Freitag, 18. August 2017

Pink Cocktail: Blizzard & Inferno



Europa - In dieser Woche ist der Umfragelink für die Cocktail-Abstimmmung irgendwie zwischenzeitlich offline gewesen, sodass eine Abstimmung für den favorisierten Titel nicht mehr möglich war. Daher gibt es bereits einen Tag früher und mit dem Wertungsstand vom letzten bekannten Abruf das Motto "Blizzard & Inferno", ein Requiem auf all die vielen Pyro-, Wind- und Nebeleffekte, kleine wie große Zaubertricks und Beiträge, die uns aufgrund ihrer visuellen Untermalung aus den Socken gerissen haben.


Die moderne Technik des Eurovision Song Contests ermöglicht es den Delegationen der einzelnen Länder, je nachdem wie viel Taschengeld sie mitbringen, ihren Beitrag durch allerhand künstlerische Gimmicks zu untermalen. Dazu gehören aufwendig inszenierte Bühnenbilder und LED-Einblendungen, die von einem schlichten Schwarz wie etwa 2011 beim zypriotischen Beitrag von Christos Mylordos bis hin zu ganzen Blockbuster-Animationen, die den eigentlichen Titel in den Hintergrund rücken. Mit dieser Methode ist die Ukraine im selben Jahr etwa auf den vierten Platz gerückt. An die Sandmalerin Kseniya Simonova, die auf einer Platte ganze Gemälde aus Sand herstellte erinnert man sich noch heute, daran was Sängerin Mika Newton getragen hat und wie ihr Song klang, die wenigsten.

2011 ein echter Knaller:
Sandmalerei aus der Ukraine
Sandmalerei hat es schon immer gegeben, nur eben nicht beim Eurovision Song Contest. Der ganz große Wow-Effekt dürfte durch etliche Darbietungen bei "Supertalent"-Shows auf dem Kontinent ebenfalls verflogen gewesen sein, bevor der ukrainische Beitrag zu sehen war, dennoch hob er sich genau dadurch von der breiten Masse der Titel ab. Textzeilen wie "We are birds, we fly so high and we are falling down, when I dream of you, my dream is so fearless" wurden ausgeblendet, Mika Newton sammelte fleißig Punkte für die Ukraine. Welche Arie um die Auswahl beim Vorentscheid zuvor stattfand war vollkommen nebensächlich.

Effekthascherei ist beim Song Contest seit den 2000er Jahren eine Art um Punkte zu erhalten, die man durch musikalische Qualität nicht erzielt hätte. Es gibt Konfetti- oder Goldflittersalven, die auf den Punkt von der Decke abgeschossen werden, als ob der Interpret gerade bei Günther Jauch die Millionenfrage geknackt hätte oder eben den Ritus sich möglichst Kleidungsstücken zu entledigen wie es von Ireen Sheer bis Doris Dragović nicht wenige versucht haben. Und dann ist da noch die Windmaschine, ein kostengünstiges Add-on, das so manche Ballade mit nötiger Dramatik ausstattet. Besonders wurde diese von einer Schwedin namens Carola genutzt und zwar bei allen drei Auftritten.

Für sie wurde die Beautfort-
Skala erfunden: Carola
In der Wetterkunde gilt bei Sturm und Wind die Beaufort-Skala von 1 (leichter Zug, Rauch treibt leicht ab) über Blätter rascheln, hörbares Pfeifen an Drahtseilen und Telefonleitungen und Fensterläden werden geöffnet bis hin zu Orkan (schwerste Sturmschäden und Verwüstungen). Carolas Song Contest-Karriere orientiert sich an der fortlaufenden Skala, von kaum merklichen Ventilator-Schwingungen über ihren Siegertitel "Fångad av en stormvind" bis hin zu "Invincible", bei dem das halbe Bühnenbild vom Wind durchtrieben wurde. Mit den Plätzen drei, eins und fünf gaben ihr die Windmaschinen recht und in Fankreisen wird bei sehr stürmischen Performances noch heute gern der Vergleich zur Schwedin gezogen.

Mit Fifi am Hintern: Cascada
2010 war beim Eurovision Song Contest auch ein windiger Jahrgang, im Halbfinale nahm die Schweiz mit Michael von der Heide teil, der es Jahre zuvor beim deutschen Vorentscheid versuchte. Zu "Il pleut de l'or" blies ihm die Windmaschine so sehr ins Gesicht, das im Verlauf der Darbietung die Frisur nach oben klappte. Oder auch Safura aus Aserbaidschan, im Vorfeld als Lenas größte Konkurrenz auf den Titel. Das blaue Kleid und die Drei-Wetter-Taft-Frisur wurden vom Wind nach hinten gepustet. Und so gab es weitere Jahrgänge, u.a. bediente sich auch Cascada 2013 der Windmaschine, in denen es regelrechte Materialschlachten gab.

