Samstag, 27. Mai 2017

Red Cocktail: Genial daneben



Europa - Deutlichst, mit knapp der Hälfte aller abgegebenen Stimmen, haben sich unsere Leser für "Genial daneben" als zweiten Cocktail entschieden. Die Nachrichten rund um den Eurovision Song Contest flauen inzwischen gewaltig ab und auch die Teilnahmebestätigungen der noch ausstehenden Länder lassen inzwischen länger auf sich warten. Grund genug also in den Archiven des Wettbewerbs nach unterhaltsamen Material zu suchen.


Namensgeber: Genial daneben
Und in dieser Woche begeben wir uns auf nationale Ebene. Bevor es überhaupt zum Eurovision Song Contest kommt, finden überall in Europa lokale Auswahlrunden statt, verschiedenste Mechanismen in denen von absoluten Newcomern bis hin zum Star von Format sich einer Qualifikationsrunde stellen. "The winner takes it all, the loser's standing small" singen ABBA. In diesem Cocktail wollen wir einige derjenigen in den Vordergrund rücken, die in ihrer nationalen Auswahlrunde nicht an der Spitze standen, gemäß des Sat.1-Comedyquizzes "Genial daneben".

Claudia Faniello brauchte
12 Jahre bis zum ESC
Fangen wir im Jahr 2017 an. In diesem Jahr hat es eine Kandidatin zum Eurovision Song Contest geschafft, die sich zuvor bereits mit zehn Beiträgen in ihrer Heimat um einen Startplatz beim Eurovision Song Contest bemüht hat. Claudia Faniello aus Malta nahm 2006 erstmals am nationalen Vorentscheid, dem "Malta Song For Europe" teil und musste sich bei ihrer ersten Teilnahme direkt ihrem Bruder Fabrizio stellen, der mit "I do" letztlich auch zum Song Contest nach Athen fuhr. Ihr "High alert" erreichte damals nur den 12. Platz.

Im Jahr darauf versuchte sie es erneut mit dem Titel "L-imħabba għamja" auf Maltesisch und wurde Siebte. 2008 waren dann sogleich zwei Beiträge von ihr im Wettbewerb. Während Morena mit "Vodka" nach Belgrad durfte, belegte Claudia mit "Caravaggio" den zweiten und mit "Sunrise" den dritten Platz. 2012 wurde es mit "Pure" ebenfalls ein zweiter Platz. Nach ihrer bis dahin letzten Teilnahme 2013 nahm sich Claudia eine Auszeit und probierte es auf Anraten ihrer Mutter noch einmal beim Vorentscheid. "Breathlessly" wurde zu ihrem großen Erfolg, zumindest auf lokaler Ebene, beim Song Contest schmierte die klassische Ballade ab, 55 Punkte im Semifinale, allesamt von den Juroren, waren das Ergebnis.

Olivia Lewis sang in Helsin-
ki über Schwindelanfälle
Getoppt wurde Claudias Hartnäckigkeit lediglich von ihrer Landsfrau Olivia Lewis, die sich zwischen 1997 und 2007 mit zwölf Beiträgen in Malta bewarb, bevor sie mit "Vertigo" zum Song Contest fahren durfte. Allerdings schied auch sie im Semifinale von Helsinki im Halbfinale aus. In keinem anderen Land kommt es wohl so häufig vor, dass man die gleichen Gesichter in der nationalen Konkurrenz erlebt, wie in Malta. Fabrizio Faniello und Ira Losco schafften es zweimal zum Song Contest, Chiara sogar dreimal, wobei sie bis heute trotz ihres 22. Platzes in Moskau mit einer Bronz- und einer Silbermedaille die erfolgreichste maltesische Interpretin beim Song Contest ist.

