Samstag, 5. August 2017

Beige Cocktail: Shakespeare



Europa - Wieder einmal zeigt sich der Himmel über Hamburg mit Schattierungen von Grau. Während rund um die Alster später der Christopher Street Day begangen wird und in der Sternschanze das Ice Cream Festival stattfindet, wollen wir uns einmal der Thematik des grauen Himmels widmen. Stefan Gwildis besang nämlich eben dieses "Wunderschöne Grau" in seinem Vorentscheidungslied von 2005 und liefert damit die Steilvorlage für das heutige Cocktailmotto, nämlich "Shakespeare". Wir stellen einige der seltsamsten und auch der tiefgründigsten Texte aus 62 Jahren Eurovision Song Contest vor.


410 Jahre vor "Waterloo"
geboren: William Shakespeare
Der Namenspate William Shakespeare wurde 1564 in Stratford-upon-Avon bei Birmingham geboren und zählt zu den bedeutendsten Lyrikern der Weltliteratur. "Romeo und Julia", "Hamlet" und "König Lear" seien nur einige genannte Dramen und Tragödien aus seiner Feder. Ebenso tragisch sind hingegen auch einige Textzeilen aus Eurovisionsbeiträgen, bei dem sich Herr Shakespeare heute im Grabe umdrehen würde. Schlimmer noch, dass der einstige Vorentscheidungsteilnehmer Zlatko Trpkovski im Big Brother-Container offen zugab, noch nie etwas von Shakespeare gehört zu haben. Doch darum soll es nicht gehen... Ein Romeo & Julia kommt regelmäßig aus Estland, das "Verona" aus diesem Jahr von Koit Toome & Laura hat es allerdings nicht aus dem Semifinale hinaus geschafft.

"Don't break my heart"
5€ für's Phrasenschwein
Beliebte Themen beim Eurovision Song Contest sind seit jeher die Liebe, der Weltfrieden, technische Gerätschaften wie das Telefon oder das Video, bekannte Persönlichkeiten oder Musikinstrumente. Quasi aus allen Bereichen des Lebens haben es Texte inzwischen zum Eurovision Song Contest geschafft. Da wundert es kaum, dass dazwischen auch immer mal wieder Phrasen auftauchen, die es schon einmal gab. In der Topliste der Wiederholungen dürften "Don't break my heart", zuletzt 2003 von Nicola für Rumänien gesungen und 2006 von Vicky Leandros im deutschen Vorentscheid wiederholt, "This is my life" von der isländischen Euroband und Anna Bergendahl oder der stetige Wiederkehrer "Never (ever) let you go" und seine Variationen sein. 

Blossom, Gladys und Kayo
 glitzerten 2002 in Tallinn
2001 stellten die Dänen mit Rollo & King einen Beitrag auf die Bühne, der sich erstmals dieser Phrase bediente. "Never ever let you go" wurde damals sogar Zweiter. Signe Svendsen und Søren Poppe schmachteten sich beim Heimspiel in Kopenhagen mit Worten wie "I'll never ever let you go though you hurt my feelings, you bring back memories all the time, I'll never ever be the same since you left me lonely, so please come back to me again." an und landeten nur knapp hinter dem estnischen Beitrag von Tanel Padar & Dave Benton. 2002 hieß der Titel des schwedischen Damentrios Afro-Dite "Never let it go". 2003 wurde der Songtitel leicht abgewandelt von einer in Leder zugeschnürten Sängerin namens Mando aus Griechenland vorgetragen. "Never let you go" schaffte es aber gerade einmal auf den 17. Rang.

Viel Gejammer: Pave Maijanen
Drei Jahre später bestritt Dima Bilan seinen ersten Auftritt beim Eurovision Song Contest mit exakt dem gleichen Songtitel, alle drei Beiträge hatten die selbe Botschaft. Dima, mit seiner schlimmen Vokuhila-Frisur und dem aus dem Klavier emporsteigenden weiß geschminkten Mädel war dabei am erfolgreichsten und landete mit 248 Punkten auf dem zweiten Platz hinter den finnischen Monstern von Lordi mit dem markanten Aufruf an die Geister des Rocks: "Rock 'n' roll angels, bring that hard rock hallelujah!" Es war aber auch ein finnischer Beitrag, der wenig literarisch einfach nur versuchte drei Minuten Präsentationsfläche durch den ständigen Aufschrei "Yamma Yamma" zu füllen. Pave Maijanen bekam dafür 1992 aber auch nur vier Punkte.

Bleiben wir in Finnland. Immer wieder sind Delegationen beim Song Contest der Überzeugung, wenn man möglichst viele europäische Nationen anspricht, wird es mit den Punkten schon irgendwie funktionieren. Das dachte sich 2000 wohl auch die Sängerin Nina Åström, die darüber philosophierte, dass sie sich in ihren Geburtsort verliebt habe. Dennoch: "It's a little bit of love, it's a little love I need, to keep me going, keep me smiling, it's love that makes me breathe, it may be Finland, France or Spain, Berlin, Prague or Rome, it's the place where you live, where your heart feels at home". Nina beendete den Abend als 18. Dustin the Turkey aus Irland versuchte es später mit einer ähnlichen Methode, indem er sämtliche Nationen Kontinentaleuropas zunächst des Blockvotings beschuldigte, später aber um ihre Stimmen flehte.

András trug ein ernsteres
Anliegen beim ESC vor
Ebenfalls beliebt sind Gebete und Fürbitten jeglicher Art. So gab es aus Israel schon "Hallelujah", das den Song Contest 1979 auch gewinnen konnte, ein "Amen" von Liora 1993 oder ein "Light a candle" von Sarit Hadad 2002. 1998 sang die Slowakin Katarína Hasprová ihr Gebet "Modlitba", wenige Jahre später siegte die Serbin Marija Šerifović mit "Molitva". Auch sozialkritische Themen haben ab und an den Weg zum Song Contest geschafft, Umwelthymnen wie "Diese Welt" von Katja Ebstein, Armut ("A message to your heart") von Samantha Janus oder Gewalt gegen Frauen wie bei Sanja Vučić oder András Kállay-Saunders. Dem entgegen stehen Blödelsongs wie Alf Poiers "Weil der Mensch zählt", Zitat: "Klane Haserl haben kurze Naserl, und klane Katzerl haben weiche Bratzerl, und die Frau Holle hot gern die Wolle, vom Dromedar aus Afrika".

Wer um den syrisch-israelischen
Konflikt weiß, versteht die
Botschaft von Ping Pong
Im gleichen Jahrgang wie Nina aus Finnland eröffnete Israel den Wettbewerb mit der fröhlichen Formation Ping Pong, DJs und Entertainern aus der Clubszene von Tel Aviv, die "Same'akh (Be happy)" mit ihrem albernen Herumgehüpfe ziemlich lächerlich wirken ließen, doch war insbesondere die Bridge, gesungen von Ifat Giladi, die Kleine mit dem Wachsherz auf der Stirn, eine der schönsten und völkerverbindendsten Zeilen in der Eurovisionsgeschichte. Besingt sie doch die Tatsache, dass sie nun einen Freund aus Damaskus habe, der ihr rote Rosen schickt, wenn sie schlecht drauf ist. Eine gewisse Zweideutigkeit kann man dem Text zudem entnehmen. 

Heißt es doch vor all den "Be happy"-Rufen "Ich möchte, ich möchte eine Gurke" und später "Ich möchte es den ganzen Tag mit ihm tun". Europa hat es nicht verstanden, zumal die Strophen auf Hebräisch gesungen wurden. Somit blieben für die spannende Gruppierung aus Israel am Ende nur sieben Punkte und ein kläglicher 22. Platz übrig, was Israel allerdings nicht gefährlich wurde, da die Bilanz der Vorjahre mit einem Sieg durch Dana International gut genug war, um auch die Qualifikation im nächsten Jahr zu erreichen. Dana stellte sich 2011 in Düsseldorf selbst noch einmal als gefallener Star mit dem Titel "Ding dong" auf die Song Contest-Bühne. Aber auch Deutschland kann sich nicht freisprechen von unglücklich formulierten oder gar sinnbefreiten Texten. Gleich im ersten Jahr des Concours schickte Deutschland zwei Beiträge ins Rennen, die zweifelhafte Formulierungen enthielten.

Seemannslieder und Gassenhauer
bestimmten Freddys Karriere
Freddy Quinn deckte 1956 in Lugano den Sachverhalt auf, dass seine Freundin eine Schwerenöterin sei. In "So geht das jede Nacht" heißt es beispielsweise: "Ich schenk dir Blumen und fahr dich ins Büro, führ deine Mutter jeden Sonntag in den Zoo, doch dich bringt am Mittwoch der Billy nach Haus, am Donnerstag gehst du mit Tommy aus (...) Doch du tanzt am Freitag, am Freitag mit Ben, Samstag mit einem, den ich nicht mal kenn' (...)". Später legte er jedoch auch offen, dass er sich jeden Tag mit einer anderen amüsiere. Die Sittenpolizei wäre erbost gewesen, hätte sie damals verstanden, wovon der Wahlhamburger da vor mehr als 60 Jahren gesungen hat...

Für poetischen Tiefgang sorgte der zweite deutsche Beitrag an jenem Abend. Aufgrund der wenigen Teilnehmer hatte jedes der sieben Länder die einmalige Gelegenheit sich mit zwei Songs zu präsentieren. So stand der recht unbekannte Walter Andreas Schwarz auf der Bühne im Teatro Kursaal in Lugano und sinnierte etwa auf einer Ebene wie Shakespeare, sodass man ohne Deutsch-Leistungskurs im Gymnasium den Text freilich nicht zu interpretieren vermochte. Zitat: "Es gibt einen Hafen, da fährt kaum ein Schiff, und wenn eines fährt, so in unbestimmte Fernen, und es kommt, wenn es ankommt, von sehr weit schon her, und einer steigt aus und der kommt übers Meer, mit gläserner Fracht von den Sternen." Tja, die armen Leute...

 Deutsche Textperlen:
01. - "Rauch aus tausend Schloten senkt sich über Stadt und Land, wo noch gestern Kinder warn, bedeckt heut Öl den Strand, in den Düsenriesen fliegen wir dem Morgen zu, wie wird dieses Morgen sein, sinnlos oder voller Sonnenschein?" - Katja Ebstein, 1971

02. - "Über die Brücke gehn, andere Menschen versteh'n, andere Lieder, andere Länder der Erde, über die Brücke gehn, hinter die Mauer zu seh'n, gute Gedanken schmelzen das Eis in den Herzen unserer Welt" - Ingrid Peters, 1986

03. - "Man wählte die Miss Germany, Miss Frankreich und Miss Italy, es gibt sogar Miss Mode und Miss Bein, doch weil Musik ein jeder liebt, und es Miss Jukebox noch nicht gibt, möcht' ich so gerne mal Miss Jukebox sein" - Margot Hielscher, 1958

Das ergreifendste deutsche
ESC-Lied von Margot Eskens
04. - "Du liest noch manchmal die alten Briefe, die er dir schrieb, worin dir jede Zeile sagte: "Ich hab dich lieb", du schließt die Augen und träumst von ihm, und vom verlor'nen Glück, doch die Zeiger der Uhr drehen sich nur, vorwärts, vorwärts und nie zurück" - Margot Eskens, 1966

Und natürlich: "I went everywhere for you, I even did my hair for you, I bought new underwear, they're blue, and I wore 'em just the other day" - Lena Meyer-Landrut, 2010

Machte das "La la la" salon-
fähig, Massiel
Wie Georg Uecker in einer Zusammenfassung einmal so richtig anmerkte, das Groteske und das Erhabene liegt beim Song Contest nicht weit auseinander. Während einige Texter sich wahrhaftig Mühe gegeben haben, ist doch auch viel Blödsinn dabei. Auf den Songtext von Las Ketchup wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst eingehen. Wenn das kreative Ventil für einen guten Text völlig verstopft ist, hilft es manchmal auch, einfach ein paar euphemistische Wortkreationen einzubauen. Massiel hatte damit 1968 sogar so viel Erfolg, dass sie mit ihrem "La, la, la" sogar den Sieg nach Madrid holte. In der Studioversion existiert 84x das Wort "La", in der Live-Version in London schaffte sie es sogar auf 123x.

Das hören die Konzernherren
von Nashville bis Luzern gern
Im Laufe der Jahre war nicht nur von "La la la" die Rede, immer wieder gern gesehen war auch das "Boom". So gab es 1967 eine Art monegassischen Raketenstart, als Minouche Barelli mit "Boum-badaboum", mehrmals einen Countdown in französischer Sprache herunterbetete oder die österreichische Band Schmetterlinge, die in ihrem Lied "Boom Boom Boomerang" über den rollenden Rubel bei den Plattenbossen sang und dabei aberwitzige Bewegungen mimte. Wenn man alle "Booms" beim Song Contest zusammenrechnet, hätte man vermutlich genug Material für eine neue Scheibe der Vengaboys.

