Samstag, 11. Juni 2016

Dark Blue Cocktail: Gameboy



Europa - Runde zwei im großen Cocktailranking steht an und wieder standen sieben Themen zur Auswahl, von "Oh Tannenbaum" bis "Bonsoir l'Europe". Am Ende gab es einen kleinen Zweikampf, bei dem sich der "Gameboy" jedoch durchsetzen konnte. Wir blicken aber nicht auf die schönsten Oberkörper des Eurovision Song Contests zurück, sondern auf das Jahrzehnt, in dem der Gameboy das wohl wichtigste Spielzeug heranwachsender Menschen war, inklusive mir selbst. Wir vergleichen die Charts von 1990 bis 1999 mit den damals zur Eurovision geschickten Beiträge und finden heraus, wie weit der Song Contest am Zeitgeist vorbeischrammte.


Von Tetris bis Pokémon,
dieses Gerät war toll
Die 90er brachten in Europa einen Umbruch mit sich, den Michail Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion einleitete. Die Grenzen wurden durchlässiger, am Ende wurden sie ganz aufgegeben. Die deutsche Einheit wurde besiegelt, das Ende Jugoslawiens ebenfalls, neue Staaten entstanden und drängten zum Eurovision Song Contest. Passend hierzu siegte am 5. Mai 1990 in der Vatroslav-Lisinski-Halle im jugoslawischen Zagreb der Italiener Toto Cutugno mit dem Lied "Insieme 1992". Er besang die Einheit Europas, die Kleinen und die Großen trafen zusammen, in diesem Jahr handelten zudem die Lieder aus Irland, Deutschland, Österreich, Finnland und Norwegen von dem Wandel in Europa, sie besangen eine aktuelle Thematik, stolperten jedoch an der modernen Popkultur vorbei.

Carola und die Scorpions,
Musik aus dem Jahr 1991
Im Jahr 1991 siegte immerhin ein, für den Eurovision Song Contest zeitgemäßes Lied namens "Fångad av en stormvind" von Carola für Schweden in einem Herzschlagfinale, punktgleich mit der für Frankreich startenden Amina. Die Charts bestimmten jedoch andere. Schafften es die Scorpions mit "Wind of change" den Hit des Jahres zu landen, wohl auch getragen von der Euphorie durch die Wiedervereinigung, schickte Deutschland einen Titel namens "Dieser Traum darf niemals sterben" von einer Formation namens Atlantis 2000 zum Song Contest. Wie schon Atlantis versank die Band, die gefühlt nur aus Sparkassenangestellten bestand, beim Song Contest. Noch heute halten viele Fans den Titel für den schlimmsten deutschen Beitrag aller Zeiten, zwar nicht Letzter aber knapp vorbei und vor allem nichtssagend.

Dafna sang 1992 für Israel,
1999 durfte sie moderieren
Der Eurovision Song Contest hatte eine zeitgemäße Musikkultur nie als erklärtes Ziel, bedingt durch die teilweise grauenhaften Auswahlen, nicht nur in Deutschland, sank aber in vielen Ländern das Interesse am Wettbewerb. Die Gruppe Wind sang 1992 für die Bundesrepublik, der Song kam allerdings nicht einmal in die Nähe der modernen Beats, die u.a. auch aus Schweden herüberschwappten. Dr. Alban landete mit "It's my life" den Chartserfolg des Jahres, sein Landsmann Christer Björkman, der heute die Zügel beim Melodifestivalen in der Hand hatte, sang vor heimischem Publikum "I morgon är en annan dag" und erhielt gerade einmal neun Punkte für seine langweilige Ballade. Zeitgemäß war damals höchstens der Beitrag aus Israel von Dafna Dekel ("Ze rak sport"), in bunten Kostümen mit netter Choreographie, zeitlos war Italiens Sängerin Mia Martini, der Rest, war eher langweilig.

Gesichter des Jahres 1993:
Niamh Kavangh & Haddaway
Zu dieser Zeit begann die Hochzeit der irischen Delegation, Linda Martin gewann den Wettbewerb, 1993 folgte Niamh Kavanagh. Die tatsächlich als Bankangestellte arbeitende Irin gewann vor der großen Favoritin Sonia, die mit "Better the devil you know" den modernsten Song im Rennen hatte. Auch die Niederlande und Spanien hatten versucht aktuell zu klingen, der Großteil der Lieder war jedoch getragen, balladesk oder einfach unkompatibel um erfolgreich zu sein, etwa der zypriotische Beitrag "Mi stamatas", das im Nichts verlief. Im gleichen Jahr stürmte Haddaway mit "What is love" durch, auch er blieb zwar ein One-Hit-Wonder, das sein Glück später in der ProSieben-"Comeback Show" probierte, dieses eine Lied ist aber den meisten noch heute ein Begriff. Die wenigsten hingegen werden "In your eyes" anstimmen können.

1994 schickte Deutschland das
Trio MeKaDo nach Dublin
1993 und 1994 debütierten die Länder beim Song Contest, die jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang weggeschlossen waren. Die zarten Schritte, etwa von Estland und Litauen 1994 in Dublin waren für den Song Contest eine Bereicherung, aber ebenso weit entfernt von den Hitlisten des Kontinents wie der Siegertitel "Rock'n'Roll Kids" aus Irland. Dabei hatte gerade Deutschland in diesem Jahr einen Titel im Rennen, der modern war, "Wir geben 'ne Party" vom Trio Mekado, komponiert von Ralph Siegel und Bernd Meinunger, die auch den dritten Platz erreichten, hinter besagten Iren und der polnischen Sängerin Edyta Górniak. Wohl auch aufgrund der internen Auswahl war das Interesse an der Gruppe in Deutschland trotzdem so gut wie nicht vorhanden. Es bleibt somit nur ein moralischer Erfolg, 1994 wollte man lieber "Everybody" von DJ Bobo hören. Sein Landsmann Duilio sang damals "Sto pregando", ein beschauliches Gebetslied, aufgrund dessen die Schweiz im Folgejahr tatsächlich erstmals aussetzen musste. 

Dänischer Kontrast 1995:
Whigfield und Aud Wilken
Während die Nummer-Eins-Hits in Europa im Laufe des Jahre immer lauter und beatlastiger wurden, etwa "Saturday night" von Whigfield, zu dem ich bereits in der Tanzschule unterwegs war. Die Dänin sang ihren Evergreen im Musikvideo vor dem Badezimmerspiegel, die abwesend wirkende Dänin Aud Wilken sang hingegen "Fra Mols til Skagen", bei den Juroren lag das Lied hoch im Kurs, es wurde Fünter, Erfolge in etwaigen Hitlisten sind jedoch keine zu verzeichnen. Der Hattrick ruhiger irischer Lieder färbte auch auf andere Nationen ab, Norwegen gewann 1995 mit "Nocturne", einem sphärischen Lied, das fast komplett ohne Text auskam. Umso mehr Text hielt in den Charts Einzug, "Scatman" von Scatman John überschlug sich förmlich und auch die schwedische Band Rednex versuchte mit "Cotton Eye Joe" möglichst viel fröhlichen Text in 3,5 Minuten zu verarbeiten.

Das Lied des Jahres 1996:
"Macarena" mit Kulttanz
1996 war das Jahr, in dem der wohl größte Hit der 90er veröffentlicht wurde, "Macarena" vom spanischen Altherrenduo Los del Rio. Die ganze Welt tanzte, selbst US-Außenministerin Madeleine Albright brachte ihrem Kollegen aus Botswana bei der UN-Vollversammlung den Tanz bei, auch Songs wie "Coco Jumbo" von Mr. President starteten durch, beim Eurovision Song Contest hingegen verfiel man in schwerste Trance. Nicht, dass es erstaunlich gewesen wäre, dass Irland mit Eimear Quinn erneut gewinnt und völlig konträr zum musikalischen Zeitgeist sang, auch 80% der Beiträge in Oslo waren so düster und traurig, dass man wirklich nicht verstehen kann, warum der gelernte Münchener Friseur Leon mit seinem "Planet of blue" sogar die Vorqualifikation vergeigte. Gerüchten zufolge sei die bei den Juroren präsentierte MC-Aufnahme zu schlecht gewesen, dass es eine Bewertung unmöglich machte.

