Sonntag, 18. September 2016

Eurovision am Sonntag (48)



Europa - Es ist wieder soweit, die dunkle Jahreszeit bricht bald an, die ersten Lebkuchen stehen seit Anfang September im Laden bereit, es sind keine 100 Tage mehr bis Weihnachten und für Eurovisionsfans bedeutet das wieder, dass in Kürze die ersten Teilnehmerlisten nationaler Vorentscheide online auftauchen. Die Eurovisionssaison 2017 steht bevor.

Dieses Bild ist schon wieder
über vier Monate alt
Wenn das mal kein Grund zur Freude ist. Seitdem Petra Mede und Måns Zelmerlöw in Stockholm abmoderiert haben und Jamala ihren Siegertitel noch einmal singen durfte, ist in der Glitzerwelt des Eurovision Song Contests nicht sonderlich viel passiert. Der "Skandal" um den politischen Inhalt des ukrainischen Siegertitels war schnell abgearbeitet, danach begann die obligatorische PED, etwas abgeschwächt von der Fußball-EM und den Olympischen Spielen.

Die Trümmerfrau des ESC:
Stefan Raab ist am Vorentscheid
2017 nicht beteiligt
Seit einer Woche ist nunmehr wieder zu beobachten, wie die Rundfunkanstalten Europas aus ihren Löchern kommen. Auch der NDR hat seine Pläne für das kommende Jahr bekannt gegeben und wird auf ein modifiziertes Erfolgsmodell zurückgreifen, welches Stefan Raab 2010 eingeführt hat. "Unser Star für Oslo" war damals eine nationale Aufgabe, in der die Grenzen zwischen öffentlich-rechtlichem und Privatfernsehen verschwammen. Am Ende stand ein Sieg für Deutschland beim Song Contest.

Das ist nun aber auch schon wieder sieben Jahre her. Seitdem ist der Song Contest über Baku und Kopenhagen nach Wien gewandert, hat in Stockholm Station gemacht und kehrt nächstes Jahr nach Kiew zurück. An den Sieg in der Telenor Arena von Oslo kann sich jeder erinnern. Nun möchte der NDR mit einem ähnlichen Konzept das schaffen, was Stefan Raab und Lena 2010 geschafft haben. Dabei ist Kiew ein vorbelastetes Pflaster.

Kiew, die Erste: 2005 lief
beim NDR einiges aus dem Ruder
2005 fand der Eurovision Song Contest schon einmal in Kiew statt. Im rostigen alten Sportpalast musste Gracia antreten, auch dieses Ergebnis ist uns noch bekannt, vier Pünktchen. Damals gab es den Wildcard-Skandal um "Run and hide" und Gracias Produzenten David Brandes, 2015 gab es das Kümmert-Gate und 2016 die Debatte, ob Xavier Naidoo ein ordentlicher Repräsentant für ein "besetztes Land" ist. Der deutsche Vorentscheid hat in den letzten Jahren ebenfalls ukrainische Züge angenommen. 

Drum möchte der NDR 2017 auf Nummer Sicher gehen und hat eine Castingshow anberaumt. Die erste Phase des Vorentscheids wird nicht live im Fernsehen zu sehen sein. Aus allen Bewerbern wird intern ausgesiebt, es gibt keine Halbfinals oder Vorrunden im Fernsehen, die Einschaltquoten solcher Vorrunden waren für die ARD auch zu Raabs Zeiten nicht umwerfend. Stattdessen werden fünf Kandidaten ausgewählt, die dann in einer einzigen Show auf den Eurovision Song Contest zugeschnittene Titel singen werden.

Gefühlt Ewigkeiten her: Roman
Lob und Ornella de Santis bei
"Unser Star für Baku" (2012)
ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber hatte schon nach der Pleite von Jamie-Lee angekündigt, 2017 den Fokus auf die Songs zu legen. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass dies keine schlechte Idee ist. Sowohl Max Mutzke, als auch "Satellite" oder "Standing still" waren Beiträge, die nur für den Song Contest geschrieben wurden, Lena hätte 2010 auch lieber einen anderen Song gesungen, nämlich ihren eigenen. Aber die Wahl war gut, wäre es nach Lena gegangen, wäre "Love me" dabei herausgekommen. Ob es auch gewonnen hätte, man weiß es nicht...

