Freitag, 22. Mai 2015

Eurovision 2015: Analyse des zweiten Semifinals


Österreich - Guten Morgen aus Hamburg! Europa hat eine Entscheidung getroffen und nachdem ich gestern Abend wirklich sehr enttäuscht war, dass meine Favoriten Marta Jandová & Václav Noid Barta aus Tschechien es nicht ins Finale geschafft haben und der Eurovision Song Contest aus Sicht des tschechischen Fernsehens Unfug ist, hab ich mich etwas beruhigt. Aber der Reihe nach...

Die positiven Dinge zuerst, die Moderatoren haben ihren Job gestern besser gemacht als Dienstag, fand ich zumindest, auch die Bekanntgabe der Finalisten wurde etwas behutsamer abgehandelt als im ersten Semifinale. Man nahm sich Zeit und erzeugte so wesentlich mehr Spannung. Auch das Intro, als Conchita die Nationen wieder auf die Bühne holte ist eine tolle Idee, die man für die Zukunft beibehalten sollte.

Conchita selbst hat auch wieder toll durch den Greenromm geführt, etwas weniger Diva wäre zwar auch nicht falsch, dennoch kommt sie natürlich beim Publikum super an und wird standesgemäß gefeiert. Österreich ist stolz auf sie und die Song Contest-Community hat einen neuen Hero. Apropos Hero, Måns Zelmerlöw ist natürlich im Finale dabei. Alles andere hätte auch sehr verwundert. Schweden zählt damit weiterhin zu den großen Favoriten, Måns hat auch auf den Punkt genau abgeliefert. Alles Gute für Samstag!

Der zweite skandinavische Song, der es ins Finale geschafft hat, war "A monster like me" aus Norwegen. Dabei handelt es sich auch um keine Überraschung, waren Mørland & Debrah doch ebenso favorisiert. Für Island hat es mit der Barfuß-Ballerina nicht gereicht, zu dünn und nervös das Stimmchen. Island ist somit erstmals seit 2007 nicht im Finale, was ich auch nicht unbedingt bedauere. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir zuletzt eine so dünne Ausbeute an skandinavischen Nationen im Finale hatten. Aber jede Ära geht einmal vorbei.

So auch die Erfolgsgeschichte von Ralph Siegel für San Marino, der sich in den letzten Jahren stets hochgearbeitet hat, Valentina Monetta, die wir am Samstag wiedersehen, hat alles gegeben, die beiden Teenies Anita Simoncini & Michele Perniola haben es versucht. Beide harmonierten nicht zusammen, sie war lauter als er, die Outfits passten sich nicht an und die ganze Nummer war überaus kitschig. Da half auch die rotierende Weltkugel nichts. Mal sehen, wie die Geschichte von San Marino weitergeht, mit oder ohne Ralph Siegel.

Sicher und wahrscheinlich souverän wie immer ins Finale einmarschiert ist Elnur Hüseynov für Aserbaidschan. Der verspielte Tanz der beiden Wölfe war okay, es hätte ihn aber auch nicht gebraucht, Elnurs Stimme hat überzeugt und das war wohl das Wichtigste. Den Schlussakkord fand ich großartig, da hätte es den Applaus vom Band nicht gebraucht, der permanent während der Show zu hören war, teilweise an Stellen, wo es gar nichts zu Applaudieren gab.

Die EBU begründet diesen Schritt mit der nicht ausverkauften Halle und hofft, dass man am Finalabend morgen nicht darauf zurückgreifen muss. Insofern war es irritierend, als mitten in der Vorstellung von Molly Sterling mit "Playing with numbers" die Halle in euphorischen Jubel verfiel. Irland hat es nicht geschafft, das war aber auch anzunehmen, ähnlich wie die mäßige Leistung von Amber aus Malta, die mit "Warrior" versuchte an die Erfolge der letzten Jahre anzuknüpfen.

Im Juryfinale durfte Leonor Andrade aus Portugal zweimal singen, es gab dort wohl technische Probleme. Mit ihrem Lied über die Trennung durch das Meer muss sie jedoch nach dem Halbfinale die Heimreise antreten. Portugal, ohnehin schon vom Pech verfolgt, hat allerdings auch eine sehr schwache Nummer ausgewählt, die von den Wettbüros und auch von Europa nur verschmäht werden konnte.

Dafür hat es Polen geschafft, Monika Kuszyńska hat mit Sicherheit auch ein paar Mitleidspunkte ergattern können und durch die polnische Diaspora profitiert. Sie hat gut gesungen und landete in meinem Ranking auf der #11, so abwegig ist die Finalteilnahme also nicht, für eine Überraschung hat sie dennoch gesorgt. Die zweite Monika des Abends, aus Litauen und ihr Duettpartner Vaidas Baumila hingegen, waren anders als Peter Urban behauptet, keine Überraschung. Litauen hat sich auch schon mit schlechteren Darbietungen qualifizieren können. Es war ein erfrischender Auftakt und ist zu Recht im Finale dabei.

