifikationsrunde durch Juroren stellen, die anhand von MC-Kassetten die Finalisten auswählten. Nicht darunter war jedoch der Münchener Friseur Leon, der mit "Planet of blue" den deutschen Vorentscheid gewonnen hatte. Der Titel von Hanne Haller schaffte es in der Qualifikationsrunde nur auf den 24. Platz, 22 Interpreten zogen jedoch nur ins Finale ein.

Neben Deutschland scheiterten auch Ungarn, Dänemark, Mazedonien (vertreten durch Kaliopi), Russland, Israel und Rumänien in der Vorrunde. Bemängelt wurde vor allem, dass die Juroren die Songs teils in schlechter Qualität nur auf Kassetten hören konnten. Insbesondere in Deutschland, einem der tragenden Finanziers des Wettbewerbs, sorgte diese Regelung für Unmut. Der Song Contest wurde ins dritte Programm verbannt und von Ulf Ansorge kommentiert, der sich mit seinen flapsigen Bemerkungen einige böse Zuschauerbriefe einhandelte. Für mich ist er jedoch einer der besten Kommentatoren aus deutscher Sicht überhaupt.

Durch den Abend führten die Nachrichtensprecherin Ingvild Bryn und a-ha-Frontmann Morten Harket. Sie hatten das Problem, vor allem ruhige, langsame und größtenteils sogar einschläfernde Melodien anzusagen. Mit Eimear Quinn und dem keltisch-unterkühlten "The voice" konnte Irland seinen siebten Sieg perfekt machen. Die blasse Performance aus der Feder von Brendan Graham spiegelt den Charakter des Wettbewerbs wieder. Viele der Songs in diesem Jahrgang waren Balladen, Gastgeber Norwegen belegte mit "I evighet" den zweiten Platz, das schwedische Trio One More Time, zu dem u.a. Nanne Grönvall gehörte, wurde Dritte.

"Sjúbidú" versteht man auch
in Timbuktu: Anna Mjöll
Nur wenige Interpreten bzw. Beiträge fielen positiv auf, Lúcia Moniz aus Portugal belegte im roten Kleid und einem fröhlichen Lied den sechsten Platz, das bis 2017 beste Ergebnis des Landes. Gina G, die britische Kandidatin fiel mit dem einzigen Uptempo-Song auf Rang acht zurück und Island versuchte sich mit "Sjúbidú" international verständlich im Genre des Swing, indem Sängerin Anna Mjöll mit Aneinanderreihungen von Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Elvis die Legenden des Musikbusiness lebendig werden zu lassen. Der Song wurde aber weniger "á Skagaströnd og Tímbúktú" verstanden, sondern landete nur auf dem 13. Platz.

So sahen die 90er aus, der
Musikclip zu Macarena
Im gleichen Jahr fanden sich in den deutschen Single Charts ganz andere Melodien wieder. Damals war die Welt von der Macarena-Welle erfasst. Die beiden älteren Herren von Los del Rio brachten sogar Madeleine Albright vor der UN-Vollversammlung dazu, Macarena zu tanzen und ihrem Amtskollegen aus Botswana den sehr simplen Tanz beizubringen. Der Text hingegen rechtfertigt das Getanze allerdings nicht, eine Frau namens Macarena betrügt ihren Freund Vitorino mit zweien seiner Freunden. Solche Texte haben es bis heute noch nicht auf die Song Contest-Bühne geschafft, wenngleich Freddy Quinn 1956 eine Steilvorlage lieferte.

