Sonntag, 27. November 2016

Memories: Eurovision Song Contest 1970


Niederlande - "Wenn die ganze Geschichte nicht anders aufgezäumt wird, dann macht die ARD im nächsten Jahr nicht mehr mit.", hieß es von Hans-Otto Grünefeldt, dem Direktoren des Hessischen Rundfunks nach dem Eurovision Song Contest 1969, der peinlicherweise wegen eines nicht darauf vorbereiteten Gleichstandes gleich vier Sieger zählte, in Zeitungsartikeln. Kritik wurde laut, das Format sei überaltert, die Juroren seien nicht öffentlich und könnten hinter verschlossenen Türen mauscheln.

Die Teilnahme "für das nächste Jahr" knüpften u.a. die Niederlande, Frankreich aber auch die BR Deutschland an die Bedingung, dass der Wettbewerb in seiner Entwicklung voranschreitet. Und genauso kam es auch, um einen Gleichstand auszuschließen wurde beschlossen, dass bei Punktegleichheit alle übrigen Nationen noch einmal abstimmen sollten. Hätte auch dieses Format keinen Sieger zustande gebracht, hätte es mehr als einen Sieger gegeben. Soweit kam es aber nicht. Um ein taktisches Votum auszuschließen, wurden die Juroren zuvor auch nicht mehr darüber informiert, wie die Länder vor ihnen abgestimmt haben.

Einigen Ländern war dies zu wenig, sämtliche skandinavische Nationen blieben dem Wettbewerb 1970 fern. Auch Österreich schloss sich dem Boykott an, nachdem man bereits 1969 auf einen Ausflug in die Franco-Diktatur verzichtet hatte. Und selbst Portugal schickte keinen Interpreten in die Niederlande, dem einzigen Land, das von den vier Siegern Interesse an einer Ausrichtung gezeigt hatte. Portugal hatte allerdings mit Sergio Borgès und "Onde vais rio que eu canto" bereits einen Titel gehabt. Das Glück blieb ihm verwehrt, der Wettbewerb fand mit nur zwölf Nationen im RAI Congrescentrum in Amsterdam statt. Die Moderatorin des Abends hieß Willy Dobbe.

Portugal, Norwegen und Österreich (Kommentar: Ernst Grissemann) übertrugen neben Griechenland, das bis dato noch nicht dabei war, den Wettbewerb. Ebenso wurde er via Satellit auch in Südamerika ausgestrahlt. Erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs wurden die Interpreten per Postkarte angekündigt. Auch das Bühnenbild war innovativ, mit herabhängenden Kugeln konnte das Bühnenbild für jeden Beitrag individuell verändert werden. Eröffnet wurde das "15. Eurovisie Songfestival" dann auch noch von den Niederlanden, die mit Hearts of Soul ein Damentrio aus Harderwijk aus der Provinz Gelderland schickten.

Da Gruppen und Bands zu diesem Zeitpunkt immer noch keinen Platz im Reglement hatten, wurden die Schwestern Bianca und Stella kurzerhand zu den Backgroundsängerinnen von Patricia Maessen. Ihr Titel "Waterman" belegte am Ende den siebten Platz, ein Wiedersehen sollte es allerdings im Jahr 1977 geben, dann allerdings für Belgien, das Land, in das sie Mitte der 70er Jahre übersiedelten. Einen Cameo-Auftritt hatten sie darüber hinaus 1970 im ARD-Film "Das Millionenspiel", bei dem eine völlig durchgeknallte Verfolgungsjagd inszeniert wurde, bei dem der Kandidat eine Million DM gewinnen konnte, er durfte sich nur nicht töten lassen. Das Format zeigte, wie "1984" von George Orwell den apokalyptischen Werteverfall in einer düsteren Fernsehwelt, was damals noch Fiktion war, ist heute nahezu Realität.

