Dienstag, 20. Mai 2025

Kommentar: Über die Moral von Außenwerbung


Europa
- Seitdem ich den Eurovision Song Contest nicht nur verfolge, sondern auch darüber schreibe, gab es im Nachgang immer wieder Diskussionen und Debatten über die politische Note im Wettbewerb. Bei einem Wettbewerb, bei dem verschiedene Rundfunkanstalten Europas mit ihren entsprechenden Flaggen antreten lässt sich Politik von vorn herein nicht gänzlich abschalten. Und das wäre in dieser Form vermutlich auch gar nicht so schlimm, wenn es nicht immer wieder besondere Ausreißer gäbe. 

Ob es nun die Anweisung Francos war, dass "La la la" 1969 auf Spanisch statt auf Katalanisch gesungen werden musste, ob Georgien ein Lied namens "We don't wanna put in" zum Song Contest schicken darf oder nicht oder auch die BILD-Schlagzeile "Warum hat uns Europa nicht mehr lieb?" vor einigen Jahren, so etwas gehört seit Anbeginn der Veranstaltung dazu. In den wenigsten Fällen gingen Debatten über Politik aber in die nächste Runde. Seit einigen Jahren kann man aber, selbst als Song Contest-Ultra, eine zunehmende Politisierung des Wettbewerbs wahrnehmen. Was schade ist, denn der Song Contest sollte mehr sein.

Zunächst bleibt der Wettbewerb eine Veranstaltung in der verschiedene Rundfunkanstalten antreten. Da tritt nicht das Vereinigte Königreich gegen Albanien an sondern tatsächlich die BBC gegen RTSH. Aus diesem Grund ist Liechtenstein eben bis heute nicht präsent gewesen, es gibt keine TV-Anstalt. Natürlich steht auf dem Deckel "Vereinigtes Königreich" oder "Albanien", die Verantwortlichkeit liegt aber dennoch bei den Anstalten. Das hat sich nie geändert und natürlich neigen wir dazu, davon zu sprechen, dass Künstler XY sein Land repräsentiert.

Das ist auch völlig legitim, die Grenzen sind fließend und der Wettbewerb war auch nie frei von äußeren Einflüssen. Nun hat dieses Konzept Eurovision Song Contest aber eine neue Dimension bei staatlicher Einflussnahme erreicht und dabei geht es vor allem um Außenwerbung. Wenn man in Sozialen Netzwerken darüber schreibt, dass man Klavdia gut findet und man sich über Unterstützung für den griechischen Beitrag freuen würde oder die Sängerin selbst auf Support hofft, ist das immer noch etwas anderes, als wenn gezielt Agenturen, die auch für den jeweiligen Staat agieren, Werbung schalten.

Mit diesem Fall hat sich nun mittlerweile auch Eurovision News Spotlight beschäftigt. In einem ellenlangen Beitrag wird darüber gesprochen und analysiert, dass die Israeli Government Advertising Agency, eine Werbeagentur, die im Auftrag der israelischen Regierung PR im Ausland betreibt und massiv für den diesjährigen Beitrag von Yuval Raphael geworben hat. In kleinen Clips, die zwischen dem 6. und 16. Mai auf verschiedenen Plattformen gezeigt wurden, wurde auch darauf hingewiesen, dass bis zu 20x für den Beitrag abgestimmt werden kann.

Selbst auf der entsprechenden Seite heißt es: "Obwohl Werbung für den Beitrag eines Landes erlaubt ist, haben Nutzer sozialer Medien Bedenken geäußert, dass diese Aktionen dem Geist des Wettbewerbs zuwiderlaufen könnten, da sie den Abstimmungsprozess potenziell politisieren oder instrumentalisieren." In eben diesen Clips wendet sich Yuval Raphael direkt in diversen Landessprachen den Zuschauern zu und bittet um Unterstützung. Die Künstlerin selbst ist somit in den Prozess eingebunden gewesen. Mit Open Source-Tools wurde festgestellt, dass keine KI in den Prozess involviert ist. Eine Verlinkung führte dann zu www.esc.vote.

Der entsprechende Kanal kann zwar nicht unmittelbar mit der israelischen Regierung in Verbindung gebracht werden, dass jedoch eine für eben jene tätige Werbeagentur entsprechende Clips in Heavy Rotation platziert wirft natürlich dennoch Fragen auf. Insofern stellt sich tatsächlich die berechtigte Frage, welche Maßnahmen zur Bewerbung eines Beitrags ergriffen werden dürfen, insbesondere da es den Anschein macht, dass der für Israel zuständige Rundfunk KAN von dieser Aktion keinerlei Kenntnis hatte und keine Aktien in deren Veröffentlichung hatte. 