Die Australierin in britischen
Diensten, Gina G. in Oslo
Ganz vorne platzierte sich "The voice" aus Irland, fast 50 Punkte dahinter folgte das ebenso nordisch abgekühlte "I evighet" von Elisabeth Andreassen aus Norwegen. Auch Polen, die Schweiz, Frankreich oder Bosnien-Herzegowina zerrissen mit dunklen Trauerliedern jegliche Euphorie, die während des britischen Beitrags von Gina G. aufkam. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum beim britischen Auftritt ein ausgeschalteter PC-Monitor auf der Bühne stand, offenbar muss es die verstaubten Juroren so irritiert haben, dass sie vergaßen dafür abzustimmen. 1997 sollten sich die Zeiten ändern, Schweden, Großbritannien, Deutschland, Österreich und die Schweiz führten das TED ein, die Abstimmung per Televoting und zeigten anhand ihrer Wertungen deutlich, dass sie sich für zeitgemäße Musik mehr interessieren, als die Jurys.

Katrina gewinnt den ESC 1997,
die Backstreet Boys die
Herzen vieler Teenies
So gewann Katrina & The Waves u.a. durch die 12 aus Österreich, der Schweiz und Schweden, Deutschland hatte zehn Punkte übrig, die Höchstwertung ging, wie auch in den Folgejahren so oft an die Türkei, was auch zeigte, dass man anhand des Televotings die stärksten Minderheiten im Land herauslesen kann. Bis heute ist dies ein viel behandeltes Thema, für den Sieg reicht es jedoch nicht nur aufgrund von Sympathie- und Diasporastimmen. Die 90er waren das Zeitalter der Boybands, "Everybody" von den Backstreet Boys war 1997 ein Knaller, Nick, AJ und Co. zierten die Bravo, die Light-Varianten, etwa die Gruppe Blond aus Schweden oder die Gruppe VIP aus Ungarn landeten aber eher unter "Ferner liefen". Im gleichen Jahr sang Moderator Ronan Keating übrigens mit seiner Band Boyzone den Intervalact. Modern präsentierte sich allerdings Dänemark, nicht nur durch "Barbie Girl" von Aqua, das später sogar Teil des Intervals in Kopenhagen wurde, sondern auch durch den Rapper in der Leopardenhose, der allerdings auch nur 25 Punkte sammeln konnte, trotz Liebesbotschaft an die Frau von der Telefonvermittlung.

Themen die Deutschland 1998
beschäftigten, Fußball und Guildo
1998 weckte Guildo Horn dann die Eurovisionsgemeinde auf, skandalös sei der Auftritt gewesen, hieß es später, die BILD fragte, ob der Mann mit den Nussecken für Deutschland singen dürfe, dem Eurovision Song Contest, insbesondere seinem Image in Deutschland, tat dieser Auftritt jedoch gut. Genauso wie der Sieg von Dana International mit "Diva" oder Lieder wie "Where are you?" von Imaani, die Trends setzen im Wettbewerb. Dominiert wurden die Charts vom WM-Lied "The cup of life" von Ricky Martin, der Titanic-Schmonzette "My heart will go on" von Céline Dion oder auch deutscher Popkultur wie "Männer sind Schweine" von den Prinzen. Die Reformation beim Song Contest wurde am 9. Mai 1998 eingeläutet. Während der Song Contest in Deutschland wieder im Gespräch war, sackte die Beliebtheit in Großbritannien rapide ab, schon 1999 war es vorbei mit den Erfolgen des wichtigsten Popmusiklieferanten.