Die Top 5 beim Eurovision Song Contest 1996:
01. - 162 -  Irland - Eimear Quinn - The voice
02. - 114 -  Norwegen - Elisabeth Andreassen - I evighet
03. - 100 -  Schweden - One More Time - Den vilda
04. - 098 -  Kroatien - Maja Blagdan - Sveta ljubav
05. - 094 -  Estland - Maarja-Liis Ilus & Ivo Linna - Kaelakee hääl

Die Top 5 der deutschen Single Charts 1996:
01. - Faithless - Insomnia
02. - Los del Rio - Macarena
03. - Mr. President - Coco Jamboo
04. - Fool's Garden - Lemon tree
05. - Robert Miles - Children

Katrina Leskanich gewann
1997 für das UK
1997 kam ich dann auch zum Eurovision Song Contest und es sollte der Jahrgang sein, an dem Italien letztmals für mehr als eine Dekade vertreten sein sollte. Das Duo Jalisse kam in Dublin mit "Fiumi di parole" auf den vierten Platz. Anders als noch im Vorjahr halte ich diesen Jahrgang gemessen an der Qualität der Songs für den besten überhaupt. Von Katrina & The Waves, die für das UK mit 227 Punkten haushoch gewinnen konnten bis hin zu "Antes do adeus" von Célia Lawson aus Portugal, die mit ihrem Sonnenbrillen-Backgroundchor keinen einzigen Punkt abstauben konnte, gefallen mir noch heute nahezu alle Beiträge.

Nicht darunter fällt allerdings der deutsche Siegel-Song "Zeit" von Bianca Shomburg, die sich im deutschen Vorentscheid u.a. gegen Leon durchsetzen konnte, der mit "Schein (Meine kleine Taschenlampe)" immerhin noch auf den zweiten Platz kam. Auf dem dritten Rang landete Michelle mit "Im Auge des Orkans", die erst 2001 ihr Ticket für die Eurovision lösen konnte. Auch bei der internationalen Konkurrenz zündete "Zeit" keineswegs und landete punktgleich mit der bosnischen Sängerin Alma Čardžić und ihrem "Goodbye" auf dem 18. Platz. Geschlagen wurde sie u.a. von der Spice Girls-Kopie E.N.I. und "Probudi me", die im feinsten Kroatisch versuchten an den Trend der bauchfreien und neonfarbenen Kostüme anzuknüpfen.

Das Publikum klatschte mit:
Şebnem Paker (1997)
Dazwsichen gab es ein Sammelsurium an tollen Beiträgen, etwa dem türkischen Ethno-Song "Dinle" von Şebnem Paker, der die bis dahin chronisch unterbewertete Türkei auf den dritten Platz brachte oder dem wundervollen Beitrag des Isländers Paul Oscar, der ähnlich wie die russische Sängerin Alla Pugachova über eine alternde Diva sang. "Minn hinsti dans" behandelte den letzten Tanz einer auf dem Sterbebett liegenden Diva, deren Leben an ihr vorbeizieht. "Primadonna" der russischen Sängerin, die bereits zu Sowjetzeiten ein gefeierter Star unter den KPdSU-Obersten war, hätte ihr eigenes Requiem sein können. Die Ex-Frau von Philipp Kirkorow landete am 3. Mai 1997 jedoch nur auf dem 15. Platz.

Musikclip zu "Everybody"
von den Backstreet Boys
1997 tummelten sich auch in den deutschen Charts unzählige Titel, an die ich mich heute noch gut erinnere, vor allem, weil sie jeden Freitag in der Chartshow "Dieter live" auf Hamburg 1 gezeigt wurden. Diese durfte ich immer Freitagnachmittags bei meiner Oma im Wohnzimmer sehen. Das Jahr bot diverse Lieder, die ich noch heute ohne mich zu schämen hören würde, "Maria" von Ricky Martin, "Barbie Girl" von Aqua, "Everybody" von den Backstreet Boys oder "Mmm bop" von den Hansons, die zur damaligen Zeit dauernd das Cover der Bravo zierten.

