Samstag, 26. August 2017

Yellow Cocktail: Mosaik


Europa - Ein langer Tag, der um 4:56 Uhr begann und mit einem Kurztrip nach Świnoujście verbunden war, ist verantwortlich dafür, dass der heutige Cocktail kurz vor der Happy Hour erscheint und nachdem sich die Auswahl stetig reduziert, kümmern wir uns heute um das "Mosaik". Darin geht es nicht um den zunehmenden Scherbenhaufen Europas, sondern um die vielen kleinen Bereicherungen beim Song Contest, Beiträge die in keine Schublade passen, Länder über die wir uns mal mehr und mal weniger freuen und um exotische Sprachen auf unserem Kontinent.


Insbesondere bei den Sprachen gab es in 62 Jahren Eurovision Song Contest einige Kuriositäten. So z.B. im Jahr 1972 als Sandie Jones für Irland an den Start ging und ihren Titel „Ceol an ghrá“ („Musik der Liebe“) in irischem Gälisch zum Besten gab. Zwar ist Irisch neben Englisch gleichberechtigte Amtssprache in der Republik Irland, gesprochen wird sie aber tatsächlich nur von 1,6 Millionen Menschen, rund 70.000 nutzen sie als Erstsprache. Sandie sang auf einer fremd klingenden Sprache, was vielleicht auch die Juroren etwas abschreckte. Unter 18 Teilnehmern gab es für sie nur den 15. Platz, aufgrund der damals geltenden Punkteregelung hatte sie aber immerhin 72 Zähler auf dem Konto.

Insbesondere über die Sprachinseln beim Eurovision Song Contest könnte man ein ganzes Pamphlet verfassen, bis ins kleinste Detail wurden die Beiträge analysiert, Statistiker fanden etwa heraus, das nach derzeitigem Stand 46,3% aller Siegerlieder auf Englisch gesungen wurden, gefolgt von Französisch mit 20,9%, Niederländisch (4,5%), Hebräisch (4,5%) und Deutschland mit 3% immerhin auf Platz fünf. Bedingt ist der hohe Prozentanteil durch die Tatsache, dass in den 70ern und seit 1999 keine Vorgaben mehr von Seiten der EBU bestehen, in welcher Sprache ein Interpret sein Land repräsentieren muss und den Fakt, dass Großbritannien und Irland in den Jahren zuvor eine Erfolgssträhne hatten, wohl auch bedingt durch die allgemeine Verständlichkeit ihrer nativen Sprache.

Ilanit 1973 brachte das
Hebräische zum ESC
Während es zum guten Ton gehörte, in den frühen Anfängen des Wettbewerbs in seiner Landessprache zu singen, Jetty Paerl tat dies 1956 als Allererste auf Niederländisch, Lys Assia auf Deutsch oder Fud Leclerc auf Französisch, Margot Hielscher, die leider am vergangenen Sonntag im Alter von 97 Jahren verstarb, brachte in ihrem Beitrag „Telefon, Telefon“ die ersten spanischen Phrasen ein. Im Laufe der Jahre wurde die Liste peu à peu ergänzt, um Dänisch, Luxemburgisch, Finnisch, Slowenisch, 1971 sang Joe Grech erstmals auf Maltesisch beim Song Contest. Im gleichen Jahr floss der erste Dialekt in den Wettbewerb ein. Marianne Mendt aus Österreich, die mit „Wie a Glock’n“ den Austropop lostrat, sang offiziell auf Wienerisch. 1973 trug Ilanit aus Israel „Ey sham“ auf Hebräisch vor, der ersten semitischen Sprache im Wettbewerb.

