Dienstag, 1. Mai 2018

Tag 3: Der Heiratsantrag von einem Roboter



San Marino - Schon das undurchsichtige Konzept des Vorentscheids hat viele Fragen aufgeworfen, noch mehr Fragen wirft nun das Staging des sanmarinesischen Beitrags, gesungen von Jessika Muscat und Jenifer Brening, auf. Bei all den symbolträchtigen Nummern und Gimmicks in diesem Jahr ist vom Zuschauer Mitarbeit gefragt, um den versteckten Hinweisen diverser Beiträge folgen zu können. Die Roboter spielen bei diesem Schauspiel eine wichtige, aber unerkennbare, Bedeutung.

Gleich vier davon stehen auf kleinen Podesten auf der Bühne. Einer wurde von den übrigen separiert und gibt via Spruchband Kommentare im Stil von "I'm not your robot" und später "Will you marry me" ab. Offensichtlich möchte dieser Roboter Mensch werden und fühlt sich zu Jessika hingezogen. Diese eröffnet zunächst mit Mönchskapuze, die ihr später von zwei Tänzerinnen abgenommen wird. Daneben ist noch Jenifer in pinker Jacke dabei und sorgt für den Rap-Teil des Liedes. Aus dem Refrain kann man zudem deutlich eine Light-Version von Måns' "Heroes" heraushören.

Insgesamt wirft der Beitrag viele Fragen auf, so unkoordiniert das Ganze wirkt. Die beiden Sängerinnen wirken auch etwas unkoordiniert, stimmlich ist noch Luft nach oben. Vielleicht hilft die Fragerunde der Presse später, dem Grundgedanken der gesamten Nummer etwas auf die Schliche zu kommen. Ganz gewiss ist aber, dass wir das Lied aus San Marino nur einmal zu hören bekommen werden, wenn das den Weg ins Finale finden sollte, glaube ich nichts mehr.

Im Pressezentrum von Lissabon wünscht man sich bereits jetzt Valentina Monetta zurück, die das Halbfinale wohl lachend auf dem Sofa verbringen dürfte. Was mit der Idee eines umfassenden Vorentscheids in San Marino begonnen hat, wurde spätestens jetzt komplett zerstört und an die Wand gefahren. Man steckt in einer Zwickmühle, ob man das Lied okay findet und dem Land alles Gute wünscht oder man es für so grotesk hält, dass man ihm das ohnehin vorprogrammierte Semifinal-Aus wünscht. Laut Jessikas Aussage beim Meet & Greet symbolisieren die Roboter die moderne Gesellschaft.

Hauptsache sie haben Spaß: Jessika Muscat und Jenifer Brening
Weltraumschrott oder tiefgründig? San Marino hinterlässt fragende Gesichter
Die Rolle der Animateure übernehmen drei Roboter
Während der vierte mit der Sängerin flirtet

1. Probe: Jessika feat. Jenifer Brening - Who we are

Tag 3: Serbischer Klagesang zur Mittagszeit



Serbien - Die für einen Eurovision Song Contest unerlässliche Prise Balkanschmerz kommt in diesem Jahr weider einmal aus Serbien. Sanja Ilić & Balkanika stiegen als drittes auf die Bühne in Lissabon und vollzogen ihre Show ähnlich wie schon beim nationalen Vorentscheid in ihrer Heimat. Eingeläutet wird "Nova deca" durch ein Close-Up auf den alten Herren namens Ljubomir an der Flöte, der dann zu den drei wimmernden Frauen abgibt.

Das Intro, bevor überhaupt etwas beim serbischen Beitrag passiert ist sehr lang, nahezu eine Minute vergeht, ehe der Klagesang der Damen endet und es in den Refrain übergeht. Der ist aber wirklich fantastisch, begleitet von Sanja Ilić an den drei Trommeln. Es ist alles durchdacht und wirkt überzeugend, allerdings auch etwas trocken und statisch. An vergangene Tage, in denen Željko Joksimović die Pionierarbeit geleistet hat, kommt es nicht heran.

Vergleiche mit Aufführungen der 90er Jahre sind nicht von der Hand zu weisen, hinzu kommt auch noch eine Art Kreistanz der in Grau gekleideten Damen. Tatsächlich verliert sich die serbische Darbietung irgendwie in der Mittelmäßigkeit, was man insbesondere daran erkennt, dass es gar nicht so viel zu der Nummer zu schreiben gibt. Musikalisch gesehen ist es aber ein tolles Lied, das ich sehr gerne am Samstagabend im Finale wiedersehen würde.