Kam 1999 groß raus:
Britney Spears
Relevant dürfte natürlich der Wegfall der Sprachregelung gewesen sein. Belgien musste nicht mehr auf Flämisch singen, Dänemark, Norwegen, Schweden, Estland, sie alle mussten nicht mehr in ihrer Landessprache singen, was den Nationen zum einen mehr Freiheiten einräumte, zum anderen konnten sie zeigen, dass auch die Märkte der jeweiligen Nationen über englischsprachige Musik verfügten. Der Wettbewerb verlor zwar eine Tradition, die Internationalisierung ermöglichte es Nationen wie Israel aber auch, sich modern und vor allem verständlich zu präsentieren. "Yom huledet" hätte allein nicht zum Verständnis in Island oder in Frankreich beigetragen, der internationale Titel "Happy Birthday" aber tat dies. Im gleichen Jahr hatte Britney Spears mit "Baby one more time" ihren ersten Nummer-Eins-Hit in Deutschland.

Lou Bega landete 1999 den
letzten Sommerhit der 90er
1999, kurz vor dem Millenium, siegte Schweden vor Island. Beide waren für die damalige Zeit äußerst modern, kamen zwar auch wieder nicht an "Mambo No. 5" von Lou Bega oder "Blue (da ba dee)" von Eiffel 65 heran, leiteten jedoch eine Trendwende ein. Erst im neuen Jahrtausend kam der Eurovision Song Contest im modernen Zeitalter ein, er wuchs und revolutionierte sich selbst. Spontan fällt mir kein Song Contest-Beitrag der 90er ein, der es international geschafft hat, bezeichnend für die eingestaubten Handlungsstränge in diesem Jahrzehnt. Stets bemüht war die BBC, die oft den modernsten Beitrag des Abends im Rennen hatte, durch den Wegfall der Sprachregelung und dem größeren Engagement diverser Nationen, die den Song Contest als Werbeplattform für ihr Land ansahen, wurden die britischen Beiträge nach und nach in den Hintergrund gedrängt.

Auch die Einführung des Televotings haben den Eurovision Song Contest wahrscheinlich vor seiner Belanglosigkeit bewahrt. Die Zuschauer konnten nun frei entscheiden, das zieht natürlich mehr Leute vor den Fernseher und natürlich wählt der Zuschauer nach seinem persönlichen Geschmack, was im Regelfall aktuellen Trends der Musikszene entspricht. Hätte der Eurovision Song Contest 1999 die gleichen Juroren wie 1996 gehabt, wahrscheinlich hätten die nostalgischen Mullans aus Irland gewonnen. Auch die Zeit der Iren endete mit dem Jahr 2000. So aber siegte Schweden mit einer modernen Produktion, was bestätigte, dass schwedische Kompositionen international ebenfalls einen wichtigen Teil zur Popmusik beigetragen haben. Ace of Base, Dr. Alban, Rednex, Roxette, alles schwedische Exporte, die die 90er genau so geprägt haben, wie der Lamy-Füller, Mohrhühner, bunte Schnuller zum Sammeln oder eben der Gameboy.



Poll: In der dritten Runde stehen wieder sechs Themen zur Auswahl, eine Mischung aus “Mini Playback Show“, „Silver Convention“, „Shamrock“, „Vintage Week“, „Quattro Stagioni“ und „Alpha & Omega“. Ich wünsche viel Spaß beim Abstimmen und danke für 65 abgegebene Stimmen in dieser Woche. Zur Abstimmung geht es hier.

Kommentare:

  1. Etwas offtopic, aber: Das neue ESC-Votingsystem gab es schon 1966 bei den Schlager-Festspielen in Baden-Baden: https://www.youtube.com/watch?v=LSYtMDy0ErY

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  2. Die 90er sind total verschieden, 1992 ist mein Hassjahr, 1993 finde ich alles toll.

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  3. Sorry für das Gespame, aber ich weiß wieso Gina G einen Bildschirm auf der Bühne hatte. Damals galt die Regelung, dass jedes Instrument, das im Titel vorkam, auf der Bühne sein musste. Der Song wurde am PC konstruiert, deswegen der PC-Screen.

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