Samstag, 3. September 2016

Gold Cocktail: Vintage Week



Europa - Mit 11:7 hat sich die "Vintage Week" in der letzten Abstimmung gegen die "Fashion Queen" durchgesetzt. Damit geht es heute einmal im Retrolook in der Geschichte zurück in das Jahrzehnt, dass den Eurovision Song Contest geprägt hat, wie kein anderes und in Deutschland salonfähig gemacht hat, die 70er Jahre. Die Discomusik löste die getragenen Melodien ab, die Musik wurde tanzbar, die Texte mehr und mehr auf Englisch gesungen und dennoch lebte die deutsche Schlagerszene auf. Garniert wurde dieses Jahrzehnt durch den Meilensieg von ABBA beim Song Contest.


Hätte ich gern als Bett-
wäsche: 70er Tapeten
Mit den 70er Jahren assoziiert man dunkelbraune Wohnwände, Yucca-Palmen und hypnotisch anmutende Tapeten, aber auch bunte Glitzer- und Flimmervideos zu neuen Musikveröffentlichungen. Der Eurovision Song Contest wurde mittlerweile in Farbe gesendet und durch die Verbreitung von Funk und Fernsehen erhielt die Show mehr Aufmerksamkeit den je. Es war Pflicht, den Wettbewerb zu sehen, die hier immer wieder zitierte Pfirsich-Bowle und der Käseigel gehörten dazu, wie Schogetten und Sinalco. Musikalisch entwickelte sich der Eurovision Song Contest zu einer moderneren Veranstaltung, wenngleich die musikalischen Hits trotz allem ein paar Jahre zu spät kamen.

Der erste von drei Anläufen:
Katja Ebstein (1970)
1970 stand der Song Contest noch an einem Wendepunkt, nachdem im Jahr zuvor vier Sieger durch das unvollkommene Regelwerk gewannen, sprangen einige Nationen ab. Portugal war nicht mit dabei, ebenso wenig Österreich aber auch sämtliche skandinavische Länder verzichteten aus Protest gegen das Regelwerk. Für die Bundesrepublik Deutschland, die in dieser Zeit über die "Lümmelfilme" mit Hansi Kraus, Uschi Glas, Theo Lingen und der von mir gehuldigten Ruth Stephan lachte, sang Katja Ebstein "Wunder gibt es immer wieder". Es war der erste von insgesamt drei Auftritten für Deutschland.

Darüber hat die BRD damals
gelacht: Hansi Kraus als Pepe
Nietnagel (mit Hans Terofal)
Allerdings sang da auch noch ein kleines zierliches Mädchen aus Irland "All kinds of everything". Dana Rosemary Scallon aus dem nordirischen Derry hatte mit ihrer ersten Vinylscheibe gleich den großen Eurovision Song Contest gewonnen und schlug damit gestandene Frauen wie Mary Hopkin mit ihrem "Knock, knock, who's there?" oder eben Katja Ebstein. Irland und Großbritannien waren zu diesem Zeitpunkt mit dem Vorteil gesegnet, in Englisch zu singen, einer weltweit populären Sprache für Songs. In den 70ern weichte die EBU die Regel zeitweise auf, in der Landessprache singen zu müssen. So durfte "Waterloo" wie auch der Siegersong von Teach-In 1975 für die Niederlande auf Englisch gesungen werden.

Sexiest Man der 70er:
Julio Iglesias
Im gleichen Jahr entsandte Spanien, das damals noch unter der Franco-Diktatur stand, Julio Iglesias. Der Gentleman, der zahllose Damen um den Verstand brachte, später jedoch eingestand, dass das Muttermal auf der rechten Gesichtshälfte nur aufgeklebt war, wurde mit dem Titel "Gwendolyne" Vierter. Heute ist es eher sein Sohn Enrique, der weltweit die Massen begeistert. Später war Iglesias Held der Regenbogenpresse, zahllose Affären und 1981 die Entführung durch baskische Separatisten brachten ihm immer eine gewisse Aufmerksamkeit. Dana hingegen blieb bescheiden, später engagierte sie sich für die konservative Partei Irlands politisch und war auch im Europäischen Parlament zugegen.