Die Top 5 beim Eurovision Song Contest 1997:
01. - 227 -  Großbritannien - Katrina & The Waves - Love shine a light
02. - 157 -  Irland - Marc Roberts - Mysterious woman
03. - 121 -  Türkei - Şebnem Paker & Grup Etnik - Dinle
04. - 114 -  Italien - Jalisse - Fiumi di parole
05. - 098 -  Zypern - Hara & Andreas - Mana mou

Die Top 5 der deutschen Single Charts 1997:
01. - Sarah Brightman & Andrea Bocelli - Time to say goodbye
02. - Puff Daddy & Faith Evans feat. 112 - I'll be missing you
03. - Rammstein - Engel
04. - Will Smith - Men in black
05. - No Doubt - Don't speak

Legendärer Balustraden-
Jump: Guildo Horn (1998)
1998 war dann der erste Eurovision Song Contest an den ich mich noch bewusst erinnern kann. Als kleiner dicker Nerd saß ich damals vor dem Fernseher und war weniger auf die Songs fixiert als auf die eingeblendeten Flaggen. Mangels Internet und aufgrund eines veralteten Länderlexikons war der Song Contest die erste Gelegenheit für mich, die estnische Flagge zu sehen. Das Koit Toome damals mit "Mere lapsed" den zwölften Platz belegte, war mir da noch relativ egal. Und es ist Guildo Horn nicht nur zu verdanken, dass der Song Contest in Deutschland aus der Mottenkiste gekramt wurde, sondern auch, dass mich der Wettbewerb als Zuschauer behalten hat.

Terry Wogan und Ulrika
Jonsson moderierten 1998
Guildo kam mit seiner Nussecken-Hymne auf den siebten Platz. Der Wettbewerb verabschiedete sich aber gleichzeitig von einigen alten Traditionen. Es war der letzte Jahrgang in dem die Nationen verpflichtet wurden in ihren Landessprachen zu singen und auch das Orchester hatte seinen finalen Auftritt. Moderiert wurde der Wettbewerb aus der National Indoor Arena in Birmingham von BBC-Legende Terry Wogan und der nicht verlegenen Ulrika Jonsson, die am Ende durch eine Herzschlag-Punktevergabe moderieren durfte. Theoretisch hätten vor der letzten Wertung aus Mazedonien sowohl Imaani aus Großbritannien als auch Chiara aus Malta und Dana aus Israel gewinnen können.

Gautier-Federn für die Sieger-
Reprise: Dana International
Da Mazedonien aber die Höchstwertung an die befreundeten Kroaten und Danijelas Eröffnungsnummer "Neka mi ne svane" ("Möge die Sonne niemals aufgehen") vergab, sicherte sich die transsexuelle Sängerin Dana International mit "Diva" das Krönchen und zog sich für ihre Siegerperformance extra noch einmal um. Dana brachte Israel den dritten und bis heute letzten Sieg ein. Ihr Erfolg in Birmingham ließ die konservativen Stimmen im Land verstummen und setzte ein Zeichen für Toleranz und Offenheit, Maxime für die die Eurovision noch heute steht. Rückblickend lässt sich sagen, dass die Top Five verdient so weit oben stehen.

Fesch im Norweger-Pulli:
Lars A. Fredriksen
Chiara aus Malta, eine proportional gewaltige Erscheinung mit massiver Stimme setzte mit "The one that I love" den Grundstein für ihre beiden weiteren Ausflüge zur Eurovision 2005 und 2009 und auch Edsilia Rombley aus den Niederlanden, die mit "Hemel en aarde" Vierte wurde, kehrte 2007 noch einmal zurück. Danijela Martinović hatte bereits 1995 ihr Eurovisionsdebüt. Sie war an dem Abend übrigens nicht die einzige, die über die Dämmerung sang, auch Mazedoniens Interpret Vlado Janevski sang in "Ne zori, zoro" über den Wunsch, dass die Dämmerung niemals hereinbrechen sollte. Erwähnenswert waren zudem die High Heels der schwedischen Sängerin Jill Johnson, die später ins Country-Millieu einstieg, der Zypriot Michalis Hadiyannis, der mit "Cheria psila" später auch in Deutschland noch einen Sommerhit hatte und die Gute Laune-Nummer von Lars A. Fredriksen aus Norwegen ("Alltid sommer").

