Samstag, 6. August 2016

Yellow Cocktail: Quattro Stagioni



Europa - In Brasilien fand heute Nacht die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele statt, Teams um den Globus treffen die nächsten 16 Tage sportlich aufeinander. Die Spiele bringen viele fröhliche Menschen zusammen, die sich gegeneinander messen, ein bisschen hat es was vom Eurovision Song Contest, nur in noch größerem Ausmaß. Der Song Contest vereint knapp 50 Nationen unter einem Dach, die Olympischen Spiele vereinen über 200 Länder und Verbände. Für einen davon, nämlich Italien, haben unsere User im heutigen Cocktail mit "Quattro Stagioni" gestimmt.


Pizza Quattro Stagioni
"Bella Italias" Musikgeschichte ist viel länger als der Eurovision Song Contest, zwischenzeitlich gab es auch in Deutschland eine Italo-Phase, das Land war als Urlaubsnation beliebt, etwa in den 60er und 70er Jahren, als die deutsche Wirtschaft aufblühte, verstopften VW Käfer die Autobahnen gen Süden. Vor zwei Generationen waren Ferien, die mit einer Fahrt über den Brenner begannen, extrem in. Aus Italien brachten viele Urlauber dann die dortige Musik mit nach Deutschland. So schafften es viele italienische Künstler über die Jahre hinweg, sich in den deutschen Hitparaden zu platzieren.

Die Reichen und die Armen:
Ricchi e Poveri
Ein Beispiel für den Italo-Pop der 70er und 80er Jahre ist die Gruppe Ricchi e Poveri. Franco Gatti, Angela Brambati und Sarden Angelo gründeten 1968 in Genua die Gruppe Ricchi e Poveri, zu Deutsch "Reiche und Arme". Ihre Karriere begann beim Musikfestival Cantagiro, zwei Jahre später waren sie bereits beim San Remo-Festival dabei. 1978 gelang der Gruppe ihr Ausflug zum Eurovision Song Contest, mit "Questo Amore", das allerdings nur den 12. Platz in Paris belegte. Dafür aber starteten sie eine erfolgreiche Karriere im deutschsprachigen Raum. 1981 stürmten sie mit "Sarà perché ti amo" die Hitlisten, 1982 folgte "Made in Italy", 1983 noch "Ciao Italy", bis heute sind alle drei Lieder noch präsent.

Auch posthum noch erfolg-
reich: Domenico Modugno
Und die Gruppe tritt auch heute noch auf, 2012 kam das Comebackalbum "Perdutamente amore" in die Läden. Ricchi e Poveri waren aber nicht die einzigen Italiener, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurden. Den wohl größten kommerziellen Erfolg landete Domenico Modugno, der sich dreimal beim Eurovision Song Contest vorstellte. Dass sein Lied von 1958 später zu einer der größten Stadionhymnen der Welt mutieren, konnte niemand erahnen. "Nel blu dipinto di blu", wörtlich übersetzt "In blau gemaltes Blau" zeichnete sich lediglich durch eine eingängige Melodie aus. Sein selbstkomponiertes Lied erreichte damals jedoch nur den dritten Platz, reiht sich heute aber gemeinsam mit ABBA und Brotherhood of Man in die Liste der kommerziell erfolgreichsten Beiträge ein.

Was erlauben...?
Giovanni Trapattoni ("Ich habe fertig") erklärte in einer deutschen Song Contest-Doku, "Volare", der Beiname des Titels heiße "Fliegen". In dem Lied geht es um einen fröhlichen jungen Mann, der höher fliegen kann als die Sonne steht, sich aber in den blauen Augen einer schönen Frau verliert. Mit dem Text kann man heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken können, das Lied wird aber mindestens als "Finaaaale oho" auch in Deutschland weiterleben. Domenico Modugno bewarb sich noch zweimal für Europa, 1959 wurde "Piove" alias "Ciao ciao bambina" nur Sechstes, 1966 wurde sein "Dio, come ti amo" gar Letzter mit null Punkten. Modugno war beim Eurovision Song Contest dabei, aber nicht siegreich. Er wurde später Politiker und wirkte in der Abgeordnetenkammer des Parlaments mit, bis er 1994 auf der Insel Lampedusa verstarb.

Italien war stets ein sehr europäisch geprägtes Land und so war die RAI bereits beim allerersten Eurovision Song Contest 1956 in Lugano dabei, unweit der italienischen Grenze fand im Teatro Kursaal der erste Grand Prix statt. Tonina Torrielli und Franca Raimondi stellten die italienischen Beiträge vor, ihre Platzierungen sind jedoch nicht bekannt. Inspiriert wurde der Eurovision Song Contest damals vom San Remo-Festival, das bereits einige Jahre zuvor initiiert wurde und die Crème de la crème der italienischen Musik wiederspiegelte. Viele Eurovisionsteilnehmer hatten zuvor entweder in San Remo gewonnen oder zumindest teilgenommen.

Betty Curtis, "Al di là"
So etwa Betty Curtis, die 1961 ihr goldenes Jahr hatte. Erst gewann sie mit "Al di là" das San Remo-Festival, später wurde sie Fünfte beim Eurovision Song Contest, im Anschluss folgte noch ein Sieg beim Festival di Napoli. In ihrer Vita stehen dreizehn Top Ten-Hits in Italien, auch Claudio Villa war mehrmals in San Remo dabei, mit seiner hochmütigen Art legte er sich jedoch häufig mit den Organisatoren und anderen Künstlern an. Dennoch durfte er zweimal zum Song Contest fahren, 1962 wurde "Addio addio", mit extrem langer Schlussnote Neunter, 1967 wurde er mit "Non andare più lontano" noch einmal Elfter. Die italienischen Beiträge waren stets gut platziert, nur selten erreichte man nicht die Top Ten.

Mia Martini, drei Jahre vor
ihrem vermeintlichen Suizid
Eine dieser Kandidaten war Mia Martini bei ihrem ersten Anlauf. Mit "Libera" wurde sie 13., ihre große Stunde sollte sie erst 1992 in Malmö haben. 1947 wurde sie als Domenica Bertè geboren und war die Schwester der Sängerin Loredana Bertè, die ebenfalls sehr erfolgreiche Italo-Musik macht. 1992 wurde sie mit "Rapsodia" Vierte beim Song Contest, man sah sie damals rauchend und trinkend im Greenroom, ihr Lebensstil zerstörten sie zunehmend. 1995 wurde sie tot in Cardano al Campo gefunden, bis heute gibt es Mythen um ihre Todesursache. Laut offiziellem Autopsiebericht starb sie an einer Überdosis Kokain, offenbar in selbstmörderischer Absicht. Eine tragische Geschichte, da Mia Martini eine großartige Musikerin war...

Mittlerweile auch wieder zu
sehen: Al Bano & Romina Power
Italien schickte so oft seine nationalen Topstars zum Eurovision Song Contest, 1969 war es Iva Zanicchi, 1970 Gianni Morandi, 1971 und 1973 Massimo Ranieri, 1974 durfte Gigliola Cinquetti nach ihrem Sieg von 1964 noch einmal auftreten. 1975 holten Wess & Dora Ghezzi mit dem wundervollen "Era" eine Bronzemedaille. 1976 waren mit Al Bano & Romina Power zwei Interpreten am Start, die bereits international erfolgreich waren. "Felicità" oder "Sharazan" aus den 70er Jahren sind noch heute Evergreens. 1999 ließ sich das Paar scheiden, zudem gab es Mitte der 90er Jahre zahllose Meldungen über das Verschwinden ihrer gemeinsamen Tochter Ylenia. 

Sang über den D-Zug nach
Napoli: Conny Froboess
Die italienische Musik feierte in Deutschland große Erfolge, schon zuvor bestand ein reger kultureller Austausch zwischen der Bundesrepublik und Italien. Viele Gastarbeiter aus Italien kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland und bauten das Land mit auf, musikalisch vertont wurde eine solche Geschichte von Conny Froboess, die mit "Zwei kleine Italiener" über zwei Jungs sang, jeden Abend dem Nachtzug nach Napoli hinterherschauten und sehnsüchtig an ihre beiden Freundinnen Tina und Marina dachten. Und auch Ingrid Peters besang in ihrem Vorentscheidungslied "Viva la Mamma" die Geschichte einer Frau, die mit ihren Kindern nach Deutschland zog, es dort zunächst schwer hatte, bis sie ein italienisches Restaurant eröffnete.

Italienisches Exportgut, in
Deutschland erfunden
Der Italo-Trend setzte sich fort, 1969 war es der immigrierte Italiener Dario Fontanella, der in Mannheim das Spaghettieis erfand, die Cuisine Italiens mit all seinen Pizza- und Pastavariationen fand sich bald schon in vielen deutschen Städten in italienischen Restaurants wieder. Pasta, Chianti und Risotto waren demnach auch in vielen italienischen Liedern Thema. Lys Assia sang beispielsweise in ihrem "Giorgio" über den Lago Maggiore und eine Flasche Chianti, Toto Cutugno sang in seinem Klassiker "L'Italiano" über Spaghetti, die Lieder wurden fast genauso erfolgreich, wie die Miracoli-Titelmelodie in der heutigen Reklame. 