Séverine gewann 1971 den
ESC für Monaco
1971 sang Danyel Gerard mit "Butterfly" einen der weltweit erfolgreichsten Hits des Jahrzehnts, beim Eurovision Song Contest allerdings siegte das Fürstentum Monaco. Die Senderdirektoren hatten Séverine damals erklärte, dass Platz zwei oder drei völlig in Ordnung seien und sie aufgrund der fehlenden Ausrichtungsmöglichkeiten gar nicht siegen wollen. Das hielt die Juroren aber nicht davon ab, für "Un banc, un arbre, une rue" ("Eine Bank, ein Baum, eine Straße") zu votieren. Monaco gewann zum bislang einzigen Mal den Eurovision Song Contest, mit einer Sängerin, die zuvor nie in Monaco war und auch im Nachhinein nie nach Monte Carlo eingeladen wurde. Ihr Siegertitel erschien später auch auf Deutsch unter dem Namen "Mach die Augen zu".

Durfte nicht zum ESC:
Tony Marshall ("Der Star")
Ebenfalls 1971 strebte Tony Marshall mit seiner Kraushaarfrisur nach den Sternen. Mit "Schöne Maid" und "Komm, gib mir deine Hand" landete er ganz oben in den Hitlisten. Erst 1976 allerdings hatte er das Privileg beim Eurovision Song Contest anzutreten, bzw. wurde später durch die Les Humphries Singers eingewechselt, da sein Titel "Der Star", in dem er über die Nöte eines umjubelten Publikumslieblings sang, zuvor bereits von der israelischen Sängerin Nizza Thobi öffentlich gesungen wurde. Tony Marshall brach daraufhin mit dem Song Contest. Zu den Les Humphries gehörte damals übrigens auch Jürgen Drews, der später als Solist mit "Ein Bett im Kornfeld" oder als König von Mallorca Erfolge feierte. Seinen allerersten Auftritt hatte der Newcomer allerdings einige Jahre zuvor als musikalischer Cameo in "Die Lümmel von der ersten Bank".

Mit Silberblick zum Sieg:
Vicky Leandros 1972
1972 fand der Eurovision Song Contest in der Usher Hall im schottischen Edinburgh statt. Monaco konnte den Wettbewerb nicht austragen, somit sicherte sich die BBC die Rechte. Auch global war der Song Contest von großem Interesse. Im sozialistischen Ostblock wurde er verfolgt, ebenso wie in Brasilien, Japan, der britischen Kolonie Hongkong oder auf den Philippinen. Auch Griechenland übertrug den Wettbewerb und konnte verfolgen, wie ihre Landsfrau Vassiliki Papathanasiou alias Vicky Leandros den Wettbewerb für Luxemburg gewann. Es war Vickys zweiter Anlauf beim Song Contest, 1967 wurde sie, damals noch in Schwarz-Weiß ebenfalls für Luxemburg gebucht, "L'amour est bleu" belegte den vierten Platz. RTL gab ihr eine zweite Chance und mit "Après toi" gelang Luxemburg die Goldmedaille. Vicky war später im Stadtrat von Piräus tätig und versuchte sich 2006 am deutschen Vorentscheid, allerdings mit einer derart langweiligen Nummer, die Lys Assias "Refrain" heute schon fast als Contemporary durchgehen lässt.

Ein "Traum" in Grün,
Cindy & Bert 1974
Ihren größten kommerziellen Erfolg in Deutschland hatte Vicky allerdings erst 1974 mit "Theo, wir fahr’n nach Lodz". Das Lied wurde zum Evergreen, die Stadt Łódź bekam ungeahnten Zuspruch, wird auf Polnisch aber "Wutsch" ausgesprochen. 1974 in Brighton revolutionierte dann ABBA den Wettbewerb entgültig. Die Schweden mit ihrem Dirigenten als Napoleon verkleidet, schießen eine Revolution im Wettbewerb an. Moderatorin Katie Boyle gratulierte den Interpreten, die direkt danach eine internationale Karriere begannen, die ihresgleichen sucht. Im gleichen Jahr schickte Deutschland Cindy & Bert zum Song Contest. Drei magere Pünktchen für die laue "Sommermelodie" waren das Ergebnis für einen Musikstil, der auch in Deutschland auf dem absteigenden Ast war. 