1980 gab Marokko mit Samira Bensaïd und Liebesgrüßen ein Gastspiel, ebenfalls in einer semitischen Sprache: Arabisch. Es sollte der einzige Auftritt Marokkos in der Geschichte des Eurovision Song Contests bleiben. Zwar ranken sich seit Jahren die Gerüchte, der Privatsender 2MTV würde sich um eine Teilnahme bemühen, offenbar handelt es sich dabei jedoch um ein Hoax, denn seit Jahren dementiert lediglich das staatliche Fernsehen sein Comeback. Samira jedenfalls bleibt Eurovisionsfans in Erinnerung, weniger durch den Song „Bitakat hob“ oder ihre Platzierung, sondern dadurch, als einzige Interpretin jemals für das afrikanische Land mit dem grünen Pentagramm in der Flagge vertreten zu haben. Der König des Landes untersagte nach der Pleite weitere Teilnahmen, bislang haben sich die Verantwortlichen in Rabat daran gehalten.

Furbaz sangen als erste und bis-
lang einzige auf Rätoromanisch
Dialekte oder Minderheitensprachen hielten ab Ende der 80er Jahre Einzug beim Eurovision Song Contest. 1989 sang die Schweizer Formation Furbaz erstmals auf ihrer vierten Landessprache, Rätoromanisch. Seit einigen Jahren ist der rätoromanische Sender RTR neben den anderen drei Sendern in der Idée Suisse gleichberechtigt an der Organisation des nationalen Vorentscheids verantwortlich, ein Song auf „Rumantsch“ hat es trotzdem seither nicht zum Song Contest geschafft. Immerhin geben sich die Schweizer bei der Auswahl ihrer Beiträge was die Sprache angeht flexibel, zuletzt allerdings auch vornehmlich auf Englisch. Genützt hat es seit 2010 allerdings nur Anna Rossinelli und Sebalter, die das Finale für die Eidgenossen erreichen konnten. Anna ereilte in Düsseldorf allerdings das Schicksal, abgeschlagen auf dem letzten Rang zu enden. Inzwischen übernehmen das andere Interpreten für die Schweiz bereits im Semifinale.

Einige Dialekte und Minderheitensprachen beim Song Contest:
- 1991 -  Neapolitanisch - Peppino di Capri - Comme è ddoce ’o mare
- 1992 -  Haitianisches Kreol - Kali - Monté la riviè
- 1996 -  Vorarlbergisch - George Nussbaumer - Weil’s dr guat got
- 1996 -  Bretonisch - Dan ar Braz - Diwanit bugale
- 1999 -  Samogitisch - Aistė - Strazdas
- 2003 -  Steirisch - Alf Poier - Weil der Mensch zählt
- 2004 -  Võro - Neiokõsõ - Tii
- 2011 -  Korsisch - Amaury Vassily - Sognu
- 2012 -  Udmurtisch - Buranovskiye Babushki - Party for everybody
- 2012 -  Mühlviertlerisch - Trackshittaz - Woki mit deim Popo
- 2016 -  Pontisch - Argo - Utopian land
- 2016 -  Krimtatarisch - Jamala - 1944

Sonst stark patriotisch, beim
ESC gab's aber noch keinen
Beitrag auf Aserbaidschanisch
Zudem haben es alle Nationen mindestens einmal geschafft in ihrer Landessprache zu singen. Die einzigen Ausnahmen bis zum heutigen Tage bilden Aserbaidschan, das seit 2008 dabei ist und seither in Englisch singt (wenngleich Sofi Marinova aus Bulgarien 2012 ein bisschen Aseri in ihrem Titel „Love unlimited“ einschob) und das Fürstentum Monaco, wobei das Monegassische keine offizielle Amtssprache ist. Da Monaco in absehbarer Zeit wohl kaum den Elan und das Geld aufbringen wird, sich dem Eurovision Song Contest zu stellen, liegen die Hoffnungen zunächst auf Aserbaidschan uns eine neue Sprache im Wettbewerb zu schenken. Im spanischen Parlament wurde zudem kürzlich vorgeschlagen, den Sender RTVE dazu zu verpflichten, nur Songs in den Landes- und Regionalsprachen zuzulassen. Somit steigen die Chancen auch einmal Galicisch, Baskisch oder, seit der Abkehr Andorras, auch mal wieder Katalanisch zu hören.

