Mittwoch, 29. Juli 2009

Memories: Eurovision Song Contest 1956


Schweiz - Es war am 24. Mai 1956 im Schweizer Kanton Lugano, als Lohengrin Filipello die bislang einzige männliche Solomoderation beim Eurovision Song Contest durchführte. Der erste Concours Eurovision de la Chanson fand im Teatro Kursaal von Lugano unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, es gab kein Saalpublikum und zu dieser Zeit besaßen lediglich rund 2% der deutschen Haushalte überhaupt ein Fernsehgerät.

Der Wettbewerb, der sich in der Konferenz der EBU gegen die Alternative eines internationalen Zirkusfestivals durchsetzte, hatte auch die Aufgabe, das Medium Fernsehen bekannter zu machen. Er musste es zu seiner Zeit jedoch auch mit starker Konkurrenz, wie beispielsweise den Schlagerfestspielen von Baden-Baden oder dem italienischen San Remo-Festival, welches als Grundidee des Song Contests gilt, aufnehmen.

Den Kursaal sucht man in Lugano heute vergebens, das kleine Theater musste in den 90er Jahren einem modernen Casinokomplex weichen. Auch über die Durchführung des Wettbewerbs existieren nicht viele Informationen. So gilt es noch nicht mal als sicher, ob überhaupt ein deutscher Vorentscheid ausgetragen wurde.

In der Hörzu vom 1. Mai 1956 wird eine solche Vorentscheidung als "Grand Prix Eurovision - Schlager & Chansons" mit Moderator Heinz Piper zwar ausgeschrieben, jedoch kann sich keiner der zwölf erwähnten Teilnehmer, darunter Margot Hielscher, Margot Eskens und die spätere Siegerin Lys Assia, daran erinnern im Großen Sendesaals des Nordwestdeutschen Rundfunks in Köln an einer Vorauswahl für Lugano teilgenommen zu haben.

Eine Jury soll damals die beiden deutschen Teilnehmer Walter Andreas Schwarz und Freddy Quinn ausgewählt haben. Für Walter Andreas Schwarz war die Teilnahme am Song Contest '56 der einzige Karrierehöhepunkt, der Titel "Im Wartesaal zum großen Glück" blieb sein einziger Erfolg, später versuchte er sich im Kabarett. Er starb im April 1992 in Heidelberg.

Da im Anfangsjahr nur sieben Länder am Song Contest teilnahmen, durfte jedes Land zwei Kandidaten auswählen. Deutschland entschied sich für den gebürtigen Wiener Freddy Quinn, der fast zeitgleich zu seiner Nominierung für Lugano mit der Platte "Heimweh" einen Senkrechtstart hinlegte. Später folgten weitere Evergreens wie "La Paloma" oder "Junge komm bald wieder". Mit seinem Rock'n'Roll-Titel "So geht das jede Nacht", fiel er aus dem Rahmen beim Wettbewerb, waren die übrigen Titel mehr oder weniger getragene Chansons.

So nahmen Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande, die Schweiz und Deutschland in Lugano teil. Für das Fernbleiben der Wettbewerb-Befürworter Großbritannien gibt es eine logische Erklärung, versäumten sie schlicht und ergreifend die Anmeldefrist. Gleiches gilt für Dänemark und Österreich. Diese drei Nationen sollten 1957 erstmals teilnehmen.

Die Regeln des ersten Wettbewerbs sind mit den heutigen nicht mehr zu vergleichen. Obwohl es keine feste Regel war, betrachtete man es anscheinend als ungeschriebenes Gesetz, dass die jeweiligen Titel in der Landessprache gesungen wurden. Ferner legte man Wert auf einen Dresscode, der Zutritt zur Bühne wurde lediglich Solisten gestattet, die mit einem 24-Mann-starken Orchester im Nacken ein maximal dreieinhalb Minuten langes Lied vortragen durften. Tanzschritte waren zu jener Zeit verpönt.

Zu den Einzelheiten der Veranstaltung liegen keine weiteren Informationen oder gar Bildmaterial vor. Bekannt ist nur, dass die niederländische Sängerin Jetty Paerl mit "De vogels van Holland" den Wettbewerb eröffnete und somit den ersten Beitrag in der Song Contest-Geschichte sang. Die zweite Sängerin der Niederlande, Corry Brokken, sollte erst im Folgejahr den Sieg davontragen und dem Wettbewerb einige Jahrzehnte erhalten bleiben: trug sie doch 1998 in Birmingham die niederländischen Punkte vor.

Während die Juroren im stillen Kämmerlein ihre Entscheidung trafen, gab es den ersten Pausenfüller im Wettbewerb, Les Joyeux Rossignols. Jedes Land schickte zwei Juroren, die die Lieder bewerten sollten. Zum einzigen Mal war es auch gestattet das eigene Lied zu bewerten. Der Sender aus Luxemburg verzichtete auf die Entsendung von Juroren und bat die Schweizer Kollegen um Aushilfe. Ob der Sieg der Schweizer Interpretin Lys Assia darauf zurückzuführen ist, ist nicht bekannt.

Lediglich der erste Platz, die gebürtige Rosa Mina Schärer aus Rupperswil im Kanton Aargau, alias Lys Assia wurde bekannt gegeben. Die übrigen Platzierungen blieben geheim, die Wertungszettel wurden sofort nach der Auszählung verbrannt. Gerüchten zufolge soll Walter Andreas Schwarz den zweiten Rang belegt haben, aber dies basiert auf Spekulationen.

Schlussendlich durfte Lys Assia ihren Titel nochmals singen. Filmaufnahmen dieser Szene lagerten jahrzehntelang im Archiv des NDR und tauchten erst 2005 wieder auf. Eine Audioaufnahme des Wettbewerbs wurde vom Schweizer Fernsehen veröffentlicht. Ihr "Refrain" legte den Grundstein für eine Veranstaltung, die sich im Laufe von nunmehr über 50 Jahren zu einer der meistgesehenen TV-Sendungen weltweit mauserte. Lys Assia ist heute noch gern gesehener Gast und eröffnete u.a. 2007 das Voting des zweiten Halbfinals.

Die Teilnehmer:

01. - XXX - Schweiz - Lys Assia - Refrain 
XX. - XXX - Niederlande - Jetty Paerl - De vogels van Holland 
XX. - XXX - Schweiz - Lys Assia - Das alte Karussell 
XX. - XXX - Belgien - Fud Leclerc - Messieurs les noyés de la Seine 
XX. - XXX - Deutschland - Walter Andreas Schwarz - Im Wartesaal zum großen Glück 
XX. - XXX - Frankreich - Mathé Altéry - Le temps perdu 
XX. - XXX - Luxemburg - Michèle Arnaud - Ne crois pas 
XX. - XXX - Italien - Franca Raimondi - Aprite le finestre 
XX. - XXX - Niederlande - Corry Brokken - Voorgoed voorbij 
XX. - XXX - Belgien - Mony Marc - Le plus beau jour de ma vie 
XX. - XXX - Deutschland - Freddy Quinn - So geht das jede Nacht 
XX. - XXX - Frankreich - Dany Dauberson - Il est là 
XX. - XXX - Luxemburg - Michèle Arnaud - Les amants de minuit 
XX. - XXX - Italien - Tonina Torrielli - Amami se vuoi