Ramona Wulf, Rhonda Heath
und Penny McLean alias
Silver Convention (1977)
Typisch 70er war aus heutiger Sicht das Outfit von Gitte, die beim Vorentscheid 1973 in neonfarbenen Gummistiefeln "Junger Tag" sang. Ebenfalls zu den typischen Auftritten der 70er Jahre aus deutscher Sicht zählte der "Raketenauftritt" von Joy Fleming in Stockholm oder das fleischgewordene Telegramm von Silver Convention 1977. Ausgeläutet wurde der Song Contest für Deutschland mit der jungen wilden Formation Dschinghis Khan, einem der ersten Eurovisionsprojekte des Ralph Siegel. Es war mutig, beim Song Contest in Israel eine Zeile namens "Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land" zu singen, doch der vierte Platz für die Mongolen, von denen ein Drittel der Bandmitglieder allerdings aus der Volksrepublik Ungarn stammte, ließ die Kritiker verstummen.

Autogrammkarte von
Dschinghis Khan (1979)
Dschinghis Khan begannen daraufhin, insbesondere in der Sowjetunion, eine beispiellose Karriere. "Moskau" oder "Hadschi Halef Omar" wurden gefeierte Hits. 1980 gab es für ihren unermüdlichen choreographischen Einsatz den Bambi. 2006 traten die verblieben Dschinghis Khan-Mitglieder in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator auf. Ralph Siegel leckte Blut und kreierte im späteren Verlauf seiner Eurovisionstätigkeiten weitere Retortenbands, die auf den Song Contest zugeschnitten wurden, den Erfolg von Dschinghis Khan konnten sie jedoch nicht mehr erreichen. 

Österreichs Beitrag 1976:
Waterloo & Robinson
Es war 1976, als die Brothood of Man mit "Save your kisses for me" einen weiteren Ohrwurm lieferten und das Vereinigte Königreich in den Popolymp aufstiegen ließ, nachdem man ständig zweite Plätze einfuhr, war es nun an der Zeit, dass Großbritannien auch wieder einmal etwas reißt. Im gleichen Jahr traten weitere populäre Musiker an. Die Schweiz schickte Peter, Sue & Marc zum Song Contest, die in diesem Jahr auf Englisch sangen ("Djambo, djambo"), Österreich schickte Waterloo & Robinson, die den fünften Platz mit "My little world" erreichten, Italien hatte Al Bano & Romina Power im Gepäck, Luxemburg schickte Jürgen Marcus, die Niederlande Sandra Reemer, die noch heute fest zur Eurovisionsfamilie gehört und gern gesehener Partygast ist.

Die Optik erinnert an Barbra
Streisand: Mariza Koch
Für Finnland traten Fredi & Friends an. Ein dicker Mann mit zwei Tanzmäusen lieferte die spaßigste Choreographie im Jahrgang, während die griechische Sängerin Mariza Koch lieber über den türkischen Einmarsch in Nordzypern sang und über die Flüchtlingszelte zwischen den Olivenhainen auf der Insel klagte. Ebenfalls 1976 sollte Liechtenstein sein Debüt beim Song Contest geben. Biggi Bachmann sollte für den alpinen Kleinstadt antreten, irgendjemand nominierte sie und ihren "Little cowboy", starten durfte sie aufgrund einer fehlenden Rundfunkanstalt im Fürstentum jedoch nicht. Bis heute ist die Tonaufnahme verschollen, Biggi Bachmann unauffindbar.

Pianisten-Double aus dem UK:
Mike Moran & Lynsey de Paul
1977 ging es nach Wembley, die BBC hatte mit einem Streik der Kameramänner zu kämpfen, der Song Contest musste um fünf Wochen verschoben werden. Diesem Umstand ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass der Song Contest heutzutage im Mai stattfindet. Ursprünglich hätte hier Tunesien aufschlagen sollen. Der tunesische Beitrag wurde auf Startplatz vier gelost, wurde jedoch nie entsendet, da auch Israel teilnahm. Zum damaligen Zeitpunkt wäre ein gemeinsamer Auftritt unter Druck der arabischen Staaten undenkbar gewesen. Tunesien unternahm nie wieder einen Anlauf zum Song Contest. Als Siegerin ging zum bisher letzten Mal eine Französin vom Platz. Marie Myriam sang "L'oiseau et l'enfant" und brachte den Song Contest mit 15 Punkten Vorsprung vor Lynsey de Paul & Mike Moran nach Paris.