Bei Eurovision News Spotlight wird dennoch festgestellt: "Trotz der Spekulationen in den sozialen Medien über die öffentliche Abstimmung gibt es keine Hinweise auf Probleme oder Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Ergebnis.", Song Contest-Direktor Martin Green erklärte ebenfalls, dass der unabhängige Votingpartner Once die Wertungsergebnisse verifizieren kann. Er fügt hinzu: "Die Regeln des Eurovision Song Contests sollen einen fairen und neutralen Wettbewerb gewährleisten. Sie verbieten teilnehmenden Sendern oder Dritten wie Plattenfirmen nicht, ihre Beiträge online und anderswo zu bewerben, solange diese Werbung den Wettbewerb nicht instrumentalisiert oder gegen die redaktionellen Richtlinien verstößt."

Diverse Delegationen nutzen bezahlte Werbekampagnen für ihre Beiträge, nur eben nicht in dieser exzessiven Form. Und auch wenn man offenbar nicht gegen geltene Richtlinien verstoßen hat, so ist es dennoch mehr als fragwürdig, ob diese Form von Marketing moralisch vertretbar ist oder über das Ziel hinausschießt, insbesondere in Hinblick auf die sowieso schon aufgeheizte Situation rund um Israel und den Gazastreifen. Schon immer hat es Imagekampagnen gegeben, nicht zuletzt in Ländern wie Aserbaidschan, bei dem die vermeintliche Lupenreinheit im Land durch Hochglanzvideos und "Welcome to Azerbaijan"-Kampagnen beworben wurde.

Trotzdem stellen sich auch Fans mittlerweile die Frage, wo die Grenzen dessen liegen, um einen Beitrag bzw. ein Land beim Eurovision Song Contest attraktiv zu bewerben. Mit Aktionen wie diesen wird nicht nur der Eurovision Song Contest immer wieder zur Zielscheibe für politische Diskussionen von Sofaexperten, die nur am Tag vor und nach dem Song Contest aktiv darüber herziehen, dass es nicht mehr der klassische Grand Prix war. Den "früher war alles besser ESC" hat es ohnehin nie gegeben, man tut dem Wettbewerb mit Aktionen wie diesen jedoch trotzdem keinen Gefallen und zerstört die grundlegenden Werte für die der Wettbewerb steht.

Mehrere TV-Anstalten, darunter in Spanien, Belgien oder auch in Nordeuropa fordern daher absolute Transparenz und die Offenlegung der Wertungszahlen. So ehrenhaft dieses Ansinnen auch sein mag, einen konkreten Nutzen können sie daraus nicht ziehen, oberflächlich bleiben die Wertungszahlen legitim. Fakt ist aber auch, dass sich Israel in Zeiten, in denen es sowieso stark polarisiert, mit solchen exzessiven Maßnahmen keinen Gefallen tut und der Eurovision Song Contest damit in ein schlechtes Licht gerückt wird, weshalb ich den Unmut vieler nachvollziehen kann, die einfach nur auf den einenden Charakter verweisen und eben auch nur diesen erleben möchten.

Ich möchte keine Partei für A, B oder C ergreifen, dafür ist diese gesamte Problematik viel zu komplex, aber auch die Europäische Rundfunkunion muss sich die Frage stellen, wie sie ihren Wettbewerb, der trotz allem Jahr für Jahr für kulturellen Austausch, Spannung und Unterhaltung steht und Millionen interessierter Zuschauer verbindet, aus hochpolitischen Debatten herausziehen kann. Das war noch nie einfach und wird auch nicht von jetzt auf gleich funktionieren, aber man sollte zumindest die Signale hören und auf den konstruktiven Austausch mit seinen Mitgliedern reagieren...

Österreich: Linz zeigt Interesse an Austragung


Österreich
- Die Zahl der interessierten Städte in Österreich, die sich gern für den Eurovision Song Contest 2026 bewerben möchten, ist weiter angewachsen. Mittlerweile bekundeten auch Linz und Wels Interesse an einer gemeinsamen Ausrichtung des 70. Eurovision Song Contests. Die Bewerbung sei als "nachhaltiges, zukunftsweisendes Konzept, das ganz Oberösterreich in das europäische Rampenlicht rücken soll" zu verstehen, heißt es in einer offiziellen Pressemeldung der Stadt Linz.

"Linz steht für Innovation, Lebensqualität und Offenheit - genau jene Werte, die auch der Eurovision Song Contest vermittelt. Gemeinsam mit Wels wollen wir ein unvergessliches Fest der Musik und der Vielfalt auf die Beine stellen.", wird Bürgermeister Dietmar Prammer zitiert. "Diese Bewerbung ist sowohl ein kulturelles Signal als auch ein Bekenntnis zur Zusammenarbeit in der Region." Linz bewirbt sich mit seinem urbanen Flair, lebendiger Kulturszene und einem starken Fokus auf Nachhaltigkeit und verfüge über einen Flughafen und ICE-Knotenpunkt.

