Freitag, 18. Dezember 2015

Farewell: Mach's gut, Stefan (7)



Deutschland - Unweigerlich rückt der endgültige Abschied von Stefan Raab näher, morgen findet die letzte Show mit ihm statt. Wir blicken heute noch einmal zurück auf die Geschichte Raabs beim Eurovision Song Contest. Sein Wirken hat zweifelsohne den Wettbewerb in Deutschland aus seinem tiefen Märchenschlaf gezogen und den angestaubten Charakter der 90er Jahre abgewischt.

Es war 1998, als die BILD mit der Schlagzeile titelte: "Darf dieser Mann für Deutschland singen?" Das war das Ergebnis des Vorentscheids, bei dem Guildo Horn mit "Guildo hat euch lieb" als Sieger für Birmingham hervorging. Komponist und Dirigent des Titels war Alf Igel, ein Pseudonym vom aufstrebenden Stefan Raab in Anlehnung an Ralph Siegel, der den Grand Prix damals in Deutschland fest im Griff hatte. Deutschland schwappte zwischen Empörung und frenetischer Euphorie für das Lied, das dermaßen polarisierte, dass es Diskussionsthema Nummer eins über Tage hinweg war.

Raab 2000 in Stockholm
Am 9. Mai 1998 sang Guildo und kassierte den siebten Rang, dreimal gab es die 12 Punkte, aus der Schweiz, Spanien und den Niederlanden. Raab hatte Blut geleckt, galt bereits vorher als großer Fan des Wettbewerbs und bewarb sich zwei Jahre später selbst für den Eurovision Song Contest in Stockholm. Mit 57,4% der Stimmen ging er aus dem Vorentscheid als Sieger hervor, sein ärgster Konkurrent Ralph Siegel erreichte mit Corinna May und "I believe in god" lediglich den zweiten Platz mit 14,2% der Stimmen. Seither hatte Raab seinen Titel als Blödelbarden sicher, "Wadde hadde dudde da?" war für viele Deutsche genauso unverständlich wie für die Europäer, den Erfolg hat es jedoch nicht geschmälert, Raab wurde Fünfter mit Cowboyhut, seiner Glitzerjacke und zwei heißen Bunnies an seiner Seite.

Nachdem Ralph Siegel 2003 mit Lou laut Medien in Riga wieder "abschmierte", revolutionierte der NDR den Vorentscheid. Ralph Siegel wurde ins Nirwana verbannt, nur angesagte Interpreten mit Charterfolgen sollten beim Vorentscheid teilnehmen. Die Line Up konnte sich sehen lassen, Laith Al-Deen, Patrick Nuo, Mia., Overground und allen voran Scooter waren in Deutschland etabliert. Erstmals wurden beim Vorentscheid auch Wildcards etabliert, die an Interpreten vergeben wurden, die es schafften, die unabhängig von den Kriterien des Senders VIVA durch einen Chartseinstieg populär wurden. Raab witterte seine Chance für ein neues Talent und organisierte im Rahmen von TV total die Sub-Kategorie "SSDSGPS" ("Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star"). 

Über mehrere Wochen hinweg fand das Casting statt. Als prominente Unterstützung holte man sich Grand Prix-Ikone Joy Fleming und Thomas Anders ins Boot, die gemeinsam mit Stefan Raab als Jury fungierten und mit Elton und Annette Frier gefragte Moderatoren für die Show. Gesucht wurde kein Modepüppchen oder Egomane, sondern eine Stimme, die unabhängig von der Optik Millionen von Menschen in ihren Bann ziehen sollte. So kam es, dass Maximilian Nepomuk Mutzke aus Waldshut-Tiengen im Schwarzwald sich im Finale der Show gegen die Südafrikanerin Bonita Jeanetta Louw durchsetzen konnte und nicht über die klassischen Schönheitsideale verfügte, die ein Popstar in dieser Zeit im Regelfall mitbrachte, wie man hier beim ersten Auftritt zu "Ain't no sunshine" sehen konnte.

