Sonntag, 25. Januar 2015

Eurovision am Sonntag (13)


Europa - Der Appetit kommt beim Essen, wusste bereits Asterix in seinen Abteuern im alten Ägypten zu sagen. Damit hat er auch im übertragenen Sinne recht. Denn man muss sich erst auf das einlassen, was man geboten bekommt, bevor man es wirklich gut findet. An mir ging die Eurovisionssaison bis vor wenigen Tagen mehr oder weniger spurlos vorbei, nun habe ich eine Vorrunde gesehen, jetzt keimt langsam neue Eurovisionsfreude auf.
 
Die Wintermonate sind bekanntermaßen meist samstagabends Primetime für Eurovisionsformate zwischen Reykjavik und Baku. Ich kam gestern Abend in den Genuss, mir die erste Vorrunde des ungarischen Vorentscheids "A Dal" anzusehen, sogar fast vollständig, kurz nach 22 Uhr versagte der Stream des Senders, sodass die Endergebnisse im Detail für mich nur online abrufbar waren.
 
Aber was man dort zu sehen bekam, macht Lust auf mehr. Die ausgewählten Beiträge waren allesamt stimmig, in Budapest darf man in den nächsten beiden Wochen auch tolle Lieder erwarten und für Wien bestimmt wieder einen soliden Beitrag, der sich wacker schlagen wird. Das gestrige Erlebnis habe ich mir zum Anlass genommen, die übrigen Vorentscheide querzuhören.
 
Dabei war auch der letztjährige Gastgeber Dänemark, dessen Sender DR eigentlich bis morgen mit der Verkündung der Kandidaten warten wollte, die zuständige Plattenfirma Sony BMG war jedoch zu eifrig und hat die Tracklist inklusive Vollversionen bereits nun geleakt. Auch in Dänemark sind schöne Sachen dabei, dafür haben schon allein die starken Komponisten gesorgt, Marcos Ubeda beispielsweise führte bereits Charlotte Nilsson 1999 in Jerusalem zum Sieg.
 
Positiv hervorheben aus dem Feld der zehn möchte ich den seichten Popsong "Hotel A" von Cecilie Alexandra. Der ist zwar nichts Außergewöhnliches oder knallt wie ein "Popular" oder "Hero", macht jedoch einen tollen Gesamteindruck, da kann man nebenbei gern mal mitwippen. Und mit "Love me love me" von Sara Sukurani bekommen auch Freunde von skandinavischem Greco-Pop auf ihren Geschmack, "Hypnotized" lässt grüßen. Von Schweden erwarte ich mir in diesem Zusammenhang auch wieder eine ganze Menge, der ein oder andere Leser wird auch schon sehnsüchtig auf die Lieder vom ersten MF-Semifinale hinfiebern.
 
In Lettland bin ich bei einem landessprachlichen Beitrag namens "Dieva deli" hängen geblieben, der von einer Band gesungen wird, die sich schlicht und ergreifend Elektro Folk nennt. Das Lied vereinigt alles, was für Moldawien ins Finale gereicht hätte, postsowjetischen Stapftanz, moderne Bässe und Beats und für die Freunde landestypischer Musik einen unverständlichen Stophengesang. Die könnten auch an Polen oder Lettland im Vorjahr anknüpfen und theoretisch über die landwirtschaftlichen Erzeugnisse ihrer baltischen Heimat singen.
 
Eben angesprochenes Moldawien hat auch wieder ein paar heiße Eisen im Feuer, die man beim Vorentscheid "O Melodie Pentru Europa" nicht unterschätzen sollte. Zum einen den tanzbaren "Remix" vom britischen X-Factor-Star Kitty Brucknell, der nach dem zweiten Mal nicht mehr aus dem Ohr geht oder Dauerkandidatin Doinita Gherman, die sich in Landessprache zu einem energetischen "Inima fierbinte" hinreißen lässt. Wer es noch etwas Verrückter mag, der sollte sich Serj Kuzenkoff mit "Danu nazdravanu" anhören, das Lied hätte auch Pasha Parfeny singen können.
 
Die kleine Republik Moldau weiß seit jeher mit etwas abgedrehten Titeln zu überzeugen. Überall tauchen irgendwelche folkloristischen Instrumente auf, 2005 bei Zdub si Zdub, 2009 bei Nelly Ciobanu und nun auch wieder. Man muss es mögen, aber irgendwie bereichert die gespaltene Nation jedes Jahr auf's Neue den Wettbewerb mit musikalischen Perlen. Auch Dancefloor-Pop wird geboten, Lidia Isac oder das Sunstroke Project sorgen hier für Abwechslung.
 
Nicht so erfreulich die Präsentation von "A song for you" von Noize Generation, einem unserer deutschen Vorentscheidungsteilnehmer. Der Refrain könnte als Werbejingle für eine RTL-Comedyshow laufen, für einen Eurovision Song Contest fehlt ihm allerdings das Besondere. Die ARD möchte sich bis zu ihrer selbstfestgelegten Deadline nicht zu den Titeln äußern. Das sie durchsickern, können sie nicht verhindern, das komplette Feld mit neuen Leuten und tollen Beiträgen bestücken, das können sie nicht....

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