Mit Geschrammel auf Kata-
lanisch fast ins Finale:
Anonymous (2007)
Und damit kommen wir auch gleich zu einem Land, das mir persönlich sehr fehlt, wenngleich es gerade einmal halb so groß ist wie das Bundesland Berlin - Andorra. Stets bemüht einen originellen Song trotz des knappen Budgets zu stemmen, rackerten sich die andorranischen Interpreten von Marta Roure 2004 bis Susanna Georgi 2009 immer auf Katalanisch ab. Ins Finale hat es kein einziger andorranischer Interpret je geschafft. Die Band Anonymous war 2007 aber zumindest kurz davor und im Mega-Semifinale mit 28 Teilnehmern auf dem 12. Platz gelistet. Aus der Fraktion der Zwergstaaten verbleibt uns somit nur San Marino und selbst der Senderchef Carlo Romeo kündigte nach dem Song Contest in Kiew an, sich die Zukunft bei der Eurovision gut zu überlegen, schließlich waren auch die sanmarinesischen Titel bislang nicht gerade von der Feder des Erfolgs gekitzelt worden...

Ein bisschen spooky, aber auch
gut bei Stimme: Cezar (2013)
Es gibt aber nicht nur Sprachen, die beim Song Contest für ein Alleinstellungsmerkmal sorgen, sondern auch einige Beiträge, die sich musikalisch von der Masse abheben. In einem Jahrgang mit zahllosen Balladen kann ein Uptempo-Song Wunder bewirken. Genauso kann auch ein Titel, der musikalisch überhaupt keiner Sparte zuzuordnen ist, Charme besitzen. Verwundert waren so z.B. viele Zuschauer, als ein rumänischer Interpret 2013 in Malmö als Dracula verkleidet im Pailletten-Umhang im Eunuchengesang versuchte „It’s my life“ darzubieten. Florin Cezar Ouatu, kurz Cezar, gewann die lokale Selecția Națională und irritierte die eine Hälfte der Zuschauer genauso wie er die andere in seinen Bann zog. Der Song polarisierte und kam am Ende auf den 13. Platz, nicht ganz zu unrecht.

Weniger ist mehr: Edea
1998 versuchte sich Finnland beim Eurovision Song Contest mit einem interessanten Konzept, nämlich damit, kaum Worte zu verwenden. Dabei heraus kam ein dreiminütiges Werk namens „Aava“, das irgendwo zwischen Enya und „Unter dem Meer“ aus Arielle, der Meerjungfrau einzuordnen ist. Sängerin Marika Krook der Gruppe Edea schaffte es mit sechs verschiedenen Worten auszukommen und tatsächlich schnitt der Song, verglichen mit den Jahren zuvor, äußert erfolgreich ab und wurde 15. Weniger Glück hatte Finnland 2015 mit der Gruppe Pertti Kurikan Nimipäivät, in der vier an geistigen Behinderungen leidende, Bandmitglieder den kürzesten Eurovisionssong aller Zeiten aufführten. "Aina mun pitää" ("Ich muss immer") sollte für Inklusion sorgen, verfügte allerdings über keinerlei Melodie und wurde sang- und klanglos Letzter im Halbfinale von Wien.

Gloria Gaynor lebt, Joelle
Ursull 1990 für Frankreich
Experimente wagten die Franzosen in den 90er Jahren. Nachdem das Französische noch den Song Contest der 60er Jahre dominierte, sprangen Luxemburg und Monaco ab, Belgien und die Schweiz versuchten sich auch auf ihren anderen Landessprachen und Frankreichs Platzierungen sackten in den 80er Jahren ebenfalls ab. Somit bemühte sich das französische Fernsehen um Vielfalt und schickte 1990 die Sängerin Joëlle Ursull von der Karibikinsel Guadeloupe zum Song Contest nach Zagreb. Mit karibischem Touch verzauberte sie die Juroren in Malmö, für „White and black blues“ gab es hinter Toto Cutugno aus Italien den zweiten Rang. Im Jahr darauf verzauberte die Tunesierin Amina mit ihrer Hymne für die Rechte der Frauen in der arabischen Welt und lieferte sich ein Duell mit Carola aus Schweden, die aufgrund des EBU-Regelwerks punktgleich mit Amina, gewann.

