Mittwoch, 27. September 2017

Kosovo: EBU blockiert kosovarische Teilnahme



Kosovo - Der Kosovo wird auch zehn Jahre nach seiner erklärten Unabhängigkeit von Serbien auf die Teilnahme am Eurovision Song Contest verzichten müssen. Der Generaldirektor des Senders RTK erklärte gegenüber ESCtoday.com, dass die Teilnahme angeblich an die Mitgliedschaft in der UN geknüpft sei, entgegen positiver Signale durch die Reference Group zuvor.

"Weil die Ukraine die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennt, hatten wir keine Gelegenheit dort teilzunehmen.", beginnt Mentor Shala von RTK. Man habe sich formell beworben und eine Menge Zuspruch erhalten, bis ein Brief der EBU in Priština eintraf, dessen Wortlaut darauf abzielte, dass eine Teilnahme aufgrund der fehlenden UN-Mitgliedschaft nicht möglich sei.

"Das ist ein absurder Grund, da wir von sämtlichen Verbänden wie der UEFA, FIFA und dem IOC anerkannt werden. Wir wissen, dass der Kosovo aufgrund der fehlenden UN-Mitgliedschaft kein Vollmitglied der EBU werden kann, danach fragen wir auch gar nicht. Wir wollen nur beim Eurovision Song Contest singen!", so Shala. Es sei nicht fair, ein Land an der Teilnahme zu hindern und RTK empfindet es als nicht gerechtfertigt, dass die EBU die Teilnahme blockiere. Man sei jedoch weiterhin bemüht, in Zukunft teilnehmen zu können, nur eben nicht 2018.

Kommentare:

  1. Weiß nicht ob es unbedingt Pflicht sein muss bei der UN Mitglied zu sein, das hat für mich schon was politisches weiß nicht wie ihr das seht, aber sollte der ESC das nicht sein politisch? Warum stellt sich die EBU so quer??, bei den Sportverbänden geht das doch auch, also wenn es nach mir ginge könnte der Kosovo starten oder hat die EBU Angst das vielleicht Serbien zurücktreten könnte?

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  2. So eine Frechheit! Kosovo hat das Recht zu singen! Ich dachte, Politik soll kein Bestandteil des ESC sein... Wenn dem so ist, dann darf Kosovo singen...

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  3. Ich kenne mich mit dem ganzen UN-Zeug jetzt nicht so gut aus, aber ich finde es sollten dennoch ausschließlich Länder teilnehmen/debütieren dürfen, die auch von allen derzeitig teilnehmenden Länder anerkannt werden.

    Sonst könnte man in naher Zukunft Katalonien/Schottland oder auch Nordzypern teilnehmen lassen. Würde man jedoch diesen Regionen/(Ländern) erlauben teilzunehmen, würde es sich auf jeden Fall wie mit Aserbaidschan und Armenien handhaben, worauf ich jetzt nicht unbedingt Lust hätte.

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  4. Schottland? Katalonien? Warum denn nicht? Sind alles freie Länder, die bald unabhängig sind! Nur weil wir in Deutschland das Problem nicht haben, dass wir unterdrückt werden, muss das nicht heissen, dass es allen gut geht...

    Ein bisschen mehr über den Tellerrand gucken, bitte!

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  5. ich möchte gerne nachfolgend zunächst die allgemeine Sachlage erläutern, bevor ich meine eigenen Einschätzungen hinzufüge.

    Die allgemeinen Kriterien für die Mitgliedschaft in der EBU sind in Artikel 3 der Statuten der European Broadcasting Union sowie in den "Detailed Membership Criteria" geregelt. Der hier relevante Teil ist Artikel 3.3 der Statuten. Mit meinen eigenen Worten zusammengefasst: Die Mitgliedschaft in der EBU steht Sendern aus einem Land offen, dass sich innerhalb des "European Broadcasting Area" (begrenzt durch die Breitengrade 40 Grad Ost und 30 Grad Nord) befindet oder Mitglied des Europarates ist und Mitgliedsstaat der International Telecommunications Union (ITU) ist. Die ITU (Internationale Fernmeldeunion) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, hat ihren Sitz in Genf, und befasst sich mit den technischen Aspekten der Telekommunikation. Eine Vorschrift, die die Vollmitgliedschaft in den Vereinten Nationen vorschreibt, ergibt sich indes weder aus den Regularien der EBU noch den Regelwerken der ITU. So ist beispielsweise der Vatikan zwar Mitglied der ITU, aber kein Vollmitglied der UNO. Auch die Schweiz wurde erst 2002 Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen, und hatte bis dahin den Status eines Beobachterstaats ohne Mitgliedsstatuts (non-member observer state). Der entsprechende Wikipedia-Artikel über die ITU ist hier fehlerhaft: Tatsächlich muss jeder ITU-Mitgliedsstaat von den Vereinten Nationen als Staat eingestuft worden sein; der UNO-Mitgliedsstatus ist dafür nicht erforderlich.

    Aktuell gibt es zwei Gebiete mit nationalen Aspirationen, die sich für eine Mitgliedschaft in der EBU und die Teilnahme am ESC interessieren: Kosovo und die Palästinensischen Autonomiegebiete / Palästina. In beiden Fällen wird von der EBU jeweils die fehlende ITU-Mitgliedschaft als Grund für die Ablehnung von Mitgliedschaftsanträgen genannt. In beiden Fällen wurde in der Vergangenheit eine Mitgliedschaft in der ITU beantragt.

    Im Fall Kosovos wurde dieser Antrag nach Verhandlungen zwischen Serbien, Kosovo und den Vereinten Nationen zurück gezogen, zumal Kosovo auch keinen Status bei den Vereinten Nationen hat; Kosovo erhielt im Gegenzug zum 15.12.2016 die eigene internationale Telefonvorwahl +383.

    Im Fall der PAG / Palästina ist die Lage komplizierter: Die Palästinensische Autonomiebehörde / palästinensische Regierung hatte bereits 2010 die Mitgliedschaft in der ITU beantragt. Damals jedoch waren PAG / PAL bei den Vereinten Nationen als "non-member observer entity" (Beobachter ohne den Status eines Staats und Mitglieds) eingestuft. Nach zähen Verhandlungen einigte man sich damals bei der ITU auf die eigentümliche Formulierung "Palestine ist seated directly behind the members", also "Palästina rangiert direkt hinter den Mitgliedern", ein Sonderstatus, der PAG / PAL zwar umfangreiche Rede- und Antragsrechte, aber kein Stimmrecht zugestand. Der damalige israelische Sender IBA blockierte mehrmals die palästinensische EBU-Mitgliedschaft mit Verweis auf den Sonderstatus bei der ITU.

    Allerdings hat sich hier seitdem die Sachlage geändert: Die Vollversammlung der Vereinten Nationen gestand Palästina am 29.11.2012 den Status eines Beobachterstaats ohne Mitgliedsstatus zu, und stellte die Palästinenser damit auf eine Stufe mit dem Vatikan. Seitdem ist Palästina einer Vielzahl von internationalen Organisationen und Verträgen, darunter die UNESCO und Interpol, als Vollmitglied beigetreten.

    Zudem wird Palästina am 01.01.2018 Vollmitglied in der ITU. Damit ist, anders als im all Kosovo, zumindest diese Hürde für die Aufnahme in die EBU beseitigt, und nach derzeitigem Stand wird der palästinensische Sender PBC einen Antrag auf EBU-Mitglied stellen: Man ist hier also bereits mehrere Schritte weiter als beispielsweise Kosovo oder Liechtenstein.

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