Sonntag, 13. November 2016

Memories: Eurovision Song Contest 1969


Spanien - Es war einer der denkwürdigsten Abende in der Geschichte des Eurovision Song Contests, der 29. März 1969. Nachdem Massiel Spaniens ersten Sieg klargemacht hatte, zog die Eurovision nach Spanien, wo der Gran Premio im Teatro Real in der Hauptstadt Madrid stattfinden sollte. Einzig Österreich setzte aus, man wollte die dort regierende Fraco-Diktatur nicht unterstützen und schloss eine Teilnahme daher aus. Die übrigen 16 Nationen des Vorjahres schickten hingegen einen Beitrag nach Spanien.

Die Moderation übernahm Laurita Valenzuela, eine Schauspielerin, deren erfolgreichste Rolle bis dato die Rolle der Lisette im Film "Die Schwarze Tulpe" war. Am Bühnenbild beteiligte sich auch Salvador Dalí, was man daran erkannte, dass die Interpreten in diesem Jahr auf der Bühne nicht nur Blumenbeete sondern auch eine Vielzahl seltsam anmutender Metallkonstruktionen zur visuellen Unterstützung hatten. Die hätte es fast nicht gebraucht, so quietschbunt wie die Kostüme einiger Interpreten waren.

Den Auftakt machte Jugoslawien, dass Ivan & 4M's mit "Pozdrav svijetu" ("Grüße an die Welt") entsandte. Zur besseren Verständigung des serbokroatischen Textes wurde das "Guten Tag" in acht weitere Sprachen eingebaut, darunter Deutsch, Spanisch und Finnisch. Genützt hat es den Jugoslawen nichts, es reichte für fünf Punkte und damit Platz 13. Nur geringfügig erfolgreicher war Romuald für Luxemburg, der zwei Punkte mehr erzielen konnte. 1964 war er noch für Monaco im Rennen, an seinen vierten Platz konnte er aber nicht anknüpfen.

Einige Nationen schickten ihre größten Künstler ins Rennen, so aus Italien mit Iva Zanicchi. Bereits 1967 gewann sie das San Remo-Festival, ebenso 1969 und später noch einmal 1974. Sie arbeitete mit Größen wie Mikis Theodorakis oder Charles Aznavour zusammen und trat 1981 als erste italienische Sängerin in der Sowjetunion auf, wo der Wettbewerb wieder ausgestrahlt wurde. In Madrid reichte es für "Zwei große weiße Tränen" aber nur für den 13. Platz. Noch erfolgloser waren die Portugiesin Simone de Oliveira und die Norwegerin Kirsti Sparboe, die nur einen Gnadenpunkt aus Schweden erhielt. Es war ihre letzte von drei Teilnahmen beim Song Contest, allesamt nicht vom Erfolg verwöhnt.

Selbst die Nachbarn aus Finnland waren besser dran. Sie schickten mit Jarkko & Laura das einzige Duo des Abends nach Madrid. In Erinnerung blieb weniger das Lied "Kuin silloin ennen" ("Wie in diesen Zeiten") sondern die seltsame Rhythmik des Sängers, der mit Regenschirm und Strohhut auftrat und sich optisch ansonsten kaum von seiner Gesangspartnerin unterschied. Am Ende des Abends sortierte sich Finnland zwischen Luxemburg und Jugoslawien auf dem zwölften Platz ein.

Die BR Deutschland hatte nach den Pleiten mit internen Auswahlen genug und kehrte zum öffentlichen Vorentscheid zurück. Moderatorin Marie-Louise Steinbauer kündigte drei Interpreten mit je drei Liedern an. Ursprünglich, so heißt es, sollte auch Alexandra ("Mein Freund der Baum") dabei sein, sie sagte jedoch aufgrund anderer Verpflichtungen ab. Im Sommer des gleichen Jahres starb sie bei einem Autounfall. Der Vorentscheid des Hessischen Rundfunks fand unter Beteiligung von Rex Guildo, Peggy March und der späteren Siegerin Siw Malmkvist statt.

Deutschland blieb seiner Linie als treu und nominierte die zweite skandinavische Sängerin. Siw war bereits 1960 für Schweden dabei, ein Umstand, der den schwedischen Juroren allerdings keinen müden Punkt wert war. Mit "Primaballerina", einem Lied über eine traurige Porzellanfigur, die sich ständig um die eigene Achse dreht, erreichte Siw aber zumindest den neunten Platz, ironischerweise die gleiche Platzierung die der Schwede Tommy Körberg mit einem Lied über seine Freundin Judy erreichte. 

In der vorderen Hälfte des Tableus fand sich u.a. die Sängerin Muriel Day aus Irland, die erste Sängerin für das später erfolgreichste Land beim Eurovision Song Contest auf Platz sieben ein. Muriel, die mit ihrem "The wages of love" in Irland bereits auf der #1 war, war zunächst Teil der Dave Glover Showband und kleinere Filmrollen. Beim irischen Beitrag zeigte sich, dass die Entwicklung des Farbfernsehens manchmal doch keine gute Idee ist, das schreiend grüne Kleid war so fehl am Platz wie der Sänger für das Fürstentum Monaco.