Hätte es den Barbara-Dex-
Award 1994 schon gegeben...
Frankreich lockte noch häufiger mit Klängen, die sein koloniales Erbe zeigten. 1992 mischte Kali das Französische mit Haitianischem Kreol und auch 1998 brachte Marie-Line mit ihrem „Où aller“ karibisches Flair auf die Song Contest-Bühne. 2010 lieferte der aus der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaïre) stammende Jessy Matador exotisches Temperament und steuerte gleichzeitig noch den französischen WM-Song bei. „Allez! Ola! Olé!“ schaffte es in Oslo immerhin auf den 12. Platz. 

Der Équipe Tricolore hat es nichts genützt, sie schied, umgeben von Skandalen, bereits in der Vorrunde des Turniers in Südafrika aus. 1994 schickte Frankreich Nina Morato zum Song Contest nach Dublin, die ein interessantes Dress und einen avantgardistischen Titel namens „Je suis un vrai garçon" ("Ich bin ein richtiger Junge") darbrachte. Der Mut wurde damals mit dem siebten Platz belohnt. Ein ähnlich beeindruckendes Lied lieferte Russlands Debütantin Youddiph. In Omas alte Gardine gehüllt vermochte die Russin mit ihrem ewigen Wanderer "Vechni strannik" allerlei Kunststücke zu vollziehen. Russland wurde an jenem Abend nach Polen auf dem zweiten und Ungarn auf dem vierten Platz die dritterfolgreichste Nation, die an diesem Abend ihren Einstand feierte.

Ein ungleiches Duo: Dino
und Beatrice (1999)
Ebenfalls in keine richtige Kategorie einsortiert werden kann man den speziellen bosnischen Beitrag von Dino & Beatrice, 1999 in Jerusalem. Er im beigefarbenen Pullover und sie im ausladenden Ballkleid sangen teils auf Bosnisch, teils auf Französisch über „Putnici“, trotz allem entzückte Bosnien-Herzegowina damit erstmals in seiner Song Contest-Laufbahn das Publikum und statt des obligatorischen Anstandsapplauses gab es ernst gemeinten Beifall, der nicht nur auf den überwundenen Bosnienkrieg zurückzuführen war. Zwei Jahre später schickte Bosnien Nino Pršeš mit „Hano“ nach Kopenhagen, ein ebenfalls sehr spezieller Song, der jedoch an diesem Abend keinen großen Erfolg verbuchen konnte.

Mein Jahrgangsbester:
ByeAlex für Ungarn
Es gibt noch zahllose weitere Songs, die positiv aus dem Rahmen fallen, „Kedvesem“ von ByeAlex, „Origo“ von Joci Pápai, beide aus Ungarn oder „Sjúbídú“ von Anna Mjöll und „Minn hinsti dans“ von Pál Oskar aus Island. Nicht zuletzt gewann in diesem Jahr mit Salvador Sobral ein Song, der nach den Gesetzen der Eurovision eigentlich schon im Halbfinale hätte ausscheiden können. Dennoch verkaufte sich die Idee, mit der er für Portugal auf die Bühne schritt, so gut, dass Portugal sämtliche Punkterekorde pulverisierte und einstimmig von Juroren und Zuschauern gleichermaßen an die Spitze gesetzt wurde.


Poll: Wer noch nicht weiß, was er mit seinem Samstagabend anstellen soll, der kann Michelle Hunziker im ZDF ab 20:15 Uhr dabei zusehen, wie sie eine ebenso wilde musikalische Mischung anmoderiert, wie die oben genannten Beiträge. Von der Münchener Freiheit über Jürgen Drews bis hin zur Kelly Family ist alles vertreten. Und darüber hinaus stehen auch noch drei Mottos zur Auswahl: „X-Files“, „And finally…“ und „Lost & Found“. Zur Abstimmung geht es hier.

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