Balkanika, die es schon so viele Jahre gibt, haben es endlich zum Eurovision Song Contest geschafft, enttäuschen aber bei ihrer ersten Probe, da es keine Überraschungen gibt und vor allem nichts, was den Beitrag von anderen Balkannummern der letzten Jahre abhebt, sehr schade. Große Schatten und zwar im negativen Sinne werfen dafür schon die Probeneindrücke aus San Marino voraus, dazu später mehr. 

Die Gewänder entführen einen in die goldenen Zeiten der römischen Antike
Die gesamte Nummer verschwindet aber leider etwas in der Mittelmäßigkeit
Orchestriert von Sanja Ilić und dem alten Mann an der Flöte

1. Probe: Sanja Ilić & Balkanika - Nova deca

Tag 3: Masken, Puppen und ein hochgeschlitztes Kleid



Rumänien - Das rumänische Team weiß ganz offensichtlich, dass ihnen in diesem Jahr nicht unbedingt die besten Chancen eingeräumt werden, überhaupt im Finale dabei zu sein und daher musste die Produktionsabteilung beim Sender TVR eine auffallende Show liefern. Dies tun sie, indem sie die Schaufensterpuppen von DJ Bobo aus dem Fundus holen und neu dekorieren. Aus den Vampiren von 2007 sind im Jahr 2018 nun schwarze und weiße Figuren mit Masken geworden.

Diese sind in zwei Gruppen auf der Bühne verteilt, dazwischen agieren die Mitglieder der Band The Humans. Augenschmaus ist die Leadsängerin Cristina, die sich in ein schickes lilafarbenes Kleid geworfen hat, das tief ausgeschnitten ist und den Blick auf viel Bein und tief ins Dekolleté hinein ermöglicht. Ganz Rumänien eben. Ihre Bandkollegen sind weiße Kostüme, die an Arztkittel oder Metzgerschürzen erinnern, gesteckt worden. Mit dabei ist auch eine Cellistin, die auf einem kleinen Sockel steht.

"Goodbye" wurde überzeugend intoniert, an den stimmlichen Qualitäten der Sängerin wird der Finaleinzug auf keinen Fall scheitern. Wozu allerdings die Bandmitglieder Masken an ihren Hinterköpfen tragen ist eine Frage, dies sicherlich im Meet & Greet zu klären gilt. Das Konzept der Bühnenshow ist sicherlich fragwürdig, fällt aber definitiv auf und die Problematik mit all den Figuren ist besser gelöst worden, als einst bei den Schweizern.

An sich ist die Show sehr stimmig, getragen wird sie von Cristina im Vordergrund, die sehr agil über die Bühne schwebt, viel mit den Armen arbeitet und natürlich auch hier wieder gekonnte ihre Haare umherwirbelt. Ich bin der Meinung, dass Rumänien alles aus seinem Beitrag herausgeholt hat und die grauenvoll schlechte Vorentscheidung relativiert wurde. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, was die Konkurrenz in diesem Semi aufbietet, dann bleibt es bei 100% Finalteilnahme für Rumänien.

The Humans umgehen die Sechs-Personen-Regel mit Hilfe von Schaufensterpuppen
Woanders gelesen: In Bukarest ist Maskenball
Lässt etwas unschlüssig zurück, war aber solide: die rumänische Probe zu "Goodbye"

1. Probe: The Humans - Goodbye

Tag 3: Das fiedelnde Monchichi ist zurück



Norwegen - Sollte Norwegen den Eurovision Song Contest gewinnen, was laut Wettquoten vor Beginn der Proben mit einer Wahrscheinlichkeit von 10:1 passiert, werden sich anreisende Fans in Oslo sehr darüber ärgern, für ein Bier zehn Euro auszugeben. Dies möglich zu machen erhofft sich Alexander Rybak, der nunmehr den Pfad eines Johnny Logan einschlagen will und die Eurovision ein zweites Mal gewinnen möchte. Neun Jahre nach seinem "Fairytale" stand er heute erstmals auf der Bühne in der Altice Arena.

Wie auch gestern bei Mazedonien fand das erste Einsingen der Norweger unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, sodass es zwei sichtbare Durchgänge gab. Alexander Rybak steht im Casual-Look auf der Bühne, alles was man sieht erinnert sehr an seinen Auftritt beim Melodi Grand Prix. Der Hintergrund ist in zartem Hellblau und Rosa gehalten, nach einer guten Minute kommen die vier Tänzer hinzu, im letzten Durchgang tauchte dann auch die Geige auf.