Die Nachbarn aus Belgien schickten mit Jean Vallée einen Nachwuchskünstler, der ebenfalls einige Jahre später noch einmal zurückkehren sollte. Vallée, gebürtig Paul Goeders, musste sich den achten Platz mit Italien und Monaco teilen. Sein selbstgeschriebenes Lied "Viens l’oublier" ("Vergiss' ihn") wurde später von Nana Mouskouri gecovert. 1999 wurde er von König Albert II. zum Ritter des "Ordre de la Couronne" geschlagen, nach seinen letzten Liveauftritten verstarb er 2014 in Clermont-sur-Berwinne, einem kleinen Örtchen nahe der deutschen Grenze.

Italien hingegen nominierte über das San Remo-Festival den Star Gianni Morandi, einen kantigen Herren, der im Laufe seiner Karriere über 30 Millionen Tonträger verkaufte. 1962 hatte er in Italien seinen Durchbruch, mehrere Nummer-Eins-Hits folgten, auch auf der Kinoleinwand war er mehrmals zu sehen. In Amsterdam wurde er mit "Occhi di ragazza" ("Mädchenaugen") ähnlich wie der Belgier nur Achter. Infolgedessen ließ seine Popularität in den 70er Jahren spürbar nach. Erst in den 80er Jahren gelang ihm über das San Remo-Festival die Rückkehr, später moderierte er selbst das Festival.

Die dritte im Bunde, die auf Rang acht landete war Dominique Dussault, eine französische Sängerin, die in monegassischen Diensten war. Sie verging sich an einer ihrer Vorbilder, sang "Marlène" in Anlehnung an Marlene Dietrich, deren Bewegungen sie auf der Bühne mimte. Mit der Lockenpracht einer Waschfrau konnte sie den Glamour der Dietrich jedoch nicht herüberbringen. Es blieb ihr einziger nennenswerter Auftritt auf der großen Bühne. Ähnlich verhielt es sich mit der jugoslawischen Interpretin Eva Sršen, einer 17jährigen Slowenin (im Bild), die "Pridi, dala ti bom cvet" ("Schau, ich gebe dir eine Blume") nur vier Punkte für Jugoslawien einheimsen konnte.

Erfolgreicher war da schon die BR Deutschland, die am 16. Februar in Frankfurt über zwei Runden versuchte aus sechs Interpreten den geeigneten Act für Amsterdam zu finden. Es stellten sich u.a. die Norwegerin Kirsti Sparboe ("Pierre, der Clochard"), Mary Roos ("Bei jedem Kuss") und Roberto Blanco ("Auf dem Kurfürstendamm sagt man "Liebe"") zur Wahl. Die Entscheidung fällten die Juroren im zweiten Wahlgang, als sie einstimmig für die Newcomerin Katje Ebstein und ihren Gassenhauer "Wunder gibt es immer wieder" von Christian Bruhn und Günter Loose votierten. Es sollte nur der Anfang eines dreifachen Engagements für die Eurovision werden.

Beim Finale in Amsterdam gelang Katja Ebstein dann der Sprung in die Top drei, das hatte es für die Bundesrepublik noch nicht gegeben. Mit ihrem wallenden Mantel und den silbernen Stiefeln präsentierte sie sich moderner als jeder andere Interpret des Abens, dennoch war der Abstand auf die beiden Führenden größer als es ein dritter Platz erahnen lässt, zwölf Punkte für Ebstein, 26 Punkte für Großbritannien, das auf Rang zwei landete. Dort war die Enttäuschung wahrscheinlich größer, nicht gewonnen zu haben, denn mit Mary Hopkin nominierte die BBC wieder einen absoluten Star ihrer heimischen Musikszene.

"Knock, knock, who's there?" war eine süße Nummer, gerade richtig für ein junges Mädchen wie Hopkin, die 1950 in Wales geboren wurde. Ihren internationalen Durchbruch startete sie mit Hilfe von Paul McCartney, 1968 wurde "Those were the days", das auf einem russischen Volkslied basierte, zum Welthit und später zahlreich gecovert, u.a. von der Hermes House Band oder den Leningrad Cowboys. Sie selbst war von ihrem Titel für Amsterdam allerdings wenig überzeugt, trotz der Ähnlichkeiten zu früheren Siegertiteln und frenetischem Applaus im Saal erklärte Hopkin, es sei einfach peinlich und furchtbar, auf der Bühne zu stehen und ein Lied singen zu müssen, dass einem gar nicht gefällt.