Triefte vor heiler Welt:
"A miracle of love"
Das litauische Pendant zu Claudia Faniello ist Aistė Pilvelytė, die sich ebenfalls seit Jahren durch die gefühlten 68 Vorrunden des litauischen Vorentscheids singt, um am Ende dann doch nur Zweite zu werden. Noch mehr Ehrgeiz entwickelte Ralph Siegel im Laufe der Jahre. Nicht nur, dass er mit 25 Beiträgen bei der Eurovision dabei war, er versuchte sich auch stets in den Vorentscheiden Europas. Während er früher eine Art Monopolstellung hatte, entschied sich der NDR ab 2004 neue Wege zu gehen und sperrte Ralph Siegel vom Wettbewerb aus. 2005 versuchte er es mit dem Casting-Duo Marco Matias & Nicole Süßmilch in der Treptow Arena. Der musikalisch wenig anspruchsvolle Vorentscheid ermöglichte ihm mit "A miracle of love" immerhin ins Superfinale einzuziehen, wo er jedoch gegen Gracia den Kürzeren zog.

Die eiserne Lady und die braven
Jungs: Lys Assia & NewJack
Es blieb auf lange Zeit der letzte Siegel-Song im deutschen Vorentscheid, bis er 2016 mit Laura Pinski eine neue Gelegenheit erhielt. Zwischenzeitlich probierte er es in Malta, in Montenegro, in der Schweiz und schließlich in San Marino. Selbst für ein Comeback der damals über 90jährigen Lys Assia war er sich nicht zu schade. Der Titel "All in your head", den die erste Song Contest-Siegerin gemeinsam mit der amerikanischen Hip Hop-Formation NewJack in der Schweiz einreichte, schaffte es jedoch nicht über die Online-Vorrunde hinaus. Die Frage "Hello, how is the flow?" erübrigt sich demnach.

Allerdings wurden bei den Vorentscheiden deutscher Länder auch immer wieder wahre Perlen verschmäht. Das bekannteste Opfer der damaligen Juroren im deutschen Vorentscheid ist Marianne Rosenberg mit "Er gehört zu mir", die es im Februar 1975 in Frankfurt am Main nur auf den zehnten Rang schaffte. Damals fuhr Joy Fleming nach Stockholm, geblieben ist allerdings der Evergreen von Marianne Rosenberg, der heute auf keinem Schützenfest oder 70er Jahre-Party fehlen darf. 1979 scheiterte das heute immer noch bekannte "Take it easy, altes Haus" von Truck Stop an Dschinghis Khan.

Immer noch bekannt:
Die Glocken von Rom
...und was heute auch fast kein Mensch mehr weiß ist, dass eine gewisse Heike Schäfer 1985 mit dem Titel "Die Glocken von Rom" am Vorentscheid in München teilnahm. Sie verlor damals mit 3.597 Punkten gegen die Gruppe Wind, die es auf 3.618 Punkte brachte. An der Abstimmung beteiligt waren 500 Menschen, die einen Querschnitt durch die bundesdeutsche Gesellschaft wiederspiegeln sollten. 1998, im Jahr in dem Guildo Horn den Song Contest nach Jahren der Pleite, in Deutschland wieder reaktivierte, nahm eine bis dahin noch ziemlich unbekannte Gruppe namens Rosenstolz teil. "Herzensschöner" wurde Zweiter, Guildo war einfach nicht einzuholen. 

Große Chance vertan:
Carolin Fortenbacher (2008)
Ein Jahr später schaffte es die, von der BILD nominierte, Jeanette Biedermann auf Rang vier und startete später erst ihre Karriere bei GZSZ und anschließend als Sängerin. Nachdem letzten Platz von Kiew 2005 ging der NDR erneut neue Wege. Mit dem Schauspielhaus in Hamburg wurde eine nostalgische Location gewählt, in der sich neben Veteranen und ausrangierten des Musikgeschäfts wie etwa Vicky Leandros oder Thomas Anders auch aktuelle Bands wie Monrose oder Marquess dem Vorentscheid stellten. 2008 verpasste Deutschland dabei die Gelegenheit Musical-Darstellerin Carolin Fortenbacher mit ihrer wundervollen Ballade "Hinterm Ozean" nach Belgrad zu schicken. Was aus den siegreichen No Angels wurde, ist ja hinlänglich bekannt...