Norwegen 2005: Das Tuch
war nicht einfach so orange
Besonders imposant kommt der Einsatz der Windmaschine zur Geltung, wenn neben der eigenen Haarpracht auch noch die Schläppe des Kleides oder Fahnen wehen, wie bei oben genannter Cascada, den No Angels in Belgrad oder der bosnischen Gruppe Regina, die 2009 in Moskau vom klaren Wasser sang und stattdessen im bettlakengroßen Bannern über die Bühne salutierten wie die nordkoreanische Armee am Nationalfeiertag. Mit Fähnchen und Bannern können übrigens auch Gesten der Solidarität vermittelt werden. So verzichtete die Glamrock-Band Wig Wam aus Norwegen 2005 zwar auf Wind und Konfetti, Frontsänger Glam trug jedoch eine orangefarbene Binde am Mikrofonständer, symbolisch für die damals aktuelle Orangene Revolution in der Ukraine.

Disput um die Flagge:
Iveta Mukuchyan
Auch die Band Ping Pong aus Israel ließ es sich nicht nehmen, ihre eigene Landesflagge neben der syrischen Flagge in die Luft zu heben. Im Jahr 2000 wurde so etwas noch geduldet, mittlerweile gibt es von der EBU strenge Auflagen was das Zeigen von Fahnen angeht. 2016 veröffentlichte man sogar ein eigenes Pamphlet, das regionale Flaggen oder die Symbole abtrünniger oder nicht anerkannter Regionen und Länder untersagte. So kam es dann auch zur Verwarnung von Iveta Mukuchyan und der armenischen Delegation, die im Semifinale mit einer Flagge der Region Bergkarabach im Greenroom saßen, für jedermann vor dem Fernseher sichtbar und für die Aseris eine gezielte Provokation.

Fog - Nebel des Grauens:
Nina Sublatti 2015
Das Gegenteil von kurzweiligen Windböen ist der Nebel. Seit einigen Jahren stehen Interpreten auch gerne im Dunstkreis der Nebelmaschine um dem Song eine gewisse Mystik zu verschaffen. In einigen Fällen geht es aber auch hier schief, vergangenes Jahr sah es aufgrund der Einstellung so aus, als würde die Schweizer Sängerin Rykka gleich in Flammen aufgehen, da es hinter hier zu qualmen begann. Und auch Nina Sublatti aus Georgien hatte mit einer Nebelmaschien zu kämpfen. In Wien war scheinbar die Regulierung defekt, wodurch Nina bei dem Blitzlichtgewitter und den übersteuerten Nebelschwaden von den Kameras fast nicht mehr eingefangen werden konnte. Geschadet hat es dem Beitrag allerdings nicht, im Gegenteil, das machte den xenaesken Auftritt noch gruseliger.

Nebel funktioniert aber auch bei Balladen. Evelina Sašenko aus Litauen sang über die "Everlasting love", begleitet von einem Pianisten, gebettet auf einer Nebelbank. Sie wurde in Düsseldorf 19. im Finale. Auch Deutschland wollte 2016 eine spookige Atmosphäre schaffen, mit einem großen Vollmond auf den LEDs, toten, blattlosen Bäumen und einer Schicht aus Nebel. Darauf platziert wurde die 18jährige Jamie-Lee mit ihrem Manga-Geschirr als Kopfschmuck. In Europa hat man die Nummer nicht verstanden, die Schweizer zeigten sich im Televoting mit acht Stimmen noch sehr solidarisch, die Österreicher mit zwei Punkten knausriger und als einzige Jury in Europa steuerte Georgien einen Punkt bei. Hier lenkte auch eine Kunstatmosphäre nicht vom schlechten Songmaterial ab.

Pionier der Pyroeffekte:
Roger Pontare (2000)
Der dritte und wohl wichtigste Zusatzeffekt beim Eurovision Song Contest ist die Pyrotechnik. Flammen, Feuerbälle, brennende Pianos und Feuerwerk in allen erdenklichen Variationen sind das A und O, wenn man durch Effekte Punkte machen möchte. Soweit ich mich entsinne, nutzte Schweden im Jahr 2000 erstmals den vollen Umfang von Pyrotechnik beim Song Contest aus. Damals schickte Schweden den Veteran Roger Pontare in die Globen Arena. Bereits 1994 nahm er gemeinsam mit Marie Bergman und "Stjärnorna" am Song Contest in Dublin teil und wurde 13. Im Jahr 2000 stand er als Solist auf der Bühne und beschwor in "When spirits are calling my name (När vindarna viskar mitt namn)" die skandinavischen Naturgeister. 

Burning Belarus, Anastasia
setzt die Bühne in Flammen
Ein Sami, ein Indianer und er selbst im Maori-Look sorgten für die native Ausgestaltung seiner Performance vor heimischer Kulisse. Im Schlusssprint, vor einer dramatischen Pause zündeten am vorderen Bühnenrand zwei Flammen. Unter tosendem Applaus der Zuschauer wurde das Zeitalter der Pyrotechnik beim Song Contest eingeläutet. Im Laufe der Jahre gingen immer mehr Delegationen dazu über, ihre Beiträge mit Feuer zu garnieren. Lordi zündeten zu "Hard Rock Hallelujah" ein Feuerwerksfestival, Iveta Mukuchyan verfeuerte mehr Technik als ein Ölschiefer-Kraftwerk, die Bulgaren setzten 2008 sogar ihre Turntables in Brand und die sonst so bescheidenen Weißrussen brannten 2011 bei ihrem patriotischen "I love Belarus" bei Anastasia Vinnikova alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte.

Der bislang letzte türkische
Medaillenplatz: maNga
Es entwickelten sich aber auch Alternativen zum Feuerwerk. Die rumänische Formation um Luminta Anghel hatte ein gutes Dutzend Ölfässer auf der Bühne, an denen mit Hilfe einer Flex Funkenflug verursacht wurde. Die Steigerung lieferte 2010 die türkische Band maNga, bei der sich eine Art Power Ranger im Hintergrund sogar selbst den Arm flexte. Im Prinzip blieben nur noch explodierende Mikrofone, was Sirusho aus Armenien 2008 tatsächlich plante und der Abwurf von Torpedos. Eine Kanone hat es in diesem Jahr aus Rumänien zwar bereits gegeben, diese war aber tatsächlich nur ein Requisit ohne das irgendwas aus ihr abgefeuert wurde, was bei einigen treuen Yodel-Fans mit Bedauern zur Kenntnis genommen wurde.

Auch das Gegenteil von Feuer, nämlich Wasser kam bereits mehrmals zum Einsatz. Jedward aus Irland präsentierten 2012 in Baku, nachdem sie mit "Lipstick" die Herzen tausender junger Teenies in Europa eroberten einen Springbrunnen auf, in dem sie sich am Ende auch noch die mühsam hochtoupierten Haare nass machten. Ruth Lorenzo kam 2014 bereits im Wet Look auf die Bühne, im Hintergrund prasselte der Regen auf die LED-Wand und in diesem Jahr versuchte es Griechenland mit Wasser, indem sie zwei Adonis-Körper im Wasserbad plantschen ließen. Als dies zündete in Europa nur bedingt, hätte man sich wie Samir & Viktor im schwedischen Vorentscheid bis auf die Unterhose entkleidet, hätte es vielleicht noch etwas genützt.

Eric Saade sprengte beim
MF und ESC die Scheiben
Beim Einsatz von Effekten sind die Schweden immer wieder führend. Eric Saade ließ 2011 während seiner Darbietung von "Popular" mehrere Glasscheiben zu Bruch gehen, Loreen sah sich ein Jahr später einem Schneesturm ausgesetzt und Sanna Nielsen wart 2014 in einem Kegel aus Laserstrahlen gefangen. In diesem Jahr nutzte Robin Bengtsson lediglich ein paar Laufbänder. Trotzdem probiert es der Sender SVT immer wieder mit neuen Innovationen, die im Regelfall sogar für beträchtlich viele Punkte sorgen. Måns Zelmerlöw gewann jüngst auch primär durch sein Strichmännchen und den High Tech-Animationen. Auf eben solche Videoeffekte setzte auch Russland im vergangenen Jahr. Sergey Lazarev galt mit seinem Popsong "You are the only one" als haushoher Favorit.

Insbesondere weil er während seiner Darbietung alles bisher dagewesene in den Schatten stellte und selbst in eine Art Matrix eintauchte, in Embryonalstellung durch den Kosmos schwebte und wie Super Mario über verschwindende Plattformen hüpfte. Geschlagen geben musste sich der Russe, der vom Mogul Phillip Kirkorow unterstützt wurde, am Ende aber der australischen Sängerin Dami Im, die auf ihrem Podest Computeranimationen mit Gedankenkraft verschob und der ukrainischen Sängerin Jamala, die bis auf einen Lebensbaum auf den Screens keinerlei Effekte nutzte sondern einfach nur eine persönliche Gegebenheit in Gesang umwandelte.