Raab mit Gülcan und Beyaz
bei "Istanbul total"
Der produzierte Titel "Can't wait until tonight" erreichte die #1 der deutschen Charts, gemäß der Statuten erhielt der Beitrag von Delegationsleiter Jürgen Meier-Beer eine Wildcard für den Vorentscheid in Berlin. Im ersten Wertungsdurchgang erreichte Max 67% der Stimmen und zog mit Scooter ins Superfinale ein, wo er souverän 92,05% der Stimmen durch SMS- und Televoting erhielt. Raab als Mentor war geboren und versuchte seinen Schützling bestmöglich auf den Song Contest in Istanbul vorzubereiten. Die Extraberichterstattung aus Istanbul folgte im Rahmen der Sondersendung "Istanbul total", wo er aus einem Studio am Bosporus moderierte und gemeinsam mit Max u.a. in der namhaften Beyaz-Show im türkischen Fernsehen auftrat.

Aus deutscher Sicht war der Eurovision Song Contest 2004 ein voller Erfolg, Max kassierte 93 Punkte und Rang acht, Stefan Raab selbst war jedoch enttäuscht und zog mit gemischten Gefühlen zurück, aus Trotz initiierte er den Bundesvision Song Contest und machte sich in den Folgejahren in seiner Sendung primär über den Wettbewerb lustig, als das er etwas Konstruktives beisteuerte. Seine Leidenschaft hierfür gab er jedoch nie auf. Es musste allerdings ein letzter Platz mit den No Angels und eine Pleite mit der internen Nominierung für Moskau folgen, bis der NDR an Stefan Raab herantrat.

Unsere Stars für Oslo
Nach zähen Verhandlungen, die vor allem aufgrund der Schwerfälligkeit der ARD fast schon zu scheitern drohten, einigten sich Raabs Produktionsfirma Brainpool, ProSieben und die ARD mit ihren Radiosendern und dem Ersten, einen neu konzipierten Vorentscheid zu entwerfen. Erstmals fiel der Ausdruck der "nationalen Aufgabe", Deutschland aus dem Punktekeller zu holen und einen geeigneten Beitrag für Oslo zu finden. Ein Novum war zudem die Allianz zwischen Privatfernsehen (ProSieben) und dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen (ARD), den Auftakt machte der Besuch in einer aufgestellten Castingbox, in denen sich über 4.500 Kandidaten meldeten.

Raab wollte bewusst einen Kandidaten mit Charakter und keine One-Hit-Wonder, wie sie bei DSDS und Co. verheizt wurden. Auf diese Art und Weise wurde zuvor bereits Stefanie Heinzmann entdeckt. Acht Shows wurden angesetzt, bei denen die Nachwuchskandidaten Coversongs sangen und sich von der Jury bewerten ließen, in der Stefan Raab und wechselnde Promis aus Show-, Musik- und Fernsehen saßen. Und man sah, auch ohne unbürokratische Hürden der ARD schaffte man es, Raab machen zu lassen und eine perfekte Mischung aus Nachwuchskandidaten zu ermitteln. Raabs prägnantes Urteil nach Vertragsschluss: "Na also, geht doch!"

Lena und Raab bei
"Wetten dass.?"
Unter den Kandidaten fanden sich auch ehemalige DSDS-Teilnehmer, die hier ihr Potenzial entfalten konnten, etwa Sharyhan Osman, die hier auch ihre eigenen Titel wie "I feel the Nile" singen durften. Raab redete den Kandidaten nicht herein, sie sollten sie selbst sein und ihre Songs performen, wie sie es für richtig hielten. So sang Lena Lieder von relativ unbekannten Interpreten, Marius Müller-Westernhagen erkannte jedoch damals bereits: "Die Menschen werden dich lieben."

Matthias Opdenhövel und
Sabine Heinrich mit Raab
Für dieses Konzept wurde "Unser Star für Oslo" auch für den Grimme-Preis nominiert. Moderiert wurde die Show von 1Live-Moderatorin Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel. Im Finale standen sich dann Jennifer Braun und Lena Meyer-Landrut gegenüber, die mit dem Song "Satellite" schließlich auch nach Oslo durfte. Die Erfolgsgeschichte von Lena ist hinlänglich bekannt, der Sieg für Deutschland wurde zum Höhepunkt von Stefan Raabs Song Contest-Karriere. Im nächsten Jahr wurde Lena wieder zum Song Contest geschickt, in Düsseldorf kam Stefan Raab an der Seite von Judith Rakers und Anke Engelke jedoch die Funktion des Moderators entgegen.