Jane Bogaert holte sich 2000
Al Bano für den Background
Auch andere Nationen probierten, auf den Italo-Zug aufzuspringen, Jugoslawien beispielsweise schickte 1984 Vlado & Izolda zum Song Contest, "Ciao amore" war ein typischer Italo-Song auf Serbokroatisch. Er wurde 18., nicht zuletz ob der Reibeisenstimme des Sängers, kulturell bedingt schickte auch die Schweiz regelmäßig Songs in italienischer Sprache zum Song Contest, genannt sei etwa Jane Bogaert 2000 in Stockholm, die sich Al Bano Carrisi für ihren Background ins Boot holte, es nützte dem Land jedoch nicht viel. Auch "Era stupendo" von Paolo Meneguzzi schied 2008 im Halbfinale aus. Insgesamt sang die Schweiz zehnmal auf Italienisch.

"Let's crash the Eurovision",
das Motto von Gigliola und
Toto 1991 in Rom
In den 90er Jahren flachte der Hype um den Song Contest in Italien ab. 1990 gewann Toto Cutugno zwar noch einmal mit "Insieme 1992" den Wettbewerb in Zagreb, die Ausrichtung 1991 glich jedoch einer Katastrophe. Gigliola Cinquetti und Toto, die beiden Aushängeschilder der italienischen Song Contest-Geschichte moderierten, mit relativ dürftigen Englischkenntnissen aus der Cinecittà, der römischen Filmstadt. Eigentlich sollte der Wettbewerb in San Remo stattfinden, die Planänderung fand jedoch so kurzfristig statt, dass wohl nicht mehr viel Zeit blieb, etwas Gescheites in Rom zu organisieren. Vor ausrangierten Filmrequisiten sangen die Interpreten, am Ende kam es zum Punktechaos, Punkte und Nationen wurden verwechselt, zu allem Überfluss lagen Amina und Carola dann auch noch punktgleich vorn. Es war der wohl arbeitsreichste Abend für deinen EBU-Supervisor, damals Frank Naef

Machten sich immer für ein
Comeback start: Jalisse
1997 schickte Italien nach mehrjähriger Pause das Duo Jalisse zum Song Contest, der vierte Platz für Italien war ein Achtungserfolg. "Fiumi di parole" ist aber gleichzeitig vor allem dafür bekannt, dass es über viele Jahre hinweg der letzte italienische Beitrag beim Song Contest war. Das Interesse in Italien am Wettbewerb ließ spürbar nach, man fixierte sich auf das eigene San Remo-Festival, die Eurovision, um deren europäischen Gedanken sich Italien immer verdient gemacht hat, geriet fast in Vergessenheit. Aus den Big Five wurden ab 1998 die Big Four.

Il Volo wurden 2015 in Wien
Dritte mit "Grande amore"
Seit 2008 ist San Marino mit dabei, der kleine Bruder inmitten Italiens wird eventuell auch Einfluss auf die Entscheidung genommen haben, dass Italien überraschend für den Eurovision Song Contest 2011 gemeldet war. In der Zwischenzeit machte sich auch Raffaella Carra um den Wettbewerb verdient, sie lud Eurovisionsteilnehmer in ihre Talkshow ein und appellierte deutlich an die RAI, zum Wettbewerb zurückzukommen. Was genau den Ausschlag gegeben hat, dass Italien seit Düsseldorf 2011 wieder dabei ist, ist nicht bekannt. Seither fährt Italien jedoch auf einer recht erfolgreichen Schiene, Platz 2 im Jahr des Comebacks mit Raphael Gualazzi, Platz 3 2015 in Wien mit Il Volo

Kräuterschnaps zum Abschluss
Als Selektionsformat für die Eurovision dient noch heute das San Remo-Festival, das prestigeträchtige Festival, das immer irgendwann im Februar stattfindet und mehrere Galashows vereint. Die RAI bietet den Siegern die Option an, Italien beim Song Contest zu vertreten, in diesem Jahr lehnten die Sieger ab, Francesca Michielin als Zweitplatzierte nahm die Aufgabe jedoch dankend an. Italien ist zurück, nachdem viele gar nicht mehr daran glauben mochten. Der Eurovision Song Contest hat immer noch einen quotentechnisch schweren Stand in Italien, läuft aber zumindest wieder im Hauptprogramm. Italien ist auf einem guten Weg, die Beiträge sind gut produziert, wie auch die Songs heute international gefeierter Stars wie Eros Ramazzotti oder Gianna Nannini.



Poll: Vier Themen haben wir noch, viel Spaß bei der Auswahl zwischen "Fashion Queen", "Silver Convention", "Vintage Week" und "Shamrock". Zur Abstimmung hier entlang.

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