Samstag, 18. Juni 2016

Black Cocktail: Mini Playback Show



Europa - Es ist wieder einmal Samstag, die Fußball-Europameisterschaft läuft auf Hochtouren, hierzulande wechseln sich Regen und Regen ab und die russischen Leichtathleten wurden von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, ebenso wie Justin Timberlakes Interval-Performance aus der Song Contest-DVD geschnitten wurde. Nebenbei setzen wir unsere Cocktail-Postings fort, eindeutig gewann in dieser Woche die "Mini Playback Show". Es wird keine Hommage an Marijke Amado sondern an die Zwergstaaten beim Eurovision Song Contest, denn wie heißt es so schön, "Kleine kommen ganz groß raus..." und so manch ein Interpret aus den kleinen Nationen ist durch die Zaubertür gegangen und hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.


Marijke Amado brachte in den
90ern die Kleinen groß raus
Der europäischen Geschichte ist es geschuldet, dass es heute mehrere kleine Winzstaaten über den Kontinent verteilt gibt. Da wäre Andorra, der kleine Pyrenäenstaat, eingekesselt zwischen Frankreich und Spanien, Monaco, der betonierte Felsen der Reichen und Schönen an der Côte d'Azur oder auch San Marino, die älteste existente Republik der Welt, der zwar über staatliche Strukturen verfügt, jedoch weder über ein funktionierendes Televotingsystem noch über einen internationalen Flughafen. Um San Marino zu erreichen muss der Flughafen Rimini angesteuert werden. Gerade diese kleinen Nationen haben aber oftmals gute Unterhaltung geliefert, die wir uns noch einmal ins Gedächtnis rufen wollen.

Gleich der allererste Eurovision Song Contest in Lugano im Jahre 1956 fand mit luxemburgischer Beteiligung statt. An die beiden Beiträge von Michèle Arnaud ("Ne crois pas" und "Les amants de minuit") erinnert sich heute fast niemand mehr, vielmehr an die Abstimmung des Wettbewerbs, der noch in den Kinderschuhen steckte. Sieben Nationen nahmen teil und schickten jeweils zwei Juroren für die Abstimmung nach Lugano. Lediglich das luxemburgische Fernsehen RTL verzichtete darauf und bat die Schweizer Kollegen um Ersatz. Ob der Sieg von Lys Assia darauf zurückzuführen ist, ist nicht bekannt, die Wertungszettel wurden verbrannt. Der Mythos hält sich jedoch bis heute.

Ein Oberteil wie das RTL-
Testbild: Marion Welter
Luxemburg war zunächst der einzige Kleinstaat im Wettbewerb, jedoch ein sehr erfolgreicher. Zwar kaufte man sehr häufig Stars im Ausland, bevorzugt in Frankreich, ein, doch hinderte dies die Juroren nicht daran, Luxemburg bis 1973 vier Siege zu bescheren. Während Jean-Claude Pascal, France Gall, Vicky Leandros und Anne-Marie David mit Französisch überzeugten, schmierten die Beiträge auf Luxemburgisch ab. Camillo Felgen, einer der wenigen "richtigen" Luxemburger erhielt 1960 für sein "Sou laang wéi s du do bast" nur einen Punkt. Der vorletzte Song Luxemburgs von Marion Welter & Kontinent ("Sou fräi") hatte 1992 ein ähnliches Schicksal, zehn Punkt gab es für die Truppe mit ihrer Frontfrau, die ihre Jacke vor dem Auftritt offenbar nicht mehr richtig zuknöpfen konnte.

Monaco und seine Séverines:
2006 trifft 1971
1959 stieg das monegassische Fernsehen in den Wettbewerb ein. Monaco selbst hatte ebenfalls keine lokalen Stars entsendet, sondern sich bis zu seiner letzten Teilnahme im Jahr 1979 immer in Frankreich bedient. Dabei kamen sehr spannende Beiträge zusammen, etwa "Boum badaboum" von Minouche Barelli, geschrieben von Serge Gainsbourg oder der Siegertitel "Un banc, un arbre, une rue" von Séverine. Dieser wurde vor dem Eurovision Song Contest 1971 nahegelegt bitte nicht zu gewinnen, da Monaco nicht im Stande war, den Wettbewerb auszurichten. Die Juroren wollten das monegassische Fernsehen jedoch nicht erhören, Séverine gewann mit soliden 128 Punkten in Dublin.

