Samstag, 2. Juli 2016

White Cocktail: Einhundert



Europa - "Wir haben 100 Leute gefragt, nennen Sie etwas, das man benötigt, um den Eurovision Song Contest zu gewinnen.", könnte die Einstiegsfrage für unseren heutigen Cocktail lauten. Ganz im Sinne von Werner Schulze-Erdel, der uns das Vormittagsprogramm mit dem "Familienduell" auf RTL versüßt hat. Und der Eurovision Song Contest ist ja tatsächlich so etwas wie ein Familienduell, aus allen Ecken Europas kommen Delegationen und Interpreten zusammen und versuchen möglichst viele Punkte zu sammeln. Wir suchen heute einmal die vermeintlichen gewinnbringenden Methoden, über die sich schon so manche Experten und Wissenschaftler Gedanken gemacht haben.


Der Klassiker im Vormittags-
programm: Das Familienduell
Orientieren wir uns dabei zunächst an den sieben Punkten, die uns die Gastgeber von Stockholm, Måns Zelmerlöw und Petra Mede im Interval-Act von "Love love peace peace" zugeworfen haben. Darin stellen sie eine in ihre Moleküle zerlegte Performance dar, die das Erfolgsrezept für den Eurovision Song Contest darstellt. Natürlich war der Auftritt etwas augenzwinkernd gemeint, aber es steckt auch viel Wahres dahinter. Ralph Siegel beispielsweise meinte nach dem Sieg mit Nicole 1982 auch, er hätte ein Erfolgsrezept gefunden, mit Friedensliedern á la "If we all give a little" mit der internationalen Formation six4one fiel er jedoch auf die Nase.

Mit Peitschen und Trompeten
erregten sie Aufmerksamkeit
Step 1 - "Get everyone's attention, a powerful majestic start": In Anspielung auf die großartige Ruslana, die 2004 den Eurovision Song Contest für die Ukraine gewonnen hat. "Wild dances" begann damals mit drei wilden Tänzern, die in ihre Karpaten-Hörner geblasen haben und vor rauchender Kulisse gemeinsam mit der Hauptsängerin um die Wette tanzten. Als ich "Wild dances" das erste Mal im Halbfinale gehört und gesehen habe, wusste ich, dass der Song gewinnen wird. Dort ging die Post ab, der Titel hatte etwas Mystisches, kam energiegeladen und doch traditionell daher. Solche Auftritte sind beim Eurovision Song Contest immer eine Bereicherung. 

Man nehme fünf verrückte
Moldauer und eine Oma
Step 2 - "Drums, there has to be drums": Und gerade mit Trommeln macht man tatsächlich wenig kaputt. In den Nuller-Jahren war es tatsächlich sehr in Mode, eine Trommelperformance anzubieten. Dafür gehen wir in die Ukraine zum Song Contest 2005 nach Kiew. Ein jeder hat noch die Performance von Zdob si Zdub aus Moldawien in Erinnerung. Das kleine arme Land gab sein Debüt mit einer etwas entrückten Truppe und brachten mit Lidia Bejenaru eine landestypisch angezogene Großmutter mit, die zunächst im Schaukelstuhl saß und später auf die Trommel schlug ("Boonika bate toba"). Das verschaffte Moldawien enorme Sympathiepunkte und bis heute das beste Ergebnis des Landes.

Zuvor trat bereits Rumänien an. Luminita Anghel und ihre Percussion-Band Sistem beendeten die Phase, in der Rumänien schlecht abschnitt. Mit eine gewaltigen Stimme rockte Luminita die Bühne, wichtigstes Showelement waren dabei aber auch die gelben Ölfässer, auf denen die Begleitband eindrucksvoll demonstrierte, dass man darauf musizieren kann. Die Ursprünge hat das Trommeln auf Fässern übrigens in Trinidad & Tobago, wo sich die Steel Drum zu Zeiten der Sklaverei verbreitete. Den Höhepunkt von Rumäniens Performance setzte die Flex, bei der die Funken sprühten. Das Ergebnis: Platz 3, das beste Ergebnis Rumäniens bis dato. Im gleichen Jahr hatte auch Zypern Fässer dabei, schnitt jedoch nur mittelmäßig ab. 

Folkloreinstrumente eignen
sich immer für den ESC
Step 3 - "Show the viewers your country's ethnic background": Es macht natürlich Sinn, dem Eurovisionszuschauer auch ein bisschen aus seiner Heimat mitzubringen. Die bayerische Blaskapelle würde wahrscheinlich nicht so gut ankommen, aber mit modernen Sounds unterlegt, können nationale Folkloreinstrumente durchaus Erfolg haben. Armenien ist so ein Beispiel, irgendwo in den drei Minuten kommt mit großer Wahrscheinlichkeit eine traditionelle Flöte zum Einsatz, 2010 bei Eva Rivas war es beispielsweise sogar das Intro, auch die gesamte Show war auf die armenische Historie ausgelegt, inklusive Aprikosenbaum. Besonders die osteuropäischen Nationen haben häufig versucht, mit Folklore zu überzeugen, manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich.

Do the Sirtaki, Helena hat
2005 alle Register gezogen
Bestes Beispiel, dass die Nummer zieht ist Helena Paparizou. 2001, als sie mit Antique in Kopenhagen antrat, war "Die for you" zwar eine durchweg schwedische produzierte Nummer, u.a. mit Shirley Clamp im Background, dennoch spielte die Bouzouki eine wesentliche Rolle beim Erreichen des dritten Platzes. Und auch als Helena mit "My number one" gewann, strotzte das Lied vor griechischen Elementen, inklusive dem Mini-Sirtaki nach dem ersten Refrain. Griechenland schwamm gut auf der Ethno-Welle, 2002 und 2003 als man den Roboterkönig Michalis Rakintzis oder die zugeschnürte Mando mit "normalen" Songs entsendete, waren die Platzierungen mäßig, 2004 mit Sakis Rouvas und ein paar griechischen Takten war es sogleich wieder ein dritter Platz.

Hinter den Erwartungen:
Latino-Prinzessin Beth
2003 schickte Spanien die Operación Triunfo-Teilnehmerin Beth zum Eurovision Song Contest. "Dime" galt im Vorfeld des Wettbewerbs in Riga als favorisierter Beitrag. Beth sah wundervoll aus, mit Dreadlocks und ausgefeilter Hüftschwung-Performance hatte sie einen typischen Latino-Song, den auch ein David Bisbal oder Loona hätte singen können, am Start. Leider konnte sie dem Titel stimmlich nicht ganz gerecht werden, somit blieb am Ende der achte Platz übrig. Der Sieg ging in diesem Jahr an Sertab Erener, die auch mit türkischen Reizen überzeugte und sogleich den ersten Sieg der Türkei im Wettbewerb erzielte.

Bier und Sekt für die Sieger:
Secret Garden (1995)
Step 4 - "In Eurovision nothing sets winner like a violin": Mit der obligatorischen Geige fuhr insbesondere Norwegen sehr erfolgreich. Zwei der drei Siege hatten eine Geige im Fokus. 1995 in Dublin schickte Komponist Rolf Løvland die Formation Secret Garden zum Song Contest. Damals dominierten nordisch-kühle Klänge den Wettbewerb, "Nocturne" passte hervorragend in die Ära. Fionnuala Sherry spielte drei Minuten Geige, Sängerin Gunnhild Tvinnereim vermied, dass der Titel eine komplette Instrumentalnummer wurde. 2009 schickte Norwegen Alexander Rybak zum Song Contest. Bereits bei seinem ersten Auftritt im Melodi Grand Prix war klar, der wird die ganze Show gewinnen. Der Trip nach Moskau wurde sein persönliches "Fairytale", daran waren weniger die Tänzer von Frikar oder die beiden pink dekorierten Ladies beteiligt, sondern das Monchichi an der Geige. Rybak gewann mit 169 Punkten Vorsprung, bezeichnend.