Jean-Jacques Bortolaï war erst 13 Jahre alt, als er vom monegassischen Fernsehen für Madrid nominiert wurde. Bis dahin war er der jüngste Interpret beim Song Contest und sang, logischerweise, eine Hymne auf seine Mutter, ganz im Heintje-Stil, der zu dieser Zeit bestens ankam. "Maman, Maman" erlagen auch viele Juroren, Monaco erreichte Platz sechs, wenngleich seine musikalische Karriere wenig später mit dem Stimmbruch endete. Noch einen Platz besser schnitt Paola del Medico für die Schweiz ab. Später als Ehefrau von Kurt Felix bekannt, stimmte sie mit "Bonjour, bonjour" in dieThematik des jugoslawischen Beitrags ein.

Bei der Punktevergabe lag zunächst die britische Sängerin Lulu in Führung. Ihr Titel "Boom Bang-a-Bang" war modern und ist nur einer ihrer Erfolge, auch ihre Interpretation von "The man who sold the world" oder "Lulu is back in town" wurden weltweite Hits. Lulu, die mit ihrem Mikrofonkabel über die Bühne huschte und in ihrem pinken Kleid das modische Sahnebonbon der Show war, wurde später allerdings von der spanischen Lokalmatadorin Salomé eingeholt.

Auch die Spanierin, die gebürtig Maria Rosa Marco Poquet heißt, präsentierte sich sehr modern, "Vivo cantando" steigerte sich mit jeder Refrainwiederholung, der Titel wurde später in acht Sprachen veröffentlicht. Zu allem Überfluss war es jedoch kein Zweikampf, nachdem alle nationalen Juroren ihre Punkte vergeben hatten, lagen gleich vier Künstlerinnen auf dem ersten Platz. Neben Großbritannien und Spanien waren dies auch noch Frankreich und die Niederlande.

Die niederländische Interpretin Lenny Kuhr kam in leichter Hippie-Manier mit Klampfe und "De Troubadour" daher, während die französische Sängerin Frida Boccara einen klassischen Chanson bot. Alle vier hatten schlussendlich 18 Punkte, ein Raunen ging durch das Publikum in Madrid. Wer hatte denn nun gewonnen? Die Moderatorin war ratlos und auch die Organisatoren wussten sich nicht zu helfen, auf einen Gleichstand, noch auf einen vierfachen, war man nicht vorbereitet, eine entsprechende Regel, wie sie später Einzug ins Kompendium fand, gab es nicht.

Und so kam es, dass am Ende alle vier Sängerinnen zu Siegern erklärt wurden. In den Verkaufszahlen spiegelte sich jedoch nur der Sieg von Lulu wieder, die übrigen Sängerinnen waren nicht unbedingt erfolgsverwöhnt. Der Skandal war perfekt, aus Protest blieben im Folgejahr die Delegationen sämtlicher skandinavischer Länder sowie Östererreichs und Portugals dem Wettbewerb fern. Es musste etwas am Abstimmungsmechanismus gefeilt werden, dies sollte die Aufgabe der Europäischen Rundfunkunion für das nächste Jahr werden.

Bei dem hartnäckigen Gerücht, Liechtenstein habe bereits 1969 am Eurovision Song Contest teilnehmen wollen, handelt es sich übrigens um eine Ente. Zwar existiert eine Vinylscheibe der Sängerin Vetty ("Un beau matin") mit dem Aufdruck, dass es sich um den offiziellen liechtensteinischen Beitrag zum Song Contest handelt, dies war jedoch nur ein PR-Gag der Autoren Jacques Martin und Jean Baïtzouroff. 

Die Teilnehmer:
01. - 018  Salomé - Vivo cantando
01. - 018  Lulu - Boom Bang-a-Bang
01. - 018  Frida Boccara - Un jour, un enfant
01. - 018  Lenny Kuhr - De troubadour
05. - 013 -  Paola del Medico - Bonjour, bonjour
06. - 011 -  Jean-Jacques - Maman, Maman
07. - 010 -  Muriel Day - The wages of love
07. - 010 -  Louis Neefs - Jennifer Jennings
09. - 008 -  Tommy Körberg - Judy, min vän
09. - 008 -  Siw Malmkvist - Primaballerina
11. - 007 -  Romuald - Cathérine
12. - 006 -  Jarkko & Laura - Kuin silloin ennen
13. - 005 -  Ivan & 4M's - Pozdrav svijetu
13. - 005 -  Iva Zanicchi - Due grosse lacrime bianche
15. - 004 -  Simone de Oliveira - Desfolhada
16. - 001 -  Kirsti Sparboe - Oj, oj, oj, så glad jeg skal bli

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