Yizar Cohen sang auch 1985
noch einmal für Israel
Spätestens 1978 hatte die Discowelle die Welt überrannt, "Stayin' alive" von den Bee Gees feierte weltweit Erfolge und auch John Travolta und Olivia Newton-John machten mit "You're the one that I want" das Aerobic-Outfit ausgehfähig und brachten die Tanzmusik nach Europa. Olivia Newton-John, ebenfalls Eurovisionsteilnehmerin der 70er Jahre, machte später den Weg frei für erfolgreiche Australier beim Song Contest, etwa Johnny Logan oder in diesem Jahr Dami Im. Während Luxemburg mit Baccara und "Parlez-vous français" versuchte Latinflair zu versprühen und Ireen Sheer über "Feuer" sang, sammelte Israel erste Topplatzierungen. Mit Yizar Cohen ("A-ba-ni-bi") und im Jahr später mit Gali Atari ("Hallelujah") gelang Israel der Doppelsieg zum Ende des Jahrzehnts. 

Debbie Cameron trug Tommy
Seebach auf Händen
1979 ging es mit tanzbaren Stimmungsliedern weiter. Der Däne Tommy Seebach sang "Disco Tango", begleitet von seiner Backingsängerin Debbie Cameron. Es war eine Hommage an Discomusik ("Disco Tango à la carte") und ein Mädel, das selbst John Travolta mit ihren Tanzmoves schlägt. Und auch die Niederlande hatten mit Xandra und "Colorado" einen extrem zeitgemäßen Titel am Start. Während es für Dänemark immerhin noch für den sechsten Rang reichte, wurden die Niederlande nur 12., um einen Platz von Peter, Sue & Marc und Pfuri, Gorps & Kniri aus der Schweiz geschlagen, die mit Gießkannen und Gummischläuchen Musik machten.

Ein Klassiker: Nicole & Hugo
(Belgien 1973)
Aber nicht nur die punkteverwöhnten Beiträge hinterließen Eindruck. Waren es u.a. auch Nicole & Hugo aus Belgien 1973 mit "Baby baby" die in Rückblenden häufig aufgrund ihrer violetten Chiffonkleider und Plateauschuhe gezeigt werden oder die Norwegerin Anne-Karine Strøm, die mit ihrer überdimensional großen Sonnenbrille und einem Paillettenanzug, der selbst Angelica Agurbash Konkurrenz macht, über die Spionin "Mata Hari" sang und Letzte wurde. Die 70er Jahre sind für viele Eurovisionsfans das Kernjahrzehnt des Wettbewerbs, große Namen hatten keine Scheu vor dem Auftritt, von Jugoslawien bis Irland wurden die national erfolgreichsten Künstler geschickt. Danach überschritt der Wettbewerb ein wenig seinen Zenit und musste erst durch einschneidende Regeländerungen wieder aus der Mottenkiste geholt werden.

Darf auf keiner Oldie-Fete
fehlen: "Er gehört zu mir"
An die 70er Jahre erinnern heute also nicht nur Capri-Eis, Schallplatten von Frank Farian-Exporten wie Boney M. ("Rasputin") oder Pril-Blumen auf Nostalgie-Editionen der Spülmittelmarke, sondern auch viele glorreiche Auftritte beim Song Contest oder den nationalen Vorentscheiden. Ohne den Song Contest-Vorentscheid 1975 würde Marianne Rosenbergs "Er gehört zu mir" wahrscheinlich nicht in den Schützenfestzelten der Republik laufen. 



Poll: Da nur noch ein Thema übrig ist, gibt es in dieser Woche kein Voting mehr. Vielen Dank allen, die sich über die Sommersaison an den Abstimmungen beteiligt haben!

Kommentare:

  1. Mary Hopkin eine gestandene Frau? War die damals nicht auch gerade 18?

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  2. Das beste der 70er beim ESC: https://www.youtube.com/watch?v=_Z3NmZLR-8k

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