Der Meister der Violine,
Alexander Rybak in Moskau
Alexander Rybak lebt noch heute von seinem damaligen Eurovisionserfolg, tritt regelmäßig im Rahmenprogramm auf, ob nun beim Interval 2012 in Baku oder in diesem Jahr. Auch für nationale Vorentscheidungen wird Rybak seither gerne gebucht. Mit seiner eigenen Komposition für die Milkis in Weißrussland fuhr Rybak jedoch gegen die Wand, der Titel konnte die Juroren in Minsk nicht überzeugen. Neben der Geige eignete sich aber auch immer wieder ein Klavier für die Performance, Irland gewann 1994 mit zwei älteren Herren am Piano, Andrew Lloyd Webber saß bei Jade 2009 am Flügel und brachte Großbritannien erstmals seit 2002 wieder in die hohen Punkteränge, Ralph Siegel am Klavier brachte Valentina Monetta das erste und bislang einzige Mal ins Finale und Rumäniens Interpreten Paulina Seling & Ovi hatten 2010 in Oslo mit ihrem brennenden Doppelklavier auch eine Bronzemedaille sicher.

Ich fand es toll, Europa eher
nicht so.. Bulgarien 2008
Step 5 - "Adding a DJ (...) it will give your number a contemporary feel": Vergleicht man die Sieger der letzten Jahre miteinander, so fällt auf, dass ein DJ nicht unbedingt zum Erfolgsrezept dazu gehört. Nehmen wir den Jahrgang 2008, im Halbfinale trat Bulgarien mit dem Projekt Deep Zone feat. DJ Balthazar an. Die ganze Nummer arbeitete auf einen Iluminationseffekt mit brennenden Turntables hin, es ging weniger um die Frontsängerin Joanna Dragneva mit ihren Federpuscheln aus dem Moulin Rouge oder den alten Mann an der E-Gitarre, sondern um DJ Balthazar, der im Hintergrund die Vinylscheiben in Brand steckte und mit Verzerrtechnik versuchte Punkte zu erhaschen. Bulgarien schied in diesem Jahr im Semifinale aus, für meinen Geschmack vollkommen zu Unrecht, aber Europa hatte keine Lust auf DJs.

Das bekam auch die arme Tereza Kerndlová aus Tschechien zu spüren. Es war nicht zuletzt der furchtbare DJ in seiner Silberfolie, der den Popsong "Have some fun" kaputt machte. Hinzu kam auch noch, dass Tereza nicht unbedingt die allerbeste Sängerin des Planeten ist, so blieb es bei einem vorletzten Platz. Ein Mischpult beim Song Contest hat im gleichen Jahr in Kroatien gezogen. Der als 75 Cents bekannte, leider inzwischen verstorbene Ladislav "Laci" Demeterffy, nahm im Alter von 75 Jahren die Kopfhörer in die Hand und scratchte über die Schallplatten. Das einzig verwirrende an der Crossover-Nummer mögen die aufgehängten Blutkonserven im Hintergrund gewesen sein...

Petrodollars und Glitzer-
applikationen: Angelica
Step 6 - "Costumes, you need to look memorable, something that the viewers will notice": Und das stimmt durch und durch. Es macht keinen Sinn immer wieder den feinen Zwirn auszupacken. Zwar gelten schlichte weiße Kleider und Anzüge als erfolgreich, Toto Cutugno hätte mit Sicherheit 1990 in Zagreb aber auch mit einem grauen Anzug gewonnen. Immer wieder gern genommen sind Kostümwechsel, man darf es jedoch nicht übertreiben. Angelica Agurbash aus Weißrussland ist da ein perfektes Beispiel, sie tauschte im Vorfeld nicht nur zweimal ihren Song aus, sondern entledigte sich in Kiew auch zwei Roben, von ihren Tänzern wurde sie wie eine Matroschka nach und nach entblättert. 

Die beste Kutte beim ESC:
Danijela 1998 für Kroatien
Etwas schlichter gehalten, kann man aber durchaus Erfolge damit erzielen. Danijela trat 1998 für Kroatien in Birmingham an. Sie sang "Neka mi ne svane" ("Möge die Sonne niemals aufgehen") und hatte zunächst ein schwarzes Cape an, das sie später abwarf und ein strahlend weißes Kleid symbolträchtig doch den Sonnenaufgang über Kroatien einleitete. Danijela erreichte den fünften Platz mit 131 Punkten, ein Höhepunkt in Kroatiens Eurovisionsgeschichte. Ein ähnlicher Kostümwechsel bei Nina Kraljić ging in diesem Jahr eher in die Hose und kassierte den Barbara-Dex-Award für das schlechteste Outfit. Der Eurovision Song Contest lebt aber auch von außergewöhnlichen Kostümen, insofern dürfen immer wieder gern die Schneider Europas beweisen, dass sie auch am Trend der Zeit vorbeischneidern können.