Aber auch in anderen Nationen wurden einige tolle Interpreten schlichtweg nicht nominiert. 2000 fuhr Nina Åström für Finnland zum Song Contest, die sämtliche europäische Großstädte in einem langweiligen Lied namentlich erwähnte, auf den Plätzen dahinter folgte das großartige "Oot voimani mun" von Anna Eriksson, auf Platz drei die damals noch relativ unbekannte Band Nightwish mit "Sleepwalker" um Sängerin Tarja Turunen. Später erklärte die Band, man habe auf diesen Kinderkram keine Lust mehr, Nina Åström wurde in Stockholm 18. 

Große Diven brauchen etwas
länger: Dana und Conchita
In einigen Fällen kann man aber auch von Glück sagen, dass die jeweiligen Interpreten beim Vorentscheid nicht als Sieger hervorgingen, sonst wären sie im zweiten Anlauf nicht zu ihrem großen Eurovisionsauftritt gekommen. Die bekanntesten Beispiele sind Dana International, die 1995 mit "Layla tov Europa" an Liora scheiterte, 1998 intern von der IBA zum Protest ultraorthodoxer Kreise nominiert wurde und mit "Diva" den bisher letzten Sieg Israels einfuhr, sowie Conchita Wurst, die sich 2012 um zwei Prozentpunkte nicht mit ihrem "That's what I am" gegen die Trackshittaz durchsetzen konnte. Auch Conchita wurde 2014 intern nominiert und räumte in Kopenhagen ab.

Gescheiterte C-Z-Promis in den nationalen Vorentscheiden die Europa glücklicherweise erspart blieben sind u.a. Rudolph Mooshammer und Big Brother-Legende Zlatko Trpkovski 2001 in Deutschland, Unternehmer Richard Lugner mit "I bin der Lugner (olé olé)" 2011 in österreichischen Online-Vorrunde oder Katie Price 2005 im britischen Vorentscheid, die mit "Not just anybody" gegen Javine mit ihrem noch besser in Szene gesetzten Vorbau und "Touch my fire" verlor. Zwei Jahre später passierte im britischen Vorentscheid eine der größten Pannen der jüngeren Vorentscheidungsgeschichten.

Scooch? Cyndi? Scooch!
Fauxpas beim Endergebnis
Terry Wogan, der sich über den Eurovision Song Contest zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch abwertend äußerte und ein Jahr später auch als Kommentator für die BBC hinschmiss, verkündete am Ende der Show den falschen Sieger. Er rief "Cyndi", die mit "I'll leave my heart" auch durchaus die bessere Option für Helsinki gewesen wäre, Co-Moderatorin Fearne Cotton erklärte aber sogleich Scooch zu den britischen Vertretern. Diese schoben in Helsinki als Flugzeugkabinenpersonal Servierwagen mit Nüsschen umher und erklärten, wie man sich seinen Gurt richtig anlegt. Im gleichen Vorentscheid nahm auch noch Liz McClarnon teil, die zuvor mit den Atomic Kitten unterwegs war.

Opfer slowenischer Juroren:
Saša Lendero (2006)
Ebenfalls atomar ging es 2006 im slowenischen Vorentscheid zu. Bei der EMA in Ljubljana traten 14 Interpreten an, dabei auch die Polkafraktion von Atomik Harmonik, die allerdings primär ihr Album bewerben wollten. Von vorn herein war klar, der Sieg würde haushoch an Saša Lendero und ihre "Mandoline" gehen. Im Jahr zuvor wurde sie mit "Metulj" bereits Zweite hinter Omar Naber. Abgestimmt wurde zu je 1/3 per Jury-, SMS- und Televoting. Die beiden letzten konnte sie mit je 12 Punkten gewinnen, die Juroren vergaben allerdings null Punkte an Saša, die volle Punktezahl an Anžej Dežan der den "Plan B" für Slowenien darstellte. Unter Buhrufen musste er noch einmal singen, Sloweniens Juroren verhinderten einen Song, der in Song Contest-Kreisen heute noch zu den besten Runner Ups der Geschichte zählt.