"TV total" wurde in dieser Zeit zu "Eurovision total". Da Raab in den Vorbereitungen für die drei großen Liveshows steckte, gab er die Moderation an Matthias Opdenhövel ab, der aus einer Lounge in der Esprit Arena sendete und neben Lena und zwischendurch auch Raab ausländische Kandidaten wie Nadine Beiler aus Österreich empfing und aufgrund der Location immer einen guten Überblick über die Showvorbereitungen hatte. Für diese Specials hat es sich immer gelohnt, ProSieben einzuschalten, das sogar das Privileg erhielt, ein Semifinale auszustrahlen und Kommentator Peter Urban den ProSieben-Moderator Steven Gätjen an die Seite zu stellen.

Opening in Düsseldorf
Stefan Raab sang im Finale von Düsseldorf gemeinsam mit Lena und den Heavytones eine Rockabilly-Version von "Satellite", wie ich finde bis heute das beste Song Contest-Opening aller Zeiten. Mit witzigen Einlagen gemeinsam mit Anke Engelke zeigte Raab, dass die Deutschen doch Humor haben. Die Kritiken für seine Leistungen wurden auch in der nationalen Presse gewürdigt. Die Erfolge von Raab animierten die ARD und ProSieben die erfolgreiche Zusammenarbeit fortzusetzen. Der Song Contest erreichte in Deutschland einen ganz neuen Hype und war populär wie nie zuvor. Auch 2012 sollte Raab bei der Suche für Baku helfen.

Das Team von
"Unser Star für Baku"
Er erklärte jedoch nach dem Finale von Düsseldorf sich aus der aktiven Beitragsfindung zurückziehen zu wollen. Mit Lena hatte er schließlich auch alles erreicht, was man erreichen konnte. Somit übertrug er es Thomas D den "Star für Baku" zu finden, blieb jedoch in der festen Jury gemeinsam mit Alina Süggeler von Frida Gold. Die bei der Show angewandte Blitztabelle sorgte hingegen für den Kritikpunkt der Willkürlichkeit bei den Votingergebnissen. Insbesondere in den letzten Minuten der Show war viel Bewegung in den Prozentzahlen zu finden. Der Sieger stand jedoch schon nach wenigen Tönen in der ersten Show fest.

Stefan Raab und Roman Lob
Roman Lob setzte sich im finalen Duell mit "Standing still" und 50,7% gegen Ornella de Santis und "Quietly" durch. Raab sendete aufgrund von logistischen Problemen nicht aus Baku sondern aus Köln, der Bezug zum Song Contest kam hier schon ein bisschen zu kurz, auch wenn man mental mit Roman mitfieberte. Er schaffte es am Finalabend auf den achten Platz mit 110 Punkten. 

Somit erreichten alle Beiträge für den Eurovision Song Contest, an denen Stefan Raab direkt oder indirekt beteiligt war, in den Top Ten. All seinen Schützlingen gab er jedoch auf den Weg, sich nicht an den Boulevardjournalismus auszuliefern, insbesondere anhand von Lena konnte man gut erkennen, dass BILD, RTL und Co. keine Chance hatten, mit inszenierten Skandalen Quote zu machen. Als Förderer hat Raab somit Großes geleistet.

Freie Bahn für Ralph Siegel?
Seither ist die ARD wieder auf sich allein gestellt. Stefan Raab erklärte, dass er nicht mehr zur Verfügung stünde, die Zusammenarbeit mit ProSieben wurde beendet, lediglich mit Brainpool wurden weitere Vorentscheide inszeniert. Die Hoffnung auf eine neuerliche Verpflichtung Raabs dürfte angesichts seines endgültigen TV-Abschieds wohl sehr gering sein. Wie Raab in seiner letzten TV total-Sendung sagte: "Das hier ist die letzte Sendung von TV Total. Es tut mir Leid, ich lasse Sie jetzt mit dem MDR alleine." Und die ARD lässt er in Zukunft mit der Frage allein, wie es mit dem deutschen Vorentscheid weitergehen soll. Allerdings: Diesen einzigartigen Moment hätte es nie gegeben. 

Morgen verlässt Raab die große Showbühne endgültig, nachdem er es beim Comedy-Preis mit einem Gassenhauer von Bob Seger und bei TV total mit dem traditionellen babyblauen Hemd schon getan hat. Wir werden in einem TV-Tipp morgen noch einmal alle relevanten Infos zu "Schlag den Raab" zusammenfassen.

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