Für die Schweiz tut es mir leid. Mélanie René fand ich in den Proben schlechter als gestern, wo es drauf ankam. Sie hat eindrucksvoll gesungen und eine tolle Show abgeliefert, aber ähnlich wie bei den Niederlanden am Dienstag kann es eben auch nicht jeder schaffen und somit fliegen die unauffälligsten Lieder raus. Montenegro hat sich unterdessen zum zweiten Mal überhaupt qualifiziert, Sänger Knez hatte die einzige richtige Balkanballade im Rennen und einen starken Backgroundchor, wir sehen ihn also zurecht am Samstag noch einmal.

Unsicher bin ich mir bei Zypern. Er war der einzige männliche Balladensänger und setzte bewusst auf den Schwarzweiß-Effekt, hat mich aber kein Stück berührt. Genauso ging es mir beim lettischen Beitrag. Dort freut es mich aber wirklich sehr, dass Lettland es nach all den Jahren mal wieder ins Finale geschafft hat. Damit ist das Baltikum erstmals seit 2002 wieder komplett in einem Finale vertreten. Gesang oder Gekreische, Aminata hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen und sich in die Herzen vieler Zuschauer gesungen.

Dann war da noch das slowenische Duo Maraaya, das ebenfalls ohne Umschweife ins Finale gehört. Die Show war stark, die außergewöhnliche Stimme von Marjetka und die Kopfhörer als Gimmick sehr besonders. Slowenien wurde gefeiert und wird, wenn alles gut geht, das beste Ergebnis seiner Song Contest-Karriere einfahren. Beide sind sehr sympathisch und haben eine gute Platzierung von Herzen verdient.

So wie auch Nadav Guedj, der sich als Letzter der zehn Finalisten qualifiziert hat. Die orientalische Uptempo-Nummer machte sehr viel Spaß, in Wien und auch vor dem Fernseher. Israel hat sich somit auch erstmals seit 2010 wieder für die Endrunde qualifiziert, was mich sehr freut. Die IBA erklärte vor wenigen Tagen bereits, das man überhaupt keine Probleme für die Zukunft sehe und eine Fortsetzung der Eurovision bezahlbar und umsetzbar ist. Jetzt hoffen wir nur, dass der 16jährige im FInale die Halle zum Beben bringt.

Und dann ist da eben noch meine geliebte Tschechische Republik. Marta und Václav versprühten so viel Freude in Wien, auf den Pressekonferenzen, bei Treffen mit anderen Delegationen und hatten sich die schwere Aufgabe gesetzt, ihren Landsleuten den Eurovision Song Contest näherzubringen. Diese Operation ist nun wohl gescheitert und das, obwohl die beiden alles gegeben haben. Man harmonierte gut miteinander, schrie sich zum Schluss energisch an, Schuhe flogen durch die Luft, es hat alles gepasst... aber nicht gereicht.

Ich könnte die Entscheidung des tschechischen Fernsehdirektors nachvollziehen, wenn er beschließt, Tschechien nächstes Jahr nicht mehr teilnehmen zu lassen. Wie enttäuschend muss es sein, nach drei katastrophalen Ergebnissen abermals auszuscheiden, womöglich ganz knapp? Die Tschechen und Slowaken scheinen das schwerste Los beim Eurovision Song Contest zu haben. Ich wünsche Marta und Václav ganz viel Kraft, an mir hat es nicht gelegen und ich bin gespannt auf die Punkteverteilung des Semifinals und vor allem darauf, wie viele Punkte es aus Deutschland für "Hope never dies" gab.

Infos zur Startreihenfolge und dem morgigen Finale folgen in Kürze in einem separaten Posting.

Arabella, Mirjam und Alice | San Marino ging mit Ralph Siegel mal wieder Baden
Ein Kuss für's Finale: Monika und Vaidas | Ausgeschieden: Leonor Andrade
Es hätte ihr Abend werden können, leider draußen: Marta und Václav
Skandi-Power: Norwegen und Schweden sind im Finale
Israel erstmals seit 2010 auch | Monika für Polen darf Samstag auch noch mal ran
Glückliche Sieger: Elnur und Giannis | Aminata aus Lettland
Montenegro ist auch dabei | Slowenien mit Luftgeige ebenfalls
Fröhliches Posen für die Journalisten der EBU
Griff in den Lostopf, Nadav Guedj aus Israel und Elnur aus Aserbaidschan
Litauen startet in der ersten Hälfte

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