Eine Auswahl rhetorischer Stilmittel beim Song Contest:
- 1967 -  Minouche Barelli - Boum-badaboum
- 1969 -  Lulu - Boom bang-a-bang
- 1973 -  Marion Rung - Tom tom tom
- 1975 -  Teach-In - Ding-a-dong
- 1977 -  Schmetterlinge - Boom boom boomerang
- 1978 -  Mabel - Boom boom
- 1982 -  Doce - Bem bom (heißt "Sehr gut")
- 1984 -  The Herreys - Diggi-loo, diggi-ley
- 2000 -  Charmed - My heart goes Boom
- 2010 -  Safura - Drip drop
- 2011 -  Dana International - Ding dong
- 2011 -  Emmy - Boom boom

Einer der unkreativsten Reim-
versuche in über 60 Jahren:
Eric Saade in "Popular"
Reime sind auch immer wieder gern gesehen beim Eurovision Song Contest. 2001 bemühten sich die Moderatoren der Show sogar den gesamten Abend in Reimen abzuklatschen und keinerlei Spontaneität zuzulassen. Immer wieder hübsch ist es, wenn man versucht "fire" mit "desire" oder "night", "light" und "fight" zu verbinden. Fehlgeschlagen ist beim eigentlich sehr erfolgreichen Eric Saade 2011 leider das Opening, in dem man doch die Todsünde begangen hat und den Reim "Stop, don't say that it's impossible, 'cause I know it's possible" in die Lyrics aufnahm. Markanter war da schon Sergey Lazarev mit seinem "Thunder and lightning, it's getting exciting".

Meister der Kritik an Eurovisionsbeiträgen, sogenannter "disposable music" ist der jüngste Eurovisionssieger Salvador Sobral aus Portugal. Dieser kritisierte in seiner Siegesrede, dass man in einer Zeit von Wegwerf-Musik lebe. Teilweise, insbesondere wenn man sich die jüngsten Texte einiger Beiträge wie dem "Social Network Song (oh oh uh oh oh)" anhört, muss man ihm recht geben. Dies kann man auch auf die Charts beziehen. In diesem Zusammenhang empfehle ich die Axis of Awesome mit unten stehendem Video, die zwar nicht auf Texte eingehen, dafür aber auf Akkord-Recycling.

Axis Of Awesome - Four Chord Song

Ein bisschen "Bailando"
aus Moldawien...
Abschließend möchte ich noch die Lyrics des Verderbens der jüngeren Vergangenheit präsentieren, teilweise auch gepaart mit einigen der schlimmsten Choreographien, insbesondere der moldawische Song vereint dermaßen viel Trash, dass man ihn schon wieder gut finden könnte. So heißt es in "Loca" von Ex-O-Zone-Mitglied Arsenium feat. Natalia Gordienko: "Hey, loco, please espera un poco, and I'll give you my choco. Do you want it or not?" Scooch aus Großbritannien waren 2007 als Flugbegleiter in Helsinki im Dienst und demonstrierten vor rund 200 Millionen Zuschauern die Sicherheitsbestimmungen im Flugzeug, die kaum mehr ein Mensch verfolgt.

Dazu heißt es: "Ladies and gentlemen, your exits are here, here and here. To fasten your seatbelt, insert the fitting, to use the life vest, slip it over your head, pull firmly on the red cord and blow into the mouthpiece" Der absolute Text-Overkill stammt allerdings von dem Mann, dem wir die Renaissance des Wettbewerbs in Deutschland verdanken, Stefan Raab. Textlich gesehen war "Wadde hadde dudde da?" keine Sternstunde sondern einfach nur Blödsinn. Obacht: 

"Aha... wadde hadde dudde da?
Wadde dudde da da hat, hat ich schon vor 'nem Jahr
Nee, nee, dat war weder dat, dat oder dat da
Wie, dat dat wat war?
Ich dachte dat dat dat war
Wat dat da war, dat is noch immer nich klar
Un ob dat matt, platt, glatt, satt oder wat auch immer war
Dat dat wat war, un wenn, wat dat da war
Bidde, bidde, sammer domma, wadde hadde dudde da?"



Poll: ...und somit kommen wir allmählich in die Schlussphase unserer Cocktailsaison. Sechs Themen stehen noch bereit, die wir vorsorglich alle zur Auswahl stellen. Übrig geblieben sind noch das "Mosaik", "Blizzard & Inferno", "Lost & Found", "Mi corazon", "X-Files" und "And finally...". Viel Spaß beim Abstimmen und ein schönes Wochenende aus Hamburg.

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