Magie beim ESC 1991:
Arturo Brachetti
Wenn gar nichts mehr hilft, dann kann man auch immer noch zaubern. Zwar ist die Zeit in der Gaukler und Zauberer in Zirkusshows durch die Lande tingeln inzwischen vorbei, optische Täuschungen und das Verschwindenlassen von Interpreten kommt hin und wieder dennoch vor. 1991 in Rom war der Zauber- und Varietékünstler Arturo Brachetti noch als Interval-Act engagiert. Er verzauberte in wenigen Minuten das Saalpublikum mit verschiedenen Tricks, später ließen sich auch Interpreten hinreißen den einen oder anderen Zauber anzuwenden.

Magie aus Osteuropa, Dmitry
Koldun und seine Zauberwand
2007 in Helsinki brachte die weißrussische Delegation eine magische Wand mit. Bezeichnenderweise hieß der Song auch noch "Work your magic" und stellt, nicht nur aufgrund der Mini-Effekte sondern auch aufgrund der Eingängigkeit das beste Ergebnis des Landes dar. 2008 versuchte man es gleich noch einmal mit einer Kopie von Dmitry Koldun. Außer leuchtenden Pilzen, die von Ruslan Alekhno und seinen Backings über die Bühne geschoben wurden, passierte hier allerdings nichts Magisches. Weißrussland schied in jenem Jahrgang bereits in der Vorrunde aus, wie zu dieser Zeit auch üblich.

Gehstock auf Knopfdruck:
Getter Jaani aus Estland
Zwei Jahre später wählte Spanien Soraya Arnelas zum Song Contest. "La noche es para mí" begann revuemäßig mit einem Opening auf der Showtreppe, Soraya sang ein paar Takte, ließ sich über dei Bühne heben, stapfte anschließend wieder die Treppe empor und wurde unter einem Tuch verhüllt und tauchte später einige Meter entfernt wieder in Kauerstellung auf um zum Schlussspurt anzusetzen. Mit entsprechender Schnitttechnik der EBU-Regisseure sind solche Effekte kein großes Hindernis. Ohne Schnitt, dafür mit einem Trick aus dem Zauberkasten für Kinder kam Getter Jaani aus Estland auf die Idee, ein simples Taschentuch in einen Gehstock zu verwandeln. Leider wurde die süße Maus mit ihrem "Rockefeller Street", das das aufregende Glamour-Geschehen der Großstadt aufarbeitete im Finale Vorletzter.

Meister der skurrilen Instru-
mente: Ovi & Paula Seling
Schlussendlich legte Rumänien 2014 in Kopenhagen noch eins auf den Verschwindetrick von Soraya drauf und ließ die Sängerin Paula Seling, die bereits 2010 in Oslo mit ihrem Duettpartner Ovi den dritten Platz erreichte (ebenfalls mit einem brennenden Doppelflügel) per Videotechnik von einem Standpunkt der Bühne aus zum anderen beamen. Dadurch stellt sich immer mehr auch die Frage, ob Video- und Computeranimationen zugelassen werden sollten oder ob die Möglichkeiten in der Realität für den Eurovision Song Contest vollkommen ausreichen.

Vom Bühnenkeller ins All:
Nina als Begleitung für die
Astronauten von Who See
Kleinere Nationen, wie etwa San Marino oder Montenegro können sich keinerlei große Videoprojektionen leisten, da kann man bereits froh sein, dass der Background zu "Spirit of the night" die Farbe verändert oder eine Nina Žižić im futuristischen Weltraumkostüm wie einst Stefan Raab bei TV total aus dem Bühnenboden geschossen wird. Fakt ist aber auch, dank des technischen Fortschritts müssen die Interpreten nicht mehr wie in den 50er und 60er Jahren vor einer Pappwand stehen, die für alle Kandidaten das gleiche Bühnenbild darstellt, sondern haben alle Möglichkeiten, die das Entwicklungsteam auf Lager hat und ein bisschen Show gehört schließlich auch immer dazu.



Poll: In der Hoffnung, dass das Voting nicht wieder mitten in der Woche offline geschaltet wird, biete ich noch einmal die vier Ladenhüter der Saison an. Namentlich sind dies das "Mosaik", "Lost & Found", "X-Files" und "And finally...". Zur Abstimmung geht es hier und damit wünsche ich allgemein ein schönes Wochenende in dem Hamburg natürlich wieder einmal im Regen versinken wird.

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