Samstag, 3. Juni 2017

Cement Cocktail: Hall of Shame



Europa - Auch am Pfingstwochenende sind wir bei Eurofire natürlich rastlos und bleiben dem Eurovision Song Contest gewogen. Das Wetter in Hamburg könnte zwar besser sein, um die freien Tage zu genießen, der Regen hat aber auch den Vorteil, dass wir uns voll und ganz dem neuen Cocktail widmen können. Mit 33% haben sich unsere User für die "Hall of Shame" entschieden, einem Thema, bei dem man voll und ganz böse die Beiträge des Wettbewerbs zerreißen kann.


Treten Sie ein ins Grusel-
kabinett des Song Contests
Während das musikalische Niveau sich beim Eurovision Song Contest mehr und mehr angleicht und die Qualität, so empfinde ich es jedenfalls, peu à peu besser wird, gab es in der 62jährigen Geschichte des Wettbewerbs häufig Lieder, die für die Erfindung des Wortes "Fremdschämen" verantwortlich sind oder deren Interpreten einfach mal derart out of tune waren, dass es in den Ohren schmerzte. Wir blicken zurück auf die Songs, die kein Mensch braucht und die Interpreten, die am Ende der Punktetabelle landeten.

Seit dem 13. Mai wird er in
Spanien "Gallo" genannt
Das jüngste Beispiel, dass man einen Eurovisionsbeitrag komplett in den Sand setzen kann, lieferten uns die Spanier in diesem Jahr. Manel Navarro gewann unter zweifelhaften Umständen den nationalen Vorentscheid, indem die dreiköpfige Jury über das Schicksal der punktgleichen Mirela und des Sonniboys Manel abstimmen konnten. Während das Publikum mehrheitlich für Mirela plädierte, endete die finale Juryentscheidung 2:1 zugunsten von Manel, der nach Kiew fuhr, ohne Rückhalt der spanischen Bevölkerung. "Do it for your lover" war zudem ein billig produziertes Lied, dem Manel mit seinem heiseren Schrei zum Ende des Liedes hin den Gnadenstoß verpasste.

Flamenco im Schlafrock:
Remedios Amaya 1983
Spanien endete mit fünf Punkten noch hinter Levina und hätte es die Nachbarn aus Portugal nicht gegeben, wäre es komplett leer ausgegangen. Manel Navarro ist allerdings nicht der einzige schräge Vogel aus Spanien, der beim Eurovision Song Contest dabei war. Gänzlich punktelos ging z.B. 1983 die Sängerin Remedios Amaya mit "¿Quién maneja mi barca?" in München baden. Vor der Kulisse des überdimensionalen Toasters sang die Flamencosängerin aus Sévilla im unvorteilhaften blau-gestreiften Nachthemd ihren völlig am europäischen Musikgeschmack vorbeikomponierten Song in entsetzlicher Tonlage. Keine Jury konnte sich dem erbarmen.

1996 schickte Spanien Antonio Carbonell nach Oslo, einen der schmierigsten Interpreten, der jemals die Bühne betreten durfte. Wer sich "¡Ay, qué deseo!" heute anhört, fragt sich sicherlich wie dieser Beitrag u.a. Deutschland, Israel oder die übrigen Nationen in der Vorauswahl ausstechen konnte. Geschuldet ist dies den Juroren, die nur anhand von MC-Kassetten dafür sorgen mussten, dass die 29 Bewerber auf 23 verkürzt wurden. Beim Song Contest in Oslo ließ die nervige Darbietung dann sogar noch Slowenien, Bosnien und Finnland hinter sich.

Wenn's um Geld geht
Sparkasse: Atlantis 2000
Den Schleier des Vergessens hüllt man auch über den deutschen Beitrag von 1991. Der Bayerische Rundfunk organisierte gemeinsam mit dem Sender Freies Berlin und dem jüngst angeschlossenen Deutschen Fernsehfunk, dem Fernsehen der DDR im Berliner Friedrichstadtpalast einen denkwürdigen Vorentscheid. 1.000 ausgewählte Juroren stimmten demoskopisch über die zehn Beiträge ab, die vom Studiopublikum favorisierte Cindy Berger landete auf dem siebten Platz, nach Rom fuhr die Formation Atlantis 2000 unter Buhrufen.

"Dieser Traum darf niemals sterben" wurde von einer Horde Sparkassenangestellter, Zitat Jan Feddersen, aufgeführt, die weder in Deutschland noch in Europa sonderlich populär waren. So ist es zu verschmerzen, dass sich die Gruppe um Musikproduzent Alfons Weindorf nach dem Song Contest auflöste und wie ihr Bandname schon andeutete, in der Versenkung verschwand. Eine ebenso unsägliche Kombination wurde 1995 intern vom MDR bestimmt. Das Duo Stone & Stone, das bis dato nur auf Englisch gesungen hatte, erntete mit "Verliebt in dich" nicht mehr als den legendären Punkt aus Malta und schrammte ganz knapp an der Nullnummer vorbei.

Viel Geld verpufft: Dita von
Teese war sicher nicht günstig
Mit internen Auswahlen ist es so eine Sache in Deutschland, auch der NDR wusste sich nach der No Angels-Pleite von Belgrad nicht zu helfen und stellte das Projekt Alex Swings Oscar Sings, bestehend aus Produzent Alex Christensen und dem US-Amerikaner Oscar Loya auf die Beine. Das Lied war eine musikalische Totgeburt, ich erinnere mich nur noch schwach an das offene Hemd des Sängers, den schmierig grinsenden Christensen am Flügel und Dita von Teese auf dem schwarzen Lippensofa. Dass die Burlesque-Show vor der falschen Zielgruppe aufgeführt wurde, spiegelte sich im 20. Platz wieder. 

Dass man mit einem letzten Platz aber auch souverän umgehen kann, zeigte Ann Sophie nach ihrer Null-Punkte-Nummer in Wien. In den einzelnen Länderwertungen schrammte sie teilweise knapp an den Top Ten vorbei, sodass am Ende kein einziger Punkt für "Black smoke" übrig blieb, ein Schicksal, dass sie an jenem Abend mit ihren österreichischen Kollegen teilte und sie dazu bewegte mit ihren Backings noch hinter der Bühne "We are the zeroes of our time", in Anlehnung an den Sieger Måns Zelmerlöw einzuspielen. 

Ann Sophie wurde nach eigenen Angaben später vom NDR fallen gelassen und kritisierte jüngst den Sender und das Auswahlteam für die falsche Vorbereitung auf den Wettbewerb, der maßgeblich verantwortlich für das schlechte Abschneiden von Jamie-Lee und Levina ist. Ann Sophie verarbeitete ihre rote Laterne, indem sie das Kinderbuch "Hubi, der Marienkäfer" veröffentlichte, in dem es um einen traurigen Marienkäfer geht, der all seine Punkte verloren hat. Musikalisch ist es um sie ebenfalls ruhig geworden.

"Mil etter mil", Jahn Teigen
in vielen Recaps zu finden
Doch auch aus anderen Ländern kam viel Murks. Den Rekord für die meisten letzten Plätze, unter Berücksichtigung der Semifinals und der Finals hält heute Norwegen, das insgesamt 11x auf dem letzten Rang endete. Dennoch werden in Norwegen auch Verlierer wie Stars betrachtet, Jahn Teigen sei hier als Beispiel genannt. Knapp dahinter mit 10x auf dem letzten Platz findet man die Nachbarn aus Finnland und auf der drei die Schweizer, die in den Jahren 2015 und 2016 in den Halbfinals baden gingen.

Die Hitliste der letzten Plätze beim Eurovision Song Contest:
01. - 11x -  Norwegen
02. - 10x -  Finnland
03. - 09x -  Schweiz
04. - 08x  Österreich
04. - 08x -  Belgien
06. - 07x -  Deutschland
07. - 05x -  Niederlande
07. - 05x -  Spanien
09. - 04x -  Lettland
10. - 03x - diverse Nationen

Voll in die Fresse...
Piero & The MusicStars
Im Halbfinale von Istanbul 2004 trat der Tessiner Friseur Piero Esteriore mit seinen bonbonfarbenen Backings von den MusicStars mit dem Titel "Celebrate!" an. Einer Castingshow entsprungen bestach Piero durch eine Mitklatschnummer schlimmster Art und haute sich dabei auch noch den Mikrofonständer ins Gesicht. Die angeschlossenen Nationen hatten keinen einzigen Punkt übrig. Piero erntete in seiner Heimat Hohn und Spott, "Switzerland zero points" wurde zum Satz des Jahres in der Schweiz, 2007 steuerte er seinen Wagen in den Eingang des Ringier-Verlags um sich für einen negativen Artikel über seine vermeintlich "mafiöse" Geburtstagsfeier zu revanchieren.

Sechs Jahre zuvor wurde die Schweiz von Gunvor Guggisberg vertreten, die ebenfalls null Punkte für "Lass ihn" in Birmingham kassierte. Später machte auch sie eher durch Meldungen in Boulevardzeitungen auf sich aufmerksam, 2014 wurde sie wegen Ladendiebstahls verurteilt, klaute in Luxusboutiquen Kleider und Champagnergläser. Heute ist sie geläutert, erklärte jüngst: "Ich habe mich geschämt, für das was ich getan habe.", die große musikalische Laufbahn blieb ihr verzagt. Immerhin Punkte erhielt Rykka 2016 im Semifinale für "The last of our kind" mit blauer Margot Honecker-Gedächtnisfrisur und einem qualmenden Kleid.

Grandioser Fehlstart in den
ESC: Litauen 1994
So in etwa erging es auch Ovidijus Vyšniauskas, der 1994 erster litauischer Kandidat beim Song Contest war. Null Punkte gab es für sein Schlaflied "Lopšinė mylimai", heute lebt er zurückgezogen in Kaunas, bekam anlässlich der Recherche für das Buch "Nul Points - Ein bisschen Scheitern beim Eurovision Song Contest" aber immerhin noch einmal Besuch vom Autoren Tim Moore. Ebenfalls besuchen durfte er das Duo Jemini, das 2003 den Anfang vom Ende Großbritanniens beim Eurovision Song Contest einleitete.

Angeblich war der Irak-Krieg
schuld: Jemini (2003)
"Cry baby" war bis heute der Tiefpunkt der britischen Song Contest-Historie. Chris Cromby und Gemma Abbey aus Liverpool setzten die komplette Darbietung der ohnehin schon sehr seichten Nummer in den Sand. Terry Wogan erklärte als BBC-Kommentator es sei ein "Post-Iraq backlash", die breite Mehrheit der Zuschauer empfand aber wohl eher den schrägen Gesang als Auslöser für das Punktefiasko von Riga. Großbritannien steuerte noch zwei weitere Male auf den letzten Platz zu, 2008 mit dem singenden Müllmann Andy Abraham und 2010 mit der Stock-Aitken-Waterman-Nummer "That sounds good to me" von Josh Dubovie.

Faktisch sahen 1991 alle so
aus: Bebi Doll für Jugoslawien
Doch nicht nur letzte Plätze verdienen in der "Hall of Shame" genannt zu werden, schlimme modische, gesangliche und anderweitig grässliche Auftritte zogen sich wie ein roter Faden durch den Wettbewerb. 1991 avancierte Bebi Dol aus Jugoslawien mit ihrem gesamten Erscheinungsbild zur Königin des schlechten Geschmacks, "Brazil" wurde lediglich von Thomas Forstner aus Österreich unterboten, der in einem ausladenden violetten Herrenblazer über "Venedig im Regen" sang.