"Athens, Dublin, Liechtenstein"
Crazy Summer Dance (2006)
Auch Serbien-Montenegro veranstaltete 2006 einen nationalen Vorentscheid. Unabhängig voneinander fanden zunächst die "Beovizija" in Serbien und die "Montevizija" in Montenegro statt. Je 12 Interpreten erreichten die "Eurovizija", das Finale des Landes. Dort galt das Duo Flamingosi feat. Luis als Favorit, die montenegrinischen Juroren verhinderten ihren Sieg und nominierten somit No Name aus den eigenen Reihen für Athen. Die gewalttätigen Szenen, die sich im Nachgang abspielten, veranlassten beide Sender sich über das Ergebnis auszutauschen. Das Ende vom Lied: Serbien-Montenegro zog seine Teilnahme am Song Contest zurück, durfte aber dennoch im Finale mitwerten. Einen Tag später entschied sich Montenegro in einer Volksabstimmung für die Unabhängigkeit.

Tomaš probierte es zweimal
Im Bild mit Nela Pocisková
Meine persönlichen Favoriten, die es nicht über die nationale Vorrunde hinaus schafften waren in jüngster Vergangenheit u.a. die DiamondZ mit "Ata hakochav" in Israel 2006, Jelena Rozga mit "Nemam" in Kroatien 2007, Tomáš Bezdeda von "Každý z nás" in der Slowakei oder zuletzt Markus Riva mit "I can" im lettischen Vorentscheid vergangenes Jahr. Die meisten dieser Nationen sind in den entsprechenden Jahrgängen immerhin mit ihren Kandidaten auf die Nase gefallen, was mir an Genugtuung ausreicht. Gleiches gilt in diesem Jahr für Manel Navarro, der auch nur aufgrund des Urteils eines einzigen Juroren anstelle von Mirela zum Song Contest nach Kiew fuhr.

Die Disco lebt, Alcazar
beim Melodifestivalen
Tja und dann ist da natürlich noch zahllose weitere Titel, die im nationalen Vorentscheid ausgeschieden sind, aber auch gegen durchaus würdige Vertreter verloren haben. Genannt sei hier u.a. das Duo Dima Bilan & Yulia Volkova mit "Back to her future", die 2012 gegen die udmurtischen Großmütterchen mit ihrem "Party for everybody" ausschieden oder diverse Hits aus dem schwedischen Vorentscheid. Es spricht für die Qualität und das erlesene Auswahlverfahren des schwedischen Vorentscheids, dass Alcazar, Nanne Grönvall, Linda Bengtzing oder Linus Svenning sich nicht für die Eurovision qualifizieren konnten.

Jüngstes Opfer slowenischer
Juroren: BQL (2017)
Der letzte genannte Beitrag, der in die "Genial daneben"-Kategorie gehört kommt wieder einmal aus Slowenien. In diesem Jahr nahmen die Geschwister von BQL mit dem wundervollen "Heart of gold" an der EMA teil und waren mit weitem Abstand die Favoriten des Publikums. Produziert und unterstützt wurden sie von Raay und Marjetka Vovk alias Maaraya. Die beiden erzielten 13.134 Anrufe, der Zweitplatzierte Omar Naber nur 5.165 Stimmen. Durch die regionalen Jurys der Show, die in sechs Städten Sloweniens platziert und offenbar vom Sender instruiert wurden, zog Omar Naber doch noch vorbei und startete für Slowenien in Kiew. Das Ergebnis, Omar schied zwölf Jahre nach seinem ersten Ausflug nach Kiew an jenem Ort erneut im Halbfinale aus...




Poll: Und nachdem ich mich nun wieder über die entgangenen Chancen Europas entrüsten könnte, präsentiere ich die nächsten fünf Themen, die für kommenden Samstag zur Auswahl stehen. Diesmal im Angebot sind die "Hall of Shame", "Frischfleisch", "Lost & Found", "And finally..." sowie "We don't wanna Putin". Viel Spaß beim Abstimmen, hier entlang.

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