Fakt ist jedenfalls, das die Schiene einige Jahre funktioniert hat. Ralph Siegel schreibt zwar auch gezielt für den Song Contest, bis auf eine Finalteilnahme mit Valentina Monetta konnte er jedoch in den letzten Jahren nichts erfolgreiches vorweisen. Nun ist die Frage, wie akribisch der NDR das Thema behandelt. Raab wusste damals genau, was zu tun ist, Raab ist diesmal aber nicht dabei. Auch wenn die Produktionsfirma des Vorentscheids seinen Namen trägt, er selbst wird nicht aktiv an der Produktion mitwirken. Und somit liegt es an anderen, Deutschland aus dem Punktekeller zu holen.

Wurde von den deutschen Acts
regelmäßig im Regen stehen
gelassen: Babsi auf der Reeperbahn
Verpackt wird das Ganze von Barbara Schöneberger, die Vorentscheide souverän moderieren kann, trotzdem im Mai immer wieder die Katastrophen von der Reeperbahn aus kommentieren muss. Gut ist immerhin, dass der NDR über die Landesgrenzen hinausblickt, etwas was in vielen Ländern gut funktioniert. Per App können die ausländischen Zuschauer abstimmen, welche Beiträge im Vorentscheid ihnen am meisten zusagen und das sind schließlich auch diejenigen, die im Mai abstimmen. Anders als in Schweden haben die Jurys kein aktives Stimmrecht, sondern geben nur ein Meinungsbild, aber der Ansatz ist schon einmal nicht verkehrt.

Demokratisch wird am 9. Februar abgestimmt, nur die Zuschauer tragen die Entscheidung, welcher Kandidat mit welchem Titel nach Kiew fährt. Die Jury, bestehend aus Florian Silbereisen, Tim Bendzko und Lena gibt ihren Senf dazu, hat aber kein Stimmrecht. Wie sagte Anke Engelke 2012: "It's good to have a choice", aber wie sich in den letzten Jahren auch gezeigt hat, muss das deutsche Publikum auch ein bisschen an die Hand genommen werden, um nicht den Titel zu finden, den sie selbst am besten finden, sondern den, der am geeignetsten ist, uns beim Eurovision Song Contest zu vertreten. 

Die "Experten" von früher
gastierten im Deutschen Schau-
spielhaus in Hamburg
Betrachtet man die Vorentscheide europaweit, dann fällt auf, dass Deutschland eines der Länder ist, das ständig versucht, sein Erfolgskonzept zu finden. Seitdem der Contest das letzte Mal in Kiew stattfand, wurde das nationale Finale mehrfach anders ausgerichtet. Thomas Hermanns meldete sich mit drei Acts aus dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, danach wurde intern gewählt, später gab es Castingshows aus dem Hause Raab, danach einen klassischen Vorentscheid, der zum Teil durch Jury- und Radiowertungen sowie mehrere K.o.-Runden so verkompliziert wurde, dass es keinen Spaß mehr machte zuzuschauen. Wildcards, wie etwa die des Clubkonzerts, wurden eingeführt und wieder abgeschafft.

Deutschland ist noch auf der Suche nach seinem "Melodifestivalen", dem Konzept, das sich auf Jahre etablieren kann, die Menschen im eigenen Land anspricht und gleichzeitig vernünftige Ergebnisse beim europäischen Finale liefert. Estland hat seinen Eesti Laul, Lettland hat die Supernova und Litauen seinen wochenlangen Marathon. In den jeweiligen Ländern sind die Shows der Renner, auf europäischer Ebene konnten sich die meisten Ergebnisse ebenfalls sehen lassen. Eine Castingshow wird auf Dauer auch nicht der richtige Weg sein, aber sie kann helfen, Deutschland zumindest einmal wieder in die vordere Tabellenhälfte zu bringen. Seit Baku hatte Deutschland bisher nicht mehr allzu viel zu lachen.

Aushängeschild für 2017:
Lena Meyer-Landrut
Und so hoffen wir, dass Raabs groß gewordener Nachwuchs in Form von Lena Meyer-Landrut ihre nationale Aufgabe ernst nimmt und gemeinsam mit dem Produktionsteam und den übrigen Juroren eine vernünftige Auslese trifft. Damit beim deutschen Vorentscheid fünf oder zumindest ein Kandidat auftritt, der das Lena-Prädikat "Die Menschen werden dich lieben" verkörpert. Immer wenn es seit Ende der 90er hakte und die deutsche Grand Prix-Bilanz am Boden war, hat Stefan Raab es gerichtet, nun ist es an der Zeit, dass der NDR mit eigenem Antrieb aus dem Loch kommt, denn vorne mitspielen macht mehr Spaß als immer nur zu spekulieren, bei welcher Punktevergabe Polen an uns vorbeizieht und wir endgültig auf dem letzten Rang stehen.

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