Auf ihre Art beeindruckend war 1995 auch die polnische Sängerin Justyna Steczkowska mit ihrem "Sama", dessen Arrangement hochdramatisch neben der Ideallinie abgespielt wurde und durch den kreischenden Klagegesang der Interpretin eines der ausgefallendsten Nummern in 62 Jahren Song Contest wurde, seither hat man dieser besonderen Kunst abgeschworen. Jedenfalls bis 2009, als uns Bulgarien einen der schiefsten und schrillsten Beiträge ever lieferte.

Kein Vocal Coach vollbringt
Wunder: Krassimir Avramov
Der junge Krassimir Avramov gewann den monströs gestreckten Vorentscheid in Bulgarien mit Hilfe einer Wildcard, die er vor dem Finale erhielt. In Moskau sang er in einer Art Kettenhemd vor flammender Kulisse gegen seine Backgroundsängerin Petya Buyklieva. Die farbenfrohen Kostüme und die Stelzentänzer im Hintergrund lenkten von den schlimmsten Tönen ab, die für mein Empfinden jemals über drei Minuten beim Eurovision Song Contest aufgeführt wurden. Tatsächlich muss man sich wundern, dass Bulgarien in diesem Semifinale sogar noch zwei Länder hinter sich lassen konnte.

Mazedoniens Rache:
XXL mit "100% te ljubam"
Platz zwei in diesem Ranking geht an die mazedonische Kombo XXL, die mit "100% te ljubam" 2000 in Stockholm als Teenies der 90er Jahre dekoriert, fürchterlich schief darüber philosophierten, dass sie ihren Schwarm zu 100% vergöttern und hoffen, das er das Gleiche tut. Angesichts der Leistung ist das zu bezweifeln. Genauso dürfte auch die sitzengelassene Frau von Arnis Mednis, Lettland im gleichen Jahr, denken. "Too much", mit Akkordeonbegleitung und einer jodelnden Backingsängerin, die aussah wie Angela Merkel in ihrer dunkelsten Stunde, hätte dafür gesorgt, dass Lettland 2002 nicht qualifiziert wäre. Nur der Absage Portugals ist es zu verdanken, dass Marie N nach Tallinn fahren durfte.

Es gibt noch so viel mehr, was einen beim Eurovision Song Contest peinlich berührte. Sei es der fusselnde Pelzmantel von Piasek 2001 für Polen, die Federpuschel zu "Coisas da nada" 2006 für Portugal, die starren Vampirfiguren von DJ Bobo 2007, die "Moustache"-Darbietung der Franzosen oder der Farbabdruck am Arm von Julia Savicheva, die sich von ihren farbig bemalten Backings über die Bühne tragen ließ, sie alle machten sich durch ihre Art unsterblich. Einige erhielten den Barbara Dex-Award für ihre Kostüme, andere wurden für ihren Auftritt durch den Kakao gezogen. 

Gewagtes Beinkleid gepaart
mit dänischem Rap
Beenden möchte ich aber mit einem Highlight der Song Contest-Geschichte: dem dänischen Beitrag von 1997. In "Stemmen i mit liv" geht es um einen Herren, der sich in die Dame von der Telefonauskunft verliebt und diese gleich mit auf die Bühne schleppte. Kølig Kaj trug bei seinem Auftritt eine Leopardenhose und setzte mit Rap auf Dänisch, einer Sprache, die gesprochen schon eklig klingt, ganz neue Akzente. Dänemark musste 1998 in die Relegation, mit Rang 16 landete man aber immerhin noch vor Deutschland oder der niederländischen Gruppe Mrs. Einstein, einer Art Spice Girls im Herbst ihres Lebens, die darüber sangen, dass in der schnelllebigen Gesellschaft niemand mehr Zeit hat.



Poll: Da die Gesellschaft seit 1997 noch schnelllebiger geworden ist, halten wir uns mit dem Voting für die kommende Woche nur kurz auf. Diesmal stehen die Mottos "Fiddler on the Roof", "Making a hit", "X-Files", "Mosaik" und "Afrika Paprika" zur Auswahl. Zur Abstimmung geht es hier.

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