Die einzige Monegassin beim
Song Contest: Märyon
Séverine erklärte später, weder vor dem Wettbewerb noch danach jemals in Monaco gewesen zu sein. Der Rundfunk lud seine Siegerin nie ins Fürstentum ein. Nachdem Laurent Vaguener 1979 der letzte Finalbeitrag war, setzte Monaco insgesamt 25 Jahre lang aus. Erst mit Einführung der Semifinals und dem Engagement der EBU, Nationen für den Wettbewerb zu begeistern, schickte Monaco wieder einen Interpreten zum Contest. 2004 nominierte TMC die gebürtige Monegassin Märyon mit ihrer Umwelthymne "Notre planète" für Istanbul. Beteiligt an der Komposition war der Delegationsleiter Phil Bosco, der auch 2005 den Titel "Tout de moi" für die wunderbare Lise Darly komponierte. Beide schieden im Semi aus, auch Séverine Ferrers "La coco dance", der tahitische Beats mitbrachte, scheiterte in Athen kläglich. 

Monaco wurde seither nicht wieder beim Song Contest gesehen, nachdem der Fürst die finanziellen Mittel für die Teilnahme einstellte, ist Monaco eines der wenigen Länder ohne stetige Präsenz im Wettbewerb. Ebenfalls 2004 stellte Andorra erstmals einen Beitrag für den Eurovision Song Contest auf die Beine. Marta Roure sollte die ersten zarten Schritte für Andorra in Istanbul machen. Ihrer Nervosität geschuldet, rannte sie jedoch nur ziellos über die Bühne und landete auf dem 18. Rang im Semifinale, stellvertretend für alle andorranischen Beiträge, die noch folgen sollten. Andorra ist nach dem Glückstreffer von Tschechien in diesem Jahr das einzige Land, das noch nie im Finale des Eurovision Song Contests vertreten war. 

Leider nur auf #12 gelandet:
Anonymous 2007 in Helsinki
Die beste Platzierung stellte 2007 die Gruppe Anonymous auf. Mit ihrem Titel "Salvem el món" reichte es immerhin für den zwölften Platz im Semi von Helsinki und das, obwohl insgesamt 28 Nationen versuchten, eines der zehn Finaltickets zu ergattern. Niki, Gallego, Potter und Cristian, die Anonymous formten, waren unter Fans sogar so beliebt, dass im Finale Schilder mit der Aufschrift "Where is Andorra?" zu sehen waren. Im Folgejahr schickte Andorra mit Gisela einen Star der spanischen Musikszene, die durch die Operación Triunfo landesweit bekannt wurde und den einen oder anderen Dancetitel in den Charts platzieren konnte. "Casanova", das sie in einem rüstungshaften Goldfolienkleid und Fühlern auf dem Kopf intonierte, schaffte den Sprung ins Finale ebenfalls nicht. Dafür sicherte sich Andorra in diesem Jahr den Barbara Dex-Award, das Hummelkostüm wurde zum grottigsten Outfit des Jahrgangs gewählt.

Der Fail des Abends:
Das Kostüm von Gisela
Andorra votierte in den sechs Jahren seiner Teilnahme stets zu Gunsten seiner Nachbarn. Fünfmal gab Andorra die Zwölf an Spanien, außer 2007, da erhielt die Gruppe D'Nash keinen einzigen Punkt aus den Pyrenäen. Damals kam jedoch auch eine Fachjury zum Einsatz. Jene Jury befand Verka Serduchka als besten Act des Abends. Seit 2010 müssen Eurovisionsfans auf Andorra verzichten, seither ist RTVA im Regelfall der erste Sender, der seine Teilnahme am Wettbewerb im Folgejahr dementiert. Auch für 2017 steht die Absage fest, Andorras Rundfunk, der zeitweise sogar aus der Europäischen Rundfunkunion austreten wollte, fehlt das Kleingeld für die Ausflüge zum Song Contest.

San Marinos erster Versuch:
"Complice" von Miodio
Mit dem Ende Monacos und Andorras beim Eurovision Song Contest nutzte jedoch eine andere Nation ihre Chance, sich international zu präsentieren: San Marino. Der Sender SMRTV nahm erst 1993 den Sendebetrieb auf und wurde im Juli 1995 EBU-Mitglied, es dauerte allerdings bis 2008, ehe San Marino beim Contest aufschlug. Der Debütant von Belgrad schickte die Formation Miodio unter Leitung des Sängers Nicola Della Valle ins Rennen, der trostlose Song erreichte jedoch nur fünf Punkte und in seinem Halbfinale somit den letzten Platz. Davon getroffen entschied sich San Marino 2009 und 2010 nicht teilzunehmen und erst 2011 zurückzukehren. Die Sängerin Senit erreichte mit "Stand by" jedoch auch nur den 16. Platz.