Das bunte Grauen:
Krassimir Avramov
Step 7 - "The song": Kommen wir zum tatsächlich wichtigsten Element, nämlich dem Lied. Alle Videoeffekte, Strichmännchen und Nebelmaschinen bringen überhaupt nichts, wenn das Lied eine einzige Katastrophe ist. Ein perfektes Beispiel ist der bulgarische Beitrag von 2009, den ich nach wie vor für die schlechteste gesangliche Leistung aller Zeiten beim Eurovision Song Contest halte. Aus Sofia kam nach gefühlt 18 Vorrunden der Sänger Krassimir Avramov, der auf Countertenor machen wollte, jedoch dermaßen out of tune war, dass es wirklich in den Ohren wehtat. Seine grottigen Backings in den bunten Kostümen und die Stelzenläufer machten es dann auch nicht wieder gut.

Stelzen sind übrigens auch etwas, auf dass man verzichten sollte, Jonathan Cerrada hatte 2004 ebenfalls eine sehr große Frau auf der Bühne, die auf Stelzen tanzte, die Platzierung verlor sich in der Mittelmäßigkeit. Dann doch lieber ein richtiger Riese, wie ihn das ukrainische Fernsehen der jungen Zlata Ognevich 2013 an die Seite stellte. Häufig gewinnen die eher simplen Lieder beim Song Contest oder die mit einer Botschaft. "Molitva" war ein kompositorisches Highlight, ebenso "Rise like a phoenix" von Conchita. "Only teardrops" oder "Heroes" lebten dagegen eher von der Eingängigkeit. Verzichten sollte man hingegen auf ausgelutschte Phrasen, "Show me your love" oder "Never (ever) let you go" kann man heutzutage nicht mehr bringen...

Ein wirkliches Erfolgsrezept gibt es nicht, die Trends sind jedes Jahr andere. Es macht keinen Sinn die Glitzerkanonen oder Trommelwirbel aus dem Vorjahr zu übernehmen, das hat einmal funktioniert, im Prinzip ist ein exakt konträrer Beitrag das beste Erfolgsrezept, auf Ballade folgt oft ein Uptempo-Song. Gänzlich falsch hingegen ist es allerdings völlig aus der Norm zu fallen. Und darunter fällt u.a. der Auftritt von Nonstop aus Portugal 2006. Eine nichtssagende Popnummer, die auf Portugiesisch und auch auf Englisch nicht funktioniert hat, garniert mit Aerobic-Moves und ganz schlimmen Varieté-Kostümen, mit Federpuschel auf dem Kopf und dann auch noch einem vergeigten Übergang zum Refrain. 

Bitte nicht nachmachen:
XXL für Mazedonien
Das Paradebeispiel, wie man es beim Eurovision Song Contest wirklich nicht anstellen sollte, führt uns wieder zum Leitthema, nämlich der Einhundert. 2000 in Stockholm schickte Mazedonien ein Quartett namens XXL zum Wettbewerb. Marija, Ivona, Rosica und Verica hatten entsetzliche Pastellkostüme an, die sich nicht einmal Blümchen in den 90ern getraut hätte anzuziehen und sangen dermaßen schlecht, dass es doch tatsächlich 29 Trostpunke und somit Platz 15 gab. Wer sich also beim Eurovision Song Contest betätigen möchte, der sollte schon vermeiden, sich auf ganzer Linie lächerlich zu machen. Zur Vermeidung von Peinlichkeiten kann man sich "100% te ljubam" und diverse britische Beiträge der Neuzeit anschauen.



Poll: In der kommenden Woche hat die Cocktail-Saison kurz Pause, da ich ab nächstem Freitag eine Woche an die Ostsee fahre. Somit verlängert sich das Votingfenster noch über die Fußball-EM hinaus, die ihren Zenit ebenfalls schon überschritten hat und mit Portugal und Wales derzeit zwei Halbfinalisten ermittlet hat. Für die nächste Ausgabe stehen die Themen "Fashion Queen", "Bonsoir l’Europe", "Silver Convention", "Vintage Week" und "Shamrock" zur Auswahl. Wer abstimmen möchte, geht hier entlang

1 Kommentar: