Mittwoch, 30. Dezember 2015

Kommentar: Ein Hoch auf die Sprachenvielfalt



Europa - Heute ist der 30. Dezember 2015, das Jahr ist fast vorbei und damit verabschiedet sich die Eurovisionsgemeinde auch von den letzten Nachwehen aus Wien und blickt voller Spannung auf die bevorstehenden Vorentscheide in ganz Europa und natürlich auf die Fortschritte in Stockholm. Ein paar Nationen hat seine Kandidaten bereits gewählt, seit diesem Wochenende kennen wir auch endlich das erste Lied für 2016.

In wunderbarer Tradition wählte Albanien in der Weihnachtszeit seinen Beitrag für den Eurovision Song Contest und je länger ich den Titel "Përrallë" von Eneda Tarifa höre, desto besser finde ich ihn. Wie ich bereits einmal erwähnte, zählen nahezu alle Beiträge aus Albanien entweder in die Kategorie "Mist" oder "Weltklasse". Der Song für Stockholm entwickelt sich von Mal zu Mal in letztere Richtung, insbesondere der Refrain hat es meiner Meinung nach in sich und ich bin hoch zufrieden mit der Wahl in Tirana, wenngleich sich bei mir die Wehmut breit macht, dass dieses Kunstwerk nicht auf Albanisch gesungen wird.

Die albanische Sprache eignet sich meiner Meinung nach wunderbar zum Singen, sie klingt melodisch, nicht so sperrig wie das Ungarische oder Finnisch. Ähnliches kann ich auch über frühere Songs aus Albanien sagen, sei es Olta Boka mit "Zemrën e lamë peng", "Suus" von Rona Nishliu oder das wundervolle "Ende ka shpresë" von Alban Skenderaj & Miriam Cani, das leider nicht zum Song Contest fahren durfte. Der albanische Vorentscheid mag ja mit seinem stundenlangen Gequatsche und seinem antiken Mobiliar etwas angestaubt wirken, die Songs, die der kleine Balkanstaat aber zum Song Contest schickt, haben echt Potenzial.

Werden die Songs jedoch ins Englische übersetzt, was bei Albanien genauso oft der Fall ist wie bei den isländischen Songs, kommt für meinen Geschmack die landestypische Note abhanden. Ich möchte keinem Land verbieten auf Englisch zu singen, einige Länder wie Belgien, Dänemark oder Finnland sind mit ihren Sprachen quasi schon zu einer schlechten Platzierung verdammt, aber wenn man als Eurovisionsfan die ursprüngliche Version eines Siegerliedes kennt und sie dann mit der finalen Version vergleich, blutet einem schon manchmal das Herz. 

Ähnlich ging es mir im letzten Jahr mit dem Beitrag aus Mazedonien. Aus dem fantastischen "Lisja esenski" wurde kurzerhand "Autumn leaves", ein inhaltsleeres Lied, das zu allem Überfluss auch noch beim Remastern derart kaputtgemischt wurde, dass es kaum noch etwas mit dem Original zu tun hatte und berechtigterweise im Semifinale von Wien ausschied. Den einfachen Zuschauer mag es völlig egal sein, ob der Interpret Englisch, Griechisch oder Tadschikisch singt, wer die Vorentscheidungssaison allerdings verfolgt, wird wissen was ich meine, wenn ich sage, dass manchen Liedern beim Überarbeiten der Charme abhanden kommt.

Dabei gibt es auch einige Länder, die ihrer Landessprache bewusst treu bleiben. Und auch hier sind vor allem osteuropäische Nationen im Vorteil. Da wäre das kleine Montenegro, das sich stolz durch Beiträge in Landessprache vertreten lässt und Europa zeigt, dass man auch ohne simplen englischen Refrain ins Finale einziehen kann oder Moldawien, dessen Bilanz deutlich zeigt, dass auch ein stimmiges Paket auf Rumänisch besser ankommen kann, als die englischen Siegertitel der letzten beiden Jahre. Es kommt also nicht auf die Sprache an, die man vorträgt, sondern auf den Gesamteindruck, den der Künstler vermittelt. 

Dass man das Verfechten der Nationalsprache beim Song Contest aber auch zu ernst nehmen kann, bewiesen 2008 die Franzosen, bei denen die Nominierung von Sébastien Tellier mit "Divine" auf Englisch fast zu einem Staatsakt wurde und im Parlament behandelt wurde. Die Franzosen sind stolz auf ihre Weltsprache, die immerhin in fünf europäischen Ländern offiziellen Status genießt und somit scheint es für die Franzosen ebenso selbstverständlich, dies auch beim Song Contest unter Beweis zu stellen. Wer weiß, wie die französischen Medien reagieren werden, wenn erst einmal dem weiten Spektrum bewusst wird, dass man 2016 plant zumindest teilweise auf Englisch zu singen, wie es 2001 auch Natasha St-Pier tat?

In Wien wurden gerade einmal sechs Beiträge in einer anderen Sprache als Englisch gesungen, ein Trend, den man natürlich auch in den Charts wiederfindet, dem Eurovision Song Contest aber ein wenig die Facetten abspricht. Und obwohl mein Favorit in diesem Jahr, der Beitrag "Grande amore" aus Italien in der Landessprache gesungen wurde, bleibe ich dabei, die Sprachenregelung sollte so bleiben wie sie ist, die nationalen Rundfunkanstalten sollten nur versuchen, ihre Landessprachen nicht komplett unter den Tisch fallen zu lassen. Ein Beispiel kann man sich ausgerechnet an den Weißrussen nehmen, die zu ihrem Vorentscheid offen bekannt gaben, Titel auf Weißrussisch zu bevorzugen und immerhin vier der zehn Titel sind nicht auf Englisch...

Kommentare:

  1. Ich bin klar dafür, dass jeder in der Sprache singen sollte, in der er sich wohl fühlt. Wir kennen die albanische Version von Eneda Tarifas Song. Und finden ihn gut. Vielleicht wird die englische Version besser - oder schlechter! Kann man jetzt noch nicht wissen. Falls der Song am Ende weit hinten landen wird, übernimmt Eneda die Verantwortung dafür. Doch sie gibt den Song in der Sprache wieder, in der sie es möchte. Am Ende wird es IHRER Karriere schaden oder ihr sogar weiter verhelfen.
    Die albanische Version wird ja nicht für immer verbannt. Privat haben wir weiterhin die Möglichkeit den Song auf albanisch zu hören und auf unseren MP3-Player zu landen! Also alles gut! :-)

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    1. Da gebe ich dir voll und ganz recht. Vielleicht wäre ein Mix aus Englisch und Albanisch auch eine gute Idee?

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