Völlig unterbewertet:
Katarína Hasprova (1998)
1998 war zudem das letzte Jahr, in dem die Slowakei mit der großartigen Katarína Hasprová und Ungarn mit Charlie ein Gastspiel gaben. Frau Hasprová erhielt zu Beginn der Punktevergabe vielversprechende acht Punkte aus Kroatien, leider blieben es die einzigen Zähler für die wunderschöne Ballade "Modlitba". Ungarn kehrte 2005 zum Song Contest zurück, die Slowakei erst 2009. Am Ende des Tableus landeten die experimentelle Nummer aus Frankreich, "Où aller" von Marie Line und punktelos der Titel "Lass ihn" von Pechvogel Gunvor, die sowohl im Vorfeld als auch im Nachhinein durch kleine wie große Skandale in den Schweizer Boulevard-Zeitungen auffiel.

Dominiert wurden die Jahrescharts in Deutschland durch den Untergang der Titanic. Der tragische Film mit Kate und Leo lockte nicht nur Millionen von Menschen in die Kinos, sondern sicherte Céline Dion auch einen ganz großen Erfolg. "My heart will go on" verdrängte alle anderen Lieder auf die Plätze, darunter die WM-Single "The cup of life" von Ricky Martin, das Remake "Stand by me" von 4 The Cause, die niederländische Mallorca-Königin Loona mit ihrem Sommerhit "Bailando" oder auch "SupaRichie", das Alter Ego von Matze Knoop, der heute freilich eher durch die Parodien von Franz Beckenbauer auftritt.

Die Top 5 beim Eurovision Song Contest 1998:
01. - 172 -  Israel - Dana International - Diva
02. - 166 -  Großbritannien - Imaani - Where are you?
03. - 165 -  Malta - Chiara - The one that I love
04. - 150 -  Niederlande - Edsilia Rombley - Hemel en aarde
05. - 131 -  Kroatien - Danijela Martinović - Neka mi ne svane

Die Top 5 der deutschen Single Charts 1998:
01. - Céline Dion - My heart will go on
02. - Witt/Heppner - Die Flut
03. - Wes - Alane
04. - Céline Dion - Immortality
05. - Eros Ramazzotti & Tina Turner - Cose della vita (can't stop thinking of you)

Den Jahrgang 1999 hatte ich mir vorsichtshalber auch auf VHS-Kassette aufgenommen, ein Medium, das inzwischen auch vom Aussterben bedroht ist. Noch heute steht die Aufnahme in einer Kodak-Hülle in meinem Regal, die Qualität dürfte inzwischen aber nicht mehr die Beste sein... zu sehen gab es, wie die Moderatoren der Show bekannt gaben, den letzten Wettbewerb des Jahrtausends. Dafna Dekel, Sigal Shahamon und Yigal Ravid meldeten sich aus Jerusalem und schwebten per Hubschrauber ins Intro ein, animierten diverse Tänzer in der Altstadt von Jerusalem zum Mitmarschieren und formten das damalige Logo des Wettbewerbs.

Ebenfalls völlig unterbewer-
tet: Marlain (1999)
Dana International übernahm das Pausenprogramm und intonierte zunächst bei einer jeminitischen Zeremonie den Titel "Dror yikra" und später "Free" von Stevie Wonder. Noch literarischer wurde der Wettbewerb von der litauischen Sängerin Aistė im samogitischen Dialekt eröffnet. Den Titel "Strazdas" ("Amsel") schrieb der Dichter Sigitas Geda. Genützt hat es wenig, am Ende blieb Litauen nur der 20. Platz und eine Zwangspause im kommenden Jahr. Sogar nur Vorletzte wurde die Sängerin Marlain aus Zypern. "Tha'ne erotas" gehörte damals für mich zu den besten Liedern im Wettbewerb, die fuchteligen Handbewegungen, der Glitter im Dekolleté und das Aussetzen Griechenlands halfen Zypern aber nicht.