Die Hausfrauen einer ganzen Generationen schmolzen zu seinen Liedern dahin, die wenigsten wissen jedoch, dass der ehemalige Real Madrid-Spieler Julio Iglesias auch einmal klein angefangen hat und zwar beim Eurovision Song Contest 1970. Zwei Jahre zuvor gewann er das Musikfestival von Benidorm, nach seinem Song Contest-Auftritt mit "Gwendolyne" startete seine Weltkarriere und beherrscht bis heute mit seinen Affären und Gerichtsurteilen, aber auch mit seinen Liedern die Regenbogenpresse. Seinen Rang hat ihm inzwischen sein Sohn Enrique abgenommen. Die Spanier waren 1970 ähnlich siegessicher wie die Briten, überall sollen "Vote Spain"-Aufkleber gehangen haben, am Ende reichte es für den Mann, der sich im Regelfall nur von einer Seite fotografieren lässt, für den geteilten vierten Platz.

Teilen musste Julio mit dem Schweizer Henry Dès der über eine Rückkehr ("Retour") sang und dem französischen Sänger Guy Bonnet. Nachdem er 1968 schon am Text von Isabelle Aubrets "La source" beteiligt war, begleitete er sich 1970 in Amsterdam selbst am Klavier. Seine Ballade "Marie-Blanche" erzielte ebenfalls den vierten Platz und sollte nicht sein letzter Eurovisionsbeitrag bleiben. Gänzlich unerfolgreich endete der Abend für David Alexandre Winter, einem niederländischen Schlagerbarden, der für Luxemburg antrat. "Je suis tombé du ciel" ("Ich bin vom Himmel gefallen") war bezeichnend für seinen Null-Punkte-Endstand von Amsterdam. 

Alle wurden an diesem Abend jedoch von einem unschuldig wirkenden Mädchen aus dem nordirischen Derry geschlagen. Dana Rosemary Brown wurde 1969 schon Zweite im nationalen Vorentscheid und konnte sich 1970 u.a. gegen Interpreten wie Maxi, Dick & Twink durchsetzen. Ihren ersten Hit "All kinds of everything" sang sie dann auf einem Hocker sitzend und verzauberte die Juroren, insbesondere die Belgier, die neun von zehn Stimmen an Irland vergaben. Ihr Lied erreichte in Großbritannien und Irland die Spitze der Charts, in Deutschland schaffte sie es immerhin auf die #4. Allerdings konnte sie ihr süßes Teenager-Image nicht ablegen.

Dies änderte sich in den 80er Jahren, als sie mit ihrem Ehemann Damien Scallon in die USA übersiedelte und dort im amerikanischen Radio christliche Thesen moderierte. Mit ihrer konservativen Einstellung bewarb sie sich 1997 vergeblich um das Präsidentenamt in Irland, unterlag jedoch Mary Robinson. 1999 erhielt sie einen Sitz im Europäischen Parlament und forderte restriktivere Abtreibungsgesetze in ihrer Heimat. Auf ihren ganz großen politischen Durchbruch wartet sie noch heute. Vor einigen Jahren war sie noch einmal im irischen Fernsehen zu sehen, als sie in einer TV-Show auf der Suche nach ihren Vorfahren Ahnenforschung betrieb.

Die Teilnehmer:
01. - 032 -  Dana - All kinds of everything
02. - 026  Mary Hopkin - Knock, knock, who's there?
03. - 012 -  Katja Ebstein - Wunder gibt es immer wieder
04. - 008 -  Henry Dès - Retour
04. - 008  Guy Bonnet - Marie-Blanche
04. - 008  Julio Iglesias - Gwendolyne
07. - 007  Hearts of Soul - Waterman
08. - 005 -  Gianni Morandi - Occhi di ragazza
08. - 005 -  Jean Vallée - Viens d'oublier
08. - 005 -  Dominique Dussault - Marlène
11. - 004 -  Eva Sršen - Pridi, dala tim bom cvet
12. - 000 -  David Alexandre Winter - Je suis tombé du ciel

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