Sonntag, 14. Mai 2017

Kommentar: Ein Rückblick auf 14 Tage



Ukraine - 14 Tage vollgestopft mit Programm rund um den Eurovision Song Contest gehen zu Ende. Heute fand am Flughafen der ukrainischen Hauptstadt Kiew das kollektive Abreisen statt. In den letzten zwei Wochen drehte sich alles um Proben, Pressekonferenzen, Partys und Punkte. Portugal ging mit dem Krönchen aus dem Wettbewerb hervor, das Konzept der ARD liegt endgültig in Scherben.

Und wie in jedem Jahr kommen nun die Stimmen, die natürlich im Vorfeld alles besser wussten. Dass Deutschland in Europa keine Freunde hat und wir am besten dran sind, wenn wir uns vom Wettbewerb zurückziehen. Es ist in jedem Jahr der gleiche Käse von Leuten, die bei Fußball-Länderspielen vor dem TV auch Bundestrainer spielen und in die Welt des Eurovision Song Contest maximal oberflächlich eintauchen. 

Sie kann nichts für die anti-
quierten Auswahlmechanismen
Klar kann man dem NDR nun Vorwürfe bei der Songauswahl machen, das Argument, "Perfect life" in der Fassung von Levina habe mit großem Vorsprung gewonnen zieht jedoch nicht. Schließlich gab es nur fünf Kandidaten und zwei Songs zur Auswahl, auf irgendetwas mussten sich die Zuschauer schließlich festlegen. Das Format "Unser Song 2017" war eine Pleite auf ganzer Linie, den Vorwurf kann man jedoch nicht Levina machen, die nach Kräften versucht hat, alles zu richten, was es zu richten gab.

So ähnlich verhält sich das auch mit der Eurovision in der Ukraine allgemein. Das anfängliche Chaos unter ukrainischer Führung wurde von Schweden begradigt, die eine passable Show lieferten. Vielleicht fehlte die Leichtigkeit des Vorjahres, im Grunde geht es aber auch ohne Zwischenspielchen. Dafür hat man immerhin Verka Serduchka mobilisieren können und häufig das Publikum eingeblendet, das es Jahr für Jahr schafft, das noch so groteske Geplänkel schönzufeiern. 

Hat funktioniert: Salvador
Sobral hat gewonnen
Mit "Amar pelos dois" hat ein Beitrag gewonnen, der untypischer für den Song Contest nicht sein könnte. Ich muss zugeben, dass mich das Lied völlig kalt lässt, ich aber die Beweggründe verstehe, für Portugals Beitrag anzurufen. Im Wesentlichen sind viele Nationen dort gelandet, wo sie hingehören und dazu gehörte eben auch, dass Spanien und Deutschland unten herumkrebsen. Nach dem Eurovision Song Contest ist vor dem Eurovision Song Contest und jedes Land hat nun wieder die gleichen Chancen, das Maximum für das kommende Jahr herauszuholen.

In einigen Ländern, darunter Norwegen, läuft bereits jetzt die Bewerbungsphase. Selbst Bulgarien, das zwei Jahre aus mangelnden Ideen und finanziellen Engpässen aussetzen musste, hat in den letzten beiden Jahren die Kurve bekommen. Zwar waren auch hier Schweden am Werk, aber jedes Land muss tun, was es für richtig hält. Dazu gehört sowohl die Songauswahl als auch das Votingverhalten und dazu muss man deutlich sagen, das TV-Publikum nimmt den Song Contest als solches wieder ernst. Sogar in Großbritannien hat man das erkannt.

Auch als Ex-Sowjetnation hat
man die Top Ten nicht gepachtet
Alte Allianzen wurden weitestgehend aufgebrochen. Man nehme Armenien als Beispiel, trotz eines eurovisionstypischen Songs landete Artsvik weit hinter den Erwartungen, erhielt im Televoting nur einmal zehn Punkte aus Georgien, aus anderen ex-sowjetischen Ländern wie z.B. der Ukraine oder Weißrussland gab es gar keine Punkte von den Zuschauern und selbst die Diaspora, die vor allem in Frankreich oder den Niederlanden vertreten ist, wie man früher eindrucksvoll sehen konnte, vergab keinen Punkt. Lediglich Belgien vergab sieben Punkte. 

