Freitag, 14. August 2015

Black Cocktail: Rock Forever



Unsere diesjährige Cocktail-Saison geht dem Ende zu, drei Themen standen noch zur Auswahl und diesmal soll es "Rock Forever" sein. Beim Eurovision Song Contest hatte es Rockmusik bisher nicht wirklich einfach, es handelt sich dabei um ein Genre, das bei den meisten Fans eher auf Ablehnung als auf Begeisterung stößt. Dabei hat gerade die Rockmusik ein recht breites Spektrum, ob es nun Indie-Rock, Glamrock, in Richtung Metal geht oder eine Rockballade ist. Wir schauen mal, was in den letzten 60 Jahren so dabei war.



Die Rockmusik hat ihre Ursprünge in den 50er Jahren und geht auf den Rock'n'Roll zurück. In den 60er Jahren wurde diese Stilrichtung in Großbritannien Änderungen unterworfen, nach und nach entwickelten sich die ersten Rockbands, einige davon sind heute unsterblich, Pink Floyd, AC/DC, die Sex Pistols, nur beim Eurovision Song Contest war Rockmusik nicht gefragt. Dies liegt natürlich zum einen an der Jurybesetzung bis in die 90er Jahre hinein, zum anderen galt der Song Contest eher als Trash- und Popfestival, welche Rockband wollte schon zwischen "normalen" Künstlern auftreten?

Im Jahr 1990 spielte somit eher ein Egon Egemann auf der Violine sein "Musik klingt in die Welt hinaus", als dass sich Bands wie Europe ("The final countdown") oder ähnlich populäre Formationen in Zagreb hätten blicken lassen. Zu einer guten Rockband gehören in Ausübung sämtlicher Klischees in erster Linie Lederklamotten, ein paar E-Gitarren und Fans, die sich auch bei Dauerregen auf durchgeweichte, schlammige Wiesen stellen und mitfeiern, wenn ihre Idole auf der Festivalbühne spielen.


Interessanterweise gab es die ersten zarten Schritte aufkommender Rocktöne beim Song Contest ausgerechnet aus den, in den 90er Jahren hinzugewonnenen, osteuropäischen Ländern. Bei der Qualifikation für Millstreet im Jahr 1993 trat so u.a. eine slowakische Rockband namens Elán mit dem Titel "Amnestia na neveru" auf. Ihnen fehlte letztlich ein Punkt gegenüber der kroatischen Gruppe Put, um sich für die Eurovision zu qualifizieren. 

Elán um Leadsänger Jozef Ráž gründeten sich bereits zu kommunistischen Zeiten der ČSSR im Jahr 1969 und machen noch heute Musik, fast in Originalbesetzung. Und es war 1994 wieder eine slowakische Band, die zwischen den Balladen und Seichtnummern durchbrach. Beim Debüt des Landes trat Martin Dzurinda mit der Band Tublatanka auf. Ihr endloses Lied "Nekonečná pieseň" landete jedoch auch nur auf den hinteren Rängen, die Slowakei durfte im Folgejahr nicht teilnehmen. Auch der bisher letzte slowakische Beitrag von Max Jason Mai ("Don't close your eyes") ist ein Rocksong, die Slowakei, so unerfolgreich sie bei der Eurovision bisher auch war, gilt als Vorreiter für Rockmusik und somit als kleiner Revoluzzer unter den Nationen.

Auch die Nachbarn aus Tschechien probierten sich 2007 mit Rock beim Debüt in Helsinki. Kabát hieß die Band, die allerdings mit ihrer Teilnahme sichtlich überfordert war, man merkte der Band in der gesamten Probenwoche an, dass die Glitzerwelt der Eurovision mit ihren Pyroeffekten, Dragqueens und Spezialrequisiten keine Option war. Im gleichen Jahr belegte das ebenfalls chronisch erfolglose Andorra mit der katalanischen Punkrock-Band Anonymous den 12. Platz im Halbfinale, das bis heute beste Ergebnis des kleinen Landes. Später probierten sie es noch einmal beim spanischen Online-Vorentscheid, landeten aber nicht unter den ersten 100. 

Platzierungen von rocklastigen Beiträgen beim Song Contest 2007:

- Moldawien - Platz 10 im Finale - Natalia Barbu - Fight 
- Andorra - Platz 12 im Semi - Anonymous - Salvem el mon
- Island - Platz 13 im Semi - Eiríkur Hauksson - Valentine lost 
- Kroatien - Platz 16 im Semi - Dragonfly feat. Dado Topić - Vjerujem u ljubav 
- Montenegro - Platz 22 im Semi - Stevan Faddy - Hajde kroči 
- Österreich - Platz 27 im Semi - Eric Papilaya - Get a life - get alive 
- Tschechien - Platz 28 im Semi - Kabát - Malá dáma

Allein diese Platzierungen sprachen Bände. Inspiriert wurden eine Reihe von Nationen aber wahrscheinlich durch den Vorjahressieg der finnischen Band Lordi, die mit "Hard Rock Hallelujah" und schauderhaften Maskierungen von Untoten und Dämonen in ganz Europa für Aufruhr sorgten. Waren die Finnen bis dato ebenfalls nie erfolgreich, gönnte man ihnen den Erfolg, andere unterstellten den Bandmitgliedern satanistische Züge, als ob man kleine Kinder zum Frühstück essen würde... ihrem Erfolg hat es nicht geschadet, Lordi traten u.a. beim Eurovision's Greatest Hits in London an der Seite von Nicole(!) auf. Immerhin, ihren noch heftigeren Titel "Bringing back the balls to rock" mussten sie beim finnischen Vorentscheid hinter sich lassen.