Für Alexander Rybak, der seine Sache ordentlich erledigt hat, schien die heutige Probe aber nur ein technisches Einsingen zu sein. 100% Vollgas gab der Norweger, der sich seit seinem Sieg 2009 optisch kein bisschen verändert hat und der noch immer wie ein im Kreis grinsendes Monchichi aussieht, noch nicht. Er verfügt aber über genug Routine dann, wenn es gilt, zu liefern. Und ja, es gibt doch die Möglichkeit der Greenscreen-Effekte, denn wie schon beim norwegischen Vorentscheid fliegen u.a. willkürlich Noten durchs Bild. Auch Feuerwerk darf natürlich beim Opener des Semifinals nicht fehlen.

Objektiv betrachtet dürfte Norwegen mit dieser Nummer, so gruselig ich sie auch finde, tatsächlich ganz gut ankommen. Das Lied ist catchy genug, um die Zuschauer gleich zu mitzureißen. Woran es noch zu arbeiten gilt ist die Synchronität zwischen seinen Bewegungen und den Effekten, aber das sind Probleme, die sich bis zur zweiten Probe locker beheben lassen. Norwegen ist also weiterhin im Rennen und dürfte seinen Platz in den Wettquoten verteidigen können. Beim ersten Meet & Greet des Tages gab Alexander an, sehr müde zu sein und verzichtete im Nachgang auch auf weitere Interviews. Er sei wieder da, weil er die große Eurovisionsfamilie vermisst hat.

Der Opener des zweiten Semifinals. Wird Alexander Rybak auch im Finale die Number One?
In jedem Fall war es eine gute erste Probe des Norwegers
Und natürlich darf hier die Geige nicht fehlen

1. Probe: Alexander Rybak - That's how you write a song

Tag 3: Was gestern noch übrigblieb



Portugal - Guten Morgen zum dritten Probentag in Lissabon. Der 1. Mai ist weltweit Feier- und Ruhetag, nicht so beim Eurovision Song Contest. Dort steht jetzt das norwegische Team auf der Bühne der Altice Arena und probt erstmals zu "That's how you write a song". Nachzutragen gibt es noch ein paar vermischte Meldungen vom gestrigen Tage, die woanders keinen Platz mehr gefunden haben.

So berichtet die finnische Delegation, dass das Outfit, dass Saara Aalto tragen wird, aus über 10.000 Swarovski-Kristallen zusammengesetzt ist. Irgendeine Nation entdeckt die kleinen Glitzersteinchen immer für sich, heuer ist es Suomi. Saaras Kostüm wurde von den Designern Eero Hintsanen und Elina Lario entworfen und passt entsprechend der Kulisse, die es während der Darbietung von "Monsters" zu sehen gibt, prima dazu. Saara war heute Morgen schon sportlich und am Ufer des Tejo joggen.

Zudem feierte der russische Musikmogul Phillip Kirkorow gestern Abend seinen 51. Geburtstag. Dazu lud er in eine schicke Location ein, der Einladung folgten diverse Song Contest-Interpreten wie etwa die bulgarische Gruppe Equinox, Ari Ólafsson und sein Team sowie die beiden Zöglinge Kirkorows, die Band DoReDos aus Moldawien, die wir heute noch bei den Proben erleben werden und Aisel aus Aserbaidschan. Auch Sergey Lazarev ließ sich blicken und sang natürlich ein Ständchen. Das Highlight des Abends dürfte das Anschneiden einer mehrstöckigen Torte gewesen sein.

Die Berichte und Zusammenfassungen des heutigen Probentages folgen in Kürze, sobald es verwertbares Material von der EBU gibt. Solange begnügen wir uns noch mit ein paar Fotos und einem kleinen Backstage-Report der Europäischen Rundfunkunion. Viel Spaß mit den heutigen Proben, auch wenn die Erwartungshaltung nicht mehr ganz so hoch ist, wie beim ersten Semifinale, vielleicht gibt es doch einige positive Überraschungen.

Backstage in der Altice Arena

Phillip Kirkorow feierte gestern Geburtstag, mit dabei waren u.a. Ari und Aisel
Aus dem Pressezentrum: die Zibbz und die Iren bei ihren Meet & Greets
Lissabon schmückt sich mit dem ESC | Flughafen Kastrup: Abflug des dänischen Teams