Georgien kam gar nicht erst aus dem Semifinale heraus, ähnlich wie vier von fünf jugoslawischen Staaten. Eher könnte man den Skandinaviern bedingungslose Unterstützung unterstellen. In den Halbfinals kommt auch hinzu, dass der von der EBU gewünschte Effekt der Lostöpfe bei der Auslosung nach geographischen und wertungstechnischen Gesichtspunkten Früchte trägt. So hatte Estland in diesem Jahr z.B. Lospech, traten doch Punktelieferanten wie Finnland, Schweden oder Lettland im anderen Semifinale an. Laut Televoting wäre Estland zwar weitergekommen, was die Juroren jedoch mehrheitlich nicht wollten.

"Yodel it" - für den ESC okay,
im Radio aber wohl ein No Go
Die Juroren nun allerdings gänzlich als diabolisch abzuwerten ist auch nicht ganz korrekt. In den hauptsächlichen Fragen waren sich Juroren und Zuschauer sehr einig, Portugal und Bulgarien klar vorne, Spanien und Deutschland kaum beachtet. So unfassbar wie Peter Urban einige Unterschiede auffasste, ist das Ergebnis tatsächlich gar nicht. Klar wurde Australien massiv gepusht und Moldawien oder Rumänien herabgewertet, unter molekular zerlegten Songeigenschaften bleibt aber anzumerken, dass beides eher auf die Eurovision zugeschnittene Spaßbeiträge waren, die Zuschauer unterhaltsam finden, die aber kaum jemand kaufen würde und im Radio würde "Yodel it!" bestimmt auch irritieren.

Die Wogen über das Ergebnis von Land A, B oder C werden sich in den nächsten Tagen legen, diejenigen, die alles schlecht reden, werden in einer Woche ohnehin nicht mehr darüber reden und sich bis 2018 nicht mit dem Song Contest beschäftigen. Die Eurovision-Bubble ist eben ein exklusiver Zirkel, der Dinge anders einzuschätzen weiß, als mit dem Argument "Keiner mag uns" zu kommen. Die Probleme einiger Nationen, darunter auch das Konzept des NDR, sind hausgemacht. Es braucht einfach kreative, neue Wege. 

Belgien hat den Dreh wieder
einmal raus: Blanche
Es gibt nichts zu verlieren, wie uns Portugal gestern Abend bewiesen hat. Gerade dieses Land hat über 50 Jahre lang keinen Blumentopf gewonnen, kam nicht einmal in die Nähe der Topplatzierungen und hat trotzdem nicht aufgegeben. Belgien und die Niederlande haben wir zwischen 2004 und 2010 nicht einmal im Finale gesehen, seitdem sie neue Wege gehen, läuft es auch bei der Punktevergabe, Blanche ist hier das aktuellste Beispiel. Ein gut gemeinter Ratschlag für die deutsche Songsuche 2018: Nicht den Kandidaten für den Song suchen, sondern den Song für den Kandidaten finden. Dies funktioniert bei einigen internen Auswahlen in Europa wunderbar.

Und wenn schon ein nationaler Vorentscheid angesetzt wird, dann doch bitte mit mehr Auswahl und vielleicht ein wenig gestreckter als dieses undurchsichtige und völlig bescheuerte Konzept mit fünf Kandidaten, von denen drei nach Präsentation von Coversongs schon ausscheiden und man nach 28 Wertungsrunden an einem einzigen Abend ein Paket geschnürt hat. Das funktioniert bei Castingshows á la DSDS, wenngleich auch dieses Format inzwischen kaum mehr jemanden hinter dem Ofen hervorlockt. 

Fanliebling mit null Punkten
im Televoting: Nathan Trent
Am Ende bleibt nur zu sagen, dass die letzten zwei Wochen sehr intensiv an Eindrücken waren und man ein gutes Ergebnis wohl doch nicht im Labor kreieren kann, wer hätte ernsthaft Moldawien auf die drei gesetzt? Wer hätte Italien auf Rang sechs vermutet? Die Party in Kiew ist beendet, nun heißt es analysieren und im besten Falle aus Fehlern lernen. Das gilt auch für San Marino! Der ORF hat hierzu einen umfassenden und größtenteils auch toll geschriebenen Beitrag verfasst, auch hier hat man nach einer jahrelangen Durststrecke einen Weg aus der Krise gefunden.

Der Song Contest lebt von guten und schlechten Beiträgen, von tollen Stimmen, eindrucksvollen Choreographien, Landessprachen, Mainstream-Pop, Balladen, Uptempo, Tänzern, Feuerwerk und denen die in keine Schublade passen. Es kommt auf die Dosierung an, 20 verschiedene Varianten "Amar pelos dois" wären ja auch furchtbar. Es gilt das Motto des diesjährigen Wettbewerbs - "Celebrate Diversity".

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