In Deutschland hat sich bisher noch kein wirklicher Rocksong durchsetzen können. Gracia Baur, 2005 per Wildcard zum Vorentscheid gekommen, hatte allenfalls einen gut gemeinten Versuch unternommen. Ihr "Run and hide" blieb auf dem letzten Platz zurück. Wesentlich erfolgreicher waren im selben Jahr die Norweger. Die Glamrock-Band Wig Wam gewann den Melodi Grand Prix mit dem Song "In my dreams", den Gitarrist Teeny komponierte und erreichte in Kiew den sechsten Platz. Inspiriert wurde die Band, auch optisch, durch die typisch amerikanischen Rockbands der 80er Jahre, etwa Kiss. Ihr damaliges Album "Hard to Be a Rock’n’Roller … in Kiev" schilderte den schweren Stand von Rockbands bei der Eurovision. Im März 2014 trennten sich die Mitglieder schließlich. 

Ein paar Jahre später entdeckte dann die Türkei die Rockmusik für sich. Hatte man sich früher auf orientalische Klänge á la Sertab Erener verlassen, wagte die Türkei bereits 2004 mit der Ska-Band Athena ein Novum und wurde bei der Titelverteidigung in Istanbul mit dem vierten Platz belohnt. 2008 wurde schließlich die Rockband Mor ve Ötesi nominiert, 2010 die Band maNga, die den zweiten Platz einfuhr und zuvor bereits mit dem MTV Europe Music Award ausgezeichnet wurde und 2011 die Gruppe Yüksek Sadakat, die bisher als einzige türkische Interpreten in der Vorrunde ausschied. Beim türkischen Fernsehen TRT darf man immerhin für 2016 auf eine Rückkehr hoffen, drei Jahre war ihnen die Eurovision zu abgekartet.


Während die bekannten westeuropäischen Rockbands sich bis heute primär scheuen, an der Eurovision teilzunehmen, legen die osteuropäischen Nationen in dieser Hinsicht weit vorne. So zum Beispiel die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien. 2009 entsandte man das Duo Next Time mit dem Rocksong "Nešto što kje ostane", 2012 die routinierte Sängerin Kaliopi mit dem wundervollen "Crno i belo" und dem bis heute unangefochten spitzesten Schreis der Eurovisionsgeschichte, die sogar Maja Blagdan in den Schatten stellt. "Crno i belo" blieb bisher auch der letzte mazedonische Beitrag im Finale. Immerhin reichte es für "Schwarz und weiß", so die Übersetzung für den 13. Rang. Auch Vukašin Brajić hielt 2010 für Bosnien-Herzegowina die Ehre der Rockmusiker bei der Eurovision hoch, "Thunder and lightning" wurde 17. in Oslo.

Der Eurovision Song Contest wartet bisher auch noch auf die dauerhafte Etablierung von Rockmusik. Zwar gibt es hin und wieder Ausreißer aus dem Standardpool von Melodien, etwa Nina Sublatti in diesem Jahr für Georgien, doch gesellschaftsfähig ist Rockmusik beim Song Contest auch heuer noch nicht wirklich, in Deutschland schon gar nicht, hat man den Eindruck und das, obwohl es gerade hierzulande eine große Zahl neuer, frischer und auch bekannter Bands gibt, die das Potenzial hätten, mit einem Rocksong anzutreten.


Einer hat es aber nicht einmal zum deutschen Vorentscheid geschafft, Moderator und ehemaliges Haribo-Aushängeschild Thomas Gottschalk. Nach einer verlorenen Saalwette bei "Wetten dass..?" kündigte Gottschalk an, sich beim Vorentscheid 2001 in Hannover zu bewerben. Der dafür ausgewählte Song "What happened to Rock'n'Roll" (gemeinsam mit Die Besorgten Väter) wurde zwar veröffentlicht, fand sich jedoch nicht in der Line Up des Abends. Darin gedenkt er den früheren, rockigen Zeiten und forderte "Ich hab' die Schnauze voll, bring back some Rock'n'Roll" sowie eine "Dosis Guns and Roses". 

Solch große Namen werden wir wohl auch in Zukunft beim Eurovision Song Contest vermissen, außer die BBC nominiert wieder eine abgelederte Band, die in den 70ern gewisse Popularität besaß, ähnlich wie die einstige Rockröhre Bonnie Tyler, die sich scheinbar sturzbetrunken und mit einer brachial langweiligen Ballade versuchte wieder in den Zirkel der gefragten Interpreten zurückzusingen. Wir dürfen gespannt sein.



Poll: Tja, nun heißt es in der letzten Abstimmung für diesen Sommer Pest oder Cholera, zwei Mottos stehen noch zur Auswahl, das "Green Event", das wohlgemerkt nicht auf ökologisch nachhaltige Songs eingehen wird und die "
Schlagerparty", die einen kleinen Tribut an Prilblumen-Melodien darstellen soll. Bis einschließlich nächsten Freitag sind die Leitungen geöffnet und anders als bei der Eurovision gilt die Weisheit "You can not vote for your own country. Vous ne pouvez pas voter pour votre propre pays" natürlich nicht.

Welcher Cocktail darf's als Nächstes sein?

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