Auch der städtische Tourismusverband unterstütze eine Bewerbung aktiv. Wie genau das Bewerbungsverfahren um die Ausrichtung des Eurovision Song Contests ablaufen wird, ist derzeit noch nicht bekannt. ORF und Vertreter der EBU werden in den kommenden Wochen darüber informieren, nach welchen Kriterien und in welchem Zeitfenster Bewerbungen entgegengenommen und geprüft werden. Neben Linz/Wels haben bereits die Hauptstadt Wien, die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck und Oberwart im Burgenland Interesse suggeriert.

Luxemburg: RTL hofft auf Finanzierung durch Regierung


Luxemburg
- Das luxemburgische Fernsehen RTL wird mit der Regierung des Großherzogtums über die weitere Finanzierung der Teilnahme am Eurovision Song Contest 2026 verhandeln. Der Sender hat seine Teilnahme an der 70. Jubiläumsausgabe im kommenden Jahr von der finanziellen Unterstützung von staatlicher Seite abhängig gemacht. Demnach sei noch keine Entscheidung über die weitere Teilnahme in Österreich 2026 gefallen. 

"Derzeit laufen Gespräche mit der Regierung, die das Projekt finanziert. Eine endgültige Entscheidung soll in den kommenden Wochen getroffen werden.", erklärte RTL. Luxemburg kehrte im vergangenen Jahr nach 30jähriger Pause zum Wettbewerb zurück und richtete seither auch zwei sehr erfolgreiche und bei Fans beliebte Vorentscheidung aus. Sowohl 2024 mit Tali als auch in diesem Jahr mit Laura Thorn und "La poupée monte le son" qualifizierte sich Luxemburg für das Finale. Tali belegte den 13. Platz, Laura in Basel den 22. Platz.

Das Großherzogtum kehrte erst im vergangenen Jahr zurück, nachdem RTL 30 Jahre lang aus finanziellen Gründen und zeitweise anderer programmtechnischen Schwerpunkten kein Interesse am Eurovision Song Contest zeigte. Dennoch gibt es im Land eine aktive Fangemeinde und breite Unterstützung für das Projekt. Somit kann man, zumindest vorsichtig, davon ausgehen, dass der Eurovision Song Contest weiterhin von staatlicher Seite gefördert wird. Sobald nähere Informationen hierzu vorliegen, werden wir natürlich darüber berichten.

Eurovision 2025: Debatte um politische Einflussnahme


Europa
- Mehrere Rundfunkanstalten haben nach dem Finale des Eurovision Song Contests in Basel die Rechtmäßigkeit des Abstimmungsergebnisses in Zweifel gezogen. Primär geht es um den großen Zuspruch für den israelischen Beitrag "New day will rise" von Yuval Raphael im Finale. So wurden mehrere Statements veröffentlicht, in denen man sich die Frage stellt, inwiefern das Endergebnis frei von politischer Einflussnahme ist. Entsprechende Anfragen gingen aus Belgien, Finnland, Island, den Niederlanden, Spanien und Slowenien vor.

"AVROTROS und NPO legen großen Wert auf den unpolitischen und verbindlichen Charakter des Eurovision Song Contests. Wie beobachten jedoch, dass die Veranstaltung zunehmend von sozialem und geopolitischem Druck beeinfluss wird. Die Teilnahme Israels stellt uns vor die Frage, inwieweit der Eurovision Song Contest tatsächlich noch als unpolitisches, verbindendes und kulturelles Ereignis funktioniert. Diese Frage wollen wir gemeinsam mit anderen Ländern innerhalb der EBU diskutabel machen.", erklärte etwa der niederländische Rundfunk in einer Pressemeldung.

Nachdem das spanische Fernsehen RTVE bereits eine detaillierte Aufschlüsselung der Televotingergebnisse angefordert hat, zog u.a. auch der isländische Rundfunk RÚV nach. Senderdirektor Stefán Eiríksson erklärte: "Wir werden die Entwicklungen natürlich beobachten und von der EBU dieselben Informationen zur Telefonabstimmung anfordern wie vom spanischen Staatssender. (...) Die Ergebnisse vom vergangenen Samstagabend waren interessant und werden zweifellos Diskussionen innerhalb der EBU auslösen, die wir wie bisher verfolgen und an denen wir teilnehmen werden." 

Auch das flämische Fernsehen VRT gab eine Pressemeldung heraus, in der es heißt: "Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Punktezählung nicht korrekt durchgeführt wurde, fordern aber von der EBU volle Transparenz. Die Frage ist, ob das derzeitige Abstimmungssystem eine faire Widerspiegelung der Meinung der Zuschauer und Zuhörer gewährleistet." Darüber hinaus appellierte man eindringlich "aus aufrichtigem Engagement und Sorge um das Überleben des Wettbewerbs mit allen Ländern in die Debatte einzutreten." VRT stellt den Charakter als unpolitischen Wettbewerb derzeit in Frage.

