Sonntag, 8. Februar 2015

Eurovision am Sonntag (15)


Europa - Gestern Abend kam man mit dem Verarbeiten der Ergebnisse der vielen Shows gar nicht hinterher, heute ist eine entsetzliche Ruhe spürbar, die über die Eurovision weht. Wir befinden uns nun im Hotspot-Monat, in dem die meisten europäischen Vorentscheidungen über die Bühne gehen, die perfekte Gelegenheit um das Bisherige unter die Lupe zu nehmen.
 
Da wäre zum einen der neu gewählte dänische Beitrag "The way you are" von Anti Social Media, die, wie wir nun inzwischen auch herausgefunden haben, aus den vier Herren Philip Thornhill, Nikolaj Tøth, David Vang und Emil Vissing besteht. Während die Zuschauer gestern Abend lieber den Titel "Suitcase" von Anne Gadegaard in Wien gehört hätten, setzte sich primär durch die Jury der Song der vier Jungs durch.
 
Im Internet ist nahezu überall zu lesen, dass Dänemark damit wohl nicht einmal die Qualifikation am 19. Mai schaffen wird. Ich finde diese These etwas verfrüht, schließlich war Dänemark seit 2008 durchgängig im Finale vertreten und das auch mit ähnlich gestrickten Liedern. "All night long" von Simon Mathew zum Beispiel erreichte in Belgrad den 15. Platz im Finale. Man sollte Dänemark also auch in Wien nicht unterschätzen.
 
In den sonstigen Vorrunden gestern Abend wählten u.a. die Schweden erstmals wieder Kandidaten in das Melodifestivalen-Finale. Dabei hat man sich auf alt bewährte Interpreten besonnen. Zum einen schaffte es Eric Saade mit dem Titel "Sting" ins Finale. Damit knüpft der kleine Sunnyboy allerdings nicht an die starken Beiträge "Manboy" und "Popular" an, mit dem er sich in Düsseldorf den dritten Platz sicherte. Man muss in Schweden wohl erst noch die Konkurrenz in den nächsten drei Vorrunden abwarten, bevor man sich ein Urteil über die Chancen Erics ausmalen kann.
 
Die zweite Sängerin, die gestern Abend auf direktem Wege ihr Ticket für die Friends Arena in Solna löste, war Jessica Andersson. Sie sang 2003 an der Seite von Magnus Bäcklund "Give me your love" und erreichte die Top Five. In Riga gab es damals noch keine Semifinals. Ihr diesjähriger Wettbewerbstitel "Can't hurt me now" entspricht ihrer musikalischen Linie, ist aber auch etwas lahm, wenn man es mit früheren Titeln vergleicht. Insgesamt haben die Schweden gestern Abend aber schon vernünftig gewählt, dieses Polly Pocket-Triumvirat hat es glücklicherweise nur in die Andra Chansen geschafft.
 
In der kommenden Woche geht es dann richtig zur Sache, in Litauen wird der Song für Wien ausgewählt, Island stimmt direkt über sein Komplettpaket für Wien ab und in Italien findet unter der Woche das San Remo-Festival statt, die Wiege des Eurovision Song Contests. Aus dem italienischen Festival della Canzone entstand 1956 die grundlegende Idee für den Eurovision Song Contest.
 
Seit jeher, unabhängig von der Beliebtheit und der Pause beim Eurovision Song Contest tritt hier stets die Crème de la crème des italienischen Musikbusiness an. In diesem Jahr sind u.a. Irene Grandi, Raf, Nina Zilli und Anna Tatangelo mit dabei, Namen die in Italien auf eine erfolgreiche Musikkarriere zurückblicken können. Auch Lara Fabian hat sich bei den Bewerbungen durchsetzen können. Am Valentinstag wird der Interpret für Wien vorgestellt, er dürfte aus der San Remo-Line up stammen, wie es seit dem Comeback 2011 der Fall war.
 
Italien gehört seit der unerwarteten Rückkehr zum Eurovision Song Contest zu den erfolgreichen Big Five-Nationen, vier Teilnahmen, drei Top Ten-Platzierungen. Der europäische Wettbewerb steht aber trotz allem in der Beliebtheitsskala immer noch weit hinter dem San Remo-Festival. Die RAI wird sich langfristig etwas überlegen müssen, um den Contest im eigenen Land attraktiver zu machen. An der musikalischen Qualität der Songs und den Ergebnissen kann es nicht liegen, das der Wettbewerb quotentechnisch hinter den Erwartungen bleibt.
 
Dieses Phänomen dürfte wahrscheinlich auch in anderen Ländern festzustellen sein, die eine längere Zeit bei der Eurovision fehlen. Würde Luxemburg 2016 teilnehmen, ich fürchte, der Wettbewerb würde auf RTL ebenfalls floppen, den Umstand, dass man sich vermutlich im benachbarten Ausland Interpreten ausborgen müsste außer Acht gelassen. Allerdings ist auch nicht davon auszugehen, dass Luxemburg 2016 wieder vor der Tür steht. Dafür dürften wir offenbar die Türkei wieder im elitären Kreis der Eurovision begrüßen. Dort war und ist der Contest immer noch populär, auch eine dreijährige Schmollpause hat daran nichts ändern können.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen