Samstag, 29. Juli 2017

Gold Cocktail: Fiddler on the Roof



Europa - Das nächste Regenband zieht über Hamburg, für morgen verspricht die Prognose aber Besserung. Uns soll das nicht aufhalten, über ein weiteres Thema von unserer Cocktailkarte zu sprechen. Mit fast der Hälfte aller Stimmen wurde sich heute für den "Fiddler on the Roof" entschieden. Darin geht es weniger um das Musical "Anatevka", in dem die Handlung sich um ein jüdisches Schtetl im Russischen Kaiserreich mitsamt eines Milchmannes und seiner heiratsfähigen Töchter dreht, sondern um die Violine, die Namensgeber des englischen Originaltitels ist.


Fiddler On The Roof,
das Original von Anatevka
Auch wenn immer wieder behauptet wird, beim Eurovision Song Contest gehe es inzwischen weniger um Musik als um die Show rund um die Performance, so spielten doch auch immer wieder diverse Musikinstrumente eine elementare Rolle beim Auskleiden einer Darbietung auf der Wettbewerbsbühne, angefangen bei der Triangel bis hin zur Karpatenversion des Alphorns wie im Vortrag von Ruslana 2004 in Istanbul. Von der Anfangsstunde bis zum Song Contest 1998 in Birmingham war auch das Orchester vertreten, das die Musik live einspielte und häufiger für Misstöne sorgte. In einem speziellen Fall ruinierte ein verkorkstes Saxophonsolo sogar einen kompletten Song.

Sophia Vossou litt 1991 unter
dem Saxophonisten
Es war 1991, Italien bewies sich als ziemlich mieser Gastgeber und verlegte den Wettbewerb kurzerhand vom eigentlich geplanten San Remo in die Filmstadt Cinecittà von Rom. Die Übertragung fand an einem Ort statt, der sehr an den Requisitenfundus der RAI erinnerte und von zwei der schlechtesten Moderatoren überhaupt moderiert wurde, nämlich den einstigen Song Contest-Siegerin Gigliola Cinquetti und Toto Cutugno. In der Line Up befand sich die griechische Sängerin Sophia Vossou, die 1984 beim Song Festival in Thessaloniki als Siegerin hervorging und später eine erfolgreiche Karriere startete. Sie trug den Titel "I anixi" ("Frühling") vor, dessen Mittelteil von einem Saxophonsolo bestimmt wurde, das komplett out of tune war.

Rekorddirigent beim ESC:
Noel Kelehan
Nachdem im Jahr 1998 der mazedonische Beitrag als letzter über die Bühne ging, entfiel das Orchester ersatzlos. Die Europäische Rundfunkunion verzichtete aus Kostengründen und aufgrund der Tatsache, das viele moderne Töne gar nicht mehr durch ein Live-Orchester erzeugt werden könnten, auf den Orchestergraben, der fünf Dekaden zum Wettbewerb gehörte. Dirigenten, die über Jahre hinweg für die Delegationen tätig waren, wurden ausrangiert. Rekordverdächtig war hierbei der 2012 verstorbene Ire Noel Kelehan, der insgesamt fünf Siegerbeiträge zwischen 1966 und 1998 dirigierte und u.a. auch Edyta Górniaks "To nie ja" anführte.

Schlugen sich die Zähne aus:
Stefan Raab und Anke Engelke
Unter den Dirigenten verbargen sich einige bekannte Namen, darunter auch Rolf Zuckowski, der in Deutschland durch seine Kinderlieder und sein karitatives Engagement besticht. Er hob den Taktstock für Peter, Sue und Marc. Der letzte deutsche Dirigent war Stefan Raab, der unter seinem Produzentenalias Alf Iegel dafür sorgte, dass das Orchester während der Aufführung von "Guildo hat euch lieb" keinen Quatsch macht. Stefan Raab war bei all seinen Song Contest-Auftritten mit einem Instrument zu sehen. 2000 spielte er die Glitzergitarre, 2004 begleitete er Max Mutzke gemeinsam mit den Heavytones und 2011 setzte er sich während des Eröffnungsacts ans Schlagzeug und stimmte mit Anke Engelke auf der Gitarre ein Medley bekannter Song Contest-Beiträge an.

Viele Interpreten beim Eurovision Song Contest begleiteten sich selbst mit ihren Instrumenten auf der Bühne, die heute lediglich noch zur Zierde mitgebracht werden und stummgeschaltet sind, da sämtliche Töne als Halbplayback eingespielt werden. Es bleibt zu hoffen, dass während der Liveübertragung niemals das Band hängenbleibt, wie es einst dem 90er Jahre-Hitwunder Milli Vanilli zum Verhängnis wurde. Thomas Anders hatte beim deutschen Vorentscheid 2006 eben jenes Problem, als er dreimal ansetzen musste um seinen Song "Songs that live forever" singen zu können. Souverän nahm er die Tonpanne mit Humor und entgegnete dem offenbar ratlosen Techniker, dass er notfalls auch a capella singen könne.

Im Halbfinale war Schluss:
Witloof Bay für Belgien
A capella, also Gesang ohne musikalische Unterlegung, hat beim Eurovision Song Contest allerdings einen schweren Stand. Zweimal versuchten sich Vocal Groups mit Liedern, die nur von ihren Stimmen getragen wurden. Die lettische Band Cosmos vergurkte ihren Titel "I hear your heart", indem man einen Roboter zusammenbaute, der am Ende mit dem Sänger Reinis Sējāns den Moonwalk vollzog, 2011 schaffte es die belgische Formation Witloof Bay mit ihrem Beatboxer RoxorLoops nicht ins Finale. Seither gab es keine weiteren A capella-Auftritte beim Song Contest, mit der Gruppe BaSix im dänischen Melodi Grand Prix 2001 jedoch eine gut produzierte Nummer namens "I Australien". Diese wurde aber nur Zweite hinter Rollo & King, die ihr Land im Parken Stadium in Kopenhagen vertreten durften.

Fast vergessen: Lynn Chircop
(Malta 2003)
Wie bereits erwähnt brachten viele Interpreten ihre Instrumente mit auf die Bühne. Besonders beliebt sind hierbei visuelle Unterstreichungen per Klavier und Flügel. 1996 setzte man den blinden Österreicher George Nussbaumer an den Flügel, der im vorarlbergischen Dialekt "Weil’s dr guat got" intonierte und damit auf einen sehr guten zehnten Platz kam. Noch erfolgreicher lief es für den Norweger Jostein Hasselgård, der sich 2003 in Riga zu "I'm not afraid to move on" auf dem Klavier begleitete und Vierter wurde. Im gleichen Jahr saß auch die maltesische Sängerin Lynn Chircop zunächst am Flügel. Das britische Duo Lynsey de Paul & Mike Moran erreichte am Doppelklavier 1977 sogar den zweiten Rang. Als Requisit missbraucht wurde das Klavier allerdings 2006, als Dima Bilan bei seinem ersten Versuch für Russland eine weiß geschminkte Ballerina aus dem Klavier zauberte.

Off Broadway: Andrew Lloyd
Webber und Jade Ewen
In zwei Fällen lenkten prominente Pianisten auch vom eigentlichen Interpreten ab. 2009, als Großbritannien schon einige Niederlagen erlitten hatte und u.a. 2008 mit dem singenden Müllmann Andy Abraham Letzter wurde, engagierte man den erfolgreichen Broadway-Produzenten Andrew Lloyd Webber, der mit "Jesus Christ Superstar", "Evita", "Cats", "Starlight Express", dem "Phantom der Oper" oder "Sunset Boulevard" eine lange Liste an Erfolgsmusicals auf die Bühne gebracht hat. Die BBC verpflichtete Webber einen Song für Moskau zu schreiben und ließ es sich nicht nehmen, seinen Schützling Jade Ewen am Klavier auf der Bühne zu begleiten. Mit Erfolg: Großbritannien landete mit dem wundervollen "My time" auf dem fünften Rang.

1982 - Nicole
Nicht ganz so erfolgreich war der einzige Finalauftritt San Marinos von Valentina Monetta im Jahr 2014. Ralph Siegel setzte ein drittes Mal auf das Talent der Sängerin und setzte sich schon, wie einst bei Nicole in Harrogate zu "Ein bißchen Frieden" ans Klavier, wenngleich er in den TV-Einstellungen kaum selbst zu sehen war. Nicole ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, dass ein Instrument zum Erfolg werden kann. Mit ihrer Klampfe, die sie heute noch in Rückblenden explizit erwähnt, wird sie 1982 dafür gesorgt haben, dass einige Kinder mehr fortan Gitarrenunterricht erhielten. Neben Gitarre und Klavier gehört die Geige zum Must Have-Instrument beim Eurovision Song Contest.

Sieger nach Punkten: Alexander
Rybak 2009 in Moskau
Als Alexander Rybak 2009 in Moskau erdrutschartig mit "Fairytale" den Song Contest nach Norwegen holte, gab es als Folge viele Auftritte, im Vorentscheid wie auch im Finale der Eurovision, bei dem eine Geige nicht unwesentlich beteiligt war. Das SunStroke Project, hatte einen Teufelsgeiger dabei, ebenso wie den Epic Sax Guy, einer der am meisten gefeierten Eurovisionsteilnehmer in den Online-Medien. Das Saxophon machte ihn so prominent, dass Timur Miroshnichenko in der Werbepause noch einmal auf sein über zehn Millionen Mal geklicktes Dauerloop-Video von seinem Auftritt in Oslo verwies. Fast komplett aus Violinengezupfe bestand 2009 übrigens auch der Titel "Love symphony" aus Slowenien. Quartissimo schieden jedoch im Semifinale aus.

Fiedelte sich zum Sieg,
Fionnuala Sherry
Norwegen gewann auch 1995 in Dublin den Eurovision Song Contest mit einem markanten Violinen-Alleingang. Der Text von "Nocturne" der Gruppe Secret Garden enthielt gerade einmal 25 Worte ("La dagen få sin hvile nå, og natten vil våke for den, nocturne. Selv mørket må en gang forgå, så natten kan føde en dag"). Für den Rest des Beitrags ließ man die Sängerin Gunnhild Tvinnereim im Halbdunkel stehen und konzentrierte sich auf das Solo von Fionnuala Sherry, die zwei von drei Minuten mit ihrer Geige ausfüllte. Da sphärische Klänge damals sehr angesagt waren, wie das irische Harfengezupfe 1996 von Eimear Quinn, konnte Norwegen auch hier mit verhältnismäßig großem Abstand gewinnen.

Antique wurden 2001 in
Kopenhagen Dritte
Immer wieder gab es auch Folklore-Instrumente auf der Song Contest-Bühne, die dem jeweiligen Lied einen landestypischen Touch verliehen. So präsentierte sich Griechenland entgegen dem Common Sense statt mit Stangenpop mit folkloristischem Einschlag. Das Duo Antique stand 2001 auf der Bühne von Kopenhagen. Helena Paparizou schmetterte "Die for you" auf Griechisch und Englisch hin, während ihr Partner Nikos Panagiotidis auf der Bouzouki spielte, DEM Instrument, das man schon bei Nana Mouskouri und Vicky Leandros mit griechischer Musik assoziierte. Die Gruppe Argo, die Jahre später erstmals für Griechenland im Halbfinale rausflog, legte mit der Lyra sogar noch einen drauf.

Kubanischer Jodelpop aus
Österreich: "Y así"
Was für türkische Barden die Saz ist, ist für armenische Musiker die Duduk, eine kleine Flöte aus Aprikosenholz, die man u.a. bei "Apricot stone" von Eva Rivas zu hören bekam. Die Duduk ist das Nationalinstrument Armeniens und gehört inzwischen auch zum immateriellen Welterbe der UNESCO. Für die österreichische Band Global.Kryner oder die slowenische Slavko Avsenik-Gedächtnisband Anzambel Žlindra & Kalamari waren Posaune und Akkordeon Pflicht um die Oberkrainer Folklore zu vermitteln. Sowohl die kubanisch angehauchte Austronummer als auch der schrägte Volksmusikbeitrag aus Slowenien schieden in ihren Jahrgängen jeweils im Semifinale aus.

Top Ten für Ungarn in diesem
Jahr: Joci Pápai und "Origo"
Ebenfalls sehr beliebt sind Trommeln in jeglicher Form und Größe. Joci Pápai hatte etwas zum Draufklopfen dabei, um sein ziganes "Origo" zu untermalen, ebenso wie Konstantinos mit seinem zypriotischen "Ela ela" 2005 oder Belgiens Discoqueen Xandee, die Congas im Hintergrund schlagen ließ. Wesentlich seltener gibt es Flöten zu sehen. Abgesehen von der Duduk gab es auch schon Panflöten (im Intro von Taxi, Rumänien 2000) oder Querflöten (Tinkara, Slowenien 2014) zu sehen. Sehr traditionell war auch der Interval-Act 2012 in Baku, als eine Folkband einen Summstein mitbrachte und auf dem Felsen musizierte. Die spannendsten Musikinstrumente lieferten uns aber definitiv die Schweizer Peter, Sue und Marc, womit sich der Kreis wieder schließt. 1979 in Jerusalem wurde u.a. auf der Mundharmonika, mit Hilfe einer Gartenschere, einer Gießkanne oder einer Auswahl von Töpfen und Pfannen musiziert.

Wenn die Kasse leer ist hilft
nur Schaumstoff
Wenn das Budget allerdings keine brennenden Pianos wie bei Paula Seling & Ovi oder den Makemakes hergibt und auch die fluoreszierenden Turntables, wie bei Deep Zone feat. DJ Balthazar aus Bulgarien, die Kosten sprengen, so gibt es immer noch die Option auf großen Attrappen aus Schaumstoff zu spielen, wie uns die litauische Band InCulto 2010 in Oslo zeigte, als sie im "Easter European Funk" über das Klischeebild der westlichen Gesellschaft über osteuropäische Haushaltskräfte sangen. Was die Eurovision noch braucht wäre ein Luftgitarrist. Die besten ihrer Art tummeln sich alljährlich im finnischen Oulu bei der Luftgitarren-WM. 



Poll: Für die nächste Abstimmung stehen die fünf Themen "Lost and found", "And finally...", "X-Files", "Shakespeare" und "Mi corazon" zur Auswahl. Zum Voting geht es hier.

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