Mittwoch, 15. Februar 2017

Kommentar: Es läuft nicht alles rund, wie früher...



Ukraine - Rekapitulieren wir noch einmal das "Chaos in der Ukraine", einem der korruptesten Länder der Welt, das im internationalen Index sogar noch hinter Russland, Pakistan und China steht. Selbst renommierte Medien wie die BBC haben inzwischen die Meldungen aufgegriffen, die von den teilweise anarchischen Zuständen in der Ukraine berichten. Und das, nachdem man eigentlich aus 2005 gelernt haben sollte. Seien wir ehrlich, haben wir die Turbulenzen nicht sogar erwartet? Und lief es bei den anderen Veranstaltern früher nicht auch drunter und drüber?


Das 2009 in Bratislava abge-
brochene Hotel Kyjev, symbo-
lisch für marodes Management
Politisch hat sich in der Ukraine in den letzten zwölf Jahren viel getan, mal ging der Kurs gen Russland, mal in Richtung EU, inzwischen ist das Land tief gespalten, am Ende hat man sich allerdings kaum nach vorne bewegt. Bemühungen, die Korruption einzudämmen sind zwar oft gut gemeint, der Eurovisionsfan hat aber inzwischen gemerkt, dass man vieles damit nur verkompliziert. Es gab für jeden Blödsinn eine Ausschreibung, aber keine Ergebnisse. Selbst beim Ticketing konnten sich die Führungspersonen nicht einigen.

In den Jahren zuvor gab es vor Weihnachten die ersten Tickets. Nachdem der Europäischen Rundfunkunion die Situation zu heikel wurde, kam es zum Schnellschuss, die erste Ticketrunde ging gestern über den Äther. Einen Verweis auf den bevorstehenden Ticketverkauf fand man allerdings nur über Umwege, etwa das Suchfenster, die englische Übersetzung der Seite war insgesamt mau. Inzwischen gibt es einen großen Banner, der auf den Eurovision Song Contest hinweist. Doch auch, wer eine Ticketreservierung tätigen konnte und die zeitweise über 4.000 User in der Warteschleife überstand, wähnte sich nicht in Sicherheit, diverse Käufer berichteten im Anschluss von Stornierungsnachrichten.

Das Problem hierbei war die Zahlungsoption per Kreditkarte. Eine andere Option hat es für ausländische Interessenten nicht gegeben. Viele Kreditinstitute akzeptierten keine Transaktionen in die Ukraine, vorbeugend, damit es zu keinen dubiosen Belastungen kommt. Schlau war hier, wer sein Kreditinstitut zuvor über eine Abbuchung informierte, viele gingen aber zunächst von einer erfolgreichen Aktion aus, später hagelte es dann Storno-E-Mails. Derzeit arbeiten die Händler die Anfragen auf, ob die Tickets nun wirklich gebucht sind oder nicht. Der Kartenverkauf geht derweil weiter und lässt zumindest die Frage offen, ob die Karten nicht erneut verkauft werden. Auch für die Ukraine authorisierte Kreditkarten sollen nachweislich abgelehnt worden sein.


Zynismus trifft Artwork:
"Celebrate Incompetence"
Auch wenn die Europäische Rundfunkunion explizit darauf hinweist, Tickets nur über den offiziellen Vertriebskanal zu beziehen, gibt es mittlerweile auf diversen Reseller-Seiten, sprich dem Schwarzmarkt, Song Contest-Karten zu exorbitanten Preisen. Nach dem verpatzten Ticketverkauf machten sich schon erste Abwandlungen des Song Contest-Sublogos mit "Celebrate Incompetence" breit. Auf die Ticketarie mit den Stehplätzen für Fanclub-Angehörige möchte ich gar nicht eingehen. Die ukrainischen Verantwortlichen stehen in vielerlei Hinsicht unter Zugzwang. Es stimmt zwar, dass Aserbaidschan 2012 zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal eine fertige Halle vorweisen konnte, dort lief aber irgendwie dennoch alles geregelter.

Personelle Spitzenpositionen im Organisationsstab des Wettbewerbs sind auch heute noch vakant. Selbst der sonst so diplomatische Jon Ola Sand, eigentlich die Ruhe in Person, scheint langsam die Geduld zu verlieren. Für eine Verlegung des Wettbewerbs ist es nun ohnehin zu spät. Die EBU erklärte, dass man hinter den zeitlichen Vorgaben sei, dennoch optimistisch sei. Zugleich drängte die EBU die Ukraine, zur Eile und sich an die Bestimmungen zu halten. Was am Ende dabei herumkommt, wird sich im April zeigen, wenn die Aufbauten beginnen.


2009 setzte Moskau die Spezial-
einheit OMON ein, um den Slavic
Pride zu verhindern. Spiegel-
verkehrt ist das Bild ein Knaller
Wir haben in den letzten Jahren über vieles berichtet, über die politische Instabilität in Serbien 2008, dort spaltete sich der Kosovo kurz vor dem Wettbewerb ab, man hatte Angst um die Sicherheit der Fans und Delegationen. Am Ende ging alles glatt. Wir berichteten über die Diskriminierungen von Schwulen und Lesben in Russland 2009, sowie die empfohlenen Verhaltensregeln, die die EBU den anreisenden Fans auf den Weg gab, die Menschenrechtsverletzungen und zweifelhaften Baugenehmigungen in Aserbaidschan 2012 oder den finanziellen Diskurs in Dänemark 2014, der erst nach dem Wettbewerb offengelegt wurde. 

Solche Meldungen im Vorfeld der Eurovision sind genauso unvermeidbar, wie diejenigen, die in "Perfect life" ein "Titanium 2.0" sehen. Überall wo Großereignisse hell leuchten, gibt es auch Schatten. Erinnern wir uns an die Fußball-WM in Südafrika oder Olympia in Rio. Am Ende kommt dennoch eine Show dabei heraus und diese Chance hat die Ukraine auch verdient, nur kann man schon verstehen, wenn die sich Sorgenfalten bei den EBU-Verantwortlichen und den Fans vertiefen. Einige haben ihren Trip nach Kiew bereits gecancelt, zu unsicher ist nicht die politische Situation im Land, sondern die Gewähr, dass man am Ende auch in die Halle kommt...

1 Kommentar:

  1. Ein sehr schön geschriebener und auf den Punkt bringender Artikel!

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