Für San Marino eine Institution:
Valentina Monetta (2012-2014)
San Marino gab jedoch nicht auf und holte sich mit Ralph Siegel einen Komponisten, der in anderen Ländern schon gar nicht mehr erwünscht war und hier versuchte Fuß zu fassen. Ausgewählt wurde Valentina Monetta, eine sanmarinesische Sängerin, die bereit war, "The Social Network Song (oh oh uh oh oh)" zu singen. Der etwas peinliche Auftritt erreichte aber zumindest den 14. Platz, was für Delegationsleiter Alessandro Capicchioni scheinbar Grund genug war, Siegel auch 2013 eine Chance zu geben. Die Komposition für Malmö hieß "Cristalide (vola)" und hätte unbedingt ins Finale gemusst. Valentina gab alles und schied knapp als Elfte im Semifinale aus.

Da alle guten Dinge drei sind, nominierte SMRTV das Team Siegel/Monetta ein drittes Mal. Valentina war zu diesem Zeitpunkt eine von insgesamt vier Künstlern, die ihr Land dreimal in Folge vertreten hatten. 2014 gelang mit "Maybe" dann auch der Sprung ins Finale. Zwar belegte Valentina Monetta dort nur den 24. von 26 Plätzen, das gesteckte Ziel erreichte San Marino aber immerhin im fünften Jahr seiner Teilnahme. Im Jahr darauf durfte Siegel noch einmal antreten, mit den beiden Interpreten vom Junior Eurovision Song Contest reichte es aber nur für den vorletzten Platz im Semifinale. 

Bieder aber doch genial:
Serhat mit "I didn't know"
Mit dem Eurovision Song Contest 2016 kamen auch die Rufe nach einem anderen Wertungskonzept, insbesondere für kleine Länder. San Marino, das kein eigenes Telefonnetz hat und komplett an Italien angeschlossen ist, bekommt für sein "Televoting" einen Querschnitt von ausgewählten Nationen aufgezwängt, womit SMRTV sich nicht zufrieden gibt und gemeinsam mit der EBU nach einer Lösung sucht. Der gewählte Beitrag "I didn't know" vom türkischen Sänger Serhat mauserte sich vom hoffnungslosen Fall zu einem Underdog. Aus der ursprünglichen Version wurde eine Discoversion remastert, die tatsächlich den 12. Platz im Halbfinale belegte. 

San Marino ist von den genannten Nationen mittlerweile die einzige, die noch nicht aufgrund von Lustlosigkeit oder finanziellen Problemen aufgegeben hat. Für Delegationsleiter Alessandro Capicchioni ist der Wettbewerb die beste Plattform, sein Land international zu repräsentieren und so hoffen wir einmal, dass San Marino uns noch sehr lange erhalten bleibt. Dass die, ebenfalls von Italien umschlossene, Vatikanstadt irgendwann beim Eurovision Song Contest aufschlagen wird, ist nämlich sehr unwahrscheinlich, da das Land im Herzen Roms lediglich auf die katholische Kirche ausgerichtet ist und an internationalen Konkurrenzen keinerlei Interesse hat.

Landschaftsbilder statt Kandi-
daten-Bilder: Liechtenstein
Der einzige, mögliche Zwergstaat, der noch hinzukommen könnte, wäre Liechtenstein. Seit 2008 gibt es dort einen Fernsehsender, der durchaus Mitglied der EBU werden könnte, seither aber unter Vorgabe diverser Vorwände Jahr für Jahr ablehnt. Eine Teilnahme ist daher momentan genauso unwahrscheinlich. Man muss aber sagen, dass gerade die kleinen Nationen den Eurovision Song Contest sehr bereichern. Serhat hat in diesem Jahr die mitfavorisierte Greta Salóme geschlagen, Andorra hat 2007 über ein Dutzend Länder hinter sich gelassen und Luxemburg hat zu seinen aktiven Zeiten mit Lara Fabian internationale Topstars geschickt. Die kleinen Länder sind das Salz in der Suppe beim Eurovision Song Contest und es bleibt zu wünschen, dass sie in naher Zukunft wieder alle mit dabei sind...



Poll: Auf geht's in Wertungsrunde vier und zur Auswahl stehen in dieser Woche die sechs Themen "Fashion Queen", "Einhundert", "Oh Tannenbaum", "Vintage Week", "Alpha & Omega" und "Back in USSR". Viel Spaß beim Werten, zur Abstimmung geht es hier entlang.

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