"Wir bei VRT stellen fest, dass der Eurovision Song Contest in seiner aktuellen Form immer weniger ein verbindendes und unpolitisches Ereignis ist. Er steht zunehmend im Widerspruch zu den ursprünglichen Normen und Werten der Veranstaltung und zu den Normen und Werten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. VRT arbeitet auf vielen Ebenen gut mit der EBU zusammen, aber ohne eine ernsthafte Antwort auf unsere Bedenken hinsichtlich des Eurovision Song Contest stellen wir unsere zukünftige Teilnahme in Frage.", beschließt VRT sein Statement. Song Contest-Direktor Martin Green reagierte bereits auf entsprechende Anfragen.

"Wir stehen in ständigem Kontakt mit allen teilnehmenden Sendern und nehmen ihre Anliegen ernst. Nach Abschluss der Veranstaltung werden wir eine umfassende Diskussion mit den teilnehmenden Sendern führen, um alle Aspekte der diesjährigen Veranstaltung zu reflektieren und Feedback einzuholen. Dies ist Teil unseres Planungsprozesses für den 70. Eurovision Song Contest im nächsten Jahr." Die Diskussion um die Teilnahme Israels im Wettbewerb, das nachweislich im Ausland massive Eigenwerbung betreibt, die von manchen Stellen auch als Propaganda wahrgenommen wird, dürften als noch eine Weile andauern.

Das finnische Fernsehen YLE ließ ebenfalls anfragen, ob es nicht an der Zeit sei, die Regeln des Wettbewerbs zu ändern bzw. zumindest zu überprüfen, ob die aktuellen Regeln Missbrauch zulassen würden. Im Fall von Finnland heißt es jedoch, dass man darüber diskutieren müsse, ob es wirklich sinnvoll sei, dass eine Person zwanzig Mal abstimmen könne. YLE schließt sich damit der generellen Debatte über die Reform des Eurovision Song Contests an. Unabhängig davon gilt es noch eine Entschuldigung des israelischen Senders KAN in Bezug auf das armenische Fernsehen einzufangen.

AMPTV erhielt eine formelle Entschuldigung vom israelischen Fernsehen, nachdem die KAN-Kommentatoren im Halbfinale den Satz "Ich kann nicht glauben, dass wir diesen Typen in Jerusalem ein ganzes Viertel geschenkt haben. Survivor - so fühlen wir uns, nachdem wir dieses Lied gesehen haben." KAN erklärte, dass die israelischen Kommentatoren die Beiträge zumeist humoristisch kommentieren würden, in diesem Fall habe man allerdings unbeabsichtigt die armenische Gemeinschaft beleidigt. Golan Yochpaz, Generaldirektor von KAN, entschuldigte sich für eben jenen Kommentar.

Griechenland: Medien über mehrstufiges Auswahlverfahren


Griechenland
- Griechische Medien berichten, dass der nationale Rundfunk ERT eine erweiterte Form seines Vorentscheids für den Eurovision Song Contest 2026 in Betracht zieht. Damit möchte man dem gesteigerten Interesse am Wettbewerb gerecht werden. Erste Spekulationen ranken sich darum, dass ERT ein mehrstufiges Auswahlverfahren mit Halbfinals und einer großen Finalshow plant. Ziel des Ganzen soll sein, den Eurovision Song Contest als Marke in Griechenland weiterhin prominent zu halten.

Für ERT sei der Wettbewerb mittlerweile profitable und die Werbeeinnahmen würden die Kosten der eigentlichen Teilnahme übersteigen. Seit 2004 hat Griechenland keinen mehrwöchigen Vorentscheid mehr veranstaltet, damals kam der eigentliche Gewinner aber auch nicht zum Einsatz, man nominierte dereinst Sakis Rouvas intern für die Eurovision in Istanbul und setzte die drei Finalisten der Show Eurostar als Backgroundsänger ein.

Griechenland hatte in diesem Jahr, ebenfalls erstmals seit Jahren, wieder einen öffentlichen Vorentscheid veranstaltet, aus dem Klavdia mit "Asteromáta" als Siegerin hervorging. Sie belegte im Finale von Basel am Samstag einen souveränen sechsten Platz. ERT selbst hat sich zu seinen Plänen für das kommende Jahr noch nicht zu Wort gemeldet, angesichts der guten Platzierung von Klavdia dürfte es jedoch nur eine Formalie sein, bis die Teilnahme für 2026 bestätigt und das Auswahlverfahren bekannt gegeben wird.