Für Deutschland ging das Siegel-Projekt Sürpriz an den Start. Nachdem Corinna May disqualifiziert wurde lag es an der deutsch-türkischen Kombo über die Reise nach Jerusalem zu singen. Der Song wurde auf Deutsch, Türkisch, Englisch und die letzte Zeile sogar auf Hebräisch gesungen. Das zog und wurde mit Platz drei belohnt. Darüber landeten lediglich die Skandinavier. Island schickte mit "All out of luck" von Selma einen der modernsten Titel im Jahrgang, der Sieg ging aber an Charlotte Nilsson und "Take me to your heaven" und das beeindruckende pinke Kostüm, das es 2016 sogar in den Recap von "Love love peace peace" schaffte. 

1999 kam der Boyband-Style
auch beim ESC an
Die Israelis konnten sich mit ihrem Geburtstagsständchen "Yom huledet" auf den fünften Platz vorsingen, davor lag noch der dramatische Gesang von Doris Dragović, die jedoch unerlaubterweise aufgezeichnete Stimmen im Halbplayback benutzte. Völlig aus dem Rahmen fiel das bosnische Duo Dino & Béatrice, das bosnischen Rap mit Französisch mischte, der norwegische Chicago Bulls-Fan Stig van Eijk, der mit "Living my life without you" neben Dänemark den typischsten 90er Jahre-Sound im Rennen hatte und die spanische Sängerin Lydia, die mit ihrem Kleid an die Zeiten erinnerte, als es noch kein 24h-Vollprogramm im Fernsehen gab und nachts das Testbild zum Einsatz kam.

Aufgrund der nach 1996 eingeführten Big Four-Regelung hatte Spanien allerdings nichts zu befürchten, da es als einer der größten Geldgeber automatisch für das Finale gesetzt war. Ausgeläutet wurde der Wettbewerb von "Hallelujah", dem israelischen Siegersong von 1979, den alle Interpreten gemeinsam auf der Bühne sangen, um auf die Vertriebenen im Kosovo aufmerksam machten. Die Charts hingegen wurden von anderen Liedern beherrscht, allen voran dem legendären "Mambo No. 5" von One-Hit-Wonder Lou Bega, das mir das erste Mal beim Autoscooter-Fahren beim heimischen Schützenfest auffiel. 

Das Ende der 90er, ihr großer
Anfang: Britney Spears
Es war zudem die Zeit, in der Britney Spears und Christina Aguilera aufkamen und Ricky Martin mit "Livin' la vida loca" den letzten großen Hit in Deutschland hatte. In den Charts fand man neben "Baby one more time" und "Genie in a bottle" auch Emilia mit "Big, big world", die später sowohl in der ProSieben-Comeback Show Chris Norman unterlag und sich dem schwedischen Melodifestivalen stellte, als auch Tarkan mit "Simarik", der seit Jahren von Song Contest-Fans für die Türkei gefordert wird. 

Die Top 5 beim Eurovision Song Contest 1999:
01. - 163 -  Schweden - Charlotte Nilsson - Take me to your heaven
02. - 146 -  Island - Selma - All out of luck
03. - 140 -  Deutschland - Sürpriz - Reise nach Jerusalem - Kudüs'e seyahat
04. - 118 -  Kroatien - Doris Dragović - Marija Magdalena
05. - 093 -  Israel - Eden - Yom huledet (Happy Birthday)

Die Top 5 der deutschen Single Charts 1999:
01. - Lou Bega - Mambo No. 5
02. - Eiffel 65 - Blue (da ba dee)
03. - Whitney Houston - My love is your love
04. - Britney Spears - ...Baby one more time
05. - Blondie - Maria



Poll: Und nach einem Ausflug in meine Kindheit und die frühesten Song Contest-Erinnerungen geht es mit folgenden fünf Cocktail-Themen weiter. Ihr habt für kommenden Samstag die Wahl zwischen "Shakespeare", "Lost & Found", "X-Files", Fiddler on the roof" und "Making a hit". Zur Abstimmung geht es hier